Lizenz zum Staunen: Das London von 007

007
Auf den Spuren von 007: Londons legendäre James-Bond-Drehorte – von explodierenden MI6-Bunkern bis wilden Bootsjagden auf der Themse.

Die britische Hauptstadt London ist so etwas wie der heimliche Star der James‑Bond‑Filme – mal majestätisch, mal düster, immer voller Spannung. Keine andere Stadt wurde so oft für die 007-Abenteuer in Szene gesetzt.

Der Regen peitscht fast unaufhörlich gegen die Scheibe des Black Cabs, jenes kultigen Taxis, das wie rote Telefonzellen und Briefkästen unverwechselbar zum Stadtbild gehören. Draußen rauscht das South Embankment vorbei. Grauer Beton flirrt im fahlen Licht, und für einen kurzen Moment meint man, das metallische Röhren eines Aston Martin DB5 direkt hinter einem zu hören. Willkommen in London – der Stadt, deren (filmischer) „Schutzheiliger“ seit über 60 Jahren einen maßgeschneiderten Anzug aus der Savile Row trägt und eine Lizenz zum Töten in der Brieftasche hat. Wer sich in der Millionenmetropole auf die Fährte von James Bond begibt, merkt schnell: Die Grenze zwischen Fiktion und Staatsraison ist fließend wie ein Martini, der geschüttelt und nicht gerührt langsam die Kehle hinunter läuft.

Natürlich dienen die Houses of Parliament immer wieder als Kulisse für die Bond-Abenteuer. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die britische Hauptstadt dient seit „Dr. No“ (1962), dem ersten 007-Film, als Kulisse für die Abenteuer des berühmten Geheimagenten Ihrer Majestät. In der bedeutendsten Drehscheibe des Vereinigten Königreichs explodieren in den Leinwandabenteuern Gebäude, rasen Boote durch historische Wahrzeichen und treffen Spione auf Kunstwerke. Wer durch Londons Straßen wandelt, stößt unweigerlich auf Orte, an denen 007 seine Lizenz zum Töten einsetzte, während die Stadt mit britischem Understatement einfach weitermacht. Die Drehorte erzählen von gut sechseinhalb Jahrzehnten Bond-Geschichte, von Sean Connerys trockenem Charme bis zu Daniel Craigs roher Intensität, und sie laden ein, die Stadt mit neuen Augen zu sehen.

Die alten Mauern der Macht

Das Old War Office musste in mehreren Filmen als Bond-Location herhalten.

Die Mission für alle Cineasten beginnt dort, wo das Herz des Imperiums schlägt – oder zumindest dort, wo man die Akten darüber verwahrt, in Whitehall: Hier, zwischen den wuchtigen Sandsteinfassaden der Ministerien, weht der Geist von Ian Fleming. Man erwartet beinahe, dass hinter einer der schweren Eichentüren ein „M“ mit gebotener Strenge alles unternimmt, um den mal wieder drohenden Weltuntergang von seinem berühmten Spezialagenten verhindern zu lassen. Vielleicht tüftelt aber auch ein „Q“ gerade an einem Regenschirm, der nicht nur das Wasser abhält.
Whitehall dient seit Jahrzehnten als Kulisse für Bond-Briefings und Verfolgungsjagden. Das Old War Office, ein imposanter Bau aus dem 19. Jahrhundert, fungierte in „Octopussy“ (1983), „Im Angesicht des Todes“ (1985) und „Lizenz zum Töten“ (1989) als MI6-Hauptquartier, wo Roger Moore und Timothy Dalton ihre Einsätze erhielten.

Westminster von der schönsten Seite

Gerne in Szene gesetzt: Das britische Außenministerium in Whitehall.

In „Skyfall“ (2012) rennt Daniel Craig durch das Regierungsviertel, vorbei an Big Ben und dem Palace of Westminster, in einer Sequenz, die die Hektik moderner Londoner Action einfängt. Auch die Rooftop-Szene mit Moneypenny am Ende des Films bietet einen atemberaubenden Blick über das Viertel, der die Stadt als ewigen Schauplatz von Intrigen zeigt. Und in „Spectre“ (2015) wird dieser Teil von Westminster erneut zur Bühne politischer Machtspiele, als „C“ hier seine Pläne für ein globales Überwachungssystem präsentiert. Die Kamera nutzt die historische Architektur, um die Spannung zwischen Tradition und moderner Bedrohung zu betonen.

Auch in „No Time To Die“ (2021) kehrt Bond in die britische Hauptstadt zurück, um sich mit „M“ zu treffen. Dabei bildet der altehrwürdige Whitehall Court die Außenkulisse für das Verteidigungsministerium, wo Bond seinen Aston Martin V8 parkt. Die Innenaufnahmen wiederum wurden im Senate House, einem Teil der University of London in der Malet Street, abgedreht.

Wo die Fäden zusammenlaufen

Das MI6-Genäude beheimatet tatsächlich den britischen Geheimdienst.

Unübersehbar erhebt sich am Südufer der Themse der markante Bau des Secret Intelligence Service (SIS). Das futuristische, stufenförmige Gebäude am Vauxhall Cross, von vielen liebevoll „Legoland“ genannt, ist längst zu einem Markenzeichen des Bond-Kanons geworden. Dabei ist der futuristische Klotz aus Beton und Glas sogar der tatsächliche Sitz des britischen Geheimdienstes.

Seine kantige, fast festungsartige Architektur wurde erstmals in „GoldenEye“ (1995) gezeigt und kehrte in „Die Welt ist nicht genug“ (1999) auf die Leinwand zurück, wo es in Teilen in die Luft gejagt wurde – zumindest filmisch. Von hier startet Pierce Brosnan als Bond jene legendäre Bootsverfolgungsjagd, bei der der Spion mit Höchstgeschwindigkeit an den Houses of Parliament und Tower Bridge vorbeirast.

Die Festung am Fluss

007
Über die Lambeth Bridge geht es zum SIS-Gebäude. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In „Skyfall“ (2012) wird das Gebäude erneut attackiert, diesmal durch einen Bombenanschlag. Hier fliegt M’s Büro in die Luft, ein explosives Spektakel, das den Zuschauer atemlos zurücklässt und das Gebäude in eine Ruine verwandelt, nur um es in „Spectre“ (2015) widerauferstehen zu lassen.

Tatsächlich steht der SIS-Komplex in Vauxhall ungerührt von allen Krisen und fast makellos da – ein Symbol für britische Resilienz, während Touristen von der anderen Uferseite aus fotografieren und sich vorstellen, wie Bond aus dem Aufzug steigt.

Verfolgung im Untergrund

Die London Underground ist ebenfalls mehrfach Kulisse für 007. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In „Skyfall“ verwandelt sich die London Underground in ein Labyrinth aus Stahl, Funken und Explosionen. Wer an der Temple Station oder in den tiefen Schächten der Westminster Station einsteigt, erkennt vielleicht die vertrauten Perspektiven aus dem Film wieder. Die Verfolgungsjagd durch die Tunnel, die Szene auf der Rolltreppe in Westminster Station und der dramatische Zugabsturz in die Baugrube gehören zu den spektakulärsten Momenten des Films. Die Szenen wurden teilweise in echten Stationen gedreht, teilweise in aufwendigen Studiokulissen, die den realen Orten nachempfunden wurden.

Derweil wurde die St. Pancras Station, mit ihrer gotischen Pracht, in „GoldenEye“ kurzerhand in den St. Petersburger Bahnhof verwandelt, wo Natalya auf Bahnsteig 5 ankommt und in die Menge eintaucht. Die Architektur und das geschäftige Treiben machen die Illusion perfekt.

Treffpunkt von Kunst und Spionage

Die National Gallery wird in „Skyfall“ zum geheimen Treffpunkt.

Mitten auf dem Trafalgar Square thront die National Gallery, ein Tempel der Kunst, der in „Skyfall“ zur Bühne für ein intimes Treffen zwischen Bond und dem neuen „Q“ wird. In Raum 34 sitzen Daniel Craig und Ben Whishaw vor William Turners „The Fighting Temeraire“ – ein filmischer Höhepunkt, der die Beziehung zwischen Tradition und Moderne symbolisiert. Die Wahl des Gemäldes ist kein Zufall: Es zeigt ein altes Kriegsschiff, das von einem modernen Dampfschlepper gezogen wird – ein Bild, das Bonds eigene Situation augenzwinkernd widerspiegelt.

Der Duft von Exklusivität

In „Stirb an einem anderen Tag“ fliegt Schurke Gustav Graves mit dem Fallschirm vor dem Buckingham Palace ein.

Nur einen Steinwurf entfernt verkörpert an der Pall Mall der Reform Club, ein eleganter Herrenclub mit Säulen und Lederpolstern, in „Stirb an einem anderen Tag“ (2002) den exklusiven Blades Club, wo Bond mit Madonna als Fechtlehrerin die Klingen kreuzt – eine Szene voller Witz und Stil. In „Ein Quantum Trost“ (2008) wird das exklusive Gemäuer zum Treffpunkt für „M“ und den Außenminister, wo Politik und Spionage hinter verschlossenen Türen verhandelt werden. Der Club bleibt für Normalsterbliche allerdings unzugänglich, doch allein der Anblick von außen weckt Fantasien von Martinis und geheimen Absprachen.

Ebenso stilvoll mutet Rules Restaurant in Covent Garden an. In Londons ältestem Lokal aus dem Jahr 1798 versammeln sich in „Spectre“ M, Q, Moneypenny und Bond zu einem strategischen Dinner, umgeben von dunklem Holz und britischen Klassikern auf der Karte.

Alte Dame der Gerechtigkeit

Auch die Royal Courts of Justice tauchen immer wieder in den Leinwandabendteuern auf.

Zu den ikonischen Drehorten gehören daneben Londons viktorianische Gerichtsgebäude: Die Royal Courts of Justice erscheinen in „Spectre“, als „M“ und Bond versuchen, die drohende Schließung des 00‑Programms zu verhindern. Die neugotischen Fassaden verleihen der Szene eine Schwere, die perfekt zur politischen Dimension des Films passt. Die langen Flure und hohen Bögen wirken wie geschaffen für jene Momente, in denen Entscheidungen getroffen werden, die weit über das Schicksal eines einzelnen Agenten hinausgehen.

Auch in früheren Filmen dienten die Gerichtsgebäude als Symbol britischer Autorität, doch erst in der Craig‑Ära wurden sie prominent inszeniert. Die Kamera fängt die steinernen Strukturen so ein, dass sie wie ein Bollwerk gegen die Bedrohungen der modernen Welt wirken.

Die Themse als Bühne für Spektakel

Der inzwischen umbenannte Millenium Dome kann von den Bond-Fans erklommen werden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ein Dauergast in den Bond-Filmen ist zudem die Themse. In „Die Welt ist nicht genug“ verwandelt sie der gezeitenabhängige Fluss in eine wilde Rennstrecke, als Pierce Brosnan vom MI6‑Gebäude aus in einem Schnellboot einem Attentäter folgt, vorbei an den Houses of Parliament, unter der Tower Bridge hindurch und bis zum Millennium Dome, dem heutigen O2. Heute kann man das Dach erklimmen und denselben Panoramablick genießen, der Bond und seine Verfolgerin umgab – ein Adrenalin-Kick für jeden Fan.

In „Skyfall“ dient die Themse als melancholische Kulisse, wenn Bond und „M“ im Auto über die Vauxhall Bridge fahren – ein Moment, der die Verletzlichkeit der Figuren betont. Auch in „Spectre“ kehrt die Themse als Kulisse zurück, diesmal mit Daniel Craig auf einem RIB-Boot, das durch die Wellen pflügt und die Stadt in einer modernen, technisch aufgerüsteten Verfolgung präsentiert.

Die Brücken – Schauplätze der Übergänge

In „Spectre“ spazieren Moneypenny und Bond über die markante Millenium Bridge.

Neben der Themse werden auch immer wieder die Brücken über Englands zweitlängsten Fluss in Szene gesetzt: So dient die Millennium Bridge, jene Fußgängerbrücke zwischen St. Paul’s Cathedral und der Tate Modern in „Spectre“ als Treffpunkt für Moneypenny und Bond. Auch die Lambeth Bridge und vor allem die Westminster Bridge sind immer wieder Schauplatz von Verfolgungsjagden oder bedeutungsvollen Begegnungen. In „Stirb an einem anderen Tag“ befindet sich an der Brücke der fiktive Zugang zu einem geheimen MI6-U-Bahn-Schacht. Und in „Spectre“ stürzt ein Helikopter mit Bösewicht Ernst Stavro Blofeld auf der Brücke ab, nachdem er von Bond von einem Boot aus abgeschossen wurde. Anschließend wird der von Christoph Waltz verkörperte Schurke verletzt festgenommen.

Derweil wird die City Hall mit ihrer spiralförmigen Treppe zur vermeintlichen MI5-Datenzentrale, während das London Marriott Hotel County Hall opulente Ausblicke auf Big Ben bietet und als luxuriöse Kulisse glänzt. Nicht zu vergessen ist, wie Bösewicht Gustav Graves (Toby Stephens) in „Stirb an einem anderen Tag“, unter den Augen von 007 mit einem Fallschirmsprung unmittelbar am Buckingham Palace landet.

Der Geist Ian Flemings

Ein Wodka-Martini ist nicht nur für Bond-Fans Pflicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nicht zu vergessen ist das Langham Hotel. Das 1865 eröffnete Luxushotel an der Regent Street wurde in „GoldenEye“ als Kulisse für das „Grand Hotel Europe“ in St. Petersburg genutzt. Zudem erinnert es daran, dass Ian Fleming selbst in Mayfair lebte, wo eine blaue Plakette an seinem Haus in Ebury Street an den Schöpfer der james Bond Abenteuer erinnert.

Kein Besuch Londons auf den Spuren von 007 wäre aber vollständig ohne die wichtigste Frage der Mixologie. Die Anlaufstelle schlechthin ist in diesem Zusammenhang das Dukes Hotel zu. In der legendären Bar soll Ian Fleming die Inspiration für das wohl berühmteste Bar-Zitat der Literaturgeschichte gefunden haben. Spätestens, wenn der Barkeeper den legendären Wodka-Martini zubereitet, ahnt der geneigte Cineast warum. In diesem Sinne: „Cheers, James. Die Welt kann warten – zumindest bis zum nächsten Drink.“

Im Herzen der britischen Hauptstadt finden sich Dutzende 007-Drehorte.

*****

Buchtipp nicht nur für Bond-Liebhaber

TimeObwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.

Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.

Doch der Brite ist nicht nur gegen Hitze resistent, auch jegliches Kälteempfinden scheint ihm fremd. Wer diese stereotypen Ansichten teilt oder Bestätigung für diese sucht, wird in Time for tea, sex and fun von Mortimer Reisemagazin Redakteur Karsten-Thilo Raab ebenso fündig werden, wie derjenige, der seine alten, verkrusteten Ansichten über die Briten endlich ins rechte Licht rücken möchte. Auf jeden Fall dürfte in dem Buch viel Interessantes, Kurioses, Unterhaltsames und Wissenswertes über die Briten und ihre Lebensgewohnheiten zu entdecken sein.

Erhältlich ist Time for tea, sex and fun (ISBN 978-3711527257) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online bei allen gängigen Versandbuchhändlern wie Thalia, JPC oder Amazon.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.