Londoner Hopfenwallfahrt in Bermondsey

Bermondsey
Die Bermondsey Beer Mile vereint traditionelle Braukunst und neues Handwerk unter Eisenbahnbögen im Londoner Stadtteil Southwark. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Unter donnernden Zügen und zwischen rußgeschwärzten Backsteinbögen gärt ein London, das lauter, roher und lebendiger ist als jede Postkartenidylle: die Bermondsey Beer Mile das Zentrum der Craft-Beer-Szene.

Wo früher Leder gegerbt wurde, fließt heute das flüssige Gold. Unter den massiven Backsteinbögen, die die Eisenbahntrassen in Richtung London Bridge tragen, hat sich eine bemerkenswerte Transformation vollzogen. Der herbe Geruch der Tierhautverarbeitung ist in diesem Teil von Southwark längst dem Aroma von frisch verarbeitetem Hopfen und malziger Süße gewichen. Dabei erweist sich die Bermondsey Beer Mile als Geflecht aus Mikrobrauereien, das sich über eine Länge von knapp anderthalb Meilen, also gut 2,5 Kilometer, verteilt. Während oben die Pendlerzüge im Minutentakt über die Gleise donnern, herrscht unten in den hohen, gewölbten Räumen eine Atmosphäre geschäftiger Gelassenheit. Die Architektur gibt den Rhythmus vor: Jeder Bogen erzählt eine eigene Geschichte, jeder Taproom ist ein Unikat aus Stahl, Glas und oft aus hölzernen Palettenmöbeln.

Brauereien mit Kultstatus

Die Beer Mile ist nicht nur für Bierliebhaber ein beliebter Treff. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Der Reiz dieses kulinarischen Korridors liegt in seiner Unverfälschtheit. Es gibt keine polierten Messinggeländer oder plüschigen Teppiche, wie man sie aus den klassischen Pubs etwa in Soho oder rund um den Covent Garden kennt. Stattdessen blicken Bierliebhaber direkt auf die glänzenden Edelstahltanks, in denen die nächste Charge India Pale Ale oder ein tiefschwarzes Porter reift. Die Brauer sind hier zumeist gleichzeitig die Wirte, die mit Leidenschaft über die Nuancen verschiedener Hefestämme referieren oder die Besonderheiten lokaler Getreidesorten erklären.

Ökosystem des guten Geschmacks

Doch die Meile lebt nicht vom Bier allein. Über die Jahre hat sich ein ganzes kulinarisches Ökosystem unter den Bögen angesiedelt, das die Hopfenkultur perfekt ergänzt. Zwischen den Brauereien finden sich spezialisierte Käsereien, Bäckereien und kleine Destillerien, die sich dem Gin verschrieben haben. Diese Vielfalt sorgt dafür, dass der Weg durch Bermondsey zu einer Entdeckungsreise für alle Sinne wird.

Bermondsey
Vor allem an den Wochenenden avanciert Bermondsey zum Treff der Bierliebhaber. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer die Meile von Westen nach Osten in Angriff nimmt, tut gut daran, den ersten Stopp nicht an einem Zapfhahn, sondern auf dem Maltby Street Market einzulegen. Hier, zwischen dampfenden Street-Food-Ständen, wird die notwendige Grundlage geschaffen, denn auf leeren Magen ist diese flüssige Odyssee kaum zu bestehen. Zumindest, wenn man auch nur in jedem zweiten Laden ein Bier trinken wollte.

Braukunst im Untergrund

Die Brauereien reihen sich entlang der viktorianischen Eisenbahnviadukte wie Perlen an einer Schnur, jede mit eigener Handschrift und Charakter. Wo früher Waren gelagert wurden, entstehen heute IPAs, Stouts und experimentelle Sude. Der Charme liegt im Unperfekten: einfache Taprooms, improvisierte Holzbänke, Gespräche zwischen Fremden, die schnell zu Gleichgesinnten werden.

Hitze, Hopfen, Haltung

In Bermondse fließt das Bier in Strömen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Hinter den schweren Toren brodelt es. Kupferkessel glänzen im Halbdunkel, Schläuche winden sich über Betonböden, und aus Zapfhähnen fließen Biere, die keine Kompromisse kennen. Bitter, fruchtig, rau, überraschend – jeder Schluck ein Statement. Die Brauereien inszenieren sich nicht, sie arbeiten. Die Beer Mile ist längst mehr als ein Szeneort. Sie ist ein Labor für Ideen, ein Treffpunkt für Menschen, die das Unfertige schätzen und das Unkonventionelle suchen.

Qual der Wahl

Sowohl in punkto Quantität als auch in punkto Qualität ist das Angebot riesig. Da fällt es nicht leicht, zu entscheiden, wo das erste Pint genossen werden soll. Eine gute Anlaufstelle ist fraglos Southwark Brewing Co. in der Druid Street, wo neben den Klassikern wie „London Pale Ale“ und „Bankside Blonde Ale“ das „Wish You Were Here… Pale Ale“ mit einer spritzigen Zitronennote im Ausschank ist.

Herzschlag der Meile

Bei den Biersorten besteht die Qual der Wahl.

Ohne große Gesten, aber mit kompromissloser Qualität reicht im Kernel die Palette von Brown Ale bis Imperial Stout – jedes Glas ein Statement gegen Beliebigkeit. Bei Hiver Beer rückt hingegen britischer Honig in den Mittelpunkt und verleiht den Bieren eine florale Tiefe. Und dann sind da Anspach & Hobday, wo das legendäre Black Nitro Porter mit seiner samtigen Note in Strömen fließt, oder das Outpost, das mit Kleinserien und einmaligen Sude punktet.

Das Auge trinkt mit

Fast schon Kultstatus genießt das Barrel Project allein schon wegen seiner ungewöhnlichen Optik mit unzähligen Holzfässern, die sich im Inneren türmen. Gleiches gilt für die Doodle Bar, die nicht nur für ihre Bierauswahl und eine ausgelassene Partystimmung bekannt ist, sondern auch dafür, dass die bierseligen Gäste die Wände mit Kreide bemalen dürfen.

Paradies für Experimentierfreude

Auf der Beer Mile findet sich für jeden Geschmack der richtige Ort, um einzukehren. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Nicht zu vergessen ist das Kanpai, Großbritanniens erste Sake-Brauerei. Zwischen Reiskulturen und britischem Craft-Bier verschwimmen Kategorien, und selbst Puristen lassen sich hier gern auf ein Experiment ein. Cloudwater steht hingegen im Ruf, hopfenbetonte Biere auszuschenken, die zu den präzisesten ihren Art gehören. Und wer eine Pause vom Hopfen sucht, findet sie bei Gosnells: Der spritzige Met wirkt wie ein leichtfüßiger Kontrapunkt und verbindet die Bier- mit der Ciderwelt.

Doch dies ist nur eine kleine Auswahl von dem, was Bierliebhaber im Londoner Süden erwartet. Der Reiz der Bermondsey Beer Mile liegt in ihrer Linearität: ein Weg, der sich trinken lässt. Schritt für Schritt erschließt sich eine Vielfalt, die von klassisch britisch bis avantgardistisch reicht. Jeder Halt bringt neue Aromen, neue Begegnungen, neue Perspektiven auf das, was Bier heute sein kann. Weitere Informationen unter https://bermondsey-beer-mile.co.uk.

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Buchtipp für Freunde britischer Lebensart

TimeObwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.

Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.

Doch der Brite ist nicht nur gegen Hitze resistent, auch jegliches Kälteempfinden scheint ihm fremd. Wer diese stereotypen Ansichten teilt oder Bestätigung für diese sucht, wird in Time for tea, sex and fun von Mortimer Reisemagazin Redakteur Karsten-Thilo Raab ebenso fündig werden, wie derjenige, der seine alten, verkrusteten Ansichten über die Briten endlich ins rechte Licht rücken möchte. Auf jeden Fall dürfte in dem Buch viel Interessantes, Kurioses, Unterhaltsames und Wissenswertes über die Briten und ihre Lebensgewohnheiten zu entdecken sein.

Erhältlich ist Time for tea, sex and fun (ISBN 978-3711527257) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online bei allen gängigen Versandbuchhändlern wie Thalia, JPC oder Amazon.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.