Kotztüten als unterschätzte Flugbegleiter

Kotztüten
Glücklicherweise kommen die Spuckbeutel heutzutage eher selten zum Einsatz. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Sie stecken unscheinbar in den Sitztaschen, wartet geduldig auf ihren großen Auftritt – und werden doch meist ignoriert: die Kotztüten. Einst unverzichtbar, heute vielerorts abgeschafft. Ein launiger Blick auf das wohl unterschätzteste Accessoire der Reisegeschichte.

„Möchtest du etwas loswerden?“ – selten war eine Frage so charmant und gleichzeitig so pragmatisch wie die auf lilafarbenem Grund gedruckte Botschaft einer „Kotztüte“. Der Spuckbeutel steckt brav neben Bordmagazin und Sicherheitskarte in der Rückenlehne, wartet geduldig auf seinen großen Auftritt und wird doch meist ignoriert. Mal mit Humor, mal mit britischem Understatement, mal mit einem Augenzwinkern, das den Passagier daran erinnert, dass auch die Fluggesellschaft weiß, wie unangenehm Reiseübelkeit sein kann.

Die Tüte fürs Bauchgefühl

Kotztüten
Beruhigend zu wissen … – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Kotztüte gehört zum Fliegen wie der Tomatensaft oder das Sicherheitsvideo, das niemand wirklich ansieht. Sie ist ein unscheinbares Stück Papier mit wasserfester Innenbeschichtung, funktional bis ins letzte Detail, und doch ein Designklassiker. Kein Schnickschnack, kein Glamour, sondern pure Zweckmäßigkeit. Manche Airlines setzen auf Recyclingpapier, andere auf Werbedrucke, und auf Kreuzfahrtschiffen oder Fähren sind die Tüten oft aus stärkerem Material gefertigt, schließlich müssen sie auch bei Wellengang standhalten.

Vom Butterbrotbeutel zum Speisackerl

Die Geschichte der Kotztüten beginnt in den frühen Tagen des kommerziellen Fliegens, als die Kabinen schlecht belüftet waren, die Flugzeuge niedriger flogen und Turbulenzen häufiger auftraten. Im Jahre 1949 erfand ein gewisser Gilmore Tilmen Schjeldahl die moderne Version des Spuckbeutels mit Kunststoffbeschichtung. Ursprünglich war das Ganze als eine Art Lebensmittelbeutel gedacht, doch Northwest Airlines erkannte sofort den wahren Nutzen. Damals war Fliegen eine wackelige Angelegenheit, und die Tüten fanden reißenden Absatz. Und Lebensmittel landeten auch in den Beuteln – allerdings in der Regel zumeist bereits verdaut und rückwärts gegessen…

Turbulenzen adé – warum die Tüte ausstirbt

Menschen mit sensiblen Magen neigen eher dazu, sich zu übergeben. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Heute ist die Situation eine andere. Moderne Flugzeuge sind stabiler, die Kabinenluft besser, Turbulenzen seltener. Der Bedarf an Kotztüten ist deutlich gesunken, und so sparen manche Airlines sie schlicht ein. Ryanair etwa verzichtet komplett, da die Sitztaschen entfernt wurden. Andere Fluggesellschaften wie Condor kontrollieren vor jedem Flug, ob die Tüten vorhanden sind.

Mallorca und Bali lassen grüßen

Dennoch gibt es Strecken, auf denen die Nachfrage sprunghaft ansteigt. Wer einmal einen Partytourismus-Flug nach Mallorca oder von Australien nach Bali erlebt hat, weiß, dass der Magen mancher Passagiere nach durchzechten Nächten und reichlich Sangria und anderem Hochprozentigem weniger flugtauglich ist. Auch Langstreckenflüge über den Pazifik oder die Anden gelten als „Kotztüten-Hotspots“, und auf Schiffen, besonders bei Nordsee- oder Atlantiküberquerungen, sind die Tüten nach wie vor unverzichtbar.

Millionen Tüten und diskrete Helden

Einige Airlines verzichten mittlerweile ganz darauf, Spuckbeutel an jedem Platz auszulegen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wie viele Kotztüten pro Jahr tatsächlich benötigt werden, lässt sich schwer beziffern, doch Schätzungen gehen von mehreren Millionen weltweit aus. Die meisten bleiben ungenutzt, doch allein die Tatsache, dass sie da sind, beruhigt viele Passagiere. Und wenn sie gebraucht werden, dann ist die Crew zur Stelle. Diskret, professionell, ohne großes Aufsehen werden gefüllte Beutel in speziellen Abfallcontainern entsorgt – hygienisch und geruchssicher. Ein Job, der nur höchst selten Erwähnung findet, aber zur Routine gehört.

Kunst am Kotzbeutel

Interessanterweise sind die Kotztüten längst ein Stück weit Kultobjekte geworden. Sondereditionen mit Logos, Sprüchen oder Retro-Design erzielen auf Flohmärkten und Online-Plattformen erstaunliche Preise. Manche Sammler sprechen gar von „Air Sickness Bag Art“ und sehen in den Tüten kleine Kunstwerke. So gesehen sind die Kotztüten mehr als Notfallaccessoires. Sie sind ein Stück Reisegeschichte, ein Symbol für die Höhen und Tiefen des Unterwegsseins. Ob auf dem Weg nach Ibiza oder über den Atlantik – sie wartet geduldig, dass jemand „etwas loswerden“ möchte. Und vielleicht ist es gerade diese stille Präsenz, die sie zu einem der unterschätztesten Helden der Lüfte und Meere macht.

Kotztüten
Hier und da sorgen die Kotztüten zumindest für ein Schmunzeln. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.