Weinbrunnen – Kultur zum Anstoßen

Weinbrunnen
Eine besondere Station für Wanderer und Pilger sind an ausgewählten Orten die beliebten Weinbrunnen.

Eine Tour zu Europas Weinbrunnen führt zu Pilgerwegen, mittelalterlichen Dörfern und modernen Winzerinitiativen. Überall dort, wo Wein unentgeltlich fließt, steckt eine Idee dahinter: Gemeinschaft, Kultur und ein kleines Stück Magie.

Europa ist reich an Mythen, Traditionen und kulinarischen Besonderheiten, doch nur wenige Phänomene verbinden all das so spielerisch wie die Weinbrunnen, die an ausgewählten Orten tatsächlich kostenfrei Wein ausschenken. Diese Brunnen sind keine urbanen Legenden, sondern reale Stationen, die Reisende, Pilger und Weinliebhaber gleichermaßen anziehen. Sie stehen nicht in Metropolen, sondern an Orten, die bewusst gewählt wurden: entlang historischer Routen, in Dörfern mit tief verwurzelter Weinkultur oder in Regionen, die ihre Gastfreundschaft auf besonders charmante Weise ausdrücken möchten.

Phänomen Weinbrunnen

Sie stehen nicht in Metropolen, sondern an Orten, die bewusst gewählt wurden: entlang historischer Routen, in Dörfern mit tief verwurzelter Weinkultur oder in Regionen, die ihre Gastfreundschaft auf besonders charmante Weise ausdrücken möchten.

Nicht nur Pilger genießen die kostenfreien Genussmomente.

Die bekanntesten Weinbrunnen Europas liegen in Spanien und Italien, doch auch andere Länder experimentieren mit dieser ungewöhnlichen Form der Willkommenskultur. Manche Brunnen sind dauerhaft installiert, andere erscheinen nur zu Festtagen, wieder andere knüpfen an jahrhundertealte Traditionen an, die erst in jüngerer Zeit wiederentdeckt wurden.

Der legendäre Weinbrunnen von Irache

Am Rande des Jakobswegs, nahe der Stadt Estella in der Region Navarra, befindet sich einer der berühmtesten Weinbrunnen der Welt: der Fuente del Vino der Bodegas Irache. Seit 1991 fließt hier Rotwein aus einem steinernen Auslass, direkt neben einer Wasserquelle, die seit Jahrhunderten Pilger erfrischt. Die Winzerfamilie Irache entschied damals, den Pilgern ein besonderes Geschenk zu machen – ein Schluck Wein als Stärkung auf dem langen Weg nach Santiago de Compostela.

Der Brunnen ist frei zugänglich, und der Wein fließt in moderater Menge, sodass jeder Besucher einen kleinen Becher genießen kann. Trinkbehältnisse stehen nicht bereit, doch viele Pilger tragen ohnehin einen Becher oder eine Feldflasche bei sich. Das Mitnehmen größerer Mengen ist ausdrücklich untersagt, was nicht nur der Fairness dient, sondern auch der Idee des Ortes: Der Wein soll ein symbolischer Gruß sein, kein kostenloser Vorrat für die Reise.

Vision eines modernen Weinwunders

Weinbrunnen
Die Weinbrunnen sind überwiegend frei zugänglich.

In den italienischen Abruzzen, genauer in Caldari di Ortona, steht ein weiterer Weinbrunnen, der seit 2016 Besucher aus aller Welt anzieht. Die Initiative stammt von der Winzergenossenschaft Cantina Dora Sarchese, die gemeinsam mit einer lokalen Pilgervereinigung den ersten 24-Stunden-Weinbrunnen Italiens eröffnete. Der Brunnen liegt am Cammino di San Tommaso, einem Pilgerweg, der von Rom bis zur Küste führt.

Die Idee dahinter ist ähnlich wie in Irache: Reisende sollen auf ihrem Weg eine kleine Stärkung erhalten, ein Zeichen der Gastfreundschaft und ein Moment des Innehaltens. Der Wein fließt aus einem kunstvoll gestalteten, modernen Brunnen, der eher an eine Installation erinnert als an eine traditionelle Quelle. Trinkbecher stehen nicht bereit, doch Besucher dürfen ihren eigenen Becher nutzen. Das Abfüllen in Flaschen ist ausdrücklich verboten.

Wiederbelebung einer alten Tradition

In der slowenischen Region Primorska, unweit der Adriaküste, liegt das Dorf Marezige, das seit 2018 einen Weinbrunnen betreibt, der sich rasch zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt hat. Anders als die Pilgerbrunnen Spaniens und Italiens funktioniert der Brunnen über ein Chipkartensystem, das Besuchern ermöglicht, verschiedene lokale Weine zu probieren. Zwar ist der Wein hier nicht völlig kostenlos, doch die Idee knüpft an historische Traditionen an, die in der Region seit Jahrhunderten gepflegt werden.

Weinbrunnen
Ein kostenfreier Schluck Wein ist der perfekte Abschluss nach einem langen Marsch.

In früheren Zeiten wurden zu Festen große Fässer geöffnet, aus denen Wein frei ausgeschenkt wurde – ein Brauch, der bis ins 19. Jahrhundert überdauerte. Die moderne Variante ist eine Mischung aus touristischem Konzept und kultureller Wiederbelebung. Trinkgefäße stehen bereit, und das Mitnehmen kleiner Mengen ist möglich, allerdings nur in den vorgesehenen Probierfläschchen.

Weinbrunnen als Festtradition

Auch Portugal kennt Weinbrunnen, wenn auch in anderer Form. In einigen Regionen, insbesondere im Douro-Tal, werden zu Festtagen temporäre Weinbrunnen aufgebaut, aus denen kostenlos Portwein oder junger Rotwein ausgeschenkt wird. Diese Brunnen sind keine dauerhaften Installationen, sondern Ausdruck jahrhundertealter Traditionen, die den Übergang der Jahreszeiten oder religiöse Feste begleiten. Trinkgefäße werden meist von den Veranstaltern bereitgestellt, und die Menge, die jeder Besucher erhält, ist begrenzt.

Frankreich besitzt keine permanenten Weinbrunnen wie Spanien oder Italien, doch zu bestimmten Festen – etwa während der Fête des Vendanges in Montmartre oder regionalen Winzerfesten im Elsass – werden temporäre Weinbrunnen errichtet. Diese Brunnen schenken jungen Wein oder Federweißen aus, meist in begrenzten Mengen. Das Mitnehmen ist nicht vorgesehen, da der Wein den Moment feiern soll.

Weinbrunnen zu Ehren des Heiligen Urban

Weinbrunnen sind eine tolle Geste einiger Winzer und Gemeinden.

In Ungarn werden in mehreren Weinregionen – etwa in Eger, Villány oder Tokaj – zu Ehren des Heiligen Urban temporäre Weinbrunnen errichtet. Diese Tradition reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als Winzer begannen, an Urbans Namenstag Wein öffentlich auszuschenken, um für eine gute Ernte zu bitten. Die Brunnen bestehen meist aus kunstvoll gestalteten Konstruktionen, aus denen junger Wein fließt. Die Menge ist begrenzt, und das Mitnehmen ist nicht vorgesehen.

Deutschland besitzt zwar keine dauerhaft fließenden Weinbrunnen, doch die Tradition des öffentlichen Weinausschanks ist tief verwurzelt. Besonders bekannt ist der historische Weinbrunnen in Frankfurt am Main, der erstmals 1478 erwähnt wurde. Damals schenkte die Stadt zu besonderen Anlässen Wein aus einem großen Brunnen am Römerberg aus – ein Akt der Großzügigkeit, der die Verbundenheit zwischen Bürgerschaft und Rat symbolisierte.

Zumindest von April bis Oktober rinnt der spezielle Traubensaft aus einem Weinbrunnen in Staufen im Breisgau.

Gastfreundschaft, Kultur und ein Hauch Magie

Die Weinbrunnen zaubern den meisten Wanderern ein Lächeln ins Gesicht.

Alle Weinbrunnen Europas teilen eine gemeinsame Philosophie: Wein ist mehr als ein Getränk. Er ist ein kulturelles Symbol, ein Ausdruck von Gemeinschaft und ein Zeichen der Gastfreundschaft. Die Betreiber – ob Winzer, Genossenschaften oder Gemeinden – tragen die Kosten bewusst selbst. Die modernen Weinbrunnen knüpfen an eine Tradition an, die bis in die Antike zurückreicht, als bei Festen Amphoren geöffnet wurden, aus denen Wein frei floss. Im Mittelalter ließen Städte zu Krönungen oder Hochzeiten Wein aus öffentlichen Brunnen fließen, um Wohlstand und Verbundenheit zu zeigen. Heute geht es weniger um Prachtentfaltung, sondern um ein Gefühl: Wein soll verbinden, überraschen und Freude schenken.

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Der Buchtipp (nicht nur) für Wein-Trinker

Realität ist der Zustand, der aus Mangel an Alkohol entsteht, lehrt eine irische Trinkweisheit. Frei übersetzt bedeutet dies wohl, dass das Leben – nüchtern betrachtet – nur besoffen zu ertragen sei. Aber wir wollen die Vorliebe zum Alkohol nicht bewerten. Das muss ein jeder mit sich und seiner Leber alleine ausmachen. Gleichwohl kommt es immer wieder vor, dass der eine oder andere mal einen über den Durst trinkt. Dies bleibt zumeist ohne Folgen. Sieht man einmal von der Tatsache ab, dass sich so mancher in solchen Fällen den zuvor konsumierten Alkohol noch einmal durch den Kopf gehen lässt und dass das Bett mit einem Karussell zu fahren scheint.

Die Trinkgewohnheiten und -vorlieben vieler Zeitgenossen flossen dann auch in die augenzwinkernde Hommage an alle, die durchaus dem Alkohol nicht völlig abgeschworen haben, ein. So oder so dürfte bei den Geschichten rund um Bier, Wein, Champagner und andere hochgeistige Getränke, die Mortimer-Reisemagazin-Redakteur Karsten-Thilo Raab in seinem neuen Buch unter dem Titel Ich trinke, dann kannst du fahren zusammengetragen hat, kein Auge trocken bleiben.

So erfährt nicht nur der trinkfreudige Leser wie lange die Menschen rund um den Erdball für ein Glas Bier arbeiten müssen, wie viel Bier in den Schnäuzer dieser Welt hängen bleibt und wieso Wein sowohl die Intelligenz fördern können soll als auch vor intensiver Sonneneinstrahlung schützt. Daneben geht es beispielsweise um Kuriositäten wie Bier aus Käse oder Bier für Hunde oder um die Frage, warum auf Kreuzfahrten der Alkoholkonsum deutlich ansteigt.

Erhältlich ist Ich trinke, dann kannst du fahren (ISBN 978-3-7115-2765-3) von Karsten-Thilo Raab ab für 18 Euro sofort im Buchhandel.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.