
Vor 90 Jahren schrieb Jesse Owens in Berlin Sportgeschichte – und stellte die Ideologie des NS-Regimes öffentlich bloß. Der Leichtathlet gewann 1936 in Berlin vier olympische Goldmedaillen und widerlegte damit öffentlich den Mythos von der „Überlegenheit der nordischen Rasse“. Heute erzählt ein Museum in Alabama seine bewegende Lebensgeschichte – von der ärmlichen Kindheit über die olympischen Triumphe bis hin zu seinem Engagement für benachteiligte Jugendliche.

Als am 1. August 1936 die Olympischen Sommerspiele in Berlin eröffnet wurden, stand zunächst der „Führer“ mit seinem inszenierten Personenkult im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch bereits wenige Tage später verschob sich der Fokus dramatisch. Der damals 22-jährige Afroamerikaner Jesse Owens, geboren als James Cleveland Owens in Oakville im US-Bundesstaat Alabama, gewann am 3. August Gold über 100 Meter, am 4. August im Weitsprung, am 5. August über 200 Meter und am 9. August mit der 4×100-Meter-Staffel.

Damit avancierte ein schwarzer Athlet aus den Südstaaten zum eigentlichen Star der Spiele und widerlegte vor einem überwiegend deutschen Publikum den Mythos von der angeblichen Überlegenheit der „nordischen Rasse“. Adolf Hitler verweigerte ihm demonstrativ den Handschlag und rügte sogar seinen Reichsjugendführer Baldur von Schirach, als dieser dem Ausnahmesprinter die Hand reichen wollte – ein symbolträchtiger Moment, der bis heute in Sport- und Zeitgeschichte nachhallt.
Von der Baumwollplantage zum Olympiastadion

Wer den Jesse Owens Memorial Park in Oakville besucht, taucht in eine Lebensgeschichte ein, die kaum kontrastreicher sein könnte. Owens wurde am 12. September 1913 als jüngstes von zehn Kindern einer verarmten Pächterfamilie geboren. In Nordalabama pflückte er Baumwolle und wuchs unter der harten Realität der Rassentrennung auf, die den Alltag der afroamerikanischen Bevölkerung in den Südstaaten bestimmte. Schon als Kind zeigte sich jedoch eine besondere Leidenschaft: Statt die staubigen Wege zu Fuß zu gehen, rannte er über sie hinweg – eine Angewohnheit, die sich später als frühe Spur seiner außergewöhnlichen Begabung lesen lässt.

1922 verließ die Familie Alabama und zog nach Ohio, in die nördlichen Bundesstaaten, in denen die gesetzliche Rassentrennung nicht mehr galt und neue Arbeitsmöglichkeiten winkten. Aus dem Kürzel „J. C.“ wurde im Norden „Jesse“, ein Name, der bald um die Welt gehen sollte. Ein weißer Highschool-Sportlehrer namens Larry Riley erkannte sein Talent und förderte ihn, nach Owens’ späterer Erinnerung „völlig farbenblind“, was seine Haltung gegenüber Hautfarbe und Herkunft betraf. An der Ohio State University ermöglichte ihm ein Sportstipendium die Ausbildung, während Coach Larry Snyder – ebenfalls weiß – seinen Weg bis zu den Olympiasiegen maßgeblich begleitete.
Owens Memorial Park: Geschichte zum Anfassen

Der Jesse Owens Memorial Park in Oakville, nahe Danville, entstand 1996 anlässlich der Olympischen Spiele in Atlanta und markierte den 60. Jahrestag des historischen Vierfach-Triumphes von Berlin. Das frei in der Landschaft stehende Museum inszeniert alle Lebensphasen des Jahrhundertathleten auf engstem Raum, sodass Besucher Schritt für Schritt der Biografie folgen können, die von Armut, Diskriminierung, sportlicher Höchstleistung und gesellschaftlicher Wirkung geprägt ist. Auf dem Gelände steht eine einfache Holzhütte, wie sie die Familie Owens in ihrer Anfangszeit in Alabama bewohnte, und macht die damaligen Lebensumstände unmittelbar erfahrbar. Eine Weitsprunganlage, eine Nachbildung der Olympiafackel von 1936 und eine Skulptur des Athleten, geschaffen vom Künstler Branko Medenica, komplettieren den Parcours.

In der Ausstellung finden sich zahlreiche Exponate und Fotos, darunter auch eine Reproduktion jener deutschen Laufschuhe, mit denen Owens in Berlin seine vier Goldmedaillen gewann. Der spätere Adidas-Gründer Adolf „Adi“ Dassler war damals mit einem Koffer voller Sportschuhe ins Olympische Dorf gereist, um seine Produkte den Athleten anzubieten. Für Owens war diese Begegnung ein Glücksfall, denn auf der Überfahrt nach Europa waren ihm zwei seiner drei Paar Laufschuhe gestohlen worden. Bilddokumente zeigen ihn nicht nur bei seinen legendären Läufen 1936, sondern auch bei seinem späteren Besuch in Berlin im Jahr 1964, als ihn der Regierende Bürgermeister Willy Brandt offiziell empfing – ein Wiedersehen, das die lange Nachwirkung seiner Leistungen und seine Bedeutung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen unterstreicht.
Freundschaft über Grenzen hinweg

Eine besonders berührende Dimension der Ausstellung widmet sich der Freundschaft zwischen Jesse Owens und dem deutschen Spitzenathleten Carl Ludwig Hermann „Luz“ Long. Der Jurastudent aus Leipzig wurde im Weitsprung zu einer Schlüsselfigur an einem Tag, der leicht anders hätte ausgehen können. Als Owens bei seinen ersten Versuchen patzte und von Selbstzweifeln geplagt war, gab Long ihm technische Ratschläge und sprach ihm Mut zu, obwohl beide direkte Konkurrenten waren. Owens erzählte später, wie diese sportliche Fairness und menschliche Unterstützung ihn neu aufrichteten.

Anschließend gewann er den Wettkampf – doch aus der Begegnung entstand eine enge Brieffreundschaft. Die Korrespondenz endete erst 1943, als Long als Wehrpflichtiger bei der alliierten Invasion Siziliens ums Leben kam. Der Zweite Weltkrieg sorgte dafür, dass die Olympischen Spiele zweimal ausfielen, während Owens nach seinem Berliner Triumph eine Karriere als Geschäftsmann einschlug und selbst zahlreiche benachteiligte Jugendliche förderte. 1980 starb er im Alter von 66 Jahren an Lungenkrebs, doch die Erinnerung an ihn blieb lebendig – besonders hier, im ländlichen Alabama, wo seine Geschichte begonnen hatte. Weitere Informationen unter www.jesseowensmuseum.org und unter www.alabama-usa.de.

Mortimer
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