Wo die polnische Ostsee leise wird …

Ostsee
Im alten Glanz – das Grand Hotel in Sopot an der polnischen Ostsee war Treffpunkt der VIPs von einst. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Weite, Wind und Wellen – wer die polnische Ostsee von Kolberg bis Danzig, Zoppot und Gdingen bereist, erlebt Erholung am Meer in einer faszinierenden Mischung von Natur, Kultur und bewegter Geschichte.

Danzig – an der Mottlau erstreckt sich die Altstadt und das bekannte Krantor. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens am Hafen von Kolberg (Kolobrzeg). Der Geruch von Salz und frischem Fisch hängt in der kühlen Morgenluft. Rund um den Leuchtturm Möwengeschrei, Taue schlagen gegen Masten, irgendwo klirren Fischkisten. Der Fischer zieht seine Wollmütze tiefer ins Gesicht und schaut auf die graugrüne Ostsee hinaus. “Heute war sie gnädig“, sagt er und hebt eine Kiste mit Dorsch auf den Kai. Die ersten Spaziergänger schlendern über die Seebrücke und atmen die gesunde, jodhaltige Seeluft ein. „Und morgen?“ Er zuckt mit den Schultern. „Das entscheidet immer das Meer“.

Beliebtes Fotomotiv in Danzig – der Neptunbrunnen an der Königsstraße. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Zu dieser Stunde zeigt sich Kolberg von seiner ursprünglichen Seite – weit entfernt von Strandkörben und Wellnessangeboten. Einst Hansestadt und Festung, später mondänes Seebad, gehört Kolberg heute zu den beliebtesten Ferienorten Polens. Hinter den Strandhotels am unvorstellbar breiten, kilometerlangen Sandstrand sollte man die restaurierte Altstadt mit den schönen Backsteinfassaden, dem gotischen Dom, dem historischen Rathaus nicht übersehen. Wohlstand brachte den Menschen über Jahrhunderte die Ostsee mit Fischfang und Handel.

Fangfrischer Probierhappen

Herrliche Bürgerhäuser aller Stilepochen säumen Danzigs „Königsweg“, die Langgasse. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Weiter östlich wird die Küste stiller. Wälder rücken näher ans Meer, Radwege verlaufen durch Kiefernhaine, das Harz duftet süßlich. Unweit liegt Ustka, ruhig und gelassen mit seinem kleinen Ortskern. Die Promenade dagegen ist lebendig, aber nicht laut. Urlauber spazieren zwischen kleinen Cafés, Eisständen, Strandbars und bunten Souvenirläden. Wer hier abends am Strand sitzt, erlebt ein Spektakel der Extraklasse, ganz kostenfrei. Die Sonne versinkt rotglühend im Meer; Paragleiter mit Motorantrieb krächzen am Himmel, der sich rosa und violett verfärbt. Selbst die Kinder verstummen für einen Moment.

Danzigs Altstadtgassen – blumengeschmückt einladend. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Vor dem Leuchtturm am Hafen lehnt ein älterer Mann an seinem Verkaufsstand. Vor ihm liegen frisch geräucherter Aal und Makrelen. „Probieren?“, fragt er und schneidet wortlos ein Stück vom noch warmen Fisch ab. „Schmeckt nach Meer“. Er lacht. „Gut. Alles andere wäre ein schlechtes Zeichen“. Ein junges Paar aus Breslau kauft zwei Makrelen. „Wir kommen jedes Jahr hierher“, erzählen sie. „Nicht wegen der Hotels. Wegen dieser Ruhe.“ Freche Möwen entreißen blitzschnell vorbeiziehenden Touristen ihre leckeren Happen.

Wanderdünen mit Sahara-Flair

Mit der Rangerin durch die faszinierende Dünenlandschaft bei Leba. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Ein Höhepunkt jeder Ostseereise ist Leba. Hinter dem beliebten Seebad beginnt der Slowinski-Nationalpark. Hier türmen sich Dünen von feinstem, weißen Sand bis zu 40 Meter Höhe und ziehen Jahr für Jahr Meter um Meter weiter. Die berühmten Wanderdünen! In der Ferne schimmert die Ostsee. Wer den langen, manchmal beschwerlichen Weg rauf und runter über Holzstege und Trampelpfade auf sich nimmt, findet sich plötzlich in einer Landschaft, die an die Sahara erinnert.

Die gewaltige Dünenlandschaft im Slowinski-Nationalpark. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Der Wind pfeift über die Sandberge, verschlingt jedes gesprochene Wort. Eine Rangerin zeigt auf eine kahle Sandfläche weiter hinten. „Dort verlief vor einiger Zeit noch der Dünenkamm – heute ist er hier.“ „Der Sand wandert, langsam und beharrlich. Unaufhaltsam.“ Sie hebt eine Handvoll Sand auf, der Wind reißt ihn fort. „Man glaubt, nur Menschen veränderten die Welt. Hier draußen ist es der Wind, modelliert die Sandberge ständig neu.“ Ein Naturereignis, das lange in Erinnerung bleiben wird.

Das Gold der Ostsee

Bernstein ist das „Gold der Ostsee“. Besonderes Design im Danziger Bernsteinmuseum. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Weiter Richtung Osten bestimmen beschauliche Fischerhäfen und Küstenorte das Bild. An den Stränden suchen Urlauber nach Bernstein. Eine korpulente Dame in rotem Anorak zupft aus einem Büschel angeschwemmten Seegrases ein Stück Bernstein, es muss wohl das fünfte gewesen sein. Sie schüttelt die kleinen, honiggelben Steinchen von einer Hand in die andere, lässt sie dann blitzschnell in ihrem Beutel verschwinden. Die Suche nach dem „Gold der Ostsee“ ist Tradition, die sie an der polnischen Küste bis heute pflegen.

Vielfältiges Souvenir-Angebote polnischer Künstler in Kolbergs Altstadt. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Der Verkehr wird lebhafter. Im Panorama tauchen die Kräne der Danziger Werften auf. Sie markieren eine Stadt, deren Geschichte weit über Polen hinausreicht. Was hat die polnische Hansestadt nicht erlebt? Mehrere Male wechselten ihre Besitzer und Herren: vom Deutsch-Ritterorden zum polnischen König, zu den Preußen, zur freien Stadt, die im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde und als Teil des sozialistischen Polens widerauferstand. Protestierende Werftarbeiter riefen hier die friedliche Revolution aus und stritten für Demokratie.

Auferstanden aus Ruinen

In Danzigs Brigittenkirche funkelt der Altar – komplett aus Bernstein. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Vor der ehemaligen Lenin-Werft, wo der legendäre Arbeiteraufstand unter Lech Walesa begann, verkauft ein älterer Herr Solidarnosc-Anstecker. Er war Schweißer. „Damals standen wir genau dort am Tor II“, sagt er und zeigt auf die historischen Eingangstore. „Haben Sie geahnt, was daraus wird?“ Er schüttelt den Kopf. „Nein. Wir wollten einfach nur vernünftig leben. Dass wir Geschichte schreiben würden, davon hat niemand gesprochen oder etwas gewusst.“

Historischer Glanz rund um den Neptunbrunnen auf dem Langen Markt in Danzig. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Vor der riesigen gotischen Marienkirche, Europas größtem Sakralbau aus Backstein, wartet Krzystof, gebürtiger Danziger. Der kräftige Mann lädt auf einen Spaziergang durch die historische Innenstadt. Der Krieg hatte die Altstadt fast gänzlich zerstört. „Jahrelang kämpften die Danziger darum, dass aus den Ruinen das historische Danzig aufgebaut wird.“ Heute zählt das Zentrum zu den schönsten Stadtbildern Europas.

Inmitten einer Prachtkulisse

Wild, weit, unberührt – Sandstrände an der polnischen Ostsee. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Krzystof führt zum Herzstück Danzigs, dem Langen Markt, an dem sich vor Zeiten die Wohn- und Lagerhäuser der reichen Kaufmannschaft reihten. Die kunstvollen Fassaden erinnern ans Goldene Zeitalter, als die Stadt im 16. Jahrhundert zum wichtigsten Handelszentrum und zur größten Stadt Polens aufstieg. In der Frauengasse ergießt sich aus den Mündern steinerner Fabelwesen Regenwasser auf die Straße. Überall Stände mit Bernstein aus der Ostsee. „An dunklen Wintertagen komme ich gern hierher, da ist alles leer, nur die Laternen leuchten. Hier verliebt man sich nicht in eine Frau, sondern in die Straßen der Stadt“, sagt Krzystof. Auch am Abend sind sie unvergleichlich, wenn der volle Mond in die Gassen mit ihren Beischlägen – terrassenartigen Vorbauten vor den Haustüren – scheint oder auf der Mottlau „liegt“.

Sunset an der polnischen Ostsee. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Auf ihrem Wasser spiegeln sich Krantor und historische Speicher neben moderner Architektur. Restaurants servieren fangfrischen Fisch, gern auch das Nationalgericht Bigos – Krauteintopf mit Fleisch und Wurst, Pilzen und Tomaten – am besten im „Gdanski Bowke“ an der Uferpromenade. Das „Danziger Goldwasser“ darf da nicht fehlen.

Bäderkultur der Jahrhundertwende

Der längste Pier Europas in Zoppot. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige S-Bahn-Minuten entfernt wartet Zoppot (Sopot), der mondäne Badeort, die Sommerfrische der 1920er. Schon der Name erinnert an die elegante Bäderkultur der Jahrhundertwende. Die Mole, mit mehr als 500 Metern die längste hölzerne Seebrücke Europas, schiebt sich weit in die Ostsee hinaus, Segelboote ziehen lautlos übers Wasser. Ein Saxofonist spielt „Autumn Leaves“! Er schaut aufs Meer. „Wenn es regnet, höre ich den Wellen zu.“

Zoppot – wunderschön angelegt ist der Park des Grand Hotels. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Man flaniert die Fußgängerzone Monte Cassino hinauf, in fast großbürgerlichem Ambiente: zwischen schönen Grünanlagen, Jugendstilvillen, prachtvoller, historischer Bäderarchitektur, viele altmodisch-romantische Cafés auf großen Terrassen unter alten Linden. Jazz begleitet jonglierende Straßenkünstler.

Konzerte auf der Orgel von Oliwa sind ein Genuss. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

An der Strandpromenade leuchten die Fenster des altehrwürdigen, komplett sanierten Grand Hotels. Selbst wer hier nicht absteigt: einen Abend im Wintergarten mit Blick auf die Ostsee, das sollte man sich gönnen. Und zum Ausklang ein Konzert auf der weltberühmten Orgel in der Klosterkirche von Oliva.

Drei unterschiedliche Nachbarn

Die filigrane Drehbrücke von Salvatore Calatrava in Ustka. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Ja, Zoppot ist wunderschön, hat Flair. Moderner präsentiert sich Gdingen (Gdynia), bildet zusammen mit Zoppot und Danzig die Dreistadt. Auffallend sind die schneeweißen, langen Häuserzeilen im Stil der Bauhaus-Architektur. „In Gdingen wird geschoppt, in Zoppot getanzt und in Danzig relaxt“, erzählt Jola, Designerin für extravagante Mode. An Sehenswertem hat Gdingen wenig zu bieten, berühmt ist es für seinen Business-Geist. Dies zeigen die exklusiven Geschäfte in Fußgängerzonen und die spiegelverglasten Firmen- und Bankensitze.

In Gedingen lädt das riesige Piratenschiff zur Hafenrundfahrt ein. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Der Hafen ist voller Kontraste. Weiße Kreuzfahrtschiffe liegen vor grauen Industriebauten, an einem anderen Kai das Dreimast-Segelschulschiff “Dar Pomorza“, im Hintergrund die dichtbewaldete Steilküste von Orlowo.

Wissenswertes zur polnischen Ostsee

Informationen: www.polen.travel

Anreise: Am besten mit dem Auto. Aus allen Regionen bis Stettin fahren, weiter auf der A6 mit Abzweig auf Straße 162 bis Kolberg in 1,5 Stunden. Nach Ustka wieder auf der A6 über Koszalin und Slupsk mit Abzweig auf die 210. Leba erreicht man über Land auf der wunderschönen Straße Nr. 213. Die A6 führt direkt zur Dreierstadt Danzig, Zoppot, Gdingen.

Slowinzischer Nationalpark: Start/Ziel der Wanderdünen am Parkplatz Rabka bei Leba. Länge 14 km, Dauer 4,5 Stunden, Eintritt 1,50 €.

Hauptattraktion in der Klosterkirche von Oliwa ist die weltweit berühmte Orgel. – Foto: Katharina Büttel / Mortimer Reisemagazin

Bootstouren: Von der Anlegestelle an der Danziger Mottlau fahren im Sommer Schiffe zur Westerplatte, nach Zoppot, Gdingen und zur Halbinsel Hel.

Marienburg: Sehr lohnenswert ist ein Ausflug zur Marienburg (Malbork) der Deutschen Ordensritter an der Nogat – 60 km südöstlich von Danzig; Eintritt 13 € inkl. Audioguide oder Führung.

Literatur: „Vom Zauber Danzigs“ – alte und neue Reiseberichte von H.-G. Siegler, als Hardcover im Droste-Verlag erschienen.

Reiseführer: Polnische Ostseeküste, DuMont-Verlag, 19,95 €

Katharina Büttel

lebt und arbeitet als freie Reisejournalistin in Berlin. Über 30 Jahre reist sie für ihre Reportagen und Fotos um die Welt – seit vielen Jahren veröffentlicht sie auch im Mortimer-Reisemagazin.