Der Lechfall in Füssen im Allgäu ist abschließender Höhepunkt auf dem Lechweg. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Zwischen türkisblauem Bergsee und Königsschlössern erzählt der Lechweg eine Geschichte von ungezähmter Natur, alpiner Kultur und moderatem Weitwandern durch zwei Länder und drei Regionen.
Der Formarinsee wurde unlängst zum „schönsten Platz in Österreich“ gekürt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Still und beinahe entrückt liegt der Formarinsee in den Lechtaler Alpen. Die umliegenden Bergkämme spiegeln sich in der glatten Oberfläche. Unweit des Sees, der im Jahre 2025 zum „schönsten Platz in Österreich“ gekürt wurde, tritt das Wasser aus den Felsen hervor, sickert durch Geröllfelder, sammelt sich zwischen Alpenrosen und Edelweiß und formt ein Rinnsal, das bald einen Namen tragen wird: Lech.
Zwei Holzstelen markieren den offiziellen Lechweg-Startpunkt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Auf 1.793 Metern Höhe beginnt hier die Geschichte eines der letzten weitgehend ungezähmten Flüsse Europas. Mit gerade einmal sechs Grad Temperatur macht sich das Wasser auf eine 264 Kilometer lange Reise durch Österreich und Deutschland, bis es schließlich bei Marxheim in die Donau mündet.
Auf den ersten Teilstücken ist der Lech kaum mehr als ein Rinnsal. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Ganz in der Nähe dieses Ursprungs startet der Lechweg, ein 2012 eröffneter Fernwanderweg, der sich über 125 Kilometer bis nach Füssen im Allgäu erstreckt. Es ist eine Route, die nicht nur geografisch verbindet, sondern auch landschaftlich und kulturell. Vorarlberg, Tirol und Bayern verschmelzen hier zu einem vielschichtigen Erlebnisraum, der sich in sechs bis acht Tagen erwandern lässt und dabei eine seltene Balance aus alpiner Ursprünglichkeit und moderater Zugänglichkeit bietet.
Durch stille Höhen
Aufmerksam beobachten die Murmeltiere die Wanderer. -Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Zu Beginn dominiert die Stille. Das Geräusch des Wassers, das Pfeifen der Murmeltiere und das rhythmische Läuten von Kuhglocken bilden die akustische Kulisse einer Landschaft, die sich noch weitgehend unberührt zeigt. Der Weg führt über schmale Pfade talwärts, vorbei an blühenden Wiesen, die nach und nach von Tannen und Kiefern abgelöst werden. Der junge Lech bleibt dabei stets Begleiter, mal sichtbar, mal verborgen, aber immer präsent.
Über weite Strecken führt der Weg über Stock und Stein. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Die Flora und Fauna entlang des Flusses zeugen von Ursprünglichkeit; mit etwas Glück lassen sich eine der größten Steinbock-Kolonien Europas, seltene Vogelarten und eine beeindruckende Vielfalt an Pflanzen beobachten, die sich an die dynamische Flusslandschaft angepasst haben.
Markante Lech-Querung in Lech am Arlberg ist die historische Tannbergbrücke. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Nach rund 15 Kilometern öffnet sich die Szenerie und gibt den Blick frei auf Lech am Arlberg. Der Ort wirkt wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zur rauen Natur. Gepflegte Holzhäuser mit üppigem Blumenschmuck säumen die Straßen, Geranien leuchten von Balkonen, und die Geschichte ist allgegenwärtig. Die Tannbergbrücke aus dem Jahr 1665 spannt sich über den Fluss, während die Pfarrkirche St. Nikolaus auf eine über 600-jährige Vergangenheit zurückblickt. Dass Lech einst zum schönsten Dorf Europas gekürt wurde, erscheint angesichts dieser Kulisse weniger wie eine Auszeichnung, sondern wie eine logische Konsequenz.
Dramatische Landschaften und alpine Ingenieurskunst
Mehr und mehr wächst der Lech zu einem stattlichen Fluss an. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Hinter Lech verändert sich der Charakter der Route spürbar. Der Weg gewinnt an Dramatik, führt über weiche Waldböden und entlang steiler Hänge, hoch über einem tief eingeschnittenen Canyon. Immer wieder öffnen sich spektakuläre Ausblicke auf den Lech, der sich mit wachsender Kraft durch das Tal bewegt. Warth, Steeg und schließlich Holzgau markieren Stationen entlang dieses Abschnitts durch Vorarlberg und Tirol, jede mit eigener Identität, aber verbunden durch den Fluss.
Warth besticht mit einer Reihe von Walser-Häusern. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Holzgau sticht besonders hervor. Die kunstvoll verzierten Fassaden mit Lüftlmalerei verleihen dem Ort eine fast märchenhafte Anmutung. Doch das eigentliche Highlight liegt etwas außerhalb: die Hängebrücke über die Höhenbachschlucht. Mit 200 Metern Länge und 105 Metern Höhe zählt sie zu den spektakulärsten Fußgängerbrücken Österreichs. Der Blick in die Tiefe, auf den Simms-Wasserfall, der sich 30 Meter hinabstürzt, ist ebenso beeindruckend wie herausfordernd. Hier zeigt sich, wie eng Naturerlebnis und ingenieurtechnische Meisterleistung miteinander verwoben sein können.
Ein Fluss wird erwachsen
Rund 4.400 Meter Steigungen sind entlang des Fernwanderweges zu bewältigen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Je weiter der Weg Richtung Nordosten führt, desto deutlicher verändert sich der Lech. Aus dem wilden Gebirgsbach wird ein breiter, kraftvoller Fluss, der das Tal prägt. Kiesbänke entstehen, Inseln formen sich, und das Wasser gewinnt an Dynamik. Die Landschaft öffnet sich, wird weitläufiger, fast sanfter, ohne dabei an Reiz zu verlieren.
Holzgau ist bekannt für seine mit Lüftlmalerei verzierten Hausfassaden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
In Elbigenalp, dem geografischen Mittelpunkt des Lechwegs, trifft Natur auf Geschichte. Der Ort ist untrennbar mit der mutigen Anna Stainer verbunden, die sich 1858 über steile Felsen abseilte, um einen Adlerhorst auszunehmen und damit als „Geierwally“ zur Legende wurde. Diese Geschichte ist bis heute lebendig, nicht nur in Erzählungen, sondern auch auf der Freilichtbühne, wo sie jeden Sommer neu interpretiert wird.
Zwischen Tradition und Weitblick
Die Hängebrücke in Holzgau ist nur etwas für Schwindelfreie. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Die folgenden Etappen führen durch eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft über Häselgehr, Stanzach und Weißenbach in Richtung Reutte. Der Lech bleibt dabei stets präsent, mal ruhig dahinfließend, mal kraftvoll rauschend. Ein Abstecher auf den Hahnenkamm eröffnet neue Perspektiven. In wenigen Minuten bringt eine Gondel Wanderer auf über 1.700 Meter Höhe, wo sich ein Panorama entfaltet, das die Dimension dieser Region eindrucksvoll verdeutlicht.
In den Abendstunden gibt sich das Lechtal bisweilen überaus dramatisch und stimmungsvoll. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Der Weg selbst bleibt abwechslungsreich, wechselt zwischen Höhenwegen, Uferpfaden und Forststraßen. Immer wieder sind es die kleinen Details, die in Erinnerung bleiben: das Lichtspiel auf dem Wasser, der Duft von feuchtem Waldboden, das leise Knirschen von Kies unter den Schuhen.
Finale mit königlichem Blick
Das berühmte Schloss Neuschwanstein liegt nur wenig Hundert Meter vom Lechweg entfernt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Auf der letzten Etappe verändert sich die Szenerie erneut. Der Übergang nach Deutschland erfolgt beinahe unbemerkt, als wäre er nur eine weitere Kurve im Flusslauf. Doch dann taucht plötzlich zwischen Baumwipfeln der Alpsee auf, und kurz darauf erscheinen die Märchenschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein. Nach einem letzten Anstieg zum Kalvarienberg führt der Weg hinab zum Lechfall in Füssen, wo der Fluss seinen wilden Charakter verliert und gezähmt weiter Richtung Donau fließt.
Auf der Schlussetappe sind nochmal einige Höhenmeter zu bewältigen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Der Weg führt weiter über den Kalvarienberg, von dem aus sich ein letzter, weiter Blick über das Alpenvorland eröffnet. Schließlich endet die Wanderung am Lechfall in Füssen im Allgäu. Hier verliert der Fluss seinen wilden Charakter, wird gezähmt, reguliert, in geordnete Bahnen gelenkt. Es ist ein symbolischer Abschluss, der den Kontrast zwischen Ursprung und Nutzung eindrucksvoll sichtbar macht.
Zwischen Naturerlebnis und Kulturschock
Ab Füssen besitzt der Lech einen ganz neuen Charakter. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Füssen selbst bildet mit seiner prachtvollen Altstadt mit ihren historischen Gebäuden, dem Hohen Schloss und der Vielzahl internationaler Besucher einen starken Kontrast zur Ruhe der vergangenen Tage. Nach der Abgeschiedenheit der Berge wirkt dieser Übergang fast abrupt, beinahe wie ein Kulturschock.
Auf den 125 Kilometern von Vorarlberg ins Allgäu wechseln anspruchsvolle und wenig anspruchsvolle Abschnitte. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Gerade dieser Kontrast macht den Lechweg jedoch so besonders. Er ist mehr als nur ein Wanderweg. Er ist eine Reise durch unterschiedliche Landschaftsräume, durch Geschichte und Gegenwart, durch Stille und Bewegung. Vor allem aber ist er eine Hommage an einen Fluss, der sich über weite Strecken seine Ursprünglichkeit bewahrt hat und damit zu den letzten seiner Art in Europa zählt.
Das L-Zeichen auf Bäumen, Steinen und Schildern erleichtert die Orientierung. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Die Chalets sind ideal für alle, die Ruhe und Individualität suchen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Direkt am Lechweg in Lech am Arlberg findet sich mit der Lech Lodge eine ganz besondere Unterkunft, die sich nicht nur für die ersten beiden Übernachtungen eignet. Drei individuelle, voll ausgestattete Chalets und ein Loft mit jeweils zwei bis vier Schlafzimmer garantieren Erholungen und Privatsphäre. Ein kleiner Pool und private Saunen sowie Dampfbäder gehören ebenso zur Ausstattung wie der Gute-Fee-Service, bei dem eine aufmerksame Servicekraft auf Wunsch kocht und alles, was der Gast begehrt, organisiert. Die alpenländische gehaltenen Chalets liegen keine zehn Gehminuten vom Zentrum von Lech am Arlberg entfernt.
Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung vom Verein Lechweg in Zusammenarbeit mit Lechtal Tourismus und AHM Kommunikation statt.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
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