Gigantische Sprachenvielfalt in Vanuatu

Vanuatu
Das kleine Vanuatu begeistert mit Traumstränden und einer ungeahnten Sprachenvielfalt. – Foto: Melissa Finley / Vanuatu Tourism Office

Auf Vanuatu werden bis zu 140 verschiedene Sprachen gesprochen – so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Der pazifische Inselstaat begeistert Reisende mit außergewöhnlicher kultureller Vielfalt, der Kreolsprache Bislama und einer jahrhundertealten Tradition der Verständigung durch Sandzeichnungen.

Sprachvielfalt auf engstem Raum

Wer durch Vanuatu reist, begegnet nicht nur tropischen Landschaften und aktiven Vulkanen, sondern auch einem kulturellen Phänomen, das weltweit nahezu einzigartig ist: Auf dem Inselstaat im Südpazifik existiert die höchste Sprachendichte der Erde. Auf den 83 Inseln leben rund 320.000 Menschen auf einer Fläche von etwas mehr als 12.000 Quadratkilometern – und dennoch werden hier bis heute zwischen 100 und 140 verschiedene indigene Sprachen gesprochen.

Junge Männer auf Pentecost Island – für sie ist auch die Musik eine Sprache. – Foto: Vanuatu Tourism Office

Die außergewöhnliche sprachliche Vielfalt reicht weit in die Vergangenheit zurück. Vor etwa 3.000 Jahren besiedelten unterschiedliche ozeanische Völker die Inselgruppe und brachten ihre eigenen Traditionen, Lebensweisen und Sprachen mit. Da Vanuatu über Jahrhunderte hinweg nur wenig Kontakt zur Außenwelt hatte und sich zwischen den Inseln kein intensiver Handelsverkehr entwickelte, konnten sich die einzelnen Sprachgemeinschaften weitgehend unabhängig voneinander entfalten. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Mosaik aus Dialekten und Sprachen, das bis heute lebendig geblieben ist.

Mehrsprachigkeit als Teil des Alltags

Der Sprachforscher Russell Gray, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Leipzig, untersuchte die Sprachlandschaft Vanuatus intensiv. Dabei stellte er fest, dass die sprachliche Vielfalt nicht zwangsläufig mit sozialer Isolation einhergeht.

Überaus aufgeschlossen geben sich die Menschen in Vanuatu. – Foto: Vanuatu Tourism Office

„In Vanuatu spiegeln die verschiedenen Sprachen keine isolierten sozialen Gruppen wider“, erklärte Gray. Vielmehr sei Mehrsprachigkeit im Alltag selbstverständlich. Die Menschen beherrschen häufig mehrere benachbarte Sprachen und überschreiten kulturelle sowie sprachliche Grenzen regelmäßig – nicht zuletzt, weil traditionell viele Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Sprachgemeinschaften geschlossen werden.

Kommunikation mit Sand und Symbolen

Wo Worte einst nicht ausreichten, fanden die Bewohner kreative Wege der Verständigung. Eine besondere Rolle spielten dabei kunstvolle Sandzeichnungen, die mit einer einzigen, durchgehenden Linie in den Boden gezeichnet werden. Diese komplexen Symbole dienten als Kommunikationsmittel, zur Wissensvermittlung und als Ausdruck kultureller Identität. Die Tradition wird bis heute gepflegt und wurde 2003 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Bislama – die Sprache eines ganzen Landes

Auch die Sandmalerei ist eine Art der Verständigung. – Foto: Vanuatu Tourism Office

Mit der Unabhängigkeit Vanuatus im Jahr 1980 stellte sich die Frage nach einer gemeinsamen Sprache für Verwaltung und Gesellschaft. Die Wahl fiel auf Bislama, eine Kreolsprache, die heute neben Englisch und Französisch zu den offiziellen Amtssprachen gehört. Im Alltag dominieren jedoch die lokalen Sprachen und Bislama; Englisch und Französisch spielen eine deutlich geringere Rolle.

Interessanterweise bedeutet der Name „Vanuatu“ in Bislama so viel wie „unser Land“. Dennoch wächst weniger als ein Drittel der Bevölkerung mit Bislama als Muttersprache auf, während die Mehrheit zunächst eine der traditionellen indigenen Sprachen erlernt.

Wie Bislama entstand

Traumstrände bereiten nicht nur dem Nachwuchs große Freude. – Foto: Vanuatu Tourism Office

Die Entstehung von Bislama ist eng mit der Kolonialgeschichte der Inseln verbunden. Nachdem europäische Seefahrer die Inselgruppe im 18. Jahrhundert erreichten und sie als „Neue Hebriden“ bezeichneten, wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche Bewohner Vanuatus als Arbeitskräfte auf Plantagen in Australien und Fidschi eingesetzt.

Dort trafen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache aufeinander und entwickelten eine gemeinsame Verständigungssprache. Aus diesem Sprachmix entstand Bislama, dessen Wortschatz überwiegend auf dem Englischen des 19. Jahrhunderts basiert, ergänzt durch französische Einflüsse und lokale Elemente. Der Name der Sprache soll auf die Arbeit vieler Plantagenarbeiter zurückgehen, die Seegurken ernteten und trockneten. Das französische Wort „bêche-de-mer“ entwickelte sich über verschiedene Lautformen schließlich zu „Bislama“.

Wenn Augenbrauen mehr sagen als Worte

Frauen auf Moto Island. – Foto: Vanuatu Tourism Office

Selbst Reisende, die keine der lokalen Sprachen sprechen, werden auf Vanuatu schnell feststellen, dass Kommunikation hier weit über Worte hinausgeht. Mimik und Gestik gehören selbstverständlich zum Alltag. Ein kurzes Heben der Augenbrauen kann bereits eine Begrüßung sein, ein Lächeln ersetzt oft ganze Sätze. Diese universelle Sprache macht Begegnungen auch ohne gemeinsame Wörter überraschend einfach.

Wer dennoch einige Begriffe lernen möchte, wird feststellen, dass Bislama vergleichsweise leicht zugänglich ist. „Halo“ bedeutet Hallo, mit „Yu olraet?“ fragt man nach dem Befinden seines Gegenübers, und für ein herzliches Dankeschön genügt „Tankio Tumas“. Verabschiedet wird sich mit „Tata“ oder dem freundlichen „Lukim yu“ – bis später. Vielleicht sind es genau diese kleinen sprachlichen Begegnungen, die eine Reise durch Vanuatu so besonders machen: In kaum einem anderen Land wird die Vielfalt menschlicher Kommunikation so lebendig und selbstverständlich gelebt wie hier. Weitere Informationen unter www.welkamvanuatu.travel.

Mortimer

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