St. Andrews – Meer, Mythen und Magie

St. Andrews
Direkt am Meer erheben sich die Reste von St. Andrews Castle. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Rauer Wind, königliche Spuren und das leise Echo von Jahrhunderten: St. Andrews ist mehr als die Heimat des Golfsports. Die kleine Küstenstadt in Fife verbindet akademische Tradition, mittelalterliche Macht und britische Monarchie zu einer Reise in die Tiefe der schottischen Seele.

St. Andrews
Zu den Landmarken in St. Andrews gehört das Piliem Gate, auch bekannt als West Port. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der permanent wehende Wind trägt den salzigen Geruch der Nordsee über die Dünen. Möwen ziehen kreischend ihre Bahnen, während die ersten Sonnenstrahlen die alten Steinfassaden von St. Andrews in stimmungsvolles Licht tauchen. Eilige Schritte hallen durch die Gassen der alt-ehrwürdigen Universitätsstadt, über deren Kopfsteinpflaster schon Könige, unzählige Studenten und Seefahrer gestiefelt sind. Dabei besticht das 17.000-Seelen-Nest an der Ostküste Schottlands voller Stolz mit einer Mischung aus mittelalterlicher Architektur, historischen Monumenten, akademische Traditionen und als Wiege des Golfsports.

Mittelalterliche Spuren

St. Andrews
Die alte Kathedrale versprüht noch immer eine besondere Atmosphäre. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Ruinen der St. Andrews Cathedral, einst die größte Kirche Schottlands, dominieren bis heute das Stadtbild. Im Mittelalter war sie Ziel unzähliger Pilger, heute ragen ihre Reste wie ein steinernes Skelett in den Himmel. Gras erobert Stück für Stück die Grundmauern und Möwen hocken mit aufmerksamen Blick auf den zerfallenen Bögen. Der Aufstieg über eine Wendeltreppe auf den gut erhaltenen St. Rule’s Tower belohnt mit einem weiten Blick über die Reste des einst mächtigen Gotteshauses, die Stadt und das Meer.

Auch historische Grabsteine sind auf dem Gelände der Kathedrale zu finden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige Gehminuten entfernt klammert sich St. Andrews Castle an die Klippen. Die Mauern erzählen von Belagerungen, Intrigen und religiösen Konflikten. Besonders eindrücklich sind die unterirdischen Tunnel und das sogenannte „Bottle Dungeon“, ein dunkler, enger Kerker, der einem fast unweigerlich einen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Heiliger Rasen am Meer

St. Andrews Castle wirkt in Teilen noch immer trutzig. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ebenfalls direkt am Meer liegt mit dem Old Course ein Ort, der für Golfer von beinahe sakraler Bedeutung ist: Der älteste Golfplatz der Welt vermittelt mit seinen offenen Fairways und charakteristischen Bunkern ein Bild, das sich über Jahrhunderte kaum verändert hat. Dabei gilt insbesondere die markante Swilcan Bridge aus dem 18. Jahrhundert als Symbol für die (inoffizielle) Hauptstadt des Golfsports.

Der legendäre Old Course ist so etwas wie die „Mutter aller Golfplätze“. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der ständige Wind avanciert auf dem Old Course zu einem unberechenbarer Einflussfaktor, zumal Bälle mitunter Richtungen einschlagen, die selbst gestandene Profis nicht zu berechnen vermögen und verzweifeln lassen. Doch genau das macht den Reiz aus: Wer in St. Andrews Golf spielt, tritt nicht einfach gegen den Platz an, sondern auch gegen die Elemente.

Selbsternannter Grashüter

Die Windbedingungen machen den Old Course besonders anspruchsvoll. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der am Old Course ansässige Royal and Ancient Golf Club, gegründet im Jahre 1754, zählt zu den einflussreichsten Institutionen des Golfsports und prägt das Bild der Stadt, auch wenn das Clubhaus selbst nicht öffentlich zugänglich ist. Der Club versteht sich als Hüter des Golfsports, als Bewahrer der Regeln und als moralische Instanz, die darüber wacht, dass das Spiel nicht zu sehr verwässert wird.

Geballte Golfgeschichte

Der Old Course ist so etwas wie ein Mekka des Golfsports. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Derweil erzählt das nahegelegene British Golf Museum die Geschichte des Sports mit einer Mischung aus Stolz und britischem Understatement. Alte Schläger, kuriose Bälle, historische Anekdoten und moderne Technik verschmelzen zu einer Ausstellung, die selbst Golfmuffel zum Schmunzeln bringt. Besonders charmant ist die Erkenntnis, dass Golf früher ein Spiel war, das mit improvisierten Schlägern und viel Fantasie betrieben wurde – ein Kontrast zur heutigen Hightech-Welt, der Besucher mit einem wohligen, fast schon romantischen Gefühl von Nostalgie erfüllt.

Akademische Tradition

Das Golf Museum erzählt anschaulich die Geschichte des Sports. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Geprägt wird das Bild der Küstenstadt ganz entscheidet auch von der University of St Andrews. Die bereits im Jahre 1413 gegründete Lehranstalt gilt als älteste wie renommiertesten Universität in Schottland. Ihre Colleges und Fakultätsgebäude prägen das Bild der Stadt nachhaltig. Die Atmosphäre ist dominiert von einer Mischung aus akademischer Strenge und studentischer Lebensfreude.

Vermeintlicher Unglücksbringer

Nicht nur den Royal & Ancient Golf Club umgibt eine elitäre Aura. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Traditionen wie die „Raisin Weekend“-Feierlichkeiten, bei denen Erstsemester von ihren akademischen Mentoren mit skurrilen Aufgaben bedacht werden, verleihen der Universität einen Hauch von anarchischem Humor. Ein Kuriosum ist zudem der „PH-Stein“ vor dem St. Salvator’s College. Die im Straßenpflaster eingelassene Abkürzung soll an Patrick Hamilton, einen protestantischen Märtyrer, erinnern, der dort 1528 verbrannt wurde. Der Legende nach ist derjenige, der auf die Buchstaben tritt, vom Pech verfolgt.

Royales Liebesgeflüster

Das betreten des PH-Steins soll der Legende nach Unglück bringen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Internationale Aufmerksamkeit erhielt die Universität daneben durch die Verbindung zur britischen Königsfamilie. Prinz William und Catherine Middleton lernten sich hier kennen – eine moderne Liebesgeschichte mit globaler Wirkung. Die Stadt trägt diesen Umstand mit einer Mischung aus Stolz und Gelassenheit, als sei es das Normalste der Welt, dass sich zukünftige Monarchen zwischen Vorlesungen und Strandspaziergängen verlieben.

Unter königlicher Obhut

Auch stattliche Herrenhäuser sind in St. Andrews zu finden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Verbindung zur Krone reicht jedoch weiter zurück: Schon im Mittelalter genoss die Universität königlichen Schutz. Noch heute umweht die Stadt ein Hauch von höfischer Disziplin und Tradition. Wer aufmerksam durch die Straßen geht, begegnet Studierenden in roten Talaren, hört von jahrhundertealten Ritualen und spürt, wie ernst hier Geschichte und Tradition genommen werden – ohne verstaubt zu wirken.

Klein, aber fein

Einige beeindruckende Häuser ducken sich in der Altstadt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Durchaus charmant gibt sich die Altstadt mit ihren schmalen Gassen, traditionellen Steinhäusern und kleinen Geschäften. Kopfsteinpflaster, gotische Bögen, viktorianische Fassaden und moderne Cafés fristen hier ein entspanntes Nebeneinander. Besonders beliebt sind die kleinen Bäckereien, die Shortbread in Variationen anbieten, die von klassisch bis experimentell reichen.

Kulinarische Entdeckungen

Die Fischerei spielt heutzutage nur noch eine untergeordnete Rolle. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Unabhängig davon bietet St. Andrews kulinarische Erlebnisse, die weit über das Klischee von Fish and Chips hinausgehen. Wer mutig ist, probiert Haggis; ansonsten stehen natürlich fangfrischer Fisch und Lammgerichte ganz oben auf der Speisekarte.

Natürlich darf auch Haggis als „Nationalgericht“ nicht fehlen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

So kombiniert das „Forgan’s“ im Herzen der Altstadt traditionelle schottische Küche mit zeitgenössischem Design, während sich „The Adamson“ mit moderner Küche in einem eleganten Ambiente als feste Größe etabliert hat.

Beliebte Durstlöscher

Auch an gemütlichen Pubs mangelt es nicht.

Für einen authentischen Pub-Besuch eignet sich „ThCentral“, ein traditioneller Treffpunkt mit regionalen Bieren und klassischer Atmosphäre. „The Keys Bar“ ist bei Einheimischen beliebt und bietet eine große Auswahl an Whiskys. Wer studentisches Flair erleben möchte, findet im „The Whey Pat Tavern“ eine lebendige Mischung aus Einheimischen und Universitätsangehörigen.

Zwischen Wind und Wellen

Der Küstenabschnitt in St. Andrews ist gezeitenabhängig. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Und dann ist da noch der West Sands Beach, jener kilometerlange Strand, der durch den Film „Die Stunde des Siegers“ weltberühmt wurde. Empfehlenswert ist hier eine Wanderung entlang des Fife Coastal Path, von dem aus sich faszinierende Blicke auf Klippen, Vogelkolonien und das offene Meer bieten.

Entlang der Küste laden ausgedehnte Wanderwege zu Erkundungstouren ein. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: www.visitstandrews.com

Nur noch wenige Fischerboote gehen von St. Andrews aus auf Fang. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

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Buchtipp für Schottland-Liebhaber

Das andere SchottlandSchotten sind angeblich geizig. Die Männer tragen Röcke, blasen auf dem Dudelsack und wirbeln Baumstämme durch die Lüfte. Sie lieben den Genuss von Whisky, frittierten Mars-Riegeln und von mit Innereien gefüllten Schafsmägen. Zu den Hobbys vieler Schotten zählt das Sammeln von Bergen. Keine Frage, mit ihren liebenswerten Eigenarten und Schrulligkeiten wissen die gerade einmal 5,2 Millionen Schotten große Sympathien für ihr kleines Land zu wecken. Als liebevolle Hommage an die raubeinigen Nordeuropäer verrät Das andere Schottland von Mortimer-Reisemagazin-Redakteur Karsten-Thilo Raab viel Interessantes, Kurioses und Unterhaltsames über Schottland, seine Bewohner und ihre Lebensgewohnheiten. Ein Buch, das mit Klischees über Schotten geizt, aber sonst kaum etwas Wissenswertes und Amüsantes ausspart.

Das amüsante wie informative Brevier über die Schotten widmet sich launig wichtigen Aspekten rund um das Wetter. Schließlich lassen sich in Schottland nicht selten alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Und so wird die Erfindung des Regelmantels ebenso beleuchtet wie das Phänomen der witterungsbedingten Schrumpfungsprozesse bei Schafen. Dann wiederum ist zu erfahren, wie man ohne große Aufwand einen Adelstitel in Schottland erhalten kann, wie der trostloseste Ort einen Gleichgesinnten gefunden hat und wo die Pilgerstätte für Liebende liegt. Auch die berühmteste und wohl kurioseste Bushaltestellen der Welt fand Eingang in die etwas andere Liebeserklärung an das kleine Land im Norden von Großbritannien.

Erhältlich ist Das andere Schottland (ISBN 978-3-7115-2982-4) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online etwa bei Thalia oder Amazon.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.