
Als nordöstliche Tor Siziliens gilt Messina als Stadt des Übergangs – zwischen Mythos und Moderne, antiker Sage und mediterranem Lebensgefühl, Meer und Gebirge, Katastrophe und Aufbruch.
Gerade einmal drei Kilometer trennen Sizilien an der engsten Stelle vom italienischen Festland. Während die Fähre im gemächlichen Tempo durch das tiefblaue Nadelöhr der Straße von Messina pflügt, blickt die goldene Madonna an der Hafeneinfahrt ein wenig erhaben und stolz zugleich auf die einlaufenden Boote und Schiffe herab. Messina riecht nach Diesel, Salz und frisch gebackenen Arancini, jenen fast schon legendären frittierten, gefüllten Reisbällchen, die unbedingt probiert werden wollen. Kaum angelandet, geben die meisten direkt Fersengeld, um zu den Postkartenmotiven von Taormina oder an die Hänge des Ätnas zu gelangen, ohne der 215.000-Seelen-Gemeinde auch nur eines Blickes zu würdigen. Ein Fehler. Denn die Hafenstadt ist Siziliens wohl bestgehütetes Geheimnis.
Mythen der Meerenge

Schon in der Antike wurde Messina als Tor zwischen zwei Welten besungen. Die alten Griechen erzählten sich, dass hier die Seeungeheuer Skylla und Charybdis lauerten – Sinnbilder für die Gefahren des Meeres und des Lebens. Noch heute scheinen Meer und Wind an manchen Tagen das alte Echo dieser Sagen zu bewahren. Die Gischt, die an die Hafenmauer schlägt, erinnert an jene Urgewalt, die seit Jahrtausenden den Rhythmus bestimmt. Auch wenn die Meerenge, die das Tyrrhenische vom Ionischen Meer trennt, auf den ersten Blick friedlich wirkt, sind ihre Strömungen doch äußerst tückisch und haben seit Jahrhunderten die Seefahrer auf besondere Art und Weise herausgefordert.
Auferstanden aus Ruinen

Kaum eine Stadt im Mittelmeerraum wurde so oft erschüttert – buchstäblich und im übertragenen Sinn. Das Erdbeben von 1908 zerstörte Messina fast vollständig. Über 80.000 Menschen ließen ihr Leben, ganze Straßenzüge versanken in Schutt und Staub. Doch aus den Ruinen erhob sich eine neue Stadt, moderner, offener, zugleich stolz auf ihre Vergangenheit. Heute zeigt sich Messina, das seine Narben nicht verstecken kann und will, als Mosaik aus Epochen: barocke Fassaden neben rationalistischen Fassaden der 1930er-Jahre, byzantinische Spuren neben klaren Bauformen des Wiederaufbaus.
Gelebte Kaffeekultur

Wer durch die weiten, in Teilen gesichtslosen Alleen flaniert, die nach dem verheerenden Erdbeben im großzügigen Liberty-Stil neu angelegt wurden, spürt eine eigentümliche Weite. Straßenbahn- und Bushaltestellen sind mit zeitgenössischer Kunst veredelt und in den Cafés rund um die Piazza Cairoli wird die Granita mit einer Ernsthaftigkeit serviert, die andernorts Staatsbesuchen vorbehalten ist. Besonders die Kaffeegranita mit einem großzügigen Klecks frisch geschlagener Sahne und einer warmen Brioche erweist sich als perfekte Symbiose aus Kälte und Wärme, aus der Herbheit des Kaffees und der Süße des Gebäcks.

In den Restaurants der Stadt wird vor allem Fisch in unzähligen Variationen angeboten. Mal klassisch gegrillt, mal als Involtini mit Pinienkernen und Rosinen gefüllt. Es ist eine Küche der Kontraste, die das Erbe der Araber, Normannen und Spanier in sich vereint. Pesce spada, der Schwertfisch, ist hier nicht nur ein Gericht, sondern eine Institution und gehört zu Messina wie die Meerenge selbst.
Der Puls am Domplatz

Das Herzstück der Stadt bleibt unverrückbar der Domplatz. An der prachtvoll angelegten Piazza del Duomo scheint die Zeit eine andere Qualität zu besitzen, was vor allem an der astronomischen Uhr im Glockenturm liegt, die als größte und komplexeste ihrer Art weltweit gilt. Punkt zwölf Uhr mittags versammeln sich Neugierige, um das mechanische Wunderwerk zu bestaunen. Wenn der goldene Löwe brüllt und der Hahn kräht, während biblische Figuren ihren Reigen ziehen, vermischen sich Technik des frühen 20. Jahrhunderts mit tief verwurzeltem Glauben.

Die Kathedrale selbst, mehrmals zerstört und immer wieder mühsam Stein für Stein aufgebaut, ist ein Symbol der Resilienz. In ihrem kühlen Inneren findet man Zuflucht vor der flirrenden Mittagshitze und kann die stille Pracht der Mosaike, Fresken und Goldornamente bewundern.
Kultur mit Weitblick

Messina war schon immer ein Ort der Begegnung. Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Normannen – alle hinterließen Spuren. Diese Vielfalt prägt bis heute das Stadtbild. Die Universität, eine der ältesten Italiens, zieht junge Menschen aus aller Welt an. In den Gassen hört man ein babylonisches Gemisch aus Dialekten und Sprachen, das der Stadt einen unverkennbar internationalen Klang verleiht.

Theater, Museen und Musik haben ihren festen Platz. Das Teatro Vittorio Emanuele beeindruckt mit seiner neoklassizistischen Pracht und einem Deckengemälde von Giuseppe Sciuti, das die Stadt als mythologisches Wesen zeigt. Im Regionalmuseum lässt sich Caravaggios dramatisches Spiel von Licht und Schatten erleben – ein Hinweis darauf, dass Messina nicht nur geografisch zwischen Hell und Dunkel, Europa und Afrika, Stabilität und Wandel liegt.

Ein Spaziergang entlang der Uferpromenade führt direkt zum Brunnen des Neptun. Der Meeresgott steht dort mit gebieterischer Geste, als wolle er die wilden Wasser der Meerenge beschwichtigen. Es ist eine Darstellung von Macht und Schutz, die perfekt zur Geschichte der Stadt passt. Messina war immer das Tor, durch das Eroberer, Händler und Mythen gleichermaßen schritten.
Meer, Märkte, Menschen

Wenn sich der Tag dem Ende neigt, empfiehlt sich ein Aufstieg zu den höher gelegenen Vierteln oder zur Kirche Cristo Re. Von dort oben bietet sich ein herrliches Panorama wie auch von der Aussichtsplattform der Madonna della Lettera, von wo der Blick über den Hafen und weit über die Stadt hinaus schweift. Unten glitzern die Lichter, oben breitet sich die Dunkelheit des Tyrrhenischen Meeres aus. Und wer weiß, vielleicht tauchen im Schutz der Nacht die Seeungeheuer Skylla und Charybdis tatsächlich auf…

Informationen: https://visitme.comune.messina.it und www.visitsicily.info

Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.