Traditioneller Kopfschmuck und die mit Otjize-Paste eingeriebenen Haare kennzeichnen die Himba. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Im Nordwesten Namibias, wo das ausgetrocknete Bett des Hoanib-Flusses sich wie eine Lebensader durch eine der unwirtlichsten Landschaften der Erde zieht, flimmert die Luft in der unbarmherzigen Mittagshitze. Hier, zwischen schroffen Bergen und staubigen Wüstenbänken liegt die Heimat der Himba. Das halbnomadische Hirtenvolk trotzt der Moderne seit Jahr und Tag mit einer faszinierenden Mischung aus Stolz und Gelassenheit.
Ein Hauch von Ocker
Das Erste, was in der Weite der Wüste ins Auge fällt, ist die Farbe. Ein tiefes, warmes Rotbraun, das perfekt mit den umliegenden Felsen harmoniert. Es ist die Haut der Himba-Frauen, die intensiv im Sonnenlicht leuchtet. Zwei-, dreimal am Tag reiben sie ihren Körper mit „Otjize“ ein, einer feinen Mischung aus Ockerstaub und dem duftenden Harz des Omuvumba-Strauches. Diese dient als hocheffektiver Schutz gegen die erbarmungslose afrikanische Sonne und lästige Insekten. Da Wasser in dieser ariden Region kostbarer ist als Gold, ist das traditionelle Waschen tabu. Stattdessen nutzen die Frauen den Rauch von glühenden Kräutern für ein rituelles Trockenbad, das einen herbsüßen, fast mystischen Duft in den Hütten hinterlässt.
Einfache Behausung
Die Behausungen sind überaus einfach und ohne jeglichen Komfort. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Ein Dorf der Himba, das Onganda, besteht aus einem fast kreisrunden Holzzaun, der Mensch und Vieh vor Raubtieren schützen soll. Die überaus einfachen Hütten sind locker innerhalb der Umzäunung verteilt und bestehen aus kunstvoll geflochtenen Mopane-Zweigen, die mit einer Mischung aus Lehm und Rinderdung verputzt sind. So einfach die Wände gehalten sind, so erstaunlich gut sind diese dank der Naturmaterialien isoliert. Möbel im klassischen Sinne gibt es nicht. Die Himba sitzen und schlafen auf dem Boden. Auch die Mahlzeiten sind überaus simpel. Die Himba ernähren sich fast ausschließlich vom Fleisch ihrer Rinder und einem Brei aus Maismehl und saurer Milch.
Das eigentliche Herzstück des Dorfes ist das Okuruwo, das heilige Feuer. Es darf niemals ganz erlöschen, denn es symbolisiert die ununterbrochene Verbindung zu den Ahnen und dem Schöpfergott Mukuru. Hier wird jeden Morgen der Segen für die Rinder erbeten, die neben einer Handvoll Ziegen den eigentlichen Reichtum und den sozialen Status der Familien darstellen. Ohne die Herden gäbe es kein Überleben in dieser kargen Wildnis, in der Elefanten und Wüstenlöwen nachts an den Zäunen vorbeiziehen.
Modernes Frühwarnsystem
Das kleine, runde Dorf liegt im Schatten eines Berges. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Tagsüber dürfen die Rinder frei umherlaufen und im Umfeld grasen; werden dabei von einem Hirten begleitet. Nachts werden die Tiere innerhalb der Umzäunungen gehalten. Mittlerweile gibt es dank der Unterstützung durch Camp-Betreiber wie Natural Selection, das in diesem entlegenen wie malerischen Teil Namibias das Hoanib Elephant Camp unterhält, eine GPS-gesteuertes Frühwarnsystem, dass die Himba informiert, sobald sich ein Löwe dem Dorf nähert. Dann werden die Tiere in Windeseile in die Umzäunung getrieben.
Zwischen Tradition und Moderne
Der dicke Reif am Hals zeigt u. a. an, dass der Junge noch unverheiratet ist. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Trotz der extremen Abgeschiedenheit ist das Hoanib-Tal keine isolierte Blase. Die globale Welt klopft auch an die Türen der Himba. Manchmal blitzt unter dem traditionellen Lederrock, dem „Erembe“, ein Mobiltelefon auf, oder ein Jugendlicher trägt stolz ein westliches T-Shirt, während er die Ziegen oder Rinder hütet. Derweil werden die komplexen, geflochtenen Frisuren der Frauen und Jugendlichen, die präzise Auskunft über deren Alter, Familienstand und sozialen Rang geben, mit derselben Akribie gepflegt wie vor Hunderten von Jahren.
Namensgebung für ein Neugeborenes
Stolz zeigt Kavevaku ihren kleinen, noch namenlosen Sohn. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Heute liegt eine besondere Elektrizität in der flimmernden Mittagsluft, denn am heiligen Feuer des Kraals steht ein seltenes, tief berührendes Ritual bevor: Eine neugeborene Seele soll in die Gemeinschaft der Lebenden und der Ahnen aufgenommen werden. Die Frauen sitzen im Schatten der Hütten. Es herrscht ein lebendiges, rhythmisches Gemurmel, unterlegt vom fernen Brüllen der mageren Rinder.
Eine besondere Ehre
In den selbstgebauten Hütten gibt es weder Fenster noch Strom oder Wasser. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Eigentlich obliegt es dem Dorfältesten, dem neuen Erdenbürger einen Namen zu geben. Doch die Frauengemeinschaft um Uahungouanga, Mukaa, Mamero sowie der jungen Mutter Kavevaku hat zusammen mit Vengil, dem Dorfältesten, beschlossen, dass diese besondere Ehre heute dem Verfasser dieser Zeilen zuteilwerden soll. Schon wird ihm das wenige Wochen alte Kleinkind übergeben. Während ich gemächlichen Schrittes zum ewigen Feuer schreitet, um mit dem Baby im Arm auf einem Holzstamm Platz zu nehmen, suche ich fieberhaft nach einem passenden Namen für das Bündel.
Besondere Verantwortung
Der Schmuck symbolisiert die gesellschaftliche Stellung. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Mir ist klar, der Name sollte einprägsam und leicht zu artikulieren sein – zumal den Himba-Frauen die unteren Schneidezähne entfernt wurden, was die Aussprache bestimmter Wörter erschwert. Mit der Namensgebung wird gleichzeitig um Schutz vor den Gefahren der Wüste, vor Dürre, Löwen und Krankheiten für den kleinen Jungen gebeten. Erst durch diesen Akt, das „Okutamberisa“, existiert das Kind offiziell im Gefüge des Stammes.
Glücksgefühle für Lucky
Die Taufzeremonie am ewigen Feuer. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Die Himba haben sich im Kreis um mich und das Feuer platziert, blicken erwartungsfroh auf das, was ich verkünde: „Ich taufe dich auf den Namen Lucky“, lasse ich die kleine Gemeinschaft wissen, verbunden mit der Hoffnung, dass dem kleinen Mann Zeit seines Lebens das Glück treu bleiben wird. Die Himba nicken zufrieden und sprechen eine nach dem anderen lächelnd den Namen nach. Als der rituelle Teil abgeschlossen ist, wird das Baby von Arm zu Arm gereicht, jede Frau drückt es sanft an ihre Brust. Denn für die Himba ist jedes Kind, auch wenn die Mutter naturgemäß eine besondere Rolle einnimmt, das Kind des gesamten Dorfes.
Musikalisches Goodbye
Zum Abschied stimmt die Dorfgemeinschaft der Himba ein Lied an. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Zum Abschied strecken die Himba mir noch einmal die Faust entgegen, murmeln ein beseeltes „Lucky“, bevor sie im Takt der klatschender Hände gemeinsam einen fröhlichen Gesang anstimmen und tanzen. Ein unvergesslicher Moment, verbunden mit der Hoffnung, dass Lucky immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen möge.
Hoanib Elephant Camp
Das Hoanib Elephant Camp wurde erst Mitte 2026 eröffnet. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Etwa drei Autostunden trennen die Himba-Siedlung vom Hoanib Elephant Camp, das wiederum rund 70 Kilometer südwestlich von Sesfontein gelegen ist. Betreiber Natural Selction engagiert sich auf vielfältige Art und Weise für die Tierwelt in diesem Teil Namibias, aber auch für die Menschen in dieser abgeschiedenen Region. Das 2026 eröffnete Camp ist Ausgangspunkt für Safaris im Hoanib-Tal, aber auch für Besuche bei den Himba. Weitere Informationen unter https://naturalselection.travel.
Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von Natural Selection und uschi liebl pr statt.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
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