Conwy – ein walisisches Juwel am Meer

Conwy
Dominiert wird das malerische Conwy von der Festung und der gut erhaltenen Stadtmauer. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Eingerahmt von Snowdonias zerklüfteten Gipfeln und der stürmischen Irischen See thront Conwy als zeitloses Juwel im Norden von Wales. Zwischen massiven Festungsmauern und dem kleinsten Haus Großbritanniens entfaltet sich eine Stadt, die den Spagat zwischen kriegerischer Historie und moderner Küstenidylle meistert.

Conwy
Ein Stück Bilderbuch Großbritannien. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das walisische Conwy klammert sich ans Ufer des Flusses, der ihren Namen trägt, als wollte sie die Gezeiten festhalten. Dunkle Schieferdächer ducken sich innerhalb der massiven Mauern, die seit dem Jahre 1287 das Herz der Stadt umrahmen. Das 1.300 Meter lange und mit Türmen verstärkte Bollwerk ist noch heute fast komplett begehbar und biete eine Perspektive, die im Mittelalter allein den Wachen vorbehalten war. Von hier wirkt das Geflecht aus kleinen Gassen, versteckten Gärten und rauchenden Schornsteinen fast wie ein detailverliebtes Wimmelbild.

Das mächtige Castle gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Man blickt hinab in die Hinterhöfe, in denen Wäsche im Wind flattert, und im nächsten Moment hinaus auf die gezeitenabhängige Flussmündung, wo die Fischerboote bei Ebbe sanft im Schlamm auf der Seite liegen. Der Fluss schiebt sich träge Richtung Meer, trägt Salz und Geheimnisse, während Möwen laut kreischend über der Stadtmauer kreisen.

Leben zwischen Mauern und Meer

Conwy
Die 14.000-Seelen-Gemeinde gibt sich überaus pittoresk. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Dominiert wird die Silhouette der 14.000-Seelen-Gemeinde von Conwy Castle. Die grauen Mauern des beeindruckenden UNESCO-Welterbe-Stätte flüstern von Belagerungen, Aufständen und der Magna Carta, die im Jahre 1301 hier unterzeichnet wurde. Errichtet wurde die stolze Festung binnen von nur vier Jahren unter Federführung eines gewissen James of St George. Die restaurierten Wendeltreppen in den Türmen laden zu einem an- und aussichtsreichen Rundgang über die Wehrgänge ein, wo der Blick über den Hafen, den Conwy River und die zerklüfteten Berge des Snowdonia-Nationalparks schweift.

Blick von der Stadtmauer auf die gezeitenabhängige Flussmündung. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Unter den Zinnen breiten sich die engen Straßen und Gassen der charmanten Kleinstadt aus. Die Great Hall, einst Bankettsaal der Burg, dient heute noch als Konzertsaal, während im Königsturm die Royal Camber über das Wasser ragt – ein Meisterwerk der Verteidigungskunst. Insgesamt acht Rundtürme ragen in den oft wolkenverhangenen walisischen Himmel und verändern ihren Ausdruck mit jedem Wetterwechsel. An sonnigen Tagen leuchten sie warm, fast golden. Bei Nebel oder Regen wirken sie durchaus bedrohlich.

Architektur der Gegensätze

Statue von Llywelyn dem Großen an Lancaster Square. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Altstadt ist ein Labyrinth aus Fachwerk und Schiefer. Die High Street wird von Teehäusern gesäumt, Antiquariate bergen walisische Sagen, Buchläden zerfledderte Erstausgaben von Dylan Thomas und Boutiquen verkaufen Schals aus lokaler Wolle, während Cafés nach frisch gebackenem Bara Brith duften, jenem traditionellen Brot, das mit Tee, Trockenfrüchten und Gewürzen zubereitet wird.

Im Schatten der Stadtmauer ducken sich einladende Cafés und Restaurants. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ein herausragendes Beispiel für den Wohlstand des elisabethanischen Zeitalters ist das Plas Mawr. Dieses Stadthaus, das im späten 16. Jahrhundert errichtet wurde, gilt als eines der besterhaltenen seiner Art in ganz Großbritannien. Hinter der eher schlichten Fassade verbirgt sich ein Rausch aus Farben und Stuckarbeiten. Die prächtig verzierten Decken und die Wappen an den Wänden erzählen von einer Zeit, in der Architektur auch dazu diente, Reichtum und sozialen Status zur Schau zu stellen.

Conwy
Ein Kuriosum ist das schmalste Haus Großbritanniens. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige Gehminuten entfernt, direkt am Kai, wartet ein ganz anderes architektonisches Kuriosum: Das kleinste Haus Großbritanniens, eine leuchtend rote winzige Immobilie, wirkt fast wie ein Versehen der Stadtplanung. 3,1 Meter hoch, 1,8 Meter breit, einst Heim eines 1,90-Meter-Fischers namens Robert Jones. Mit einer Grundfläche, die kaum größer ist als ein modernes Badezimmer, stellt es automatisch die Frage, wie hier jemals ein ausgewachsener Fischer leben konnte?

Brücken der Innovation

Markante Brücken überspannen den Conwy River. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ein weiteres Kapitel der Ingenieurskunst schlägt sich am Ufer des Conwy-Flusses im Schatten der Burg nieder. Wer Conwy verlässt oder betritt, muss sich entscheiden, welche Ära er überqueren möchte. Die Conwy Suspension Bridge, entworfen von Thomas Telford, ist ein filigranes Meisterwerk des frühen 19. Jahrhunderts. Ihre Kettenkonstruktion und die gotischen Türme wurden so gestaltet, dass sie harmonisch mit der Festung korrespondieren.

Bei Ebbe liegen viele Schiffe auf dem Trockenen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Es war bei Fertigstellung eine der ersten modernen Hängebrücken der Welt und markierte den Beginn einer neuen Ära der Mobilität. Direkt daneben verläuft die massivere Eisenbahnbrücke von Robert Stephenson, ein Zeugnis der industriellen Revolution, das die Eisenbahnverbindung nach Holyhead ermöglichte.

Kulinarik zwischen Land und Meer

An einladenden Pubs mangelt es nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Kein Besuch in Conwy wäre vollständig, ohne sich den kulinarischen Schätzen der Region zu genießen. Bekannt sind vor allem die Conwy Mussels, Muscheln, die in der Flussmündung auf natürliche Weise gedeihen. Sie werden noch immer nach traditionellen Methoden geerntet und gelten als besonders fleischig und geschmacksintensiv. In den kleinen Restaurants entlang des Flussufers und der Altstadt werden sie oft ganz klassisch in Weißwein und Knoblauch serviert.

Kleine, schnuckelige Läden zieren die Innenstadt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Auch das walisische Lamm, das auf den saftigen Wiesen der umliegenden Hügel grast, ist bekannt für sein zartes Aroma. In den gemütlichen Pubs der Stadt, deren Wände oft so dick sind, dass kein Mobilfunksignal hindurchdringt, wird dieses Fleisch in Eintöpfen oder als Braten gereicht. Die Gerichte sind bodenständig, aber raffiniert. Ein Pint of Ale gehört dazu, ebenso wie ein Dessert, das mit walisischem Honig verfeinert ist.

Der Ruf der Wildnis

Immer wieder öffnen sich tolle Blicke auf Conwy Castle. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Für Wanderer bietet der Conwy Mountain, der direkt hinter der Stadt aufragt, eine mittelschwere Herausforderung. Die gerade einmal 244 Meter hohe Mini-Berg, der den walisischen Namen „Mynydd y Dref“ trägt, bietet Pfade zu Wasserfällen und Mooren. Von seinem Gipfel aus überblickt man nicht nur die Stadt und die Burg, sondern sieht an klaren Tagen bis zur Isle of Anglesey und weit hinaus in die Irische See.

Bodnant House wird von einer 32 Hektar großen Gartenanlage umgeben. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Auch der Snowdonia-Nationalpark beginnt praktisch vor der Haustür. Wo eben noch die geordnete Struktur der Stadtmauern dominierte, übernehmen nun schroffe Gipfel, tiefe Täler und versteckte Bergseen das Kommando. Die Bodnant Gardens, eine der schönsten Gartenanlagen der britischen Inseln, liegen nur wenige Kilometer südlich und bieten zu jeder Jahreszeit ein botanisches Feuerwerk. Besonders der berühmte Goldregen-Tunnel im Frühsommer ist ein Magnet für Pflanzenliebhaber. Weitere Informationen unter www.visitconwy.org.uk.

Der Bodnant Garden begeistert durch seine Pflanzenvielfalt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

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Buchtipp für Freunde britischer Lebensart

TimeObwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.

Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.

Doch der Brite ist nicht nur gegen Hitze resistent, auch jegliches Kälteempfinden scheint ihm fremd. Wer diese stereotypen Ansichten teilt oder Bestätigung für diese sucht, wird in Time for tea, sex and fun von Mortimer Reisemagazin Redakteur Karsten-Thilo Raab ebenso fündig werden, wie derjenige, der seine alten, verkrusteten Ansichten über die Briten endlich ins rechte Licht rücken möchte. Auf jeden Fall dürfte in dem Buch viel Interessantes, Kurioses, Unterhaltsames und Wissenswertes über die Briten und ihre Lebensgewohnheiten zu entdecken sein.

Erhältlich ist Time for tea, sex and fun (ISBN 978-3711527257) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online bei allen gängigen Versandbuchhändlern wie Thalia, JPC oder Amazon.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.