Reise-Bazillus der Most Traveled People

Most traveled people
Für den illustren Kreis der „Most Traveled People“ scheint das James-Bond-Motto „Die Welt ist nicht genug“ zu gelten. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Die „Most Traveled People“ katalogisieren die Welt in hunderte Regionen und machen das Reisen zur Wissenschaft. Wer dazugehören will, muss nicht nur Länder zählen, sondern Beweise liefern, Risiken eingehen und sich auf ein Leben zwischen Flugplänen, Grenzposten und Unwägbarkeiten einlassen.

Die „Most Traveled People“, kurz MTP, bilden eine illustre Gemeinschaft, die das Reisen auf ein Niveau hebt, das weit jenseits aller klassischen Urlaubsvorstellungen liegt. Während viele Menschen stolz berichten, sie hätten 30 oder vielleicht sogar 40 Länder besucht, operiert diese Gruppe in einer völlig anderen Dimension. Für sie ist die Erde kein Ort, der bereist wird, sondern ein System, das vollständig erfasst werden muss. Die Welt wird in Regionen zerlegt, die weit über die bekannten 193 UN Mitgliedsstaaten hinausgehen. Inselgruppen, entlegene Territorien, autonome Zonen, vergessene Außenposten und politisch komplizierte Gebiete werden zu eigenen Einheiten erhoben. Die Erde verwandelt sich in ein gigantisches Sammelalbum, dessen Vollständigkeit nur mit enormem Aufwand erreichbar ist.

Ziele rund um den Erdball

Die MTP Liste umfasst gut 1.500 solcher Regionen. Die genaue Zahl schwankt, weil politische Veränderungen, neue Erkenntnisse oder geografische Feinheiten immer wieder Anpassungen notwendig machen. Doch eines bleibt konstant: Die Anforderungen sind hoch, und der Weg zur Anerkennung ist lang. Ein einfacher Passstempel reicht nicht aus. Die Gemeinschaft verlangt Beweise, die zweifelsfrei belegen, dass eine Region tatsächlich betreten wurde. Fotos mit GPS Daten, Flugtickets, Bordkarten, Hotelrechnungen oder andere nachvollziehbare Dokumente werden zum unverzichtbaren Bestandteil jeder Reise. Die Welt wird dadurch zu einem Archiv, das sorgfältig gepflegt werden muss.

Der Mann, der die Welt zerteilte

Most Traveled People
Die abgelegensten Orte der Welt sind Ziel der Most Traveled People. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Hinter der MTP Bewegung steht ein Name, der in der Szene fast mythisch wirkt: Charles A. Veley. Ein US-Amerikaner, der schon früh die Idee entwickelte, die Welt nicht nur zu bereisen, sondern sie in möglichst viele sinnvolle Einheiten zu zerlegen. Seine Motivation war eine Mischung aus Abenteuerlust, Sammelleidenschaft und dem Wunsch, eine objektive Grundlage für die Frage zu schaffen, wer tatsächlich am meisten von der Welt gesehen hat. Veley begann, Regionen zu definieren, die geografisch, politisch oder kulturell eigenständig genug waren, um als separate Reiseziele zu gelten. Aus dieser Idee entstand eine Liste, die sich im Laufe der Jahre zu einem globalen Referenzwerk für Extremreisende entwickelte.

Schwankende Zahl an Gleichgesinnten

Heute zählt die MTP Community mehrere Tausend Mitglieder weltweit. Die genaue Zahl schwankt, weil ständig neue Reisende hinzukommen, während andere ihre Aktivitäten reduzieren oder ihre Profile ruhen lassen. Doch die aktive Kernszene umfasst mehrere Hundert Menschen, die regelmäßig neue Regionen bereisen, ihre Fortschritte dokumentieren und sich gegenseitig über die neuesten Entwicklungen informieren.

Die Jagd nach Regionen

Die MTP Mitglieder verfolgen ihre Ziele mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Präzision und abenteuerlicher Leidenschaft. Die kleinteilige Weltansicht führt dazu, dass selbst Vielreisende oft nur einen Bruchteil der MTP Regionen besucht haben. Wer glaubt, mit einem Besuch in Australien sei der Kontinent abgehakt, wird schnell eines Besseren belehrt. Die MTP Definition unterscheidet zwischen dem australischen Festland, Tasmanien, den abgelegenen Ashmore und Cartier Inseln, den Cocos Keeling Islands, Christmas Island und weiteren Gebieten, die geografisch oder politisch eigenständig genug sind, um als separate Reiseziele zu gelten. Ähnlich verhält es sich mit Großbritannien, das in mehrere Regionen zerfällt, oder mit den USA, deren Außengebiete und entlegene Inseln eigene Punkte darstellen.

Orte, die kaum jemand kennt

Stempel im Pass sind für die Dokumentationspflicht unerlässlich.

Die Spitzenreiter der Most Traveled People Liste bewegen sich in Sphären, die für die meisten Menschen unvorstellbar sind. Sie haben nicht nur jedes Land der Erde betreten, sondern auch Orte, deren Namen kaum jemand kennt und die auf vielen Karten nicht einmal eingezeichnet sind. Die Welt wird dadurch nicht kleiner, sondern größer – und deutlich komplizierter.

Initiatoren als Rekordhalter

Initiator Charles A Veley führt die exklusive Liste der meist besuchten Orte an. 1.417 Einträge kann der Amerikaner für sich reklamieren. Auf Platz 2 liegt mit Joao Paulo Peixoto ein Portugiese dicht dahinter mit 1.415 nachweislich besuchten Orten. Rang 3 bekleidet der Grieche Harry Mitsidis mit 1.394 Orten. In den Top Ten finden sich mit Michael Runkel (Platz 5 mit 1.365 Orten) und Sascha Grabow (Platz 8 mit 1.332 Orten) aber auch zwei Deutsche.

Kunst des Dokumentierens

Die Gemeinschaft der Most Traveled People legt großen Wert auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Jede Reise muss dokumentiert werden, und zwar so, dass kein Zweifel an der tatsächlichen Anwesenheit bleibt. Die Mitglieder entwickeln im Laufe der Zeit eine Art forensische Reiseroutine. Fotos werden nicht einfach aufgenommen, sondern strategisch geplant. GPS Koordinaten müssen sichtbar sein, Zeitstempel korrekt, und im Idealfall wird ein markantes Objekt oder ein offizielles Schild mit ins Bild genommen. Flugtickets werden archiviert, Hotelrechnungen sorgfältig abgeheftet. Selbst kurze Aufenthalte auf Transitinseln oder abgelegenen Landepisten werden minutiös festgehalten.

Most Traveled People
Die Pole und das Eismeer fehelen ebenfalls nicht auf der Liste der Ziele.

Diese Dokumentationspflicht verwandelt das Reisen in eine Mischung aus Abenteuer und Buchhaltung. Spontaneität bleibt möglich, doch sie wird stets begleitet von der Frage, wie der Aufenthalt später nachgewiesen werden kann?

Zwischen Abenteuer und Absurdität

Die Reisen der MTP Mitglieder führen oft in Regionen, die kaum jemand freiwillig besucht. Manche Ziele sind politisch instabil, andere geografisch extrem abgelegen. Einige bestehen aus kaum mehr als einem Felsen im Meer, der nur bei ruhiger See erreichbar ist. Wieder andere liegen in militärischen Sperrgebieten oder in Zonen, die nur mit Sondergenehmigungen betreten werden dürfen. Die Herausforderungen reichen von logistischen Problemen über bürokratische Hürden bis hin zu echten Gefahren.

Unkalkulierbare Risiken

In entlegenen Gebieten kann das Wetter binnen Minuten umschlagen und aus einer harmlosen Bootsfahrt ein lebensgefährliches Unterfangen machen. In politisch sensiblen Regionen drohen Festnahmen, Verhöre oder unerwartete Grenzschließungen. In manchen Ländern sind bestimmte Gebiete nur mit bewaffnetem Begleitschutz zugänglich. Krankheiten, fehlende medizinische Versorgung, unzuverlässige Transportmittel und sprachliche Barrieren gehören zum Alltag vieler MTP Reisender. Die Welt zeigt sich ihnen nicht in der komfortablen Form, die Pauschaltouristen kennen, sondern in ihrer rohen, unberechenbaren Realität.

Enormer Zeitaufwand

Einige Ziele sind nur aus der Luft zu erreichen.

Aber wie lange dauert eine vollständige MTP Reise? Eine Frage, deren Antwort so faszinierend wie ernüchternd ist. Selbst wenn jemand sein Leben ausschließlich dem Reisen widmen würde, wäre die vollständige Erfüllung der MTP Liste ein Projekt von Jahrzehnten. Viele Regionen sind nur saisonal erreichbar, manche nur mit seltenen Frachtflügen oder unregelmäßigen Versorgungsschiffen. Andere erfordern langwierige Genehmigungsverfahren oder politische Stabilität, die nicht immer gegeben ist.

Selbst die ambitioniertesten MTP Mitglieder benötigen oft drei bis vier Jahrzehnte, um in die Nähe der Vollständigkeit zu gelangen. Die Welt lässt sich nicht wie im Bond-Abenteuer im Eiltempo abhaken. Sie verlangt Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, immer wieder neu zu planen, umzubuchen und auf unvorhersehbare Ereignisse zu reagieren. Die MTP Reise ist kein Sprint, sondern ein Marathon, der sich über ein ganzes Leben erstrecken kann.

Was kostet die Welt?

Die finanziellen Dimensionen dieses Unterfangens sind gewaltig. Wer alle MTP Regionen bereisen will, muss mit Kosten rechnen, die weit über das hinausgehen, was selbst passionierte Vielreisende investieren. Viele Ziele sind nur mit teuren Charterflügen erreichbar, andere erfordern Spezialboote, lokale Guides oder Sondergenehmigungen, die hohe Gebühren verursachen. Unterkünfte in extrem abgelegenen Gebieten sind selten günstig, und spontane Umbuchungen aufgrund politischer oder klimatischer Veränderungen treiben die Kosten zusätzlich in die Höhe.

Die Reisen zu den entlegenen Zielen der Most Traveled People wollen akribisch vorbereitet sein.

Schätzungen innerhalb der Community gehen davon aus, dass eine vollständige MTP Reise wenigstens mehrere hunderttausend Euro verschlingen kann. Manche sprechen sogar von Summen im siebenstelligen Bereich, wenn alle Faktoren berücksichtigt werden: Flüge, Visa, Versicherungen, Ausrüstung, Transportmittel, Genehmigungen, Unterkünfte und unvorhergesehene Ausgaben. Die Welt hat ihren Preis, und die MTP Mitglieder zahlen ihn – nicht aus Luxus, sondern aus Leidenschaft.

Die Faszination des Vollständigen

Trotz aller Risiken, Kosten und Mühen übt die MTP Liste eine enorme Faszination aus. Sie verwandelt die Welt in ein gigantisches Sammelobjekt, das nie vollständig zu sein scheint. Jede bereiste Region öffnet die Tür zu einer neuen Herausforderung, einem neuen Ziel, einem neuen Abenteuer. Die Mitglieder der Gemeinschaft teilen eine Leidenschaft, die weit über das übliche Fernweh hinausgeht. Für sie ist Reisen kein Konsum, sondern eine Lebensaufgabe. Die Welt wird nicht besucht, sondern erforscht.

Diese Haltung führt zu Begegnungen, die in klassischen Reiseberichten selten vorkommen. MTP Reisende treffen auf Fischer, die auf abgelegenen Atollen leben, auf Grenzsoldaten, die überrascht sind, dass jemand freiwillig in ihre Region kommt, auf Wissenschaftler in Forschungsstationen, auf Piloten kleiner Propellermaschinen, die nur einmal pro Woche fliegen. Die Welt wird dadurch nicht nur größer, sondern auch menschlicher.

Gemeinschaft der Unermüdlichen

Ohne Internet erfolgt die Orientierung oft mit althergebrachten Methoden.

Die MTP Community ist international, bunt und überraschend bodenständig. Viele ihrer Mitglieder sind keine Abenteurer im klassischen Sinne, sondern Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Struktur, Statistik und Vollständigkeit. Die Liste wird zum Lebensprojekt, das über Jahrzehnte verfolgt wird. Freundschaften entstehen, Rivalitäten wachsen, und doch verbindet alle das gleiche Ziel: die Welt in ihrer Gesamtheit zu erleben.

Die Plattform https://mtp.travel dient dabei nicht nur als Ranking, sondern auch als Austauschort. Tipps zu schwer erreichbaren Regionen, Hinweise zu politischen Entwicklungen, Erfahrungsberichte über Transportmöglichkeiten oder Grenzformalitäten werden geteilt. Die Gemeinschaft lebt von der gegenseitigen Unterstützung und vom Wissen, dass niemand diese Reise allein bewältigen kann.

Die Welt als Lebenswerk

Die „Most Traveled People“ zeigen, dass Reisen weit mehr sein kann als Urlaub. Es wird zu einer Form der Welterkundung, die Mut, Ausdauer und eine gewisse Portion Verrücktheit sowie das notwendige Kleingeld erfordert. Die Erde wird nicht als touristisches Produkt betrachtet, sondern als komplexes Gefüge aus Kulturen, Landschaften und politischen Strukturen. Wer die MTP Liste vollständig bereisen will, nimmt eine Herausforderung an, die größer ist als jede einzelne Region.

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Buchtipp für Reiselustige und Schlauschnacker

Reisen erweitert den Horizont und schärft den Blick für andere Länder, Kulturen und Lebensweisen. Wer reist, entdeckt immer wieder Spannendes, Faszinierendes, Kurioses, Verrücktes und Amüsantes. Vor allem Superlative und Rekordverdächtiges werden allerorts gerne mit Stolz präsentiert.

Das eine oder andere bleibt im Gedächtnis, anderes ist schnell wieder vergessen. So oder so ist Reisen immer ein Stück weit vergleichen. Mal stechen Gemeinsamkeiten ins Auge, dann sind es gravierende Unterschiede zu dem, was man im heimischen Sprengel vorfindet.

Vieles von dem, was sich unterwegs entdecken lässt, sorgt später für Gesprächsstoff. Dabei gibt es Zeitgenossen, die als wandelndes Lexikon durchgehen könnten, weil sie in der Lage sind, sich noch so kleine Details und Fakten zu merken. Gerade diese Dinge sind es, die für jede Menge Gesprächsstoff und Spaß, für Staunen, Kopfschütteln und Gelächter sorgen. Und so überrascht „Prahlhanswissen für Gelegenheitsreisende“ von Karsten-Thilo Raab als ein Kompendium, das nicht unbedingt im Alltag benötigtes Wissen vermittelt, gleichzeitig jedoch jede Menge Spaß garantiert.

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.