Antwerpen: Flämisch, frech, faszinierend

Antwerpen
Zu den faszinierendsten Landmarken in Antwerpen zählt das spektakuläre Havenhuis.

Wer glaubt, belgische Städte seien wie die berühmten Pralinen aus der Confiserie – süß, aber austauschbar – der hat noch nicht, um Bild zu bleiben, in Antwerpen hineingeschmeckt. Denn die Stadt in Flandern präsentiert sich als unerwarteter Hochgenuss zwischen rauem Hafenflair und mondänem Eleganz. Schon bei der Ankunft am Hauptbahnhof, einer famosen Kathedrale mit Gleisanschluss, wird klar: Die 550.000-Seelen-Gemeinde an der Schelde versprüht nicht nur dank des legendären Diamantenhandels funkelnden Glanz.

Die Spoorwegkathedraal mutet wie ein Palast an. – Foto: Karsten-Thilo Raab/ Mortimer Reisemagazin

Der zentral gelegene Kopfbahnhof, der offiziell „Antwerpen Centraal“ heißt, wirkt wie ein königlicher Palast mit Gleisen auf vier Ebenen. Dabei erweist sich die im Jahre 1905 eingeweihte Spoorwegkathedraal“ als ein architektonisches Meisterwerk mit einer 75 Meter hohen Kuppel, Marmorkolonnaden, goldverzierten Uhren und Prunk sowie einer imposanten, 186 Meter langen Halle. In dem Mix aus Eklektizismus, Beaux-Arts und einer Prise Größenwahn wären der Sitz eines Blaublütigen oder eine Oper wohl besser aufgehoben als die Gleisanschlüsse der belgischen Bahn.

Tierfaszination und Diamantenfieber

Die Stadt an der Schelde weiß mit zahlreichen historischen Bauten zu begeistern.

Unmittelbar angrenzend an den Hauptbahnhof befindet sich seit dem Jahre 1843 der Zoo der Stadt. Rund 950 Tierarten mit 5.000 Exemplaren verschiedener Gattung ziehen hier jährlich rund 1,3 Millionen Tierliebhaber in ihren Bann. Ein ungleich größeren Anziehungskraft versprüht das ebenfalls nur einem Steinwurf von der Spoorwegkathedraal entfernt liegende Diamantenviertel. Zwischen Goldwaagen, Security-Mittarbeitern und Sicherheitsglas wurden hier zu Spitzenzeiten – von mehr als 700 Sicherheitskameras überwacht – gut 85 Prozent aller Rohdiamanten der Welt gehandelt.

Auch Leinwandhelden scheinen in Antwerpen zuhause zu sein.

Heute sind es wegen der wachsenden Konkurrent vornehmlich aus der arabischen Welt „nur noch“ etwas über 60 Prozent. Gleichwohl bleibt es ein florierendes Millionengeschäft. Gerade einmal fünf Straßen umfasst der berühmte Umschlagplatz für die funkelnden Edelsteine. Hinter meist unscheinbaren Fassaden ducken sich neben gleich vier Diamantenbörsen die Firmensitze der gut 1.600 Diamantenhändlern, Juweliere sowie Diamantenschleifer.

Essbare Edelsteine

Die weithin sichtbare Liebfrauenkathedrale ist stadtbildprägend.

Für diejenigen, die sich die kostbaren Edelsteine nicht leisten können oder wollen, hält Antwerpen noch eine schmackhafte Alternative bereit. Einige der besten Chocolatiers der Stadt haben spezielle „Diamantenpralinen“ im Angebot wie etwa Del Rey an der Appelmansstraat oder Elisa Pralines am Grote Markt. Die handgefertigten „Antwerpse diamantjes“ sind natürlich keine echten Klunker. Vielmehr kleine – sündhaft teure – schokoladige Kunstwerke, die ab 40 Euro aufwärts feilgeboten werden und durchaus eine Sünde wert sind. Manche „Schokodiamanten“ sind sogar mit Blattgold verziert und schlagen mit Kilopreisen von bis zu 200 Euro zu Buche. Was immer noch ein Schnäppchen im Vergleich zu den echten Rohdiamanten ist.

Shoppingjünger kommen in Antwerpen voll auf ihre Kosten.

Auch die Meir, Antwerpens elegante Einkaufsstraße, entpuppt sich als ein Laufsteg für alles, was glänzt, raschelt oder nach Designer aussieht. Hier reihen sich Jugendstilfassaden, Boutiquen und das barocke Paleis op de Meir, einst Residenz von Napoleon, aneinander und hier trifft Haute Couture auf Stangenwaren der Billigheimer. In der weitläufigen Fußgängerzone ist das Rubenshuis am Hopland fast schon Pflichtstation. Das ehemalige Wohnhaus des flämischen Meisters Peter Paul Rubens, der übrigens im nordrhein-westfälischen Siegen das Licht der Welt erblickte, ist heute ein Museum und ein faszinierender Beweis dafür, dass Barock nicht nur dick aufträgt, sondern auch ziemlich gemütlich sein kann. Wer hier rausgeht, hat entweder Lust zu malen oder auf ein Glas Rotwein. Oder beides.

Zwischen Kunst und Fassadenpracht

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Künstler Peter Paul Rubens blickt von seinem Denkmal hinunter.

Werke des berühmtesten Sohnes der Stadt, dem am Groenplaats im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal gesetzt wurde, finden sich auch in der weithin sichtbaren Liebfrauenkathedrale. Dabei ist das Gotteshaus für die meisten weniger ein religiöses Muss, sondern vielmehr ein kunsthistorischer Boxenstopp. Die Arbeiten von Rubens lächeln repräsentativ von den Wänden, als hätte der Maler schon zu Lebzeiten geahnt, dass irgendwann hier Menschenmassen mit Selfiesticks auftauchen würden.

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Prachtfassaden umrahmen den Grote Markt.

Nicht minder fotogen zeigt sich der von prachtvollen Zunfthäusern umrahmte Grote Markt. Die kunstvoll verzierten Fassaden tragen mit Stolz die eine oder andere goldene Statue. In der Mitte des Platzes posiert der Brabo-Brunnen, in dem der ritterliche Silvius Brabo heroisch eine Hand durch die Luft schleudert – angeblich die des Tyrannen, den er der Legende nach einst besiegte.

Der lange Atem der Geschichte

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Das historische Rathaus von Antwerpen ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

Nicht zu vergessen ist natürlich das historischen Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Es thront an der Westseite des Grote Markts wie ein selbstbewusster Gastgeber, der weiß, dass viele Blicke ihm gehören. Mit seiner 80 Meter langen Renaissance-Fassade mutet das Weltkulturerbe ein wenige wie ein italienischer Palazzo an, der sich in Antwerpen verirrt hat.

Direkt am Ufer der Schelde erhebt sich die Burg Steen.

Noch älter ist die Festung Het Steen am Ufer der Schelde, deren Geschichte bis in das Jahr 1200 zurückreicht. Die Stadtburg ist nicht nur das älteste erhaltene Gebäude Antwerpens, sondern auch mythischer Schauplatz von Wagners Oper „Lohengrin“. Ursprünglich war die Burg ein reines Verteidigungsbollwerk, später Gefängnis, dann wiederum Lagerhalle. Heute gibt sie sich als historisches Multitalent mit dicken Mauern und Besucherzentrum, multimedialen Ausstellungen sowie Aussicht auf das Hafenpanorama.

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Das Museum aan de Stroom setzt auch architektonisch eine Duftmarke.

Nicht minder aus- und ansichtsreich gibt sich das Museum aan de Stroom. Das MAS spielt architektonisch mit seiner Würfelform, inhaltlich mit global Geschichte. Wer sich durch die einzelnen Etagen durchgearbeitet hat, wird mit einer Aussicht belohnt, die jedes Stadtpanorama zum Pinselstrich macht.

Kunst, Kitsch und Genuss

Kitsch, Kunst und Mode liegen in der belgischen Metropole oft dicht beieinander.

In Vierteln wie ’t Zuid und Zurenborg wartet der charmante Alltag: Secondhand-Chanel, Galerien mit Namen wie „Kunst & Kitsch“ und Straßencafés, in denen der Espresso so stark ist wie die Meinungen der Stammgäste über Rubens’ besten Pinselstrich. Vor allem die Kloosterstraat zu einem Vintage-Bummel voller Überraschungen ein, bei dem man wahlweise eine antike Schreibmaschine, eine viktorianische Standuhr oder eine 1980er-Jahre Discokugel mitnehmen kann. Beides passt ins Handgepäck.

Das Wasser ist in der flämische Metropole nie weit.

Kulinarisch muss man sich in Antwerpen entscheiden: Waffel auf die Hand oder Fritten – doppelt frittiert, außen knusprig, innen fluffig – mit Sauce Andalouse? Wer mutig ist, bestellt „Stoverij“ (Fleisch in Biersoße) und dazu ein Bier namens „Tripel Karmeliet“, ein Witbier oder Trappistenbier. Allen drei wohnt ein Zauber inne. Denn spätestens ab dem dritten oder vierten Glas versteht man auch den flämischen Dialekt. Weitere Information unter www.visit.antwerpen.be/de.

Nicht wenige Besucher entdecken ihre Liebe zu Antwerpen.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.