Pivo – Hopfen, Historie und Heimatgefühl

PivoKaum ein Getränk ist so eng mit der Identität eines Landes verbunden wie Bier in Tschechien. Wer zum neu erschienen Buch Pivo – Mythos tschechisches Bier von Winfried Dimmel und Gerhard A. Stadler greift, erhält weit mehr als eine Geschichte über Braukunst. Der 344 Seiten starke Wälzer entpuppt sich als ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Reise durch Jahrhunderte Kulturgeschichte, in der Bier zum Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, politischer Umbrüche und nationaler Selbstvergewisserung wird.

Schnell wird deutlich, warum tschechisches Bier im Laufe der Jahrhunderte weit über den Status eines beliebten Getränks hinausgewachsen ist. Es gilt als Kulturgut, nationales Symbol und gelebte Alltagskultur. Schließlich trinken die Menschen in keinem anderen Land der Welt so viel Bier wie in Tschechien. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Mythos und Wirklichkeit setzen die Autoren an und zeigen, wie eng Geschichte, Brauhandwerk und nationale Identität miteinander verwoben sind.

Von Klosterkellern bis zum Mythos

Die Reise beginnt im Mittelalter, als Mönche und Nonnen in den Klöstern Dünnbier als nahrhaftes „flüssiges Brot“ brauten. Wasser galt vielerorts als unsicher, Bier hingegen als bekömmlich. Eine alte Prager Redensart bringt diese Haltung auf den Punkt: „Wasser trinkt nur ein Esel, dem schadet es nicht.“ Aus den klösterlichen Braustätten entwickelte sich über Jahrhunderte ein professionelles Handwerk. Bürger, Adel und Kirche stritten um Braurechte, Zünfte entstanden, Braumeister perfektionierten ihre Kunst und Wissenschaftler aus Böhmen und Mähren schufen schließlich die Grundlagen für die industrielle Bierproduktion.

Natürlich darf ein besonderes Augenmerk auf die Entstehung des berühmten untergärigen Lagerbiers im Bürgerlichen Brauhaus von Pilsen nicht fehlen. Von hier aus verbreitete sich der Stil weit über die Grenzen Böhmens hinaus und begründete den bis heute nachwirkenden Mythos des tschechischen Bieres. Mit den politischen Spannungen des 19. Jahrhunderts gewann diese Erzählung zusätzlich an Bedeutung. Nach der Gründung der Tschechoslowakei wurde Bier endgültig zum Symbol nationaler Eigenständigkeit und kulturellen Selbstbewusstseins.

Besonders reizvoll ist zudem die kulturhistorische Perspektive. Dimmel und Stadler zeigen auf, wie Bier in Literatur, Musik, Film und Werbung eine wachsende Rolle einnahm. Schriftsteller wie Jan Neruda, Jaroslav Hašek, Bohumil Hrabal oder Václav Havel machten Wirtshäuser und Bierkultur zu literarischen Bühnen.

Leidenschaft für Geschichte

Dass das Buch wissenschaftlich fundiert und dennoch angenehm lesbar bleibt, liegt nicht zuletzt an seinen Autoren. Historiker und Biersommelier Dimmel beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der böhmischen Brauereien, während Stadler als emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Industriearchäologie die historische Einordnung und wirtschaftliche Perspektive einbringt. Gemeinsam gelingt ihnen der Spagat zwischen fundierter Forschung und lebendiger Erzählkunst.

Pivo – Mythos tschechisches Bier ist deshalb weit mehr als ein Buch für Bierliebhaber. Es erzählt von Klöstern und Königen, von Wissenschaftlern und Braumeistern, von Nationalgefühl und Alltagskultur. Vor allem aber zeigt es eindrucksvoll, warum ein Glas tschechisches Lagerbier bis heute weit mehr ist als Hopfen, Malz und Wasser – nämlich ein Stück europäischer Kulturgeschichte.

Erhältlich ist Pivo – Mythos tschechisches Bier (ISBN: 978-3-99126-407-1) von Winfried Dimmel, Gerhard A. Stadler für 38 Euro im Buchhandel oder direkt beim Verlag Bibliothek der Provinz.

G. Schröder

ist seit Kindestagen mit dem Reisevirus infiziert und bringt sich seit Jahr und Tag mit großem Engagement als gute Seele hinter den Kulissen in das Mortimer Reisemagazin ein.