Wenn digitale Reisebegleiter baden gehen

KIDie Zukunft klingt zunächst ziemlich bequem: Künstliche Intelligenz (KI) schreibt Texte, lenkt Autos, berät Kunden und plant Reisen. Im Urlaub könnte sie damit zum digitalen Reiseführer werden, der rund um die Uhr Empfehlungen liefert. Doch manchmal führt die schönste digitale Abkürzung direkt ins Nirgendwo. Genau dort setzt KI am Strand an. Das Buch von Dr. Normann Günther und Dr. Cornelia Janusch versammelt mehr als 90 dokumentierte Fälle, in denen künstliche Intelligenz auf bemerkenswerte Weise an der Wirklichkeit vorbeischrammt. Da versenkt sich ein Wachroboter im Zierbrunnen, eine Kamera hält eine Glatze für einen Fußball und ein Papagei führt Einkaufsdialoge mit Alexa. Und irgendwo zwischen digitalem Fortschritt und kulinarischer Verzweiflung empfiehlt eine KI sogar Klebstoff auf der Pizza.

Der Ton ist dabei bewusst weniger Technikseminar als Hotelbar. Die Geschichten sind kurz, verständlich und so angelegt, dass sie sich am Stück lesen oder einzeln aufschlagen lassen. Hinter dem Humor steckt jedoch eine ernsthafte Frage: Was verraten die Fehler künstlicher Intelligenz über ihren Umgang mit Menschen, Sprache und Wirklichkeit?

Wenn die KI den Urlaubsort erfindet

Besonders reizvoll wird die Sammlung dort, wo künstliche Intelligenz als Reisebegleiter auftritt. Denn im Urlaub hat eine überzeugend formulierte falsche Antwort schnell reale Konsequenzen. Wer einen fremden Ort besucht, kennt die Umgebung nicht, hat möglicherweise nur wenige Tage Zeit und verlässt sich deshalb stärker auf Empfehlungen, Übersetzungen oder Wegbeschreibungen. So erzählt „KI am Strand“ von Touristen in Tasmanien, die sich auf den Weg zu vermeintlich heißen Quellen machen. Die KI beschreibt das Ziel überzeugend, doch die Quellen existieren tatsächlich gar nicht. Am Ende stehen die Urlauber mit ihren Badesachen an einem eiskalten Fluss.

Auch Hamburg wird in der Sammlung zum Schauplatz eines digitalen Irrwegs. Ein KI-Reiseführer empfiehlt einer Familie ein Schwimmbad, das nie existiert hat, und schickt sie stattdessen mit Kindern in eine raue Nachtkneipe. Noch heikler ist der Fall aus Peru: Dort erzählt ChatGPT zwei Reisenden von einem vermeintlich heiligen Canyon, der ebenfalls nicht existiert. Die beiden machen sich tatsächlich auf den Weg ins Hochgebirge und werden nur durch Zufall von einem einheimischen Bergführer aufgehalten. Aus dem kuriosen KI-Fehler wird damit plötzlich eine Urlaubssituation, in der nicht mehr nur über eine falsche Information gelacht werden kann. Das Smartphone bleibt zwar höflich bei seiner Antwort, während der Mensch längst unterwegs ist.

Zwei Perspektiven, ein redaktioneller Filter

Hinter „KI am Strand“ stehen zwei unterschiedliche Blickwinkel. Dr. Normann Günther bringt rund 30 Jahre Erfahrung mit Computern, Automatisierung, Industrie und Projekten ein und arbeitet heute praktisch mit künstlicher Intelligenz, unter anderem an Unternehmensprozessen und internen KI-Systemen sowie mit Texten, Grafik, Print und Büchern. Dr. Cornelia Janusch begleitet seit vielen Jahren Autoren, Texte, Bücher und Veröffentlichungen. Ihre Rolle wurde zugleich zum wichtigen Gegenpol bei der Entstehung des Buches. Aus ihrer wiederkehrenden Prüffrage entwickelte sich der redaktionelle Filter der Sammlung: „Ist das lustig, oder erklärst du mir gerade wieder nur begeistert einen Fehler?“

Die Idee entstand über längere Zeit. Günther begann Fälle zu sammeln, die ihm bei der täglichen Arbeit mit KI begegneten. Denn gerade die praktische Nutzung zeigt eine eigentümliche Seite der Technologie: Eine künstliche Intelligenz kann hochkomplexe Aufgaben lösen und im nächsten Moment mit größter Überzeugung an etwas scheinbar Einfachem scheitern. Aus vielen einzelnen KI-Schnipseln wurde schließlich ein Buch, das diese Widersprüche nicht technisch seziert, sondern erzählerisch zugänglich macht.

Urlaubsgeschichten mit kleinem Warnsignal

Der Reisebezug ist dabei kein Zufall. Günther und Janusch sind über viele Jahre viel gereist. Früher kamen Empfehlungen für besondere Orte, Restaurants oder Reiseziele häufig von Menschen, die tatsächlich dort gewesen waren. Heute übernimmt zunehmend künstliche Intelligenz diese Rolle. Das kann ausgesprochen komisch sein. Es kann aber auch folgenreich werden. Denn eine KI-Begebenheit bleibt im Urlaub nicht zwangsläufig auf dem Bildschirm. Sie kann dazu führen, dass Menschen einen falschen Fluss aufsuchen, nach einem erfundenen Ort suchen oder sich auf eine Beschreibung verlassen, die mit der Realität wenig zu tun hat. „KI am Strand“ bewegt sich deshalb genau an dieser Grenze: zwischen der guten Urlaubsgeschichte, die man später lachend weitererzählt, und dem Moment, in dem aus einer absurden Maschinenantwort ein echtes Problem wird. Das Buch will weder künstliche Intelligenz verteufeln noch ihre Fähigkeiten feiern. Es schaut genauer hin – und lacht dort, wo Lachen angebracht ist.

KI-Lektüre für Strand, Balkon und Finca

Für Leserinnen und Leser ohne technische Vorbildung ist „KI am Strand“ damit vor allem eines: zugängliche Urlaubslektüre über eine Technologie, die längst im Alltag angekommen ist. Die mehr als 90 dokumentierten  Fälle liefern kurze Geschichten, die sich am Strand, im Hotel, auf dem Balkon, in der Ferienwohnung oder auf der Finca lesen lassen. Und vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz der Sammlung: Künstliche Intelligenz erscheint hier nicht als ferne Zukunftstechnologie, sondern als digitaler Reisebegleiter mit gelegentlich erstaunlich menschlicher Fähigkeit, sich zu irren. Nur dass am Ende nicht immer jemand weiß, wo der richtige Weg zurück zum Hotel ist.

Erhältlich ist KI am Strand (ISBN 9783912050097) von Dr. Normann Günther und Dr. Cornelia Janusch für 12,99 Euro im Buchhandel oder direkt beim CBB Verlag.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.