
Hoch über der Kvarner Bucht liegt Kastav wie ein gut gehütetes Geheimnis. Die 10.000-Seelen-Gemeinde, nur einen Steinwurf von Rijeka entfernt, wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar. Alte Steinhäuser schmiegen sich dicht aneinander, ihre Fassaden sind vom Zahn der Zeit geprägt: Fensterläden mit verblassten Farben, unregelmäßige Pflastersteine, ein Wirrwarr aus schmalen Gassen und kleine Plätze verleihen dem Örtchen auf 378 Metern über dem Meeresspiegel einen besonderen Charme.
Tor zur Vergangenheit

Der Weg in die Altstadt führt durch das im Jahre 1731 errichtete Stadttor Voltica. Hinter dem schmalen Zugang öffnet sich ein Labyrinth aus Kopfsteinpflaster, das sich in sanften Wellen über den Hügel legt. Hinter der weithin sichtbaren Barockkirche der Heiligen Helena (Sveta Jelena) aus dem 17. Jahrhundert öffnet sich prächtiges Panorama. Der Blick schweift über die Kvarner-Bucht, von den bewaldeten Hängen des Učka-Gebirges über die mondäne Architektur Opatijas bis hin zu den Inseln Krk und Cres.
Spuren einer wechselvollen Geschichte

Auch die Ruine der einst stolzen Burg zusammen mit den sechs zumindest noch teilweise erhalten und begehbar Wehrtürme aus dem 10. bis 16. Jahrhundert an die lange, wechselhafte Geschichte von Kastav. Dessen Historie ist geprägt von venezianischen Einflüssen, österreichischer Verwaltung und kroatischer Identität – ein Mix, der sich in Architektur, Sprache und Traditionen widerspiegelt.
Lebensader Trg Lokvina

Das Herzstück von Kastav bildet der Trg Lokvina. Auf dem zentralen Platz Lokvinatreffen sich Generationen. Kinder jagen über die Pflastersteine, während ältere Bewohner auf Bänken sitzen und den Tag betrachten, als sei er ein guter Bekannter. Cafés breiten ihre Tische aus, und der Klang von Gesprächen mischt sich mit dem Klirren von Gläsern. Am Trg Lokvina liegt mit der um das Jahr 1400 errichteten Dreifaltigkeitskirche ein weiteres Kleinod.
Loggia als Machtzentrum

Unmittelbar vor dem Stadttor findet sich noch eine Besonderheit: Die Gradska loža wurde im Jahre 1571 errichtet. In der Stadtloggia tagte nicht nur der Stadtrat, hier wurde bei Bedarf auch Gericht abgehalten.
Ein Bauwerk voller Legenden

Stadtbildprägend sind zudem die Kirchenruine Crekvina. Das markante Bauwerk, das heute als Kulisse für verschiedene Open-Air-Veranstaltungen genutzt wird, war im 17. Jahrhundert von Jesuiten begonnen, aber nie fertiggestellt worden. Der Legende nach waren die Einwohner von Kastav gezwungen, unentgeltlich beim Bau mitzuhelfen.

Eine verwitwete Frau soll daraufhin die Jesuiten gebeten haben, sie von der Verpflichtungen zu entbinden, damit sie sich um die Versorgung ihrer Kinder kümmern könne. Statt Verständnis zu zeigen, sollen die Geistlichen jedoch mit körperlicher Züchtigung in Form von Stockschlägen reagiert haben. Daraufhin sprach die Frau einen Fluch über das Bauwerk aus und rief Gott an, es zum Einsturz zu bringen – und tatsächlich brach die Kirche während der Bauarbeiten gleich dreimal zusammen.
Kunst im Kleinformat

Im Schatten von Crekvina finden sich auch Skulpturen von Yasna Skorup Krneta. Die Künstlerin hat dabei einige Häusern und den Glockenturm von Kastav aus Metall und Fundstücken im Kleinformat geschaffen.
Sommerbühne unter freiem Himmel

Doch Kastav ist weit mehr als nur eine historische Kulisse. Im Sommer verwandeln sich seit 1992 die alten Plätze in Bühnen für das legendäre „Cultural Summer Festival“. Jazz-Rhythmen vermischen sich dann mit dem Zirpen der Grillen, und die Akustik zwischen den Steinwänden verleiht jeder Aufführung eine besondere Intimität.
Fest mit jahrhundertealter Tradition

Ein ebenso fester Bestandteil der lokalen Identität ist daneben dreitägige Jungweinfest „Bela Nedeja“, das seit mehr als 600 Jahren am ersten Oktoberwochenende stattfindet und die jahrhundertealte Tradition des Weinbaus in dieser Region feiert.
Kulinarik mit Charakter

Überhaupt spielt der Genuss ist Kastav eine zentrale Rolle, denn in den urigen Konobas wird Wert auf Authentizität und regionale Spezialitäten gelegt. Frische Zutaten, einfache Zubereitung und kräftige Aromen stehen im Mittelpunkt. Auf den Tellern finden sich Gerichte wie fangfrischer Fisch oder deftige Fleischspeisen, die oft nach traditionellen Rezepten zubereitet werden.
Natur vor den Stadtmauern

Unmittelbar vor den Stadtmauern erstreckt sich ein ausgedehntes Netz an Wander- und Spazierwegen. Die Wälder von Loza und Lužina umschließen den Ort wie ein grüner Gürtel und bieten Schatten und Erholung auf Pfaden, die einst von Holzfällern und Hirten angelegt wurden. Es ist eine fast mystische Waldlandschaft, in der sich Dolinen und Karstfelsen unter einem dichten Blätterdach verstecken und wo man auch nach Stunden der Wanderung oft keiner Menschenseele begegnet. Weitere Informationen unter https://visitkastav.croatia.hr.

Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.