Armenien – wo Wein die Zeit überdauert

Historische Trinkgefäße zeugen vor der Areni-Höhle von der uralten Weinkultur. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Von der ältesten Weinkellerei der Welt in der Areni-Höhle bis zu den hippen Weinbars Eriwans: Armenien erlebt eine Renaissance seiner jahrtausendealten Winzertradition mit autochthonen Reben und vulkanischen Terroirs.

Vor der Areni-Höhle stimmt ein Weinfass auf die Thematik ein. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Wind weht staubig und warm durch die Schlucht des Arpa-Flusses, wo die roten Felsen von Vayots Dzor wie erstarrte Flammen in den kaukasischen Himmel ragen. Es ist eine Landschaft von archaischer Schönheit, die lange ein Geheimnis hütete, das dafür sorgte, dass die Geschichtsbücher des Genusses umgeschrieben werden mussten: Denn tief im Bauch der Erde, in den kühlen Schatten der Areni-1-Höhle, begann nachweislich vor über 6.100 Jahren eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Rebe, die bis heute nichts von ihrer Intensität verloren hat. Hier, wo Archäologen neben dem ältesten Lederschuh der Welt auch die weltweit älteste bekannte Weinkellerei freilegten, schlägt das Herz der armenischen Weinkultur.

Wurzeln der Weltkultur des Weins

Die Fundstücke in der Areni-Höhle sind in einem faszinierenden Zustand. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Am Eingang der Höhle riecht es nach feuchtem Kalk, nach Erde und Geschichte. In der Dämmerung des Halbdunkels leuchten Tongefäße, die sogenannten Karas, aus dem Boden, als warteten sie darauf, wieder mit frischen Trauben befüllt zu werden. „Hier begann alles“, unterstreicht Armenien-Experte Aramayis Mnatsakanyan, der von allen schlicht Aram genannt wird, und fügt mit spürbarem Stolz hinzu: „Unsere Vorfahren haben hier nicht nur Wein gemacht, sie haben Kultur erschaffen.“

Dicht an dicht waren die Tongefäße in der Höhle eingelagert. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Luft ist kühl, die Akustik still, fast sakral. Man hört das ferne Tropfen von Wasser, als würde die Höhle atmen. In diesen geschützten Kammern wurden Jahrtausende alte Traubenkerne, Presssteine, Reste von getrocknetem Wein im Jahre 2011 eher zufällig entdeckt. Jeder Fund ein Stück Menschheitsgeschichte.

Wo die Zeit in Tongefäßen reift

Armenien
Die Geschichte des Klosters Noravank reicht zurück bis in das 13. Jahrhundert. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur einen Steinwurf von der geschichtsträchtigen Höhle entfernt, wacht das Kloster Norawank über die Gnishik-Schlucht. Die kunstvollen Reliefs der Kirche scheinen mit der umliegenden Natur zu verschmelzen, und es ist kein Zufall, dass sich das sakrale Erbe Armeniens so oft mit dem profanen Genuss des Weines kreuzt. Schon in der Frühbronzezeit, wie Funde in der Siedlung Agarak belegen, wurde der Weinbau als heilige Handlung verstanden. Zwischen in den Fels gehauenen religiösen Symbolen standen die Pressen bereit, um den Saft der Götter zu gewinnen.

Armenien
In den Ruinen von Swartnoz wurden Überreste einer Weinkellerei aus dem 7. Jahrhundert gefunden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Selbst die prachtvolle Kathedrale von Swartnoz, ein Juwel des UNESCO-Welterbes, verbirgt in ihren Ruinen die Überreste einer Weinkellerei des 7. Jahrhunderts. In den Ornamenten der Fensterumrahmungen winden sich Weinranken als Symbole für Auferstehung und Leben – ein Zeugnis dafür, dass der Wein in Armenien seit jeher mehr war als nur ein Getränk.

Das Erbe der Reben

Nicht aus allen der 350 einheimischen Rebsorten lässt sich schmackhafter Wein herstellen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Gesamtrebfläche des Landes ist mit etwa 16.000 Hektar vergleichsweise klein, was eine Fokussierung auf Qualität und Handarbeit ermöglicht. In vielen Regionen sind die Rebstöcke über 100 Jahre alt, ungepfropft und wurzelecht. Fernab von den allgegenwärtigen Chardonnay- und Cabernet-Reben, die hier so selten sind wie Erntemaschinen in den Hanglagen, regieren die Autochthonen. 350 Sorten sind bekannt, 31 davon werden aktiv für die Weinproduktion genutzt. Namen wie Khndoghni, Lalvari, Tozot oder Garan Dmak mögen europäischen Ohren fremd erscheinen, doch sie stehen für eine Vielfalt, die sich bewusst vom globalen Mainstream absetzt.

Auf verschiedene Art wird versucht, Marketing für die armenischen Weine zu betreiben. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur 25 Prozent der in Armenien geernteten Trauben gehen in die Weinproduktion, fünf Prozent sind für den Verzehr, der Rest wird für die Brandy-Produktion genutzt. Entsprechend werden gerade einmal 16 Millionen Flaschen Wein pro Jahr hergestellt. Landesweit finden sich lediglich fünf Winzer, die mehr als eine Million Flaschen per anno herstellen; der Rest der insgesamt etwa 50 Winzer ist deutlich kleiner.

Vor allem kleine Winzer – so wie hier in Yeghegnadzor – finden sich heute in Armenien. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Der Weinmarkt muss sich noch entwickeln. Das braucht Zeit“, gibt sich Aram keinerlei Illusionen hin. Wohl wissend, dass die Konkurrenz aus dem benachbarten Ausland wie Georgien groß ist. Zudem bevorzugen viele Armenier in Anlehnung an die lange Zugehörigkeit zur Sowjetunion vornehmlich Wodka.

Thermodynamik statt Stahl

Immer mehr einheimische Winzer verwenden die bauchigen Tongefäße, die sogenannten Karas. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In vielen armenischer Weingüter erleben die Karas aktuell eine Wiedergeburt. Die bauchigen Tongefäße, in denen der Wein fermentiert und lagert, sind das Bindeglied zwischen der Steinzeit und der Gegenwart. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen die technokratische Gleichförmigkeit des globalen Weinmarktes. Während andernorts Edelstahltanks und computergesteuerte Kühlsysteme das Bild bestimmen, vertrauen viele armenische Winzer auf die natürliche Thermodynamik der Erde und die Poren des Tons. Diese Methode verleiht den Weinen eine Textur und Tiefe, die man in der modernen Welt der glatten Industrieweine oft vergeblich sucht. Es ist ein Handwerk, das Geduld erfordert und keine Abkürzungen kennt.

Besondere Voraussetzungen

Die Vielfalt und Qualität der Weine wachsen kontinuierlich. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die geografische Diversität Armeniens begünstigt die große Zahl an Rebsorten. Im Westen, im Schatten des biblischen Berges Ararat, erstreckt sich die Provinz Armavir. Hier, auf einem Hochplateau zwischen 900 und 1.100 Metern Höhe, brennt die Sonne an über 300 Tagen im Jahr vom Himmel. Die fruchtbaren Böden der Ararat-Ebene bringen Trauben von enormer Konzentration hervor, die sich ideal für die Produktion der armenischen Weinbrände, aber auch für körperreiche Weißweine eignen. Der Legende nach pflanzte Noah genau hier, am Fuße des Ararat, den ersten Weinstock nach der Sintflut und legte damit den Grundstein für die heutige Pracht.

Armenien
Weinanbau in der Ararat-Ebene mit Blick auf den gleichnamigen Berg. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ganz anders präsentiert sich der Nordwesten rund um Aschtarak. Hier, in den Ausläufern vulkanischer Massive, dominiert kalkhaltiger Boden, der den Trauben einen außergewöhnlich hohen Zuckergehalt verleiht. Die Weine aus Aschtarak besitzen eine natürliche Opulenz, die dennoch durch die kühle Höhenluft eine feine Mineralität behält.

Voskehat – das Gold im Glas

So verschieden die Behältnisse, so verschieden sind die Weine. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Voskehat, deren Name „Goldstück“ bedeutet, ist Armeniens älteste dokumentierte Weißweinsorte. Sie fand sich schon in den Ausgrabungen um die Festung Teishebanini, wo Keramikscherben mit Rückständen von vergorenem Traubensaft gefunden wurden – Spuren einer 3.500 Jahre alten Kultur des Genusses.

Abseits des Mainstreams wissen die armenischen Weine durchaus zu begeistern. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Jede Beere riecht nach Licht“, beteuert Aram. Im gleichen Atemzug füllt der Vater zweier Töchter, der mit einer Deutschlehrerin verheiratet ist, einen frisch geöffneten Voskehat in ein Glas. Der Wein funkelt wie geschmolzenes Gold. Die Nase: Citrus, Lindenblüte, Kräuter. Dann folgt ein Geschmack, der sich langsam entfaltet – salzig, mineralisch, leicht rauchig. „Das ist kein gefälliger Wein“, lacht Aram, „er will, dass man sich Zeit nimmt.“

Ein Weinanbaugebiet in Jeghegnadsor in der Provinz Vayots Dzor. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Den vollkommenen Kontrast bildet die Region Tavush im Nordosten. Als grünes Herz des Landes bekannt und zu mehr als der Hälfte bewaldet, bietet sie ein feuchtes, mildes Klima, in dem einige der edelsten weißen Reben gedeihen und Weine von fast tänzerischer Leichtigkeit hervorbringen.

Die rote Königin

Tief rot sind die Areni-Weine. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Armenischer Wein schmeckt nach Stein, Sonne und Geduld“, lacht Aram, während er den Korken aus einer Flasche Sev Areni zieht. Der Duft, der entweicht, ist warm und tief – schwarze Johannisbeeren, getrocknete Feigen, ein Hauch Pfeffer. Im Glas schimmert das Rot mit einem leichten Purpurrand. Er hebt es gegen das Licht: „Diese Farbe, das ist unser Land. Ungeschminkt, ehrlich, kräftig.“

Armenien
In den Weinfässern an den Areni-Höhlen lässt sich manch guter Schluck genießen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In der Tat gilt Sev Areni als Armeniens „rote Königin“. Sie wächst auf vulkanischem Kalkstein. Sie bringt Weine hervor, die komplex, aber nicht schwer sind. Ihre Tannine sind fein, ihre Säure lebendig – eine Struktur, die an große Pinot Noirs erinnert und doch unverwechselbar kaukasisch bleibt. „Handarbeit“ ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Notwendigkeit.

Vor allem die vielen kleinen Winzer wissen mit ihren handwerklich gut gemachten Weinen zu überzeugen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer die Extreme sucht, muss zurück nach Vayots Dzor. In der Gemeinde Khachik befinden sich die höchstgelegenen Weinberge des Landes auf über 1.900 Metern über dem Meeresspiegel. Das spezielle Klima und der vulkanische Kalkstein fordern den Reben alles ab, führen aber zu Ergebnissen von unvergleichlicher Intensität. Der Wind weht kühl, die Sonne steht hoch. „Die Reben hier kämpfen tagtäglich“, sagt Aram. „Aber genau deshalb schenken sie uns diesen Geschmack von Leben.“ Er gießt dunklen Wein in ein Glas. Die Nase: Waldbeeren, Lakritz, geröstetes Brot. Im Mund: Struktur, Tiefe, Wärme.

Das neue Gesicht einer alten Weinwelt

Der riesige Andrang – so wie hier beim Areni Wine Festival – zeigt, dass sich Wein in Armenien wachsender Beliebtheit erfreut. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Seit den 2000er-Jahren erlebt Armenien so etwas wie einen landesweiten Aufbruch. Junge Winzer, unter ihnen Rückkehrer aus Frankreich, Kalifornien oder Italien, bringen internationale Technik mit lokalem Feingefühl zusammen. „Viele experimentieren, respektieren aber, was war – die alten Reben, das Klima, die Arbeit der Hände“, bringt es Aram auf den Punkt.

Ein Weinhändler an der Saryan Street präsentiert ausgewählte Weine. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer an einem Frühsommerabend durch Eriwans Saryan Street schlendert, versteht sofort: Armenischer Wein ist wieder Stadtgespräch. Gläser klirren, Musik dringt aus offenen Türen, auf den Tischen glänzen Flaschen mit Etiketten, deren kalligrafische Schriftzüge an alte Handschriften erinnern.

Weinkultur auf dem Vormarsch

Armenien
Bei den Weinfesten wird immer auch die Kultur des Landes in den Fokus gerückt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Früher dachte niemand, dass Armenien ein modernes Weinland sein könnte“, erzählt Aram. „Heute kommen Gäste aus Paris, Warschau und Tokio – alle sagen, unsere Weine schmecken nach Geschichte und Sonne.“

Die armenischen Weine sind zumeist keine Massenprodukte. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Längst ist dem Wein ein eigens Festival in der Hauptstadt gewidmet. Während der „Yerevan Wine Days“ vom 5. bis 7. Juni 2026 verwandelt sich die Saryan Street in ein Meer aus Farben, Düften und Stimmen. Winzer bieten Kostproben an, Straßenmusiker spielen Duduk und Jazz, gebratene Auberginen duften neben Gläsern voller goldener Tropfen. Die Luft vibriert. Jeder Schluck scheint ein Gruß an die Vergangenheit – und ein Versprechen an die Zukunft.

Das Areni Wine Festival steigt in diesem Jahr Anfang Oktober. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: https://armenia.travel

Yerevan Wine Days: www.yerewinedays.am/en/

Areni Wine Festival: Jährlich steigt ein beliebtes Weinfest in Areni – so auch am 3. Oktober 2026. Informationen unter https://armenia.travel.

Spezielle Probiergläser werden beim Areni-Festival vorgehalten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

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Der Buchtipp (nicht nur) für Wein-Trinker

Realität ist der Zustand, der aus Mangel an Alkohol entsteht, lehrt eine irische Trinkweisheit. Frei übersetzt bedeutet dies wohl, dass das Leben – nüchtern betrachtet – nur besoffen zu ertragen sei. Aber wir wollen die Vorliebe zum Alkohol nicht bewerten. Das muss ein jeder mit sich und seiner Leber alleine ausmachen. Gleichwohl kommt es immer wieder vor, dass der eine oder andere mal einen über den Durst trinkt. Dies bleibt zumeist ohne Folgen. Sieht man einmal von der Tatsache ab, dass sich so mancher in solchen Fällen den zuvor konsumierten Alkohol noch einmal durch den Kopf gehen lässt und dass das Bett mit einem Karussell zu fahren scheint.

Die Trinkgewohnheiten und -vorlieben vieler Zeitgenossen flossen dann auch in die augenzwinkernde Hommage an alle, die durchaus dem Alkohol nicht völlig abgeschworen haben, ein. So oder so dürfte bei den Geschichten rund um Bier, Wein, Champagner und andere hochgeistige Getränke, die Mortimer-Reisemagazin-Redakteur Karsten-Thilo Raab in seinem neuen Buch unter dem Titel Ich trinke, dann kannst du fahren zusammengetragen hat, kein Auge trocken bleiben.

So erfährt nicht nur der trinkfreudige Leser wie lange die Menschen rund um den Erdball für ein Glas Bier arbeiten müssen, wie viel Bier in den Schnäuzer dieser Welt hängen bleibt und wieso Wein sowohl die Intelligenz fördern können soll als auch vor intensiver Sonneneinstrahlung schützt. Daneben geht es beispielsweise um Kuriositäten wie Bier aus Käse oder Bier für Hunde oder um die Frage, warum auf Kreuzfahrten der Alkoholkonsum deutlich ansteigt.

Erhältlich ist Ich trinke, dann kannst du fahren (ISBN 978-3-7115-2765-3) von Karsten-Thilo Raab ab für 18 Euro sofort im Buchhandel.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.