Die elfte Plage: Aufkleber-Wahn allerorten

Aufkleber
Ob in Berlin-Köpenick, an antiken Stätten oder mitten in der Wüste: (Vereins-) Aufkleber kleben mittlerweile gefühlt überall. – Foto: Honza Klein / Mortimer Reisemagazin

Ob in Berlin-Köpenick, an antiken Stätten oder mitten in der Wüste: (Vereins-) Aufkleber kleben gefühlt überall. Was für manche Fans ein Zeichen der Liebe ist, wird für andere zur globalen Plage. Eine satirische Abrechnung mit der klebrigen Seite der Fankultur – inklusive einer ungewöhnlichen Lösung.

Vor Jahren machte eine Reiseleiterin auf Kreta einmal eine etwas zynisch anmutende Bemerkung: „Das Leben als Reiseleiterin könnte so schön sein. Wären da nicht die Touristen.“

Nun ja, sie hatte dabei sicherlich etwas anderes im Sinn als das Thema, um das es hier gehen soll. Der Homo Touristicus und im Besonderen seine germanische Spezies ist schließlich ein ganz besonderes Wesen. Oft mit weißen Socken und Sandalen, komischen Hüten und mitunter im Rudel, ist er überall auf der Welt auf der Suche nach Schnitzel, Schweinshaxe, Leberkäs und einem kalten Bier.

Der Homo Touristicus und seine Eigenheiten

Kaum ein Rohr, kaum ein Laternenmast, der nicht beklebt ist.

Selbst der Kanzler charakterisierte die Deutschen kürzlich bei einer internationalen Investorenkonferenz in Berlin als ein Volk, „das schon vor dem Frühstück im Urlaub sein Handtuch am Hotelpool platziert“. Er fand das wohl lustig oder so. Ganz genau weiß man das nicht. Bei dem, was der Herr des Kanzleramtes so täglich von sich gibt, kann man ohnehin oft nicht recht sagen, wie was gemeint ist. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Also nun endlich zum Thema: Aufkleber! In Berlin kann man diesen Errungenschaften der Grafikindustrie kaum entkommen. Besonders in Köpenick, wo bekanntlich das Herz der Eisernen schlägt – für nicht Eingeweihte: Gemeint ist der 1. FC Union –, kleben die rot-weißen, selbstklebenden Liebeserklärungen eigentlich überall. Imbissstände sind geradezu übersät, Verkehrsschilder und Häuserwände ebenso.

Eine klebrige Liebeserklärung

Weiter westlich, in Richtung Olympiastadion, der Heimat von Hertha BSC, ist es etwas weniger ausgeprägt. Das mag allerdings auch sportliche Gründe haben. Aber das ist dann wieder ein anderes Thema. Immerhin haben es die Sticker sogar auf die Anzeigentafeln der Stadtautobahn geschafft. Da ist man mitunter schon fast begeistert von den artistischen Leistungen, die wohl nötig sind, um seine Duftmarke in oft schwindelerregender Höhe zu platzieren.

Sogar manches Auto ist mit den Stickern übersät. – Foto: Honza Klein / Mortimer Reisemagazin

Die kann man wohl überall in Deutschland beobachten. Das jedoch ist nichts gegen den Umstand, wenn der Fußballfan zum Touristen wird. So wie es fast überall auf der Welt das Gasthaus zum goldenen Bogen gibt, prangen Aufkleber.

Kein Ort bleibt verschont

So wie es fast überall auf der Welt das Gasthaus zum goldenen Bogen gibt, prangen auch Vereinsaufkleber an allen möglichen und unmöglichen Orten. Offensichtlich gehört zum Reisegepäck eines Fußballfans eine Kiste klebender Vereinssymbole genauso selbstverständlich wie Zahnbürste, saubere Kleidung – wobei ich mir da nicht ganz sicher bin – und alles andere, was man so mitnimmt.

Nichts bleibt verschont. Antike Stätten ebenso wenig, wie gemeine Dachrinnen, Hinweisschilder im Death Valley, die Dinger kleben auf einsamen Inseln, Ausflugsschiffen, Fähren, überall. Es ist ein Graus. Als ich die anfangs erwähnte Reiseleiterin kürzlich darauf ansprach, kam sofort Zustimmung.

Weltweiter Missionsauftrag?

Auch Stromkästen sind gerne Ziele der Klebekultur. – Foto: Honza Klein / Mortimer Reisemagazin

Da ich mich keinem Fußballverein besonders verbunden fühle, weiß ich es nicht genau. Ich vermute, dass es von den Vereinen so eine Art Glaubenskodex für Ihre Fans gibt, immer und überall zu missionieren. Weltweit und immer! Anders lässt sich dieser Drang, das eigene Vereinswappen auf möglichst vielen Oberflächen dieser Erde zu verewigen, kaum erklären.

Doch längst betrifft es nicht nur den Ballsport. Jüngst schwäbelte Ministerpräsident Cem Özdemir bei einer Rede, wie er sich gefreut hat, im Nirgendwo Albaniens einen Aufkleber seines Landes entdeckt zu haben. Man kennt die Dinger: „Wir können alles, außer Hochdeutsch.“ Er fügte dann stolz an, dass er selbst immer einige davon auf Reisen dabeihat. Ach wie volksnah.

Die elfte Plage

An manchen Stelle bedarf es artistischer Einlagen, um die Aufkleber zu platzieren. – Foto: Honza Klein / Mortimer Reisemagazin

Im Kapitel Exodus der Bibel werden zehn Plagen beschrieben. Ich füge eine Elfte hinzu und ende nicht ohne eine Idee: Für jeden Aufkleber, der irgendwo auf der Welt das Stadtbild verschandelt bekommt der entsprechende Verein oder wie im letzten Fall das Bundesland eine Rechnung über kleine 50 Cent und die Verpflichtung der Entfernung. Und das betrifft erst einmal nur die Aufkleber. Von den künstlerischen Leistungen, die aus einer Spraydose entstehen ganz zu schweigen.

Honza Klein

Der Berliner hat für diverse Radiosender gearbeitet, war viele Jahre Redakteur bei der Berliner Morgenpost, hat an Büchern über Berlin mitgearbeitet und ist u.a. Autor für die Super Illu und Gastgeber einer Talksendung bei TV Berlin.