
Verona ist weit mehr als die Kulisse für Romeo und Julia. Die elegante Stadt an der Etsch fasziniert mit einer antiken Arena, lebendigen Piazzen und kulinarischen Höhepunkten, die Tradition und italienisches Lebensgefühl perfekt vereinen.

Wer wissen möchte, wie vermeintlich echte Romantik aussieht, muss sich an einem Nachmittag in die Via Cappello Nummer 23 im norditalienischen Verona quetschen. Hier, im weltberühmten Innenhof der Casa di Giulietta, stehen Hunderte Menschen dicht gedrängt, richten ihre Smartphones auf einen eher überschaubaren Steinbalkon und klammern sich an ein ehernes Gesetz des modernen Aberglaubens: Wer die rechte Brust der bronzenen Julia-Statue berührt, dem soll das Liebesglück hold sein.

Ob es funktioniert? Nun ja, die Statue glänzt an besagter Stelle wie ein frisch polierter Sportwagen – ein untrügliches Indiz für den ungebrochenen Glauben der Besucher. Historisch belegbar ist die Verbindung zwischen Shakespeare und Verona allerdings kaum: Der englische Dramatiker selbst war nie hier, und auch die Geschichte von Romeo und Julia basiert vermutlich auf älteren italienischen Erzählungen. Doch das spielt für die jährlich Millionen Touristen keine Rolle. Verona lebt ein Stück weit von diesem Mythos.
Antike Pracht

Mit der Arena di Verona erhebt sich eines der eindrucksvollsten Zeugnisse römischer Baukunst im Herzen der Stadt. Das im 1. Jahrhundert nach Christus errichtete Amphitheater zählt zu den am besten erhaltenen seiner Art und fasst heute rund 15.000 Zuschauer. Besonders in den Sommermonaten verwandelt sich die Arena in eine der spektakulärsten Opernbühnen der Welt. Wenn tausende Kerzen die steinernen Ränge erleuchten und Verdis „Aida“ oder Puccinis „Turandot“ erklingen, entsteht eine Atmosphäre, die Geschichte und Gegenwart eindrucksvoll miteinander verschmelzen lässt.

Für Kulturbeflissene hat die 260.000-Seelen-Gemeinde noch weit mehr zu bieten: Am linken Ufer der Etsch liegt das Teatro Romano, dessen Ursprünge ebenfalls in die Antike zurückreichen und das bis heute für Konzerte und Theateraufführungen genutzt wird. Museen wie das Castelvecchio – eine mächtige Scaligerburg aus dem 14. Jahrhundert – beherbergen bedeutende Sammlungen mittelalterlicher und frührenaissancezeitlicher Kunst, darunter Werke von Pisanello, Mantegna und Bellini.
Welterbe mit Flair

Beim Gang durch die malerische Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen wird schnell klar, warum die UNESCO Verona im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erklärte. Die außergewöhnlich gut erhaltene Mischung aus römischer, mittelalterlicher und Renaissance-Architektur macht die Stadt zu einem lebendigen Geschichtsbuch.

Wer dem Strom der Passanten durch elegante Einkaufsstraßen folgt, gelangt unweigerlich zur Piazza delle Erbe – einst das Forum der römischen Siedlung. Heute ist der Platz ein lebendiger Marktplatz, auf dem Händler Obst, Gewürze und Souvenirs anbieten. Umgeben ist das Schmuckstück von freskengeschmückten Fassaden, dem barocken Palazzo Maffei und dem markanten Torre dei Lamberti.

Nur wenige Schritte entfernt liegt die ruhigere, fast aristokratisch wirkende Piazza dei Signori. Gesäumt von historischen Verwaltungsgebäuden und geprägt von der Dante-Statue in ihrer Mitte, erinnert sie an Veronas politische Bedeutung im Mittelalter, insbesondere unter der Herrschaft der Scaliger-Familie.
Kulinarische Entdeckungen

Auch kulinarisch zeigt sich Verona traditionsbewusst und zugleich genussfreudig. In den zahlreichen Osterien und Trattorien der Stadt kommen regionale Spezialitäten auf den Tisch, die eng mit der Umgebung verbunden sind. Besonders bekannt ist das Risotto all’Amarone, dessen kräftige Farbe und intensiver Geschmack auf den gleichnamigen Rotwein aus dem nahegelegenen Valpolicella-Gebiet zurückgehen.

Daneben gehören Polenta, geschmorte Fleischgerichte und feine Wurstwaren ebenso zur lokalen Küche wie leichte Vorspeisen mit Olivenöl aus der Region. Begleitet wird das Ganze von einer beeindruckenden Auswahl an Weinen – vom fruchtigen Valpolicella bis zum gehaltvollen Amarone, der international zu den renommiertesten Tropfen Italiens zählt.
Romantische Ausblicke

Wer dem Trubel der Altstadt entkommen möchte, findet nur wenige Minuten entfernt Ruhe und Weite. Über die imposante Ponte Scaligero, eine mittelalterliche Festungsbrücke mit charakteristischen Zinnen, führt der Weg hinauf zum Castel San Pietro. Von hier aus eröffnet sich ein weiter Blick über die roten Dächer Veronas, die sanft geschwungenen Schleifen der Etsch und die markanten Türme der Altstadt. Weitere Informationen unter www.visitverona.it.

Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.