
In kaum einer anderen Region der Ostalpen geht es so hoch hinaus wie am Stilfser Joch mit dem knapp 4.000 Meter hohen Ortler. Seit fast 100 Jahren ist die wilde und ursprüngliche Berglandschaft Nationalpark.

Wie ein Adlerhorst klebt das Rifugio V Alpini auf fast 3.000 Metern Höhe unten den steilen Felsen des Monte Zebrù. Den Anstieg zur Hütte hätte der Regisseur eines Werbefilms für die Region kaum schöner inszenieren können. Das obere Ende des Zebrùtals in der Ortlerregion mit seinem Dreiklang aus grünen Almen, hellgrauen Felsen und blauem Himmel mit ein paar weißen Wölkchen ist wie gemalt. Über dem Steig kreist ein Bartgeier, von irgendwo her pfeift ein Murmeltier, ein Steinbock schaut in Streichelnähe und in aller Gemütsruhe den Wanderern zu. Die wiederum bestaunen ehrfürchtig die zahlreichen, streng geschützten Edelweiße direkt neben dem Weg.

Es ist ein Tal voll erhabener Schönheit. Dass die Gegend rund um das Stilfser Joch seit fast 100 Jahren Nationalpark ist, darf nicht verwundern. Nur das viele Geröll auf dem Weg zur Hütte ist recht lästig. Die Hütte Rifugio V Alpini zählt zu den höchstgelegenen in den italienischen Alpen. Und der Ortler mit seinen 3.905 Metern Höhe ist der höchstgelegene Gipfel Italiens, der ausschließlich auf heimischem Staatsgebiet steht.

Das Stilfser Joch kennt hierzulande fast jeder. Zumindest vom Namen her – oder wenn man mal mit dem Motor- oder mit dem Rennrad die 48 Kehren von der Südtiroler Seite auf mehr als 2.700 Meter hochgekurvt ist. Nicht allzu bekannt ist dagegen, dass auf der Passhöhe die italienische Sprachgrenze liegt, das Stilfser Joch auf der anderen Seite Stelvio heißt und der Besucher ab hier in das Veltlin eintaucht: ein 120 Kilometer langes Tal, das sich aus dem Hochgebirge hinunter bis zum mediterran anmutenden Comer See schlängelt. Im unteren Teil wird auf abenteuerlich steilen Terrassen Wein angebaut, der Veltliner. Der kommt überwiegend als Roter in die Flasche und ist nicht zu verwechseln mit dem Grünen Veltliner, der hauptsächlich aus dem Osten Österreichs stammt.
Goldmedaillen aus Bormio

Erstes Dorf nach der Passhöhe und zugleich der bekannteste des ganzen Tals ist Bormio. Besiedelt ist der 1.200 Meter hoch gelegene Ort schon seit der Römerzeit. Bormio liegt am Fuß gleich mehrerer Pässe, über die historisch wichtige Handelsstraßen liefen: über das Stilfser Joch alias Stelvio nach Südtirol und damit früher Österreich, über den Umbrail-Pass in die Schweiz und über den Gavia nach Norditalien. Im vergangenen Winter stand die 3.000 Seelen-Gemeinde zwei Wochen lang im Blickpunkt der sportinteressierten Weltöffentlichkeit. Bei den Olympischen Winterspielen fanden hier die alpinen Skiwettbewerbe der Männer und die Wettkämpfe im Skibergsteigen statt. Die Abfahrtspiste mit dem passenden Namen Stelvio gilt als eine der anspruchsvollsten weltweit, durchaus vergleichbar mit der Streif in Kitzbühl.

Für Touristen ist Bormio ein Ganzjahresziel. Kaum sind die letzten Schneereste weggetaut, kommen auch schon die ersten Rennradfahrer, Mountainbiker und Wanderer. Von einfachen Almwanderungen bis zu hochalpinen Kletter- und Gletschertouren ist alles dabei. Besonders beliebt sind Mehrtagestouren wie der Ortler-Höhenweg, der sich über 120 Kilometer rund um das Massiv zieht. Gut trainierte Wanderer brauchen dafür sieben Tage, der höchste Punkt liegt auf stattlichen 3.258 Metern.

Etwas gemütlicher geht es beim Giro del Confinale zu, einer 40 Kilometer langen Mehrtageswanderung durch das Val Zebrù, das Val Cedec und das Val die Forni – mit Hüttenübernachtung im herrlichen Rifugio V Alpini. Drei Tage dauert die Tour, auch sportliche Kinder können sie gehen. Schwindelfrei muss man nicht sein, dafür aber trittsicher. Buchstäblicher Höhepunkt ist auf ziemlich exakt 3.000 Metern die Überschreitung des Zebrù-Passes. Von hier aus bietet sich ein unfassbar schöner Panoramablick hinüber zu den Gletschern der Ortlergruppe mit dem nahezu 3.800 Meter hohen Monte Cevedale im Zentrum.
Der Ortler – Traum- und Schicksalsberg zugleich

Von Norden aus betrachtet ist die Ortler-Gruppe eine wahre Vollversammlung beeindruckender Gipfel, allesamt fette Dreitausender. Einige von ihnen sehen aus wie kleine Matterhörner, darüber thront mit einem gewaltigen Gipelaufbau ER: König Ortler mit seiner furchteinflößenden Nordwand. Bis zur Abtrennung Südtirols nach dem 1. Weltkrieg war er bis 1919 der höchste Berg Österreichs. Während dieses zermürbenden Kriegs richtete die k.u.k.-Armee auf dem Gipfel ihre höchstgelegene Stellung ein. Bis heute zeigt der Berg an vielen Stellen die Wunden, die man auch ihm zugefügt hat. Unter Bergsteigern gilt der Ortler als eines der bedeutendsten Gipfelziele der Ostalpen.

Nicht nur Bergwanderer und Bergsteiger kommen hier ins Staunen, auch die Geologie-Interessierten. Wandert man das Zebrùtal hinauf, bestehen die Gipfel auf der linken Seite aus Kalkgestein. Genaugenommen: aus Dolomit. Daher auch das Gebrösele im Anstieg auf das Rifugio V Alpini. Der rechte Teil des Tals wiederum ist geologisch Teil der Zentralalpen und besteht aus Gesteinen der Granit- und Gneisfamilie. Diese alpinen Verwerfungen haben Folgen für das im Tal liegende Bormio. Und zwar ausgesprochen positive. Durch die zahlreichen Spalten, Risse und Klüfte sickert Wasser durch den Berg nach unten und erwärmt sich stark. In Bormio treten neun Quellen ans Licht, mit einer Temperatur zwischen 37 und 42 Grad – perfekt für eine Therme.
Baden wie die alten Römer

Dies erkannten schon die alten Römer vor mehr als 2.500 Jahren und errichteten dort die heute „Bagni Vecchi“ genannte Anlage, die „Alten Bäder“. Bis heute sind sie nahezu im Originalzustand erhalten. Ein Besuch kommt einer Reise in die Vergangenheit gleich. Die Bagni Vecchi, die bis ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder ausgebaut wurden, sind ein Labyrinth herrschaftlicher Badekultur. Natursteinmauern, Dielenböden, knarzende Holztreppen und gedrechselte Treppengeländer lassen selbst den verwöhntesten Spa-Besucher aus dem Staunen nicht herauskommen. Außergewöhnlich sind auch die in den Fels gehauenen Grotten mit Warmwasserbecken, Schwitzraum und einem Abkühlbecken, in dem einem bei einer Wassertemperatur von fünf Grad fast das Herz stehen bleibt.

Die Berge oberhalb von Bormio liefern aber – zumindest indirekt – auch die Grundlage für eine andere Flüssigkeit: einen Verdauungslikör. Der Apotheker Guiseppe Peloni hatte ihn 1875 erfunden und ihn Braulio genannt – in Anlehnung an den Berg, auf dessen Flanken die von ihm verwendeten Kräuter wuchsen. Bis heute wird der Braulio in großen Kellern in der Altstadt Bormios noch immer nach dem Originalrezept hergestellt. Dazu werden Schafgarbe, Wermut, Wacholder, Enzianwurzeln und zahlreiche andere Kräuter in ein Alkohol-Wasser-Gemischt eingelegt und 30 Tage lang fermentiert. Versetzt mit Zucker und – der Farbe wegen – mit Karamell reift der mehr oder weniger bittere Trunk zwischen 15 und 36 Monaten in großen Eichenholzfässern. Im Norden Italiens ist Braulio so bekannt wie bei uns Jägermeister oder Underberg. 2014 verkauften die Pelonis ihr Unternehmen an den Aperitif- und Digestiv-Konzern Campari, die Herstellung betreiben sie aber immer noch selbst.

Quasi ein „Muss“ ist der Braulio zum Abschluss eines Abendessens in einem der zahlreichen hervorragenden Restaurants der Region. Etwa im Al Filò, gelegen in einem Gewölbekeller in der historischen Altstadt von Bormio. Oder im Ginger Bistrot im zehn Kilometer entfernten Ortsteil Santa Caterina Valfurva, dem Heimatort der mehrfachen alpinen Skiweltmeisterin und Olympiasiegerin Deborah Compagnoni. Der Name des Lokals verrät nicht, dass hier genau wie im Al Filò eine exzellente Regionalküche gepflegt wird. Sozusagen ein Gipfel der Genüsse. Buon appetito a Bormio!

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von Bormio Tourismus in Zusammenarbeit mit Maggioni Gretz GmbH statt.
Klaus Pfenning
arbeitete jahrzehntelang in der Unternehmenskommunikation. Statt über Druckmaschinen, Schaltanlagen oder Gabelstapler schreibt er heute lieber über andere Dinge: guten Wein, tolles Essen, spannende Reisen.