
Obwohl Schottland hier ins endlosen Grau des Atlantiks überzugehen scheint, avanciert John O’Groats seit Jahr und Tag zu einem der großen Sehnsuchtsziele. Der fast legendäre nordöstlichste Punkt des britischen Festlands zieht seit jeher Optimisten, Abenteurer und jene an, die das Gefühl suchen, am äußeren Rande der Zivilisation zu stehen. Wer am berühmten, weißen und millionenfach fotografierten Wegweiser steht, blickt unweigerlich auf die stürmische Meerenge des Pentland Firth.
Die Gewalt der Gezeiten
Die dortigen Gezeitenströme gehören zu den wildesten der Welt – ein maritimes Nadelöhr, an dem sich Nordsee und Atlantik in einer ewigen, schäumenden Schlacht begegnen.

Und so gehört in John O’Groats die eigentliche Bühne eindeutig der Natur. Östlich des kleinen Hafens erheben sich die imposanten Duncansby Stacks wie steinerne Wächter aus der Nordsee, zerklüftete Felsnadeln, die seit Jahrtausenden Wind und Wellen trotzen. Ein schmaler Pfad führt zum Duncansby Head Lighthouse, 1924 erbaut und bis heute der nordöstlichste Leuchtturm des britischen Festlands.
Wildes Leben an schroffen Klippen
Geprägt wird die Küste rund um John O’Groats aber nicht nur von schroffen Klippen, sondern auch von einer Fauna, die den rauen Rahmen mit Leben füllt: Seehunde, Delfine, Minkwale und mit Glück sogar Orcas ziehen durch die Gewässer. Kegelrobben lungern träge auf Gesteinsbrocken herum, während an den Felsen im Sommer Tordalke, Möwen und die niedlichen Papageientaucher nisten.

Bei klarer Sicht reicht der Blick bis zu den Orkneys am Horizont. Von hier sind es nur knapp 18 Kilometer bis zum Dunnet Head, dem weniger bekannten nördlichsten Punkt des britischen Festlands. Derweil avanciert John O’Groats zum Start- beziehungsweise Endpunkt der End-to-End-Reise, die Wanderer und Radfahrer über 1.407 Kilometer bis nach Land’s End in Cornwall, dem südwestlichsten Punkt der britischen Insel, führt.
Der Mann hinter dem Namen
Das kleine Dorf in der Grafschaft Caithness verdankt seinen Namen übrigens dem Niederländer Jan de Groot, der hier im 15./16. Jahrhundert eine Fährverbindung zu den Orkney-Inseln betrieb. De Groot verlangte für den Fährtransport einen Obolus von vier Pence. Die damit verbundene Münze wurde als ein „Groat“ bekannt.

Gemäß Erzählung soll Jan de Groot zudem auf ungewöhnliche Art und Weise bemüht gewesen sein, den Familienfrieden zu erhalten. So soll er seinen Söhnen und sich ein achteckiges Haus mit einem achteckigen Tisch gebaut haben, damit jeder an einer Stirnseite sitzen konnte und sich somit keiner seiner Stammhalter zurückgesetzt oder benachteiligt fühlte. Heute erinnert in dem 280-Seelen-Nest das achteckige „John O’Groats House Hotel“ an die Legende der streitenden Söhne.
Tipp: Von Mai bis September pendelt von John O’Groats die Personenfähre in 40 Minuten nach Burwick auf South Ronaldsay und eröffnet damit den schnellsten Weg ins UNESCO-Welterbe von Orkney mit Skara Brae und dem Ring of Brodgar.
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Buchtipp für Schottland-Liebhaber
Schotten sind angeblich geizig. Die Männer tragen Röcke, blasen auf dem Dudelsack und wirbeln Baumstämme durch die Lüfte. Sie lieben den Genuss von Whisky, frittierten Mars-Riegeln und von mit Innereien gefüllten Schafsmägen. Zu den Hobbys vieler Schotten zählt das Sammeln von Bergen. Keine Frage, mit ihren liebenswerten Eigenarten und Schrulligkeiten wissen die gerade einmal 5,2 Millionen Schotten große Sympathien für ihr kleines Land zu wecken. Als liebevolle Hommage an die raubeinigen Nordeuropäer verrät Das andere Schottland von Mortimer-Reisemagazin-Redakteur Karsten-Thilo Raab viel Interessantes, Kurioses und Unterhaltsames über Schottland, seine Bewohner und ihre Lebensgewohnheiten. Ein Buch, das mit Klischees über Schotten geizt, aber sonst kaum etwas Wissenswertes und Amüsantes ausspart.
Das amüsante wie informative Brevier über die Schotten widmet sich launig wichtigen Aspekten rund um das Wetter. Schließlich lassen sich in Schottland nicht selten alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Und so wird die Erfindung des Regelmantels ebenso beleuchtet wie das Phänomen der witterungsbedingten Schrumpfungsprozesse bei Schafen. Dann wiederum ist zu erfahren, wie man ohne große Aufwand einen Adelstitel in Schottland erhalten kann, wie der trostloseste Ort einen Gleichgesinnten gefunden hat und wo die Pilgerstätte für Liebende liegt. Auch die berühmteste und wohl kurioseste Bushaltestellen der Welt fand Eingang in die etwas andere Liebeserklärung an das kleine Land im Norden von Großbritannien.
Erhältlich ist Das andere Schottland (ISBN 978-3-7115-2982-4) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online etwa bei Thalia oder Amazon.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
