
Der Leicester Square in London gilt als pulsierendes Zentrum der britischen Filmindustrie mit rotem Premierenteppich, Odeon-Glamour und detailverliebten Skulpturen berühmter Filmfiguren.
Wer durch Londons West End streift, landet früher oder später auf dem Leicester Square, einem Ort, der seit dem 19. Jahrhundert als Magnet für Unterhaltung, Theater und später vor allem für das Kino gilt. Der Platz ist nicht nur Mittelpunkt eines der lebendigsten Stadtviertel der britischen Hauptstadt, sondern auch ein kultureller Knotenpunkt, an dem sich die Geschichte der britischen Filmindustrie wie in einem Brennglas bündelt. Seit den 1930er-Jahren rollt hier der rote Teppich für Weltpremieren aus, und kaum ein anderer Ort im Vereinigten Königreich hat so viele Stars empfangen wie dieser Platz, der sich abends in ein funkelndes Lichtermeer verwandelt.
Bühne der Filmgeschichte

Die Bedeutung des Leicester Square für die Filmbranche ist eng mit dem Aufstieg des Kinos in Großbritannien verknüpft. Als die Lichtspielhäuser in den 1920er- und 1930er-Jahren begannen, die Massen mit bewegten Bildern anzulocken, etablierte sich der Platz als bevorzugter Standort für große Premieren. Die Nähe zu Theatern, Hotels und Restaurants machte ihn zum idealen Treffpunkt für Filmschaffende, Journalisten und Fans. Mit der Zeit entwickelte sich der Leicester Square zu einer Art britischem Hollywood-Boulevard, auf dem Filmgeschichte geschrieben wurde – und bis heute wird.
Kathedrale des Kinos
Im Zentrum dieser Entwicklung steht seit dem Jahre 1937 das Odeon- Kino, das über nicht weniger als 1.600 Sitzplätze verfügt. Der Art-Déco-Bau mit seiner markanten schwarzen Granitfassade und dem weithin sichtbaren Turm, der fast 50 Meter in den Himmel ragt, ist längst selbst zu einer Kino-Ikone geworden. Hier fanden unzählige Weltpremieren statt, von klassischen Schwarzweißfilmen bis zu modernen Blockbustern. Mitglieder der britischen Königsfamilie besuchen regelmäßig Benefizvorführungen, und internationale Stars schreiten über den roten Teppich, der sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Platzes zieht.
Im internationalen Rampenlicht

Die technische Ausstattung des Odeons wurde über die Jahrzehnte immer wieder modernisiert, ohne den historischen Charakter zu vernachlässigen. Heute beherbergt es eine der größten Leinwände Europas und bleibt ein Ort, an dem Filmkultur nicht nur konsumiert, sondern zelebriert wird. Und so hat dieses Kino mehr Weltpremieren beherbergt als jedes andere Lichtspielhaus auf dem Globus. So flimmern traditionell die James-Bond-Filme hier erstmals über die Leinwand.
Freiluftmuseum der Filmkultur
Im Rahmen des Projekts „Scenes in the Square“ wurden rund um den Platz Skulpturen berühmter Filmfiguren installiert. Die Idee dahinter war so simpel wie genial: Die ikonischen Berühmtheiten der Filmgeschichte sollten aus der Zweidimensionalität der Leinwand heraustreten und sich unter das Volk mischen. Diese lebensgroßen oder überlebensgroßen Figuren verwandeln den Platz im Herzen von London in ein urbanes Freiluftmuseum, das die Vielfalt der Filmkunst und gleichzeitig die lange Tradition des Platzes als Premierenstandort würdigt.
Stars aus Bronze und Fantasie

Die ersten Skulpturen wurden schon im Februar 2020 enthüllt. Zu ihnen gehören: Charlie Chaplin, der bereits seit 1981 auf dem Platz vertreten ist, wurde in das neue Ensemble integriert. Seine Figur erinnert an die Wurzeln des Kinos und an die Bedeutung des Slapsticks für die frühe Filmkunst. Derweil schwebt Mary Poppins mit ihrem berühmten Regenschirm über einer Laterne und verkörpert die Magie des britischen Familienfilms, während Mr. Bean lässig auf einer Parkbank sitzt und dazu einlädt, sich neben ihn zu setzen.
Von Slapstick bis Musical
Die Vielfalt der Skulpturen setzt sich fort mit Darstellungen von Laurel und Hardy, die auf einem Sims balancieren und den Slapstick der goldenen Ära in den öffentlichen Raum bringen. Sogar die Welt der Musicals ist vertreten: Gene Kelly schwingt sich in seiner berühmten Pose aus „Singin‘ in the Rain“ an einem Laternenpfahl, ein Bild das selbst dem grauesten Londoner Regentag trotzt.
Tierische Vertreter

Bugs Bunny lehnt lässig an einer Straßenecke und bringt einen Hauch von Cartoon-Leichtigkeit in die Szenerie. Seine Figur erinnert an die Bedeutung animierter Filme und Serien für Generationen von Zuschauern. Und Paddington Bear, der liebenswerte Bär aus Peru, der in den Filmabenteuern in London ein Zuhause findet, sitzt mit seinem Marmeladenbrot auf einer Bank.
Superhelden im Anflug
Batman thront auf einem Dachvorsprung und blickt über den Platz. Die Figur repräsentiert die globale Strahlkraft amerikanischer Superheldenfilme und die enge Verbindung zwischen Hollywood und dem Leicester Square als Premierenstandort. Ebenso wie Iron Man als Symbol für die erfolgreichen Marvel-Filme. Auch Wonder Woman erhebt sich gut sichtbar in dynamischer Pose und unterstreicht den Wandel der Filmindustrie hin zu vielfältigeren und stärkeren Frauenfiguren.
Hommage an britische Filmkunst

Nicht fehlen darf natürlich Harry Potter. Der wohl berühmteste Zauberlehrling der Welt wurde 2021 ergänzt. Seine Figur zeigt ihn im Flug auf einem Besen und würdigt die britische Herkunft einer der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten. In diese Reihe reiht sich fraglos seit Herbst 2025 auch eine Skulptur von „Bridget Jones“, als Hommage an eine der erfolgreichsten britischen Filmreihen mit Renée Zellweger in der gleichnamigen Titelrolle, ein.
Anziehende Bronze
Besonders faszinierend ist die technische Umsetzung der Figuren. Die Bronze ist so behandelt, dass sie der Witterung trotzt, aber dennoch eine Wärme ausstrahlt, die zum Berühren einlädt. Und die Skulpturen wurden bewusst so gestaltet, dass sie nicht nur dekorativ wirken, sondern Geschichten erzählen. Jede Figur ist Teil einer Szene, die sich in die Architektur des Platzes einfügt und dazu einlädt, für einen Moment in die Welt des Films einzutauchen.
Ein Platz als Leinwand

Dabei folgt die Auswahl der Figuren einem klaren Konzept: Der Leicester Square soll als lebendiges Denkmal der Filmgeschichte fungieren. Die Skulpturen repräsentieren unterschiedliche Genres, Epochen und kulturelle Hintergründe. Sie zeigen, wie vielfältig die Welt des Films ist und wie stark sie das kollektive Gedächtnis prägt. Gleichzeitig dienen sie als touristischer Anziehungspunkt und als Symbol für die Rolle Londons als globaler Kulturstandort. Und so wird der Spaziergang zwischen den Figuren zu einer kleinen Pilgerfahrt für Cineasten, zur öffentlichen Liebeserklärung an die Traumfabrik des (britischen) Films. Weitere Informationen unter https://leicestersquare.london.
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Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
