Dunmore – Schottlands steinerne Ananas

Die Dunmore Pineapple gehört zu den ungewöhnlichsten Bauwerken in Schottland.

Die Dunmore Pineapple thront seit dem 18. Jahrhundert über den Walled Gardens von Airth und erzählt von Übersee-Abenteuern, barocker Statuslust und meisterlicher Steinmetzkunst – eine Frucht, in der man sogar übernachten kann.

Mitten in der sanften Hügellandschaft in der schottischen Grafschaft Stirlingshire ragt ein bizarres Meisterwerk aus dem Grün empor: Die 14 Meter hohe Dunmore Pineapple ist ein architektonisches Augenzwinkern aus dem 18. Jahrhundert, das die Ernsthaftigkeit der georgianischen Epoche mit einer gehörigen Portion Exotik bricht. John Murray, 4. Earl of Dunmore, ließ das Gartenhaus im Jahre 1761 zunächst als schlichte Orangerie errichten. Erst nach seiner Rückkehr aus Virginia, wo er als letzter königlicher Gouverneur amtierte, setzte er dem Bau 1777 die steinerne Krone auf – eine überdimensionale Ananas als architektonisches Andenken an seine Weltreise.

Statussymbol aus Sandstein

Eine Ananas als besonderer Blickfang.

Das Motiv war kein Zufall: Seit Columbus im Jahre 1493 die Frucht aus Guadeloupe mitbrachte, galt sie in Europa als Inbegriff von Luxus, Gastfreundschaft und exotischer Ferne. Architekten meißelten sie in Torpfosten und Möbel; der Earl trieb das Spiel auf die Spitze. Denn dieses Bauwerk ist weit mehr als eine exzentrische Laune eines schottischen Lords; es ist ein steinernes Zeugnis von extremem Wohlstand, botanischem Ehrgeiz und dem damaligen Drang, der rauen schottischen Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Geniale Heiztechnik für tropische Träume

Der untere Teil des Follys, wie die Briten ein weitgehend nutzloses Bauwerk in der Gartenkunst oder Architektur nennen, beherbergte einst die besagte Orangerie, in der tatsächlich Ananas und andere Tropenfrüchte wuchsen. Um das frostige schottische Klima zu überlisten, ließ der Earl die Nordmauer des umliegenden Walled Garden als beheizbare Hohlwand errichten. Die Wärme wurde über ein Kanalsystem direkt zu den künstlich angelegten Beeten geleitet, auf denen die Ananas-Pflanzen in quadratischen Gruben reiften.

Noch raffinierter ist die Ananas selbst: Jedes der geschwungenen Steinblätter ist einzeln entwässert, die Kanten sind so geneigt, dass kein Wasser stehen bleibt und Frost die Skulptur nicht sprengen kann. Der Architekt bleibt unbekannt, doch die Qualität legt italienische Steinmetze nahe.

Vom Herrensitz zum Ferienquartier

Dunmore Pineapple
Die Dunmore Pineapple bei Airth vereint georgianische Gartenarchitektur, tropische Symbolik und Romantik in Ananas-Form.

Nachdem das Anwesen über die Jahrhunderte hinweg langsam verfiel und die Gärten überwucherten, rettete der National Trust for Scotland in den 1970er Jahren dieses einzigartige Kulturgut. Heute präsentiert sich die Anlage in restauriertem Glanz, umgeben von dichten Wäldern und einem malerischen Obstgarten, der im Frühling in voller Blüte steht. Reisende können heute dort nächtigen, wo einst herrschaftliche Gärtner die Öfen schürten. Auf der einen Seite liegen zwei Schlafzimmer mit Bad, auf der anderen eine Küche und ein lichtdurchfluteter Wohnraum mit Blick über den Rasen. Weitere Informationen unter www.nts.org.uk.

*****

Buchtipp für Schottland-Liebhaber

Das andere SchottlandSchotten sind angeblich geizig. Die Männer tragen Röcke, blasen auf dem Dudelsack und wirbeln Baumstämme durch die Lüfte. Sie lieben den Genuss von Whisky, frittierten Mars-Riegeln und von mit Innereien gefüllten Schafsmägen. Zu den Hobbys vieler Schotten zählt das Sammeln von Bergen. Keine Frage, mit ihren liebenswerten Eigenarten und Schrulligkeiten wissen die gerade einmal 5,2 Millionen Schotten große Sympathien für ihr kleines Land zu wecken. Als liebevolle Hommage an die raubeinigen Nordeuropäer verrät Das andere Schottland von Mortimer-Reisemagazin-Redakteur Karsten-Thilo Raab viel Interessantes, Kurioses und Unterhaltsames über Schottland, seine Bewohner und ihre Lebensgewohnheiten. Ein Buch, das mit Klischees über Schotten geizt, aber sonst kaum etwas Wissenswertes und Amüsantes ausspart.

Das amüsante wie informative Brevier über die Schotten widmet sich launig wichtigen Aspekten rund um das Wetter. Schließlich lassen sich in Schottland nicht selten alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben. Und so wird die Erfindung des Regelmantels ebenso beleuchtet wie das Phänomen der witterungsbedingten Schrumpfungsprozesse bei Schafen. Dann wiederum ist zu erfahren, wie man ohne große Aufwand einen Adelstitel in Schottland erhalten kann, wie der trostloseste Ort einen Gleichgesinnten gefunden hat und wo die Pilgerstätte für Liebende liegt. Auch die berühmteste und wohl kurioseste Bushaltestellen der Welt fand Eingang in die etwas andere Liebeserklärung an das kleine Land im Norden von Großbritannien.

Erhältlich ist Das andere Schottland (ISBN 978-3-7115-2982-4) von Karsten-Thilo Raab für 18 Euro im Buchhandel oder online etwa bei Thalia oder Amazon.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.