Porto zwischen Portwein und Atlantik

Porto
Wahrzeichen von Porto ist die markante Ponte de Dom Luís I über dem Douro. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Porto ist weit mehr als nur die kleine Schwester von Lissabon. Zwischen steilen Gassen, prachtvollen Kachelwänden und den schweren Eichenfässern der Portweinkeller weiß das barocke Herz des portugiesischen Nordens zu begeistern.

Blick über Teile der historischen Stadtbefestigung auf den Douro. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Reste des Morgennebels klammern sich mit letzter Kraft an die Pfeiler der Ponte de Dom Luís I, während auf dem darunter fließenden Douro die markanten Rabelo-Boote leise gegen ihre Vertäuung schlagen. Unten funkelnd das Wasser in Türkis- und Smaragd-Tönen, oben rumpeln die modernen grauen Straßenbahnen über die berühmte Brücke, deren filigrane Eisenkonstruktion fast wie ein „Eiffelturm der Horizontalen“ wirkt. Am Flussufer drängen sich die bunten Häuser des Altstadtviertels in Ribeira eng aneinander. Die Fassaden leuchten in Sonnengelb, Korallenrot und Mintgrün. Möwen kreisen über den Dächern des Weltkulturerbes. Schnell wird klar, Porto ist mehr als der kleine Bruder von Lissabon; es ist das stolze, barocke Herz des portugiesischen Nordens.

Dabei erweist sich die historische Altstadt der 230.000-Seelen-Gemeinde als eine vertikale Herausforderung, ein Labyrinth aus Treppen, Winkeln und steilen Anstiegen, die einem bisweilen den Atem rauben und im Gegenzug Ausblicke schenken, die ihresgleichen suchen. Wäscheleinen spannen sich über schmale Gassen, Balkone hängen schief. An vielen Häusern nagt unverkennbar der Zahn der Zeit, Farbe blättert ab, Wände bröckeln. Dazwischen ducken sich aber auch nicht wenige Gebäude, deren Fassaden mit den prachtvollen Azulejos geschmückt sind.

Die Poesie der Kacheln

Reich verziert ist die barocke Igreja de Santo Ildefonso. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Diese kunstvollen, blau-weißen Kacheln sind mehr als Dekoration. Sie sind Erzählungen aus Keramik, die Kirchen, Bahnhöfe und Häuser schmücken. Allein die barocke Kirche Igreja de Santo Ildefonso am Praça da Batalha zeigt mit mehr als 11.000 solcher Kacheln Szenen aus dem Leben des Heiligen. Auch der Bahnhof São Bento avanciert zum Gesamtkunstwerk. Über 20.000 Fliesen bedecken die Wände und lassen den Transitort zu einem begehbaren Kunstwerk avancieren, auch wenn viele der Fahrgäste fast arglos an den Azulejos vorbeigehen.

in vielen Teilen der malerischen Altstadt finden sich prachtvoll verzierte Fassaden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt lockt die Livraria Lello, die mit ihren geschwungenen Treppe und kunstvollen Holzschnitzereien nicht von ungefähr gerne als „schönster Buchladen der Welt“ tituliert wird. Ob der ellenlangen Warteschlangen ist hier Geduld gefragt, um in das Schmuckstück eintreten zu können.

Besonderes Flair

Bunte Häuser prägen das Viertel Ribeira. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Weg durch die Altstadt nach oben führt fast unweigerlich an der Kathedrale Sé vorbei, die wie eine Festung über der Stadt thront. Nur einen Steinwurf entfernt finden sich die Reste der alten Stadtmauer aus dem 14 Jahrhundert mit drei restaurierten Festungstürmen.

Blick auf Portos Altstadt über den Douro hinweg. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In der Rua das Flores mischen sich elegante Boutiquen mit alteingesessenen Goldschmieden. Die Fassaden der Häuser sind oft schmal, da Steuern früher nach der Breite der Straßenfront bemessen wurden. Während in den oberen Stockwerken die Wäsche auf schmiedeeisernen Balkonen im Wind flattert, servieren unten hippe Cafés den obligatorischen Galão, ein beliebtes Heißgetränk, bestehend aus Espresso und viel aufgeschäumter Milch.

In der malerischen Altstadt finden sich zahlreiche Murals. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Derweil ist in den Vierteln um die Rua das Galerias de Paris poppige, bisweilen freche Street Art allgegenwärtig. Bunte Graffiti-Gesichter grinsen Passanten an, riesige Murals erzählen von Revolution und Liebe, und irgendwo hängt ein riesiger Tintenfisch aus Spraydosenfarbe.

Die Lebensader der Stadt

Blick von Vila Nova de Gaia auf die Ponte de Dom Luís I. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Überquert man die Ponte de Dom Luís I lässt man das hektische Treiben der Altstadt hinter sich. Immer wieder fällt dabei der Blick auf den Douro. Der „goldene Fluss“ hat das Leben von Porto seit der Römerzeit geprägt. Er war die Autobahn für die Weinfässer, die auf den flachgehenden Rabelo-Booten aus dem heißen Hinterland, dem Alto Douro, herangeschafft wurden. Heute sind diese Boote meist dekoratives Beiwerk, doch ihre Präsenz erinnert an die harte Arbeit der Generationen, die den Reichtum der Stadt begründeten.

Alles, was in der Portwein-Welt Rang und Namen hat, ist in Vila Nova de Gaia vertreten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Am gegenüberliegenden Ufer, in Vila Nova de Gaia, ist dann auch die Luft schwerer, gesättigt vom Duft alten Eichenholzes und der süßen Schwere des Portweins. Denn in den kühlen Kellern lagert hier der berühmte Portwein. Es ist eine Alchemie aus Klima, Schieferböden des Douro-Tals und jahrhundertealter Tradition. Man spürt förmlich die harte Arbeit der Weinbauern in den Terrassen des Hinterlandes und die Geduld der Kellermeister, die dem Wein die nötige Ruhe gönnen.

Flüssiges Gold mit Charakter

In den Abendstunden wird Vila Nova de Gaia zum beliebten Treffpunkt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ein schlanker Sommelier mit Halbbrille erklärt mit todernster Miene, warum ein 40 Jahre alter Tawny besser schmeckt als ein Kuss – und manch einer ist geneigt, ihm nach einem kurzen Blick auf die eigene Begleitung für einen kurzen Moment Glauben zu schenken. Und tatsächlich, wer einen Schluck nimmt, versteht plötzlich, warum die Briten im 17. Jahrhundert so verrückt nach dem Zeug waren.

Ein farbenfrohes Kultgeschäft für die Sardine. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

An der Uferpromenade von Gaia finden sich zwischen den Portweinkellern einige bemerkenswerte Läden. So etwa das Portuguese Sardine. Ein Laden, der nichts außer Dosen mit Fisch verkauft. Doch die Fischdosen sind Gesamtkunstwerke. Jede Sorte, jeder Jahrgang ist individuell gestaltet. Nicht minder prachtvoll ist die direkt angrenzende Casa Portuguesa do Pastel de Bacalhau, mit ihren geschwungenen Stahltreppen, den Regalen voller uralter Bücher und der historischen Orgel. Neben der aufwendigen Deko sind es hier die speziellen Stockfischkroketten, die zum Verkaufsschlager avancieren.

Ein Stück Ursprünglichkeit

Stolz erhebt sich das Rathaus am nördlichen Ende der Avenida dos Aliados, einem der Hauptplätze von Porto. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer tiefer in den Alltag von Porto eintauchen möchte, findet in den schmalen Gassen oberhalb der Keller kleine Tascas, jene traditionellen portugiesischen Tavernen, in denen Einheimische sitzen, Karten spielen und Geschichten austauschen. Dort schmeckt der Portwein anders – weniger perfekt, dafür echter, rauer, näher an der Seele der Stadt.

Die prachtvollen Fassaden vieler Häuser lohnen einen Blick nach oben. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wenn der Abend hereinbricht und die Straßenlaternen die gelben und ockerfarbenen Häuser in ein warmes Licht tauchen, verlagert sich das Leben nach draußen. Die Plätze füllen sich mit Menschen, und aus den offenen Fenstern dringt das Klappern von Geschirr. Kellner jonglieren mit Tabletts voller Portwein-Gläsern, Fado-Gitarren klimpern, und irgendwo in der Menge lacht ein älterer Herr so herzhaft, dass man denkt, er habe gerade den Sinn des Lebens entdeckt – oder zumindest den perfekten Jahrgang 1985.

Immer wieder rückt der stadtbildprägende Douro in den Fokus. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die frischen Meeresfrüchte, die jeden Morgen in den Markthallen wie dem Mercado do Bolhão angeboten werden, sind von einer Qualität, die keine aufwendigen Rezepte benötigt. Ein wenig Olivenöl, Knoblauch und Salz genügen, um den Geschmack des Meeres auf den Teller zu bringen. In den traditionellen Wirtshäusern sitzt der Universitätsprofessor neben dem Hafenarbeiter, und man teilt sich den grünen Wein, den Vinho Verde. Es ist diese Ungezwungenheit, die Porto so sympathisch macht. Es gibt keinen Dresscode, nur die Einladung, Teil der Gemeinschaft zu sein.

Obligatorische Kalorienbombe

Mit historischen Straßenbahnen geht es bis an den Atlantik. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nicht fehlen darf eine Francesinha. Dieses Sandwich ist eine kulinarische Herausforderung: Zwischen zwei Toastscheiben schichten sich Steak, Schinken und verschiedene Würste, das Ganze wird mit Käse überbacken und in einer geheimnisvollen, leicht scharfen Soße aus Bier und Tomaten ertränkt. Es ist das ultimative Seelenfutter für neblige Tage am Atlantik. Doch Porto kann auch anders. Die gehobene Gastronomie hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Junge Köche interpretieren klassische Gerichte wie den Bacalhau – den getrockneten Stockfisch, für den es angeblich 365 Rezepte gibt – völlig neu und kombinieren ihn mit modernen Techniken und regionalen Zutaten.

An der Douro-Mündung in der Atlantik wacht das Castelo do Queijo. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer der Strömung des Douro folgt, gelangt dorthin, wo der Fluss im Atlantik übergeht. Mit der historischen Straßenbahn der Linie 1 oder 18 – alternativ mit der Buslinie 200 oder 500 – ruckelt man entlang des Flussufers bis nach Foz do Douro. Die engen Gassen weichen breiten Promenaden und dem endlosen Blau des Ozeans. Hier zeigt sich die Stadt von ihrer mondänen Seite. Die Villen sind großzügiger, die Gärten grüner, und die Brandung schlägt mit einer Urgewalt gegen die Molen, die daran erinnert, dass man sich am Rande des europäischen Kontinents befindet. Die Pergola da Foz, ein eleganter Säulengang im Stil der 1930er Jahre, lädt zum Flanieren ein, während die Fischer am Kai ihre Netze flicken, als gäbe es keine moderne Welt um sie herum.

Wissenswertes zu Porto in Kurzform

Porto gehört fraglos zu den attraktivsten Zielen in Portugal. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: https://visitporto.travel

Anreise: Lufthansa, Austria, Suisse und Ryanair bieten von fast allen größeren Flughäfen Direktflüge nach Porto an.

Startpunkt der Oldtimer-Touren ist am Palácio do Freixo in Porto. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Tipp: Porto ist der Ausgangspunkt für Oldtimer-Touren mit 70 Jahre alten MGAs durch das Douro-Tal, ein malerisches Weltnaturerbe der UNESCO und das Anbaugebiet für den Portwein. Informationen unter www.vintage-tours.de.

Essen & Trinken: Puro 450, Largo Sãoo Domingos 84, 4050-545 Porto, Portugal, Telefon 00351-222-011852, www.puro4050.com. Mozzarella Bar und Restaurant mit mediterran und italienisch angehauchten Speisen am Rande der Rua de Flores.

Die Francesinha gehört zu den Kalorienbomben, die eine Sünde wert sind. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Casa Guedes, Anvileo de Gaia, Av. Diego Leite 56, 4400-111, Villa Nova de Gaia, https://casaguedes.pt. Direkt an der Uferstraße in Gaia gelegenes Restaurant, das vor allem für seine Francesinha bekannt ist.

Vallado, Lago do Terreiro 4, 4050-553 Porto, Telefon 00351-939915313, www.quintadovallado.com. Direkt am Ufer des Douro werden mit Blick auf Gaia und die Ponte de Dom Luís I frische Fischvarianten kredenzt

Das Forte de Gaia liegt nur einen Steinwurf von den Portwein-Kellereien in Vila Nova de Gaia entfernt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Übernachten: Forte de Gaia, Autograph Collection, Rua de Serpa Pinto 60, 4400-307 Vila Nova de Gaia, Portugal, Telefon: 00351-220157540, www.marriott.com. Fünf-Sterne-Hotel mit Blick auf die Altstadt von Porto und den Douro. Weitere Informationen unter www.mortimer-reisemagazin.de/hotelcheck

Es fällt nicht schwer, sich für Porto zu begeistern. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.