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Nant Gwrtheyrn – Walisisch für Anfänger

Die ehemaligen Arbeiterhäuser in Nant Gwrtheyrn dienen heute als Unterkünfte für Sprachschüler und Wanderer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die ehemaligen Arbeiterhäuser in Nant Gwrtheyrn dienen heute als Unterkünfte für Sprachschüler und Wanderer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Croeso i Nant Gwrtheyrn“, hallt es durch die Andachtshalle der schmucken kleinen Kapelle mit ihrem modernen Glasvorbau. Mathew Penri hat das scheinbar Unaussprechliche über die Lippen gebracht, um die Handvoll an Wissbegierigen in eben diesem Nant Gwrtheyrn auf Walisisch willkommen zu heißen. Und dies an einem historischen Ort in der Mitte vom Nichts.

Das kleine Dörfchen duckt sich in einer tief eingeschnittenen Schlucht an der Irischen See im Schatten von fast 400 Metern hoch aufragenden Bergen auf der fast menschenleeren Llŷn-Halbinsel im Norden von Wales. Dort, wo ab Mitte des 19. Jahrhunderts für gut neun Jahrzehnte Steine abgebaut wurden, stoßen viele heute auf schwere verbale Brocken. Denn seit 1982 wird in Nant Gwrtheyrn versucht, interessierten Erwachsenen aus aller Herren Ländern die Besonderheiten der walisischen Sprache näher zu bringen.

Walisisch in sieben Niveaustufen

Die Wegweiser in Nant Gwrtheyrn deuten an, wie schwer Walisisch anmutet. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Wegweiser in Nant Gwrtheyrn deuten an, wie schwer Walisisch anmutet. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Einer, der sich dem alles andere als einfachen Unterfangen stellt, ist eben dieser Mathew Penri. Der 26-jährige ist einer von insgesamt drei fest angestellten Lehrkräften im sogenannten National Language Centre. Eine Heerschar von mehr als 30.000 Freiwilligen ist bisher nach Nant Gwrtheyrn gekommen, um in sieben verschiedenen Niveaustufen das Walisische zu erlernen oder zu vertiefen. Und dies ungeachtet der Tatsache, dass die Sprache alles andere als einfach ist.

Die kleine Kapelle mit dem Glasvorbau wird als Unterrichtsraum, aber auch für Trauungen genutzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die kleine Kapelle mit dem Glasvorbau wird als Unterrichtsraum, aber auch für Trauungen genutzt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Dem unbedarften Laien drängt sich schnell die Vorstellung auf, dass Walisisch, das auch als „Kymrisch“ oder „Cymraeg“ bezeichnet wird, durch eine akute Vokal-Armut gepaart mit einer grausamen Doppel-L- und Ypsilon-Flut sowie eine schier unermesslichen Konsonanten-Schwemme gekennzeichnet ist. Zudem hat es den Anschein, als bedürfe es einer schlimmen Halskrankheit, um das Unaussprechliche irgendwie artikulieren zu können.

Aussprache leichter als Grammatik

Blick auf die Küste der Llyn-Halbinsel und die Irische See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Blick auf die Küste der Llyn-Halbinsel und die Irische See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Erfahrungsgemäß bereitet die Grammatik die meisten Schwierigkeiten. Die Aussprache haben die meisten schon nach ein paar Stunden verinnerlicht“, wirkt Mathew der offenkundigen Skepsis der Sprachnovizen ein wenig entgegen. Gleichzeitig hofft er, mit seiner Arbeit das Seinige dazu beitragen zu können, damit seine Muttersprache nicht ausstirbt. Zwar ist Walisisch neben Englisch die offizielle Amtssprache in Wales, doch gemäß Schätzungen sind keine 500.000 Menschen weltweit der Sprache mächtig. Tendenz sinkend.

Ein Überbleibsel aus Steinbruchzeiten oberhalb der Irischen See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Überbleibsel aus Steinbruchzeiten oberhalb der Irischen See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Auf der Llŷn-Halbinsel und im gesamten Norden von Wales sprechen drei von vier Walisisch. Im Rest des Landes sieht es eher mau aus“, verweist Mathew auf die Tatsache, dass in den Grundschulen des Landes zwar alle Fächer in Walisisch abgehalten werden, die Kinder das Ganze auf ihrem weiteren Schulweg aber meist schnell wieder erfolgreich verdrängen. Denn danach beruht der Gebrauch eher auf Freiwilligkeit.

Walisisch ist Pflicht in Amtsstuben

Mathew Penri versucht den Gästen aus aller welt seine Muttersprache näher zu bringen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mathew Penri versucht den Gästen aus aller welt seine Muttersprache näher zu bringen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wer allerdings in den Staatsdienst eintreten möchte, muss entsprechende Sprachkenntnisse nachweisen. Daher rekrutiert Nant Gwrtheyrn das Gros seiner „Schüler“ auch aus dem eigenen Land. Hinzu kommen überwiegend Amerikaner, Australier und Neuseeländer, die den Gebrauch der keltischen Sprache erlernen wollen, um auf den Spuren ihrer walisischen Vorfahren wandeln zu können.

Ein Gefühö für die Aussprache erlernen die meisten relativ schnell. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Gefühö für die Aussprache erlernen die meisten relativ schnell. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Der eine oder andere kommt auch auf der Suche nach den eigenen Wurzeln hierher nach Nant Gwrtheyrn“, verweist Mathew auf die lange Geschichte des malerischen Fleckchens Erde an der Irischen See, das nachweislich bereits im Jahre 400 vor Christus besiedelt und lange die Heimat von Mönchen war. Und der 26-jährige, der in Bangor auf Lehramt studierte, blättert weiter verbal im Buch der Vergangenheit.

Blütezeit der Steinbrüche

Eine historische Lore mit Mustersteinen aus dem Steinbruch. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Eine historische Lore mit Mustersteinen aus dem Steinbruch. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Im 18. Jahrhundert waren die schnell wachsenden Industriemetropolen in England händeringend auf der Suche nach geeignetem Baumaterial. Insbesondere aus Manchester und Liverpool wurden die Fühler ins benachbarte Wales ausgestreckt“, so Mathew weiter. Im Jahre 1860 eröffneten in Nant Gwrtheyrn gleich drei Steinbrüche. Für die Arbeiter wurden zwei Häuserreihen hoch gezogen. Auch eine Kapelle und ein Geschäft fehlten nicht.

Eine historische Wohnung vermittelt einen Eindruck in das Leben der früheren Steinbrucharbeiter. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Eine historische Wohnung vermittelt einen Eindruck in das Leben der früheren Steinbrucharbeiter. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„In Nant Gwrtheyrn wurde vornehmlich Granit für den Straßenbau gewonnen“, weiß die engagierte Lehrkraft zu berichten. Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Kopfsteinpflaster mehr und mehr dem Teer als Straßenbelag weichen musste, wurde gleichzeitig das Ende der Steinbrüche von Nant Gwrtheyrn eingeläutet. Die Arbeiter und ihre Familien verließen das Dorf und die Siedlung verfiel in einen Dornröschenschlaf.

Ende des Dornröschenschlafs

Steinbrucharbeiter lebten nicht gerade im Luxus, wie die Museumswohnung dokumentiert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Steinbrucharbeiter lebten nicht gerade im Luxus, wie die Museumswohnung dokumentiert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wach geküsst wurde Nant Gwrtheyrn erst wieder in den 1970er Jahren von einem gewissen Dr. Carl Clowes. Dieser gründete eine Stiftung und sammelte Gelder mit dem Ziel, Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region zu schaffen und gleichzeitig die walisische Sprache zu fördern. 1978 begannen umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten in Nant Gwrtheyrn. Die Kapelle und das einstige Haus des Steinbruchchefs, das den Namen „Y Plas“ trägt, wurden zu Unterrichtsräumen, die Wohnhäuser zu Unterkünften für Sprachschüler, ehe hier ab 1982 erste Walisisch-Kurse abgehalten werden konnten.

Massive Bauweise, aber nicht gerade üppige Platzangebote zeichneten die Arbeiterhäuser aus. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Massive Bauweise, aber nicht gerade üppige Platzangebote zeichneten die Arbeiterhäuser aus. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Damals hätte wohl kaum jemand geglaubt, dass sich eine Sprachschule an einem derart entlegenen Ort wirklich zu einer Erfolgsgeschichte entwickeln könnte“, zeigt sich Mathew begeistert.

50.000 Tagesgäste in Nant Gwrtheyrn

Im Heritage Centre im Vorraum der kleinen Kapelle sind auch Bilder aus der Steinbruchvergangenheit zu sehen.

Die umgebauten Cottages bieten zusammen knapp 50 Personen Platz, stehen aber nicht nur den Lernenden offen, sondern werden häufig auch von Wanderern genutzt, die auf dem Wales Coastal Path, dem mit 1.400 Kilometern längsten Küstenwanderweg der Welt, unterwegs sind. So verwundert es wenig, dass Nant Gwrtheyrn jährlich allein gut 50.000 Tages- und Übernachtungsgäste zählt.

Die ehemalige Arbeiterhäuser in Nant Gwrtheyrn wurden liebevoll restauriert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die ehemalige Arbeiterhäuser in Nant Gwrtheyrn wurden liebevoll restauriert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Wedi blino?“ – „Müde?“, fragt Mathew, bevor er versucht, die Sprachverwirrung ein wenig zu lösen und in die Welt der geheimnisvollen Laute einzudringen, die mal tief im Kehlkopf, mal in den Wangen und dann wieder mit Hilfe der Zunge produziert werden.

Schwierige Laute

Sonnenuntergangsstimmung am Y Pas, das heute als Unterrichtsgebäude dient. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Sonnenuntergangsstimmung am Y Pas, das heute als Unterrichtsgebäude dient. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Als einer der schwierigsten Laute gilt dabei das doppelte „L“. Er entsteht, wenn ein „l“ und ein „h“ gleichzeitig ausgesprochen werden. Das Ganze klingt ähnlich wie das deutsche „ch“ in Wörtern wie „Becher“. Allerdings sollte die Zungenspitze dabei die Rückseite der Schneidezähne berühren. Ein doppeltes „d“ wird wie das „th“ im Englischen ausgesprochen, ein „w“ wie ein „u“. Für zusätzliche Verwirrung sorgt die Tatsache, dass die Betonung immer auf der vorletzten Silbe liegt.

Sonnenuntergang über der Irischen See in Nant Gwrtheyrn. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Langsam taucht die Sonn in der Irischen See vor Nant Gwrtheyrn ab. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Mae hynny’n ddigon. Saib!“ – „Das reicht erst mal. Pause!“, lädt Mathew dazu ein, das Gelernte erst einmal sacken zu lassen. Was er nicht verrät, ist, dass das Personal im Caffi Meinir, dem einladenden Café oberhalb des Strandes, ebenso wie alle anderen Mitarbeiter in Nant Gwrtheyrn mit den Sprachschüler konsequent nur Walisisch reden. Da wird die Tee-Bestellung ohne den Einsatz der Hände schon zur großen Hürde.

Ein Pint als Zungenlockerer

Ein Kunstwerk Tu Hwnt von Manon Awst und Benjamin Walther ziert die weitläufigen Grasflächen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Kunstwerk „Tu Hwnt“ von Manon Awst und Benjamin Walther ziert die weitläufigen Grasflächen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Nutzt die Gelegenheit. Zuhause habt ihr niemanden, mit dem ihr üben könnt“, spricht Mathew allen noch einmal Mut für den Gang ins Café zu. Und lachend hat er noch einen Tipp auf Lager: „Wenn ihr heute Abend im Pub ein Pint mehr als sonst bestellt, löst sich eure Zunge ein wenig und das Walisische ist auf einmal überhaupt nicht mehr schwer.“ Worte, die allerdings im Praxistest schnell Ernüchterung bringen sollten. Zumindest sprachlich…

Wissenswertes zu Nant Gwrtheyrn

Blick auf die Küste der Llyn-Halbinsel und die Irische See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Blick auf die Küste der Llyn-Halbinsel und die Irische See. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Allgemeine Informationen: www.visitbritain.com/de und  www.visitwales.com

Informationen: Nant Gwrtheyrn, Llithfaen, Pwllheli, Gwynedd, LL53 6NL, Wales, Telefon 0043-1758-750334, www.nantgwrtheyrn.org

Nant Gwrtheyrn duct sich in einem tief eingeschnittenen Tal. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nant Gwrtheyrn duct sich in einem tief eingeschnittenen Tal. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Lage: Die Llŷn-Halbinsel liegt versteckt hinter Snowdonias felsigen Gipfeln mit der Irischen See auf der einen und Cardigan Bay auf der anderen Seite im Nordwesten von Wales. Die Peninsula ist über die A 499 und die A 497 von Norden und Süden aus erschlossen.

Auf den Wiesen des kleinen Dorfes grasen die Schafe in aller Seelenruhe. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Auf den Wiesen des kleinen Dorfes grasen die Schafe in aller Seelenruhe. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Preis: Ein Fünf-Tages-Kurs mit sieben Unterrichtsstunden pro Tag kostet inklusive Übernachtung und Vollpension 495 Britische Pfund (ca. 560 Euro). Die Gruppengröße ist auf maximal 15 Teilnehmer begrenzt.

Essen, Trinken, Nächtigen

Mathew Penri ist eine von drei hauptamtlichen Lehrkräften. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mathew Penri ist eine von drei hauptamtlichen Lehrkräften. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Übernachten: Ab 65 Pfund können Tagesgäste auch ohne Kursbelegung in Nant Gwrtheyrn übernachten.

Essen und Trinken: In Nant Gwrtheyrn hält das Caffi Meinir (Telefon 0043-1758-750442) typisch Walisische Speisen und Getränke vor.

Selbst die Tassen cheinen zum Unterrichtskonzept zu gehören: "Pob lwc" bedeutet "viel Glück". (Foto Karsten-Thilo Raab)

Selbst die Tassen cheinen zum Unterrichtskonzept zu gehören: „Pob lwc“ bedeutet „viel Glück“. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ty Coch Inn, Porthdinllaen, Morfa Nefyn, Gwynnedd LL53 6DB, Wales, Telefon 0043-1758-720498, www.tycoch.co.uk. Das als eine der Top 10 Strandbars der Welt geadelte Pub liegt rund 15 Autominuten von Nant Gwrtheyrn in einer weiten Bucht direkt an der Irischen See.

Walisisch für den Hausgebrauch

Das kleine Dorf besticht durch seinen ureigenen Charme. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das kleine Dorf besticht durch seinen ureigenen Charme. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Aussprachhilfe: „ae“ wird (in der Regel) wie das deutsche „ei“ gesprochen; ein doppelte „d“ wie ein „th“ im Englischen; ein „f“ wie „w“ im Deutschen; ein „ff“ wie „f“ im Deutschen; ein „oe“ wie das deutsche „eu“; ein „ph“ wie f im Deutschen; „si“ wie das Deutsche „sch“; ein „u“ wie ein „i“ sowie das „w“ wie ein deutsches „u“.

Blick in die Steinbruch-Vergangenheit im Heritage Centre in Nant Gwrtheyrn

Blick in die Steinbruch-Vergangenheit im Heritage Centre in Nant Gwrtheyrn

Walisisch online lernen: Die BBC stellt eine umfangreiche Lernwebseite für Walisisch unter www.bbc.co.uk/wales/learning/learnwelsh bereit. LINK-NAME

Tagesaktuelle Informationen aus Wales, noch dazu in Walisisch, finden sich online unter www.golwg360.com, während unter https://parallel.cymru/ Beiträge stets in Englisch und Walisisch angeboten werden.

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