Tournai: Das „kleine Brügge“ der Wallonie

Tournai
Der prachtvolle Grand Place in Tournai erinnert an das ungleich bekanntere Brügge. – Foto Karsten-Thilo Raab

Mehr Postkartenidylle geht kaum. Die flämischen Häuserzeilen rund um den Grand Place, die fünftürmige Kathedrale Notre-Dame sowie Belgiens ältester Belfried bilden zusammen ein wohl einmaliges Bilderbuchensemble. Entlang des dreieckigen Marktplatzes erheben sich Häuserzeilen mit beeindruckenden Giebeln, wobei die ohnehin prachtvollen Fassaden zusätzlich durch die Flaggen von 23 Gilden verziert werden. Dabei dürfen die Patrizierhäuser gemäß Verordnung nicht mehr als drei Etagen besitzen, um den Blick auf den Glockenturm und das Gotteshaus nicht zu verstellen. Wohl auch, weil beide als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO stehen und als Wahrzeichen von Tournai gelten.

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Der 900 Jahre alte Belfried ist Teil des Weltkulturerbes. – Foto Karsten-Thilo Raab

Die 70.000-Seelen-Gemeinde in der Wallonie gilt nach Tongeren als die älteste in Belgien. Im Laufe der 2.000-jährigen Geschichte war Tournai, das auf Flämisch „Doornik“, mal in englischer, mal in spanischen, dann in holländischer und in österreichischer Hand und fungierte im 5. Jahrhundert sogar kurzeitig als erste Hauptstadt Frankreichs.

Die Fahnen der Gildenb zieren die Patrizierhäuser am Grand Place. – Foto Karsten-TThilo Raab

„Tournai ist so etwas wie das kleine Brügge der Wallonie – nur nicht so überlaufen“, flachst Karel Hoffesommer. Dem gebürtigen Holländer, der seit Jahrzehnten in der flächenmäßig größten Stadt Belgiens lebt, ist mit jedem seiner Worte der Stolz auf seine Wahlheimat anzumerken. Mit seinem grauen, langen Haar, dem grauen Vollbart und der roten Jacke wirkt der Gästeführer ein wenig wie der schlanke Bruder des Weihnachtsmanns in Zivil.

Auch die fünftürmige Kathedrale Notre Dame in Tournai ist Teil des Welterbes. – Foto Karsten-Thilo Raab

„Die Nachbarschaft von Belfried und Kathedrale symbolisiert auf anschauliche Art und Weise den jahrhundertelangen Zwist zwischen weltlicher und kirchlicher Macht“, unterstreicht der gelernte Bauingenieur. Gleichzeitig verweist er auf die Tatsache, dass Tournai mit Errichtung des Belfrieds im Jahre 1188 zur Stadt erhoben wurde. Der 72 Meter hohe gotische Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert ist der älteste in ganz Belgien. 257 Stufen gilt es zu erklimmen, um das Carillon, das Glockenspiel, mit seinen 43 Glocken zu besichtigen und den Panoramablick auf die Stadt an der Schelde zu genießen. Überspannt wird der Fluss durch die mittelalterliche Pont des Trous, die als befestigte Brücke als Teil der ehemaligen Stadtmauer fungierte.

Reich verziert ist die Kathedrale Notre Dame. – Foto Karsten-Thilo Raab

Noch weitaus imposanter ist die 83 Meter hohe Kathedrale mit ihren romanischen und gotischen Elementen. Das Querschiff des Weltkulturerbes misst 65 Meter. 135 Meter lang ist Notre Dame – und damit zehn Meter länger als der berühmte Namensvetter in der französischen Hauptstadt Paris.

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Ein besoinderes Kleinod ist auch das Hotel de Ville in Tournai. – Foto Karsten-Thilo Raab

„Allein über 700 Kapitelle zieren die Kirche“, schwärmt Karel Hoffesommer vom harmonischen Nebeneinander romanischer und gotischer Elementen. So gelten das imposante Kirchenschiff mit seinen vier horizontalen Fensterebenen und das Querschiff aus dem 12. Jahrhundert als wahre Meisterwerke romanischer Baukunst, während der ursprünglich romanische Chor im 13. Jahrhundert durch einen im gotischen Stil ersetzt wurde. Prachtvolle Kirchenfenster und Rosetten sowie 700 Jahre alte Wandmalereien schmücken das Innere.

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Jugenstil-Architekt Victor Horta entwarf das Musée des Beaux-Arts. – Foto Karsten-Thilo Raab

Die Schatzkammer des Sakralbaus, der 1999 bei einem Sturm stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist reich gefüllt mit Gold- und Silberschmiedewerk, Elfenbein, dem Schrein des Heiligen Eleutherius mit den sterblichen Überresten des ersten Bischofs von Tournai, einem Wandbehang aus Arras aus dem 14. Jahrhundert, dem Messgewand von Thomas Becket, dem Erzbischof von Canterbury, aus dem 12. Jahrhundert und vielen weiteren kostbaren Objekten. Auch das berühmte Rubens-Gemälde „Das Fegefeuer“ aus dem Jahre 1635 ist in der Domschatzkammer zu sehen.

Die Saint-Quentin Kirche liegt am Rande des Grand Place. – Foto Karsten-Thilo Raab

„Eigentlich fällt es überhaupt nicht schwer, sich in Tournai selber zu orientieren“, so Karel Hoffesommer mit Blick auf ein im Straßenpflaster eingelassenes Band aus goldfarbenen Metallteilen, das den Weg zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten der charmanten Stadt im Hennegau weist. Dazu gehört beispielsweise die alte Tuchhalle am Grand Place. Das architektonisches Prunkstück wurde zwischen 1610 und 1611 im Renaissancestil erbaut.

Die Sammlung des Folklore-Museums ist über mehrere Gebäude verteilt. – Foto Karsten-Thilo Raab

Ein Kleinod ist auch der neoklassische Abts-Palast des Benediktinerordens Sankt-Martin aus dem Jahre 1763, in dem heute das Rathaus untergebracht ist. Flankiert wird das Hotel de Ville vom Museum für Naturwissenschaften und dem Museum der schönen Künste, während das nahegelegene Musée des Beaux-Arts, das einzige von Jugendstil-Architekt Victor Horta entworfene Museum, Werke von Monet über van Gogh bis hin zu Toulouse-Lautrec präsentiert.

Das Folklore-Museum in Tournai illustriert mit lebensgroßen Puppen verschiedene frühere Berufszweige. – Foto Karsten-Tthilo Raab

Derweil illustriert das Folkloremuseum mit lebensgroßen Puppen und einer Sammlung von Utensilien verschiedene frühere Berufszweige, lädt aber auch zu einem Streifzug durch die Geschichte der Stadt. Und das Museum für Wandteppiche und Webkunst, das Musée de la Tapisserie de Tournai, zeigt Stücke aus dem 15. und 16. Jahrhundert, darunter die ersten Schöpfungen der Gruppe „Forces Murales“ um Deltour, Somville und Dubrunfaut.

Durchzogen wird Tounai von der Schelde. – Foto Karsten-Thilo Raab

Informationen: www.belgien-tourismus-wallonie.de, www.visittournai.be

Anreise: Von Deutschland aus ist Tournai über die Autobahn E 40 von Aachen nach Lüttich, dann weiter über E 42 Richtung Charleroi-Mons-Tournai bequem mit dem Auto zu erreichen. Wesentlich entspannter und umweltfreundlicher ist die Anreise mit dem Thalys. Der Schnellzug verbindet Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen und Dortmund mit Brüssel. Von Brüssel geht es dann mit dem Intercity nach Tournai.

Der Bahnhof von Tournai ist an das belgische Intercity-Netz angeschlossen. – Foto Karsten-Thilo Raab

Essen & Trinken: Restaurant Le Beffroi, Grand Place 15, 7500 Tournai, www.le-beffroi.be/de. Große Auswahl an Grillspezialitäten und Salaten – direkt am Gran Place.

Le Gaou, Boulevard du Roi Albert 78, 7500 Tournai, Belgien, Tel.: +32 69 21 37 53, www.legaou.com. Französische Küche mit pfiffiger Note kommt auf den Tisch des Hauses.

Äußerst prachtvoll ist die Tuchhalle in Tournai gestaltet. – Foto Karsten-Thilo Raab

Übernachten: Hotel Cathedrale, Place Saint-Pierre 2, 7500 Tournai, Belgien, Tel. +32 69 25 00 00, www.hotelcathedrale.be. Das Drei-Sterne-Haus unweit der Kathedrale bietet Übernachtungen im Doppelzimmer ab 74 Euro.

Maison Tahereh, Boulevard du Roi Albert 40, 7500 Tournai, Belgien, Tel. +32 69 23 36 08, www.bed-breakfast-tournai.be. Die Frühstückspension bietet Doppelzimmer ab 44 Euro pro Nacht an.

Karsten-Thilo Raab

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.