
Charles III. ist seit dem 8. September 2022 König von Beruf und damit Regent über das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland. Was nur die wenigstens wissen, ist die Tatsache, dass zu seinen Untertanen nicht nur die gut 68 Millionen Einwohner des größten Inselstaats in Europa gehören, sondern qua Gesetz auch (fast) alle Schwäne, die sich auf seinem Grund und Boden tummeln. Und davon gibt es Land auf, Land ab nicht wenige.
Warum Schwäne gezählt werden
Nun ist dies mit den Tieren aus der Familie der Entenvögel so eine Sache. Denn die besitzen weder einen Pass noch einen festen Wohnsitz. Um sich dennoch einen Überblick über den Schwanbestand im britischen Königreich zu verschaffen, werden die Schwäne beim so genannten „Swan Upping“ jährlich gezählt. Und dies mit dem Prunk und Brimborium wie man ihn von anderen traditionellen Zeremonien aus dem Londoner Könighaus kennt. Immer in der dritten Juli-Woche rückt der offizielle Schwanenmarkierer Ihrer Majestät, der King’s Swan Marker; mit seiner weißen Feder am Hut zusammen mit dem königlichen Schwanwächter, und einer Schar an Helfern aus, um die Population auf der Themse akribisch genau festzustellen.
Ritual mit viel Tradition

Sechs traditionelle Ruderboote, beladen mit Männern in leuchtend roten, schwarzen und blauen Uniformen, gleiten dann stromaufwärts. Ziel ist es, nicht nur die aktuelle Anzahl der Schwäne zu ermitteln, sondern auch den Gesundheitszustand der Tiere zu überprüfen, um sicher zu stellen, dass die Wasservögel in ihrer Existenz nicht bedroht sind. Eine Aufgabe, die seit dem Jahre 1482 im Gesetz fest verankert ist. Damals verabschiedet das britische Parlament den „Act of Swans“, in dem genau geregelt ist, wer in Großbritannien Schwäne besitzen darf.
Schwäne als Delikatesse
Vor allem zur Zeit der Tudors waren die schneeweißen, grauen oder schwarzen Vögel begehrte Lieferanten von Fleisch und Daunen. Bis auf wenige Ausnahmen gehören seither alle Schwäne auf den britischen Flüssen und Teichen der Krone. Was übrigens auch für Delphine und Wale in den Gewässern rund um Großbritannien gilt.
Von 900 Besitzern auf drei

In längst vergangenen Jahrhunderten gab es neben dem Könighaus noch eine Reihe von fast 900 Besitzberechtigten für die Wasservögel. Heute ist deren Zahl auf drei geschrumpft. Neben dem jeweiligen Regenten sind dies namentlich zwei Zünfte aus der City of London, dem Geschäfts- und Bankenviertel der britischen Kapitale. Seit dem Mittelalter sind die Innung der Tuchfärber und die Gilde der Weinhändler Besitzer einiger Schwäne auf der Themse. Und natürlich reklamieren sie auch den jeweiligen Nachwuchs für sich. Daher werden die königlichen Schwänezähler beim jährlich Swan Upping auch durch Vertreter beider Innung begleitet.
Moment der Wahrheit
In einem halben Dutzend Holzbooten rudern uniformierte Matrosen die Themse hinauf. Wenn immer sie Schwäne erspähen, erklingt aus dem Munde des rotberockten Bootsführers das Kommando „All up“. Sodann schicken sich die sechs Boote mit großem Geschick und eleganten Manövern an, die Tiere einzukreisen. Nun folgt der schwierigste Akt: Das Ergreifen der Schwäne, um diese mit Seilen zu fesseln und an Land zu bringen, wo sie gemessen, gewogen und markiert werden. Wobei der Schwanenmarkierer Ihrer Majestät und seine Helfer häufig markiert werden, denn die verschreckten Tiere lassen gerne mal unter sich gehen und versehen die blütenweißen Hosen mit kleinen grünlichen Klecksen.
Von Kerben zu Ringen

Früher kennzeichneten die Innung der Tuchfärber ihre Schwäne mit einer Kerbe im Schnabel, während die Gilde der Weinhändler ihre Tiere mit gleich zwei Kerben versah. Heute wird darauf verzichtet. Stattdessen erhalten die Tiere Ringe mit einer eigenen Identifizierungsnummer. Die Schwäne selbst scheinen die Prozedur mit königlicher Gelassenheit zu ertragen, als wüssten sie genau, dass sie hier die eigentlichen Stars sind. Und so ist die Zeremonie ist ein Ritual, das die Stadt mit ihrer Vergangenheit verbindet und gleichzeitig zeigt, wie Tradition und Naturschutz Hand in Hand gehen können.
Informationen:Das „Swan Upping“ beginnt 2026 am 13. Juli um 9 Uhr am Sunbury Lock und am 17. Juli gegen 17 Uhr an der Abingdon Bridge. Weitere Informationen unter www.royalswan.co.uk.
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Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
