Predjama – die weltgrößte Höhlenburg

Predjama
Die Burg Predjama in Slowenien verbindet spektakuläre Felsarchitektur, mittelalterliche Legenden und ein geheimnisvolles Höhlensystem. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Burg Predjama ist ein architektonisches Wunderwerk. Eingebaut in eine senkrechte Felswand, erzählt sie die Legende vom Raubritter Erasmus, der erst durch eine Kanonenkugel auf dem stillen Örtchen bezwungen werden konnte.

Der graue Fels scheint das Bauwerk beinahe zu verschlingen – oder ist es die Burg, die sich wie ein Parasit in den Stein beißt? Wer vor der Festung Predjama (Slowenisch: Predjamski grad) steht, reibt sich unwillkürlich die Augen. Hier, im Herzen Sloweniens, verschwimmen die Grenzen zwischen Natur und Architektur. Während der Wind pfeifend durch die Felsspalten zieht, hat man das Gefühl, die Zeit sei in den feuchten Mauern der weltweit größten Höhlenburg einfach steckengeblieben.

Die Burg vermittelt heute einen Blick in das Leben in längst vergangenen Zeiten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Im 13. Jahrhundert nutzten die Erbauer die Felsnische wie eine steinerne Rüstung, die Angreifer verzweifeln ließ. Denn das stolze Bauwerk schmiegt sich in eine gigantische Höhlenöffnung mitten in einer 123 Meter hohen Felswand. Die poröse Karstlandschaft Sloweniens, geformt durch Jahrmillionen der Erosion, lieferte nicht nur den spektakulären Standort, sondern auch das Material: Kalkstein, der Wasser durchlässt, Geheimnisse verbirgt und Räume schafft, wo man sie von außen ganz sicher nie vermuten würde.

Der Ritter, der durch die Hintertür verschwand

Untrennbar verbunden mit Predjama ist die Geschichte des Ritters Erasmus von Lueg, der hier im 15. Jahrhundert residierte – und seine Feinde mit einer Mischung aus Mut, Sturheit und spöttischem Humor zur Weißglut brachte. Der Adelige galt als eine Art slowenischer Robin Hood, der sich mit den Habsburgern anlegte und angeblich sogar einen kaiserlichen Gesandten erschlug.

Über Treppenstufen geht es hinein in das weitläufige Felsenlabyrinth. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Während die kaiserlichen Truppen unter der Führung des Gouverneurs von Triest, Gašpar Wolfgang Ravbar, die Festung ein ganzes Jahr und einen Tag lang belagerten und sich fragten, warum der widerspenstige Burgherr trotz Blockade nicht verhungerte, genoss Erasmus oben frische Kirschen, gebratenes Fleisch und wohl auch den einen oder anderen Becher Wein. Das Geheimnis war kein Zauberwerk, sondern ein ausgeklügeltes System aus geheimen Höhlengängen, die tief in das Karstgestein führten und bis auf die Hochfläche hinter der Burg reichten. Von dort konnten Verbündete unbemerkt Vorräte liefern – eine mittelalterliche Meisterleistung logistischer Täuschung.

Wenn das stille Örtchen zum Verhängnis wird

Auch ein Nachbau des Schlafzimmers fehlt nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Belagerung endete schließlich nicht durch Waffengewalt, sondern durch den schnöden Verrat eines Dieners und den Ruf der Natur. Da selbst der härteste Raubritter irgendwann dem Ruf der Natur folgen und die Latrine aufsuchen muss, die an der Außenwand der Burg eher exponiert lag, markierte eine brennende, vom Diener platzierte Kerze den richtigen Moment für die kaiserliche Artillerie. Ein gezielter Schuss beendete der Legende nach das Leben des Erasmus mitten in einer höchst privaten Verrichtung. Eine bizarre Todesart, irgendwo zwischen Tragik und schwarzem Humor.

Feuchte Kälte und steinerner Stolz

Ein Ritter im Thronsaal der Höhlenburg. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Heute wandeln Besucher durch die zugigen Korridore, in denen die Grenze zwischen Mauerwerk und nacktem Fels fließend ineinander übergeht. Holztreppen knarren, Eisenbeschläge wirken kühl und abweisend. Es tropft von den Decken, die Räume verströmen die klamme Kühle eines Kellers, und man beginnt zu begreifen, dass das Leben hier oben wenig mit romantischem Burgfräulein-Dasein zu tun hatte. Möbel, Waffen und Rekonstruktionen geben einen Eindruck vom Leben der damaligen Bewohner – doch der Komfort war gering. Licht kam spärlich durch schmale Öffnungen, Rauch zog nur mühsam ab. Selbst im Hochsommer stieg die Innentemperatur nicht über 15 Grad Celsius.

Wo die Höhle atmet

Speisesaal in Predjama – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das Höhlensystem hinter der Burg ist ein eigenes Universum. Es zieht sich kilometerweit durch den Berg und gehört geologisch zum weitläufigen Karstgebiet, das auch die berühmten, rund neun Kilometer entfernten Höhlen von Postojna umfasst. In den dunklen Gängen leben Fledermäuse. Tropfsteine wachsen hier im Tempo von wenigen Millimetern pro Jahrhundert. Die Verbindung von Natur und Architektur ist so eng, dass die Burg wirkt, als sei sie aus dem Fels herausgewachsen – oder als hätte der Berg sie verschluckt und nur halb wieder freigegeben. Weitere Informationen unter www.postojnska-jama.eu.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.