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Von 20. Juli 2017 Mehr →

Hausboot-Tour auf der Warthe: Von Ur-Landschaften in das schmucke Posen

Mit dem Hausboot lässt Wielkopolska – hier in der Marina von Posen – herrlich entspannt erkunden und erleben.

Da stockt der Atem. Ein ausgewachsener Weißkopf-Seeadler kreist über dem Boot, stößt schrille Schreie aus und macht sich bereit zum Angriff. So scheint es zumindest. Die Drohgebärde ist mit Sicherheit dem Horst mit den frisch geschlüpften Jungen geschuldet, den der Greifvogel um jeden Preis verteidigen will. Fünf, sechs Runden dreht das mächtige Tier mit seinen über zwei Metern Spannweite über den „Eindringlingen“. Dann dreht es ab und lässt sich mit breiten Flügelschlägen wieder auf der Krone einer halb abgestorbenen Weide nieder.

Posen – im wahrsten Sinne des Wortes wie gemalt.

Unten am Stamm haben die Bieber wieder ganze Arbeit geleistet. Kilometerlang liegen Bäume regelmäßig im Fluss oder balancieren kahl auf den letzten Resten ihres Stammes. Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Urwüchsig und kaum von Menschenhand beeinflusst. Wer sie erleben will, muss nur rund zwei Stunden von Berlin aus nach Osten fahren. Hierher an die Warthe, die den Bezirk Großpolen (Wielkopolska), den historischen Kern Polens, im Bogen durchquert.

Ursprüngliches Bootsvergnügen

Majestätischer Begleiter des Hausboots in luftiger Höhe: ein stolzer Seeadler.

Durch Kanäle und Schleusen verbunden mit Oder und Netze ergibt sich insgesamt ein „Ring“ von Flüssen, der als „Großpolenring“ für Freizeitkapitäne ein sehr ursprüngliches Bootsvergnügen verspricht. Denn hier ist der Wasser-Tourismus noch sehr neu: Wenige Anbieter vermieten Hausboote (in diesem Revier auch ohne Führerschein und nach Einweisung leicht fahrbar), erste kleine Marinas entstehen gerade und beim einzigartigen Naturerlebnis begegnen den Wassersport-Pionieren nur wenige Angler-Schlauchboote und Paddler.

Geschickt lässt Przemyslaw Szymanski das Hausboot zu Wasser.

Dabei ist der Großpolen-Ring eine nah erreichbare Möglichkeit, neben der Natur das polnische Landleben, die gastfreundlichen Menschen und die regionale Küche sehr direkt kennen zu lernen. Viele historische Orte säumen die Wasserstraße, auf der so ein rund neun Meter langes Boot mit Platz für vier Personen (über das verlängerte Wochenende) oder ein Pärchen für eine oder zwei Wochen dahin tuckern kann. Zehn bis 15 Kilometer pro Stunde beträgt die Entschleunigungs-Geschwindigkeit auf der Warthe. Wo natürlich auch ein Highlight wartet: Die Stadt Posen mit einem wunderbaren Marktplatz und vielen Sehenswürdigkeiten.

Entschleunigung mit 15 Stundenkilometern

Komfortabel und leicht zu manövrieren ist das Hausboot von Przemyslaw Szymanski.

Doch dazu später mehr. Startpunkt unserer Tour, die eine Woche dauern soll, war die Marina in Ląd (sprich: Lutchsch) rund 80 Kilometer östlich von Posen. Das recht neue Hausboot des Verleihers Przemyslaw Szymanski (der sich die Seite www.wochenendeaufdemwasser.de sicherte) ist trailertauglich und wird von ihm je nach Kundenwunsch in einer der Marinas vom Anhänger aus ins Wasser gelassen.

An Deck lässt sich das vorbeiziehende Landschaftskino in diesem wunderbaren Teil von Polen genießen.

Ląd bietet sich an, um innerhalb einer Woche sowohl fantastische Landschaften als auch Posen zu erkunden und am Ende westlich von Posen Richtung Berlin wieder an Land gehen zu können. Denn dort in der Nähe können Szymanskis Hausboot-Mieter ihr Auto absolut gesichert stehen lassen, um dann inklusive Gepäck mit dem großen SUV des Vermieters nach Ląd gebracht zu werden. Alles sehr bequem und unkompliziert. Und ideal für den One-Way-Trip. Denn den ganzen Großpolen-Ring zu umfahren, würde mindestens zwei Wochen dauern. Was auch möglich ist und seine Reize hat. Ein Wochenende oder eine Woche zum „Schnuppern“ ist eher die Regel.

Barockes Kleinod in Lad

Lad verfügt über einen kleinen Hafen und ein großartiges Kloster.

Ląd besteht aus wenigen Häusern, einem sehenswerten Barock-Kloster aus dem 16. Jahrhundert und dem kleinen Hafen, der bereits vorbildlich ausgestattet ist. Großzügige sanitäre Anlagen sind vorhanden. Auch wenn das von uns genutzte und auf der Warthe übliche Neun-Meter-Boot über eine kleine Naßzelle mit Toilette und Waschbecken verfügt, so sind doch geräumige Bäder und Duschen eine Wohltat für Freizeitkapitäne.

Im Hafenlokal Lawendowa Weranda wird Ente mit Knödel und Kraut serviert.

Die schönste Einrichtung der Marina ist jedoch das Hafenlokal Lawendowa Weranda. Der neue Holzbau hat innen ein heimeliges Flair inklusive Holzofen bei frischem Wetter und außen eine große Terrasse. Hier gibt es die Spezialität der Gegend mit Liebe bereitet: Ente mit Knödel und Kraut. Wobei der Knödel dem in alpinen Regionen bekannten Germknödel entspricht, der leicht süßlich und luftig ist. Mit der üppigen würzigen Soße zusammen jedoch eine genussvolle Kombination.

Wo Polens erste Kanone den Pfarrer traf…

Volle Fahrt voraus auf der Warthe.

So gestärkt geht es die träge dahin fließende Warte flussabwärts. Vorbei an oft überfluteten Sumpfwiesen, auf denen ganze Großfamilien von Störchen nach Fröschen und Schnecken stochern. Nach einer knappen Stunde sollte man unbedingt an der rechten Flussseite am neu eingerichteten Steg in Pyzdry festmachen. Ein historischer Ort, an dem einst wichtige Handelswege verliefen und wo die Grenze zwischen Preußen und Russland lag.

Malerische Landschaften und kleine Städtchen und Dörfer liegen an beiden Uferseiten.

Pyzdry war der erste Ort in Polen, an dem eine Kanone abgefeuert wurde, die unglücklicherweise den örtlichen Pfarrer ins Jenseits beförderte. Davon kündet ein überdimensionales Wandbild inklusive durchlöchertem Geistlichen, das vom Fluss aus bereits zu sehen ist. Im ehemaligen Franziskanerkloster mit renovierter Kirche gibt es ein kleines Museum, das urzeitliche Funde wie Mammut-Stoßzähne und daneben Ritterrüstungen und Gebrauchsgegenstände des Mittelalters sowie – natürlich – eine Nachbildung der Ur-Kanone zeigt.

Die modernste Marina an der Warthe

In den ausgedehnten Wiesenlandschaften tummeln sich Hunderte von Wasservögeln.

Quasi auf ehemaligem preußischem Gebiet geht es dann gesäumt von Wiesenlandschaften weiter nach Nowe Miasto, vormals Neumarkt. Hier befindet sich eine der modernsten Marinas der Warthe mit 16 Liegeplätzen und sanitären Anlagen. Kein Wunder: Der Betreiber, die Sudnik Group, ist ein Bootsbau-Unternehmen, das luxuriöse Alu-Hausboote inklusive bordeigenen Saunen fertigt, die keinen Wunsch offen lassen und ab 2018 auch vermietet werden. Zudem besitzt die Marina mit dem Restaurant „Schwarzer Storch“ eine Einkehr, die sich auf traditionelle Fischgerichte – insbesondere Zander – spezialisiert hat.

Kleine Häfen und Anleger wie hier in Obonicki laden zu Pausen ein.

Bei Fleischgerichten dominieren auch in dieser Gegend die luftigen Klöße. Vor dem Lokal gibt es im Sommer Open-Air-Konzerte und im nächsten Jahr soll hier ein schwimmendes Hotel auf dem Wasser entstehen. Eine mögliche „Auszeit“ für Hausboot-Fahrer, die nach einer gewissen Enge an Bord und der kleinen Nasszelle eine kurzzeitige Rückkehr in die Zivilisation begrüßen.

Posen – Herz des historischen Polens

Bunte Häuserzeilen begeistern in der malerischen Altstadt von Posen.

Hinter Sudnik und der Marina nebst Restaurant steht Zbigniew Sudnik, ein „Daniel Düsentrieb“, der an immer neuen technischen Lösungen tüftelt und schon viele Innovations-Preise des Landes bekommen hat. Ihm zur Seite steht zur Vermarktung der Marina seine Tochter Goscha, (Małgorzata) die sich auch mit großem Engagement um alle Anliegen der Marina Gäste kümmert.

Höhepunkt der Tour ist zweifellos Posen, eine Halbtagesfahrt mit dem Boot von Nowe Miasto entfernt. Die Halb-Millionen-Stadt ist das Zentrum des historischen Polen.

Hafen in Altstadtnähe

Eine der vielen Prachtbauten in Posen ist das historische Rathaus.

In der erzbischöflichen St.-Peter-und-Paul-Kathedrale auf der Dom-Insel mitten in der Warthe sind die frühen christlichen Herrscher und Könige des Landes beigesetzt. Der Bau, der sich nach diversen Zerstörungen aus romanischen, gotischen und barocken Teilen zusammensetzt, liegt ruhig zwischen Grünanlagen, neben barocken Häusern steht hier noch die kleine spätgotische Kirche der Hl. Jungfrau Maria und der Renaissancebau der Lubrański-Akademie. Vor allem befindet sich die Dom-Insel sehr pittoresk direkt gegenüber dem Posener Altstadt-Sportboothafen (gute Stege; die Infrastruktur inklusive Sanitäranlagen wird gerade gebaut), der für Ausflüge ideal gelegen ist. Denn gegenüber der Dom-Insel sind es nur noch rund 500 Meter bis zur Altstadt.

Der Posener Dom ist seit dem Mittelalter auch Sitz des Bischofs.

Der weitflächige Alte Markt, der ähnlich wie in Krakau und Breslau mehr als zwei Hektar groß ist, ist das Highlight von Posen. Den Markt gibt es schon seit der Stadtgründung im Jahr 1253. Die verschiedenen Baustile der aufwändig restaurierten Kaufmannshäuser reichen von der Gotik über Klassizismus bis Barock. Das Alte Rathaus wiederum ist ein Baudenkmal der Renaissancekunst und könnte auch in Florenz stehen. Der Renaissancesaal im Rathaus ist einer der schönsten historischen Räume des Landes. Vom Frühjahr bis Herbst tobt auf dem Marktplatz das Leben, stellen Künstler ihre Werke aus, versuchen sich Musikanten an harmonischen Klängen und die vielen Straßencafés sind der Treffpunkt zum sehen und gesehen werden. Eine der wenigen in Polen noch aktiv tätigen Glasmalereien ist in Posen zu Hause.

Alter Markt als Herzstück von Posen

Herzstück der Posener Innenstadt ist der Alte Markt mit dem historischen Rathaus.

Natürlich gibt es hier auch zahlreiche Restaurants mit Polnischer Küche. Ein innen modern-stilvolles Lokal am Markt mit Hausmannskost wie Piroggen und Borscht und zudem selbstgebrautem Bier ist das Brovaria. Dunkles, Pils und Weißbier können als gelungen bezeichnet werden. Für Liebhaber feiner Küche ist jedoch das Vine Bridge Restaurant gleich hinter der Dom-Insel ein Muss. Mit nur drei Tischen – einer davon im Schaufenster dieses ehemaligen Ladens – das kleinste Feinschmecker-Lokal in Polen, erwähnt im Gault Millau („Neue polnische Küche“), von Testern des englischen Guardian und des US-Senders CNN empfohlen. Hier überzeugen Pasta mit Rüben, Perlhuhn überbacken oder dreifach gebackener Käse.

Ungeachtet der langen, bewegten Geschichte verfügt Posen auch über ein modernes Gesicht.

Nur rund fünf Kilometer hinter Posen, die Warthe weiter flussabwärts, liegt die kleine Akwen Marina im Vorort Czerwonak, die mit allen nötigen Einrichtungen ausgerüstet ist. Eine Alternative abseits des Trubels von Posen und gleichzeitig so nahe zur Großstadt, dass man mit Bahn, Bus oder Taxi zu Ausflügen aufbrechen kann.

Puszcza Zielonka –  der Urwald von Zielonka

Das markante Rathaus fällt von vielen Stellen der Stadt aus in den Blick.

Eine Halbtagesfahrt weiter erreicht man die Anlegestelle Kowale in Oborniki. Besonders empfehlenswert für Bootstouristen mit Kindern, denn hier gibt es alle Annehmlichkeiten eines Campingplatzes inklusive Spielplatz, Wiesen zum Toben und Stellen für Lagerfeuer. Betreiberin Iwona Spychata stellt sogar eine Mini-Sauna zur Verfügung.

Auch zahlreiche urige und trendige Lokale sind in Posen zu finden.

Hier in Oborniki beginnt die „Puszcza Zielonka“, der Urwald von Zielonka. Ein 500 Kilometer langes Netz von Wander- und Radwegen durchzieht die Landschaft aus Wäldern, Wiesen und Seen. Und in Oborniki mündet die Welna, der „Gebirgsfluß“ in die Warthe, wo ein Naturschutzgebiet die Laichplätze von Forellen und Lachsen beherbergt. Außerhalb des Gebiets kann auf der Warthe übrigens mit einem vorher beim Bootsverleiher georderten Angelschein auch gerne vom Schiff aus die Rute ausgeworfen werden.

Denkmal einer Lastenträgerin in Posen.

Hinter Oborniki wird die Landschaft entlang der Warthe dann richtig wild und ursprünglich. Enten, Schwäne, Reiher und Kormorane schrecken immer wieder auf und fliegen vor dem Boot her. Umgestürzte Bäume liegen im Wasser, Sumpfgebiete wechseln mit dunklen Nadelwäldern. Kilometerlang zieht eine Landschaft vorbei, an der man sich kaum satt sehen kann. Dann tauchen Wachtürme und Stacheldraht am Horizont auf: Das „Sing-Sing“ von Polen in Wronki.

Polens größtes Gefängnis

Auf der entspannten Bootstour lassen sich nicht nur prächtige Flusslandschaften, sondern auch allerlei Köstlichkeiten aus der polnischen Küche genießen.

Das größte Gefängnis des Landes stammt noch aus Preußischer Zeit und wurde damals den amerikanischen Haftanstalten nachempfunden. Gegenüber den hohen Mauern hat die Kleinstadt eine Anlegestelle neben Sportanlagen und Picknick-Plätzen eingerichtet. Wronki ist ein geschäftiger Ort, in dem man sich gut mit Vorräten in Supermärkten und Metzgereien versorgen kann. Sehenswert ist das Regionalmuseum mit archäologischen Funden in einem alten Kornspeicher. Und natürlich auch hier die Umgebung mit viel Natur, die zu Wanderungen und Radtouren einlädt.

In Birnbaum sind Teile der Geschichte noch immer gegenwärtig.

Letzte Station nach Wronki ist Miedzychod (vormals hieß der Ort Birnbaum), ein Städtchen mit lauschigen Gassen und einer Besonderheit: Die Laufpumpe mitten im Ort fördert aus einem artesischen Tiefbrunnen aus dem Jahre 1912 schwefelhaltiges Wasser, dem Heilwirkung nachgesagt wird. Miedzychod liegt an einem recht großen See, an dessen Ufer sich eine vormals sozialistische Erholungsstätte erhebt. Nach der Wende hat es ein deutsch-polnisch-stämmiger Unternehmer aus der Pfalz erworben und liebevoll zu einem (Hotel) Schmuckstück ausgebaut.

Wasser mit Heilwirkung

Die Warthe und die verschiedenen Kanäle zeigen Polen von der schönsten Seite.

Auf einer großen Terrasse lässt sich nun bei Fischgerichten, Piroggen oder Steaks der Sonnenuntergang über dem See genießen. Ein idealer Abschluss für eine eher ungewöhnliche Bootstour, die allen Erholungssuchenden, die ohne lange Anfahrtswege in eine ganz andere Welt eintauchen möchten, nur sehr empfohlen werden kann!

Wissenswertes zu Hausboottouren auf der Warthe

Auch ohne Kapitänspatent ist das Hausboot gut zu manövrieren.

Informationen: Tourismusinformation Region „Großpolen“ und Warthe: Büro WOT, ul. Piekary 17 , PL – 61-823 Poznan, Telefon 0048-616645234,  www.wot.org.pl

Bootsverleih: ES Motors, ul. Promienista 19, 64-300 Paproć, Telefon 0048-600187 073 (auch Deutsch sprechend), kontakt@wochenendeaufdemwasser.de, www.wochenendeaufdemwasser.de

Hektik und Stress sucht man entlang der Warthe vergebens.

Essen & Trinken: Lawendowa Weranda, Marina Lad, www.marinalad.pl

Brovaria, Posen, Telefon 0048-618586868, www.brovaria.pl

Vine Bridge, ul. Ostrówek 6, PL – 61-122 Poznan, Telefon 0048-618750934, www.vinebridge.pl

Hotel und Restaurant Neptun, ul. Słoneczna 8, PL – 64-400 Międzychód, www.hotel-neptun.com.pl/de

Kunsthandwerk: Atelier für Glasfenster-Kunst in Posen, Roman Piechocki, ul. Łukaszewicza 42/1, PL – 60-729 Posen, Telefon 0048-618640807, www.vit-rom.pl. LINK-NAME

Der Verlauf der Wasserwege entlang der Warthe. (Fotos Felix Krawczyk und Gunther Schnatmann).

Archiviert unter Topthema, Europa, Polen
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