Von 24. Dezember 2019 Mehr →

Usbekistan – Scheherazade bittet zum Tee

Usbekistan

Usbekistan besucht durch ungeheure Pracht wie hier an der Medresenfassade auf dem Registan in Samarkand. – Foto Katharina Büttel

Keine Karawane, keine Kamele mit Seide und Gewürzen in Sicht. Wüste, das leere ausgedörrte Nichts, breitet sich unten aus beim Flug von Taschkent nach Urgentsch. Die Industriestadt aus der Sowjetzeit präsentiert sich gesichtslos. Aber dann, nach 30 Kilometern Busfahrt, ist alles anders. Chiwa liegt da wie eine Märchenstadt. Die erhaltene Stadtmauer mit vier Stadttoren umsäumt Medressen –Koranschulen – Mausoleen und Moscheen. Schlanke Minarette stemmen sich himmelwärts. Einst waren sie den Karawanen Leuchttürme in der Nacht.

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Auch das ist Usbekistan: Einmal als „Emir“ den Thron besteigen… – Foto Katharina Büttel

„Kalta Menar“ aber, das „Kurze Minarett“, wurde nie fertig. Hier endet der Himmelssturm der grün, braun, türkis glasierten Kacheln schon nach 26 Metern. Der damalige Khan stoppte den Weiterbau, befürchtete, dass Fremde aus luftiger Höhe in seine Gemächer sehen könnten. Doch niemand mehr muss auf ein Minarett; auch von den Befestigungstürmen im Kuchna-Palast wird der Blick frei über die lehmfarbene, goldglänzende Altstadt, die grünen Minarette, die wehrhafte Stadtmauer mit ihren runden Zähnen. Zu Füßen die Innenhöfe der Paläste mit den reich verzierten Portalen. Weit hinten flirrt die Luft über dem Sand der unendlichen Wüste.

Blühende Gärten auf Tonplatten

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Prächtiges Stadttor in der wehrhaften Stadtmauer von Chiwa. – Foto Kathrina Büttel

Man begreift, dass die Wüstenvölker den Traum von blühenden Gärten auf gebrannte Tonplatten übertrugen und die hohe Kunst der Fayence- und Fliesenmalerei entwickelten. Die floralen Ornamente schauten sie ihren Oasengärten ab. Eindrucksvoller noch sind sie in Buchara, am schönsten in Samarkand.

Die Farben des Orients – die Stickereien auf den Kappen verraten die Herkunft ihres Besitzers. – Foto Katharina Büttel

Chiwa zählt wie Buchara und Samarkand zum UUNESCO-Weltkulturerbe. Sie haben in ihrer 2500-jährigen Geschichte viele Herrscher und Eroberer kommen und gehen sehen. Der Zauber der zentralasiatischen Baukunst an der legendären Seidenstraße versetzt nun die Besucher in die schillernde Welt der Märchen aus 1001 Nacht.

Das „Kurze Minarett“ ist Wahrzeichen von Chiwa und steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. – Foto Katharina Büttel

Die Oasenstadt ist aus Lehm gebaut, die Altstadt Museum. Ein Ziel für Massentourismus ist dieser Ort nicht. So wirken die Schätze noch immer unverfälscht und erhaben. Niemand stört die Stille in der 1000 Jahre alten Juma-Moschee, warmes Licht bricht sich an den 213 geschnitzten Säulen aus Ulmenholz. Man schreitet fast allein durch die wasserblauen Zellen des alten Harems Tosch Havli. In den Karawansereien finden sich Souvenirläden, die Gassen gepflastert – Disneyland und Orient sind durchaus von Reiz.

Baumwolle als „weißes Gold“

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Im Rausch der Farben – Teppiche, Decken, Schals und Stoffe sind bei Touristen ein beliebtes Mitbringsel. – Foto Katharina Büttel

Usbekistan ist das Land weiter Steppen, lehmfarbener Felder, ausladender Maulbeerbäume; ihre Blätter ernähren die Seidenraupen. Für die 450 Kilometer durch die Kisilkum-Wüste nach Buchara braucht‘s fast einen Tag. Unterwegs durchsuchen Kontrollposten Laster mit Baumwolle und Seide auf verbotene Güter. Das Land grenzt an Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan und Turkmenistan! Schmal mäandert in der Ferne der Amur Darya Richtung Aralsee. Aber der einst mächtige Strom erreicht den See nicht mehr. Zu viel Wasser wird ihm zur Bewässerung der Baumwollfelder entnommen. Das “weiße Gold“ zählt auch heute noch neben Gold zu den wichtigsten Exportgütern. „Um gänzlich unabhängig zu bleiben, beteiligt sich unser Land nicht an dem chinesischen Projekt „Neue Seidenstraße“, betont Reiseleiter Azamat.

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Die Kulisse stimmt bei der Hochzeit in geliehenem Prinzessinnen-Look. – Foto Katharina Büttel

Die Usbeken sind zu 99 Prozent Muslime, die meisten sunnitische. Nach der gottlosen Kommunistenzeit erwachten zu Hunderten Moscheen und Medresen zu neuem Leben. Es wird wieder der Koran „gebüffelt“; junge Männer mit Käppi eilen nach den Studien von der Koranschule in die Moschee zum Gebet. Kein schwarzer Schador ist zu sehen. Auch kein Grau wie zu Sowjetzeiten: wasserblau, himmelblau und grünblau leuchten die Mosaike. Grellbunt und großgemustert die Seidenkleider der Frauen, golden bestickt die Schuhe, aus rosa Samt die Sitzkissen. Beim Lächeln blitzen Goldzähne. In den langen Gewändern bewegen sie sich ebenso stolz und selbstbewusst wie in Jeans und Tops.

Bestickte Kappen und bunte Kleider

Buchara – auf der Seidenstraße diente das 47 Metrer hohe Minarett den Karawanenführern einst zur Orientierung. – Foto Katharina Büttel

Reichtum und Fülle signalisieren die Basare. Besonders nach der Mittagsruhe, wenn wieder Leben in die überkuppelten Märkte kommt. Hier schlägt das Herz des Landes, es wird gehandelt, gefeilscht, gelacht. Durch die Gänge streifen Männer in Landestracht: dunkel wattiert die Mäntel, hohe Stiefel, schwarze, mit weißen Fäden bestickte Käppchen, die Tubitejka. Mit gewinnendem Lächeln preisen Frauen Brotkringel, Maulbeersaft, Reis in Zentnersäcken an. Duft von Koriander und frischem Fladenbrot schwebt über den Ständen. Sie quellen über von Gewürzen, frischem Gemüse, getrockneten, honigsüßen Früchten aus dem östlichen Ferganatal. Man kann bummeln, stundenlang, ohne bedrängt zu werden. Selbst der Fotograf wird mit einem Lächeln „entlohnt“. Offenheit und Gastfreundschaft sind neben den einzigartigen Baudenkmälern die schönste Erfahrung in diesem Land.

Einfach goldig: In den Basaren wird gelächelt – zur Freude der Touristen. – Foto Katharina Büttel

Buchara vereinigt Bauwerke aus vielen Jahrhunderten, unter ihnen die älteste Moschee Zentralasiens, die würdige Magoki-Attari. Still und versponnen liegt der schönste Platz, der Ljabi-Chaus, um einen Teich im Zentrum. Hier treffen sich die Menschen zur blauen Stunde, wenn die Sonne der Kizilkum-Wüste nicht mehr gar so heiß auf die Ziegeln brennt. Unter Maulbeerbäumen sitzen sie im Schneidersitz auf bettähnlichen Sitzpodesten, den Subas, schlürfen grünen Tee, lassen sich Schaschlik servieren. Sie palawern, stecken die Köpfe zusammen, Dominosteine klacken. Die ganze ethnische Vielfalt – es gibt 110 Ethnien – sitzt friedlich zusammen, Fremde sind willkommen.

Bilderbuchkulisse am Registan

Am Tage wüstenbraun, himmelblau – am Abend erstrahlen die Medresen auf dem Registan- Platz in goldenem Lichterglanz. – Foto Katharina Büttel

Fast menschenleer ist der Registan-Platz in Samarkand. Mild liegt die Abendsonne auf der Sher-Dor Medrese mit den kunstvollen Löwen-Darstellungen. Die Harmonie der islamischen Architektur, der Wechsel des Farbspiels, von klassischer Musik untermalt, betört die Sinne. Kuppeln und Fassaden der Medresen schimmern in türkisgrünem und blauen Schmuck: Opernkulisse, orientalische Fata Morgana. Es war ein König von Samarkand, den Scheherazade 1001 Nacht lang mit ihren Märchen verzauberte. Den Kaufleuten und Kameltreibern im Mittelalter muss das Herz aufgegangen sein, wenn sie nach monatelanger Wanderung auf den alten Handelsrouten Samarkand erreichten; eintauchend in die Pracht der drei hochaufragenden theologischen Universitäten, der Medresen. Nach der Eintönigkeit der Wüste ein Spiel von Licht, Form und Farbe.

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Muslima eilen in die Mosche hinter dem Registan Platz in Samarkand. – Foto Katharina Büttel

Unter der kräftigen Mittagssonne des nächsten Tages scheint auf dem Registan alles noch viel größer. Mehr als 2700 Denkmäler sind in Samarkand und dem Umland bekannt. Nach jahrelanger Restaurierung erlebt der Besucher eine Stadt voller Leben und orientalischer Strahlkraft. Und im Basar überall diese 1001-Nacht-Gestalten, die einst die Karawanen erwarteten: Mützenmacher und Goldschmiede, die Seidenweber und die Goldstickerinnen. Ein Greis zählt vergilbte Sum-Geldscheine mit der einen Hand und portioniert mit dem silbernen Krummdolch in der anderen saftigsüße Melonen. Oasen im Gewühl aus Menschen, bunten Teppichen und Warenpyramiden sind die Teehäuser, wo man süßen Caj aus Schalen schlürft. Der passt gut zum Plow, dem Nationalgericht aus Reis, Rind oder Lamm und Karotten.

Farben des Paradieses

Jade und Gold schmücken das Grabmal von Tamerlan. – Foto Katharina Büttel

Während die Hauptstadt Taschkent allein wegen ihrer Märkte, der 1000 Springbrunnen, ihrer Parks und Alleen einen Besuch lohnt, könnten Kunstreisende in Samarkand wohl eine Woche verbringen und hätten nicht alles gesehen. Die arabischen Invasoren brachten ihre reiche Kultur und den Islam, die Mongolen unter Dschingis Khan Zerstörung, im 14. Jahrhundert unter Tamerlan größte Blüte. Der legendärste aller Herrscher und sein Enkel Uhlug-Bek machten Usbekistan zum Kernland ihres riesigen Reiches, das von Indien bis zum Mittelmeer reichte.

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Die meisten Männer in Usbekistan tragen traditionelle Kopfbedeckungen. – Foto Katharina Büttel

Beide, zu Sowjetzeiten verfemt und heute Nationalhelden, schufen das sagenhafte Samarkand, mehrten seinen Ruhm. Im Gur-Emir-Mausoleum unweit des Registan haben sie ihre Grabstätte: das Innere aus Alabaster, Onyx, Suren in Gold, Fayencen in Azurfarben. Wenige Lampen lassen das Gold der Gebetsnische glitzern und werfen ihr flackerndes Licht auf die Jadeplatte des Sarkophags und die Gesichter der im Gebet versunkenen Pilger. Einst drängten sich 40 Mausoleen aneinander, heute sind es 13. Ein Lehrpfad durch die Kunstgeschichte: Fayencen und Terrakotta, Majoliken und Mosaike, Romben, Arabesken. Blau die Grundfarbe – die Farbe des Paradieses.

Wissenswertes zu reisen nach Usbekistan

Die Metrostationen in Taschkent ähneln Palästen wie denen in Moskau. – Foto Katharina Büttel

Anreise: Beispielsweise mit Uzbekistan Airways dreimal die Woche ab Frankfurt in 6,5 Stunden direkt nach Taschkent ab 565 Euro.

Einreise: Touristen können 30 Tage visafrei durch Usbekistan reisen, es reicht der gültige Reisepass.

In der Farbe des Paradieses – Koranschule auf dem Registan-Platz in Samarkand. – Foto Katharina Büttel

Geld: Die einzige zugelassene Währung heißt Sum. Genügend Bargeld (US-Dollar und Euro) ist zu empfehlen mitzunehmen. Visa/Master Card, American Express und Diners Club werden in großen Hotels und Geschäften akzeptiert.

Reisezeit: Heiße Sommer, kalte Winter. April bis Juni und September/Oktober sind die besten Reisemonate.

Stolze junge Mütter in Samarkand. – Foto Katharina Büttel

Literatur: „Usbekistan entdecken“ im Trescher Verlag für 21,95 Euro; DuMont Reisehandbuch mit Extra-Reisekarte 24,99 Euro.

Veranstalter: China Tours Hamburg bietet u.a. elf Tage „Höhepunkte der Seidenstraße“ ab 1.599 Euro/P. an.

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