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Die traumhafte Nord- und Westküste in Estland

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Ein Stück faszinierendes Estland: das Viru-Hochmoor. – Foto Cornelia Lohs

Es muss nicht immer Tallinn sein. An der Westküste Estlands locken das Bilderbuchstädtchen Haapsalu und die surreale Landschaft des Rummu Karjäär, im Norden das fulminante Zentrum des meistgespielten lebenden Komponisten der Welt, der Laheema-Nationalpark mit Findlingen, Glückssteinhaufen, alten Gutshäusern und einem Hochmoor.

Grönemeyer-Wurzeln in Estland

Das Zischen und Pfeifen einer abfahrenden Dampflok durchbricht die Stille auf dem einsam daliegenden Bahnsteig. Auf den Gleisen stehen ausrangierte Züge aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Die letzte Bahn Richtung Tallinn hat den Bahnhof in Haapsalu längst verlassen. Das war 1995. Heute ist das Gelände ein Museum und die Geräusche kommen aus Lautsprechern. Dass es überhaupt je einen Bahnhof gegeben hat, ist dem deutschbaltischen Arzt Carl Abraham Hunnius (1797-1852) zu verdanken. Er, ein Vorfahre des Musikers Herbert Grönemeyer, entdeckte 1825 die Heilwirkung des Meeresschlamms von Haapsalu, eröffnete ein Heilschlammsanatoriums und machte das Städtchen binnen weniger Jahre zum mondänen Kurort.

Ein Pavillon für die Zarenfamilie

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Der Bahnhof in Haapsalu dient heute als stimmungsvolles Museum. – Foto Cornelia Lohs

Nachdem Zar Alexander II. 1852 erstmals mit seiner Gemahlin und den vier Söhnen anreiste avancierte der Ort zum sommerlichen Hotspot des russischen Adels und der St. Petersburger Reichen und Schönen. Mitglieder der Zarenfamilie kamen bis ins frühe 20. Jahrhundert in das schmucke Ostseestädtchen. Mit Unterstützung von Zar Nikolaus entstand zwischen 1905 und 1907 das prachtvolle Bahnhofsgebäude mit einem Pavillon eigens für die Zarenfamilie und einem 216 Meter langen überdachten Bahnsteig, seinerzeit der längste in Europa.

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Längst ausgedient hat das alte Schienenross in Haapsalu. – Foto Cornelia Lohs

Das Maß entsprach der Länge des Privatzuges des Zaren. Alles sollte passen, wenn Zar Nikolaus samt Familie auf dem neuen Bahnhof einfuhr. Der verbrachte die warme Jahreszeit mittlerweile aber lieber in seiner Sommerresidenz auf der Krim und hat den Bahnhof nie gesehen, geschweige denn mit seinem Zug die Direktverbindung St. Petersburg-Haapsalu genutzt, die es seit dem Sommer 1914 gab. Das letzte Mitglied der Zarenfamilie, das in Haapsalu weilte, war 1908 Jelisaweta Fjodorowna, eine Schwägerin des Zaren, und die rollte als Nonne natürlich nicht mit dem bahnsteiglangen Zug des Schwagers ein.

Pracht längst vergangener Tage in Estland

Noch heute finden sich Zeugen einer famosen Epoche in Estland. – Foto Cornelia Lohs

An die Pracht vergangener Tage erinnert das elegante Kursaal-Gebäude an der Strandpromenade. An der kilometerlangen Flaniermeile reihen sich Jugendstilvillen, im Wasser steht ein schmucker Seepavillon, und auf einem winzigen Inselchen thront eine Eisbär-Statue. Kulturelles Schmuckstück der Promenade ist eine mit Noten versehene Steinbank mit dem Konterfei Tschaikowskys in der Rückenlehne. Der russische Komponist verbrachte den Sommer 1867 in Haapsalu, schrieb dort an seiner Oper „Wojewode“ und verewigte den Ort in dem Klavierzyklus „Souvenir de Hapsal“.

Kulturelles Schmuckstück der Promenade ist eine mit Noten versehene Steinbank mit dem Konterfei Tschaikowskys. – Foto Cornelia Lohs

Der Ort rühmt sich mit zwei weiteren Berühmtheiten. In der Kooli Straße 5 steht das Geburtshaus von Hedwig Büll, die als Missionarin während des Völkermords an den Armeniern 1915/16 an der Rettung tausender armenischer Waisenkinder beteiligt war und später im syrischen Aleppo ein Flüchtlingslager für die Überlebenden des Völkermords einrichtete. Heute beherbergt das Haus „Ilons Wunderland“. Die Kinderbuch-Illustratorin Ilon Wikland, die durch ihre Zeichnungen in den Büchern von Astrid Lindgren bekannt wurde, wuchs in Haapsalu auf, verließ Estland im Alter von 14 Jahren aber Richtung Stockholm.

Die Stille der estnischen Wälder

Noch immer ein Prachtbau ist der alte Kursaal. – Foto Cornelia Lohs

Dicht an dicht ragen Blaubeersträucher zwischen den hochragenden Kiefern aus dem Boden. Je weiter man in den Wald von Laulasmaa im Süden der Halbinsel Lohusalu hineingeht, desto stiller wird es. Versteckt zwischen den Bäumen steht ein polygonaler Bau aus Glas und Stahl, das im Oktober 2018 eröffnete Arvo Pärt Center, das Estland für einen seiner bekanntesten Söhne errichtete.

Das Arvo Pärt Center liegt inmitten einer herrlichen Landschaft. – Foto Cornelia Lohs

Arvo Pärt (*1935), der erfolgreichste und weltweit meistgespielte klassische Komponist der Gegenwart, entdeckte seinen einzigartigen Stil, den „Tintinnabuli“ (Glöckchen-Stil) nach einer achtjährigen Schaffenskrise. Erstes Werk in dieser Kompositionstechnik ist das Klavierstück „Für Alina“ aus dem Jahr 1976. Da die sowjetischen Kulturideologen sich an dem religiös-spirituellen Charakter seiner Musik störten, verließ er 1980 auf Druck der Kommunistischen Partei seine Heimat Estland und ließ sich zuerst in Wien, danach in West-Berlin nieder. Weltruhm erlangte er 1984 mit „Tabula rasa“. Er hatte das Stück für zwei Violinen und ein präpariertes Klavier sieben Jahre zuvor komponiert.

Eine Sammlung zu Arvo Pärt

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Der alte Steinbruch Rummu Karjäär setzt besondere Akzente. – Foto Cornelia Lohs

Erst 2008 kehrte Pärt endgültig nach Estland zurück. In dem Gebäude mit den hohen Glaswänden befinden sich ein Archiv mit tausenden von Partituren, Briefen, Manuskripten, Notizen, Tagebüchern und Filmen, ein Ausstellungsraum, Orte zum Arbeiten und ein Konzertsaal. Dass der Bau mitten im Wald steht, hat seinen Grund. Die Kompositionen Pärts drücken den Frieden und die Stille der estnischen Wälder in Musik aus. „Es gibt hier ein eigenes Tempo. Die Natur hat ihre eigene Geschwindigkeit, ihre Beständigkeit, ihren Kreislauf. All das spiegelt sich in der Musik meines Vaters wider, aber auch in der Art, wie er sein Leben lebt“, so der Sohn Michael Pärt. „Stille ist immer vollkommener als Musik, man muss lernen, ihr zuzuhören“, sagte Pärt einmal. Diese Stille erlebt man auf der Plattform des zum Center gehörenden Aussichtsturms, die hoch über den Baumkronen einen Blick auf die Wälder, die Ostsee und die scheinbar endlose Weite bietet.

Abenteuer-Hotspot Rummu Karjäär

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Kurioses Relikt aus der aktiven Zeit des Steinbruchs Rummu Karjäär. – Foto Cornelia Lohs

Im Steinbruch Rummu Karjäär wurde jahrzehntelang Kalkstein, der „Marmor von Vasalemma“, abgebaut. Die Felsen aus verdichtetem Marmorstaub, die sich über 60 Meter hoch türmen, bilden eine surreale Landschaft. Direkt neben der Grube befindet sich das verlassene Arbeitsgefängnis aus Sowjetzeiten, dessen Insassen den Kalkstein abbauten. Steinbruch und Gefängnis waren bis 1991 in Betrieb. Als die Sowjetunion kollabierte, wurde der Ort so wie er war zurückgelassen. Dann kam das Wasser. Als im Steinbruch noch gearbeitet wurde, gab es in der Grube zwei Pumpstationen, um das Gelände trocken zu halten. Nun stieg das Grundwasser auf.

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Mächtig und mächtig beeindruckend: indlinge auf der Käsu-Halbinsel. – Foto Cornelia Lohs

Da nach Abzug der russischen Betreiber kein Strom mehr bezahlt wurde, stellte man diesen kurzerhand ab. Binnen weniger Wochen bildete sich ein Grundwassersee, der aufgrund des hellen Kalksteinbodens kristallklar ist und einen Blick auf die versunkenen Gebäude bietet, die sich unter der Wasseroberfläche befinden. Früher ein Leidensort für Häftlinge ist der Steinbruch heute mit dem „Rummu Adventure Center“ ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, der See ein Tauch-Hotspot und die außergewöhnliche Landschaft ein Traum für Fotografen. Till Lindemann war nach dem Rammstein-Konzert 2017 in Tallinn für einen Video-Dreh hier, verrät Guide Daniel.

Laheema Nationalpark – im „Land der Buchten“

Wald, seen und Natur pur soweit das Auge reicht im Viru-Hochmoor.  Foto Cornelia Lohs

Mit einem Klackern bleibt der Stein auf der Spitze des großen Haufens aus Wunschsteinen liegen. So der Aberglaube will, wird nun ein Wunsch in Erfüllung gehen. Der Natur- und kulturgeschichtliche Pfad von Käsmu ist mit Steinen und Findlingen übersät. In allen Formen und Größen liegen die jahrtausendealten Steine im Wald, am Strand oder ragen aus dem Wasser. Wer einen handlichen Stein am Ostseeufer findet, ihn fest mit der Hand umschließt, mit einem Wunsch auflädt und ihn rückwärts über die Schulter auf einen Wunschsteinhaufen wirft, dem wird der Wunsch erfüllt. Allerdings nur, wenn der Stein nicht wieder herunterkullert. Der Laheema-Nationalpark, der sich im Norden des Landes über die vier großen Halbinseln Juminda, Käsmu, Perispea und Vergi erstreckt, wurde 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion gegründet. Das Gelände war zu Sowjetzeiten Sperrgebiet und durfte nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Selbst in der Ostsee steckten damals Zäune.

Stolze Gutshäuser aus dem 17. Jahrthundert

Von der Aussichtsplattform eröffnen sich tolle Blicke auf das Viru-Hochmoor. – Foto Cornelia Lohs

Eingesprenkelt in den Nationalpark liegen alte Gutshäuser, die von der schwedischen Herrschaft in vergangenen Jahrhunderten zeugen. Wie das prächtige Herrenhaus Kogla im Südwesten des Parks. Teile des monumentalen Herrenhauses stammen aus dem 17. Jahrhundert, sein heutiges Aussehen erhielt es in den 1820er Jahren. Damals befand sich das Haus im Besitz der schwedischen Adelsfamilie Stenbock, zu deren bekanntesten Mitgliedern Katharina Stenbock gehörte, die dritte Ehefrau von Schwedenkönig Gustav I. Wasa. Als die Sowjetunion Estland 1940 besetzte, ging das Gut in sowjetischen Staatsbesitz über, wurde geplündert und verfiel. Nach Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Estlands 1993 gab der estnische Staat das Anwesen der Familie Stenbock zurück. Diese nahm die Renovierung in Angriff, bisher reichte das Geld jedoch nur für ein neues Dach.

Ein stolzes Gutshaus zeugt vom einstigen Reichtum der Region. – Foto Cornelia Lohs

Eines der Highlights im Nationalpark ist das Viru-Hochmoor. Ein 3,5 Kilometer langer Holzsteg führt durch die Sumpflandschaft, in deren Mitte ein hölzerner Aussichtsturm steht, der einen einzigartigen Blick über die Heidewälder und die vielen kleinen Moorseen bietet, in die Hartgesottene auch bei kaltem Wetter springen. Natürlich nicht vom Aussichtsturm herunter. Weitere Informationen unter www.visitestonia.com/de.

Tipp: Reiseprogramme für Estland in deutscher Sprache bietet Volker Röwer an, der seit über 20 Jahren in Tallinn lebt: info@chalaro.ee.

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