Schnorcheln im Torfmoor – Weltmeisterschaft im Bog Snorkelling im walisischen Llanwrtyd Wells

Moorschnorcheln
Ein schleimig-dreckiger Hingucker: Die Weltmeisterschaft im Moorschnorcheln im walisischen Llanwrtyd Wells. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die Reaktionen reichen von Kopfschütteln bis hin zu totaler Begeisterung, von Stirnrunzeln bis hin zu grenzenloser Faszination. Dort, wo sanfte Hügel, ausgedehnte Moorlandschaften mit blühendem Heidekraut und friedlich grasende Schafe eine malerische Idylle bilden, wird alljährlich im wahrsten Sinne des Wortes Dreck aufgewirbelt – und dies um die Wette. Die Weltmeisterschaften im Moorschnorcheln, die World Bog Snorkelling Championships, im walisischen Llanwrtyd Wells sind nicht nur ein Exot unter den wohl verrücktesten Sportarten der Welt, sondern auch ein schleimig-ekeliger Hingucker. Noch dazu ein ebenso ungewöhnliches wie dreckiges Vergnügen. Schließlich gilt es eine knapp 110 Meter lange und rund 1,20 Meter tiefe Furche, die mit tief braunem Wasser, verrotteten Pflanzen und Matsch gefüllt ist, zweimal ohne aufzutauchen zu durchschwimmen. Erlaubt sind als Hilfsmittel lediglich eine Taucherbrille, ein Schnorchel und Flossen. Trotz der vermeintlichen Sehhilfe ist es – sehr zur Freude der vielen Hundert Zuschauer – alles andere als leicht, in dem schmutzigen Wasser die Orientierung zu bewahren.

Und während die eher Zartbesaiteten einen Neoprenanzug überstreifen, um sich in der brackigen Brühe vor dem zu schützen, was ihnen ungesehen durch die Hände flutscht oder über die Beine und Füße streift, gehen andere mit schillernden Kostümen oder mit Hulahubröckchen, phantasievoll bemalt oder in Krawatte an den Start. Wohl wissend, dass nach alter Väter Sitte im Anschluss an das Rennen das kostenlose „Hose down“, das Abspritzen mit einem Schlauch, erfolgt. Und wie es sich für ein internationales Spektakel der Extraklasse, das den Vergleich mit hochklassigen Wettbewerben wie „Welly Tossing“ (Gummistiefelweitwurf) und Kuhfladenlotto nicht scheuen muss, gehört, winken sowohl dem schnellsten als auch dem langsamsten Starter Ehrenpreise.

Moorschnorcheln
Die Sichtverhältnisse beim Moorschnorcheln in dem 110 Meter langen Graben im walisischen Llanwrtyd Wells sind eher bescheiden. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

„Ich glaube allein die Tatsache, dass es weltweit nicht genügend Moore mit entsprechenden Gräben gibt, hat bisher verhindert, dass Bog Snorkelling olympisch wurde“, flachst „Erfinder“ Gordon Green mit Blick auf die stetig steigenden Teilnehmerzahlen. Im Schnitt können jedes Jahr nicht weniger als 90 Wagemutige aus Großbritannien, Irland, Wales, Australien, Russland und den USA bei den Weltmeisterschaften im Waen Rhydd Bog in Mid Wales begrüßt werden. Aus einer vermeintlichen Schnapsidee ist längst ein Publikumsmagnet und Selbstläufer geworden, was auch das starke Interesse der internationalen Medien nachhaltig unterstreicht. Dabei hat Llanwrtyd Wells, das eingebettet von den Black Mountains, dem Brecon Beacons Nationalpark und den Cambrian Mountains in der Grafschaft Powys liegt, mit Ausnahme des Superlativs, die kleinste Stadt Großbritanniens zu sein, kaum ein anderes Pfund, mit dem es wuchern kann.

„It was late on night in 1986 and we have been drinking“, erinnert sich Grotten Green an die feuchtfröhlichen Anfänge im Neuadd Arms Hotel. Hintergrund war das Bemühen, den Bekanntheitsgrad des Städtchens zu steigern und gleichzeitig auf ungewöhnliche Art und Weise Geld für einen karitativen Zweck zu sammeln. Bei der Premierenveranstaltung 1986, als Lokalmatador Steve Griffiths als strahlender, wenn auch schmutziger Sieger anschlug, rekrutierte sich das Teilnehmerfeld noch fast ausschließlich aus der Grafschaft Powys. Doch seither zieren Namen aus England, Irland, Wales und Australien die Siegerliste der ungewöhnlichen Welttitelkämpfe, die 1995 wegen Trockenheit und 2001 wegen der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien ins Wasser fielen.

Moorschnorcheln
Augen zu und durch heißt es für die Teilnehmer bei den Weltmeisterschaften im Moorschnorcheln. (Foto: Visit Britain)

Ansonsten lockt der Kampf gegen die Uhr und das matschige Element jährlich mehr Starter und Zuschauer an, erst recht seit John Cantillon aus Dublin im Jahr 2000 in 1:45 Minuten einen ersten „Fabelweltrekord“ aufgestellt hat. Inzwischen ist aber auch diese magische Schallmauer durchbrochen worden. Denn Haydn Pitchforth aus Leeds setzte sich im Jahr 2006 mit 1:41,42 Minuten souverän die WM-Krone auf. Und im Jahre 2013 sorgte Dineka Maguire aus Nordirland mit 1:23,13 Minuten für eine neue, sensationelle Bestzeit.

Unabhängig davon streiten sich die Experten noch immer um die Frage, welche technische Finesse beim Moorschnorcheln wohl den größtmöglichen Erfolg garantiert. „My secret is the true Saturday Night Fever stroke. Like John Travolta I roll my hands in front of me and tip the sides“. Julia Galvin, Ex-Weltmeisterin aus Listowel im irischen County Kerry sowie langjährige Präsidentin des Irish Bog Snorkelling Association, schwört auf einen ungewöhnlichen Stil in Anlehnung an den Discokönig der 1980er Jahre: Die Händen rollen und die Seiten des Ufers berühren.

Im umliegenden Moor von Llanwrtyd Wells bereiten sich die Teilnehmer auf den WM-Start vor. (Foto: Karsten-Thilo Raab)
Im umliegenden Moor von Llanwrtyd Wells bereiten sich die Teilnehmer auf den WM-Start vor. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Ganz anders meisterte Peter Owen aus Bristol, der Sieger der Championships im Jahr 1999, die Herausforderung: „Hands only slow you down – Hände bremsen einen nur“, so der Schnorchelkönig aus Westengland, der sich nur mit Hilfe des Beinschlags und der Flossen vorwärts bewegt und dabei die Arme ausgestreckt vor den Kopf hält. Egal welche Technik auch immer gewählt wird, bei wohl keinem anderen Wettbewerb der Welt dürfte das olympische Motto mehr Bedeutung haben. Denn dabei sein ist in Llanwrtyd Wells alles und garantiert für Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen ein ungewöhnliches Vergnügen zwischen Heidekraut und Torf.

„Wir hätten uns damals nicht träumen lassen, welche große Popularität das Moorschnorcheln bekommen würde“, so Gordon Green, der zusammen mit seinen Mitstreitern über einen schier endlosen Einfallsreichtum zu verfügen scheint. Denn neben den Bog Snorkelling Championships, deren 29. Auflage übrigens am Samstag, 24. August 2014 steigen wird, ist Llanwrtyd Wells Austragungsort weiterer Spaßevents wie dem Marathonlauf Mann gegen Pferd. Dabei messen sich ein Pferd und ein Läufer querfeldein über die 42-Kilometer-Distanz.

Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer nehmen die ntapferen Schwimmer kaum wahr. (Foto: Visit Britain)
Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer nehmen die tapferen Schwimmer beim Moorschnorcheln kaum wahr. (Foto: Visit Britain)

Informationen: Green Events, Telefon 0044- 151-610666, www.green-events.co.uk

Lage: Llandwrtyd Wells liegt in Powys in der Grafschaft Brecknockshire in Mid-Wales und gilt mit seinen 601 Einwohner als kleinste Stadt Großbritanniens. Der nächstgelegene internationale Flughafen ist Birmingham im benachbarten England, ca. 110 Kilometer nordöstlich von Llandwrtyd Wells.

Britannia Kuriosa, Coverbild, Copyright Westrflügel VerlagEssen und Trinken: Neuadd Arms l, The Square, Llanwrtyd Wells, Powys LD5 4RB, Telefon 0044-1591-610236, www.neuaddarmshotel.co.uk. Zu dem Hotel gehört auch ein Pub, in dem ganztägig warme und kalte Speisen sowie Biere aus der hauseigenen Brauerei serviert werden.

Carlton Restaurant, Riverside, Llanwrtyd Wells, Powys LD5 4ST, Telefon: 0044-(0)1591-610248, www.carltonrestaurant.co.uk. Das Carlton gilt als eines der besten Restaurants in Wales und serviert vornehmlich walisische Spezialitäten.

Unterkünfte: Kilsby Country House, Llanwrtyd Wells, Powys LD5 4TL, Wales, Telefon 0044-1591-610281, www.kilsbybb.co.uk. Das kleine Familienunternehmen verfügt nur über zwei Fremdenzimmer, die ab 35 Pfund pro Person und Nacht angeboten werden.

Neuadd Arms Hotel, The Square, Llanwrtyd Wells, Powys LD5 4RB, Telefon 0044-1591-610236, Fax 0044-1591-610610, www.neuaddarmshotel.co.uk. Das zentral gelegene Haus hält insgesamt 21 Zimmer vor. Übernachtungen beginnen bei 77 Pfund.

Buchtipp: Ulrike Katrin Peters & Karsten-Thilo Raab: Britannia Kuriosa, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-08-8, Preis 14,90 Euro.

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.