Soria: Mit dem E-Bike zu Doktor Schivago

Soria
Zünftige Kulinarik während des Mittelalterfestes auf dem Plaza Mayor von Soria. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Die autonome Provinz Kastillien-Leon im spanischen Norden besticht durch ihre Abgeschiedenheit und landschaftliche Vielfalt, die schon von jeher Künstler und Literaten anzog, touristisch aber noch auf ihre Erweckung wartet.

Es ist schon eine Weile her, dass Züge an dem kleinen Bahnhof halt machten. „Pinar Grande“ ist in Weiß auf den blauen Kacheln an der Fassade noch zu lesen, doch die großen Zeiten sind längst Historie. Langsam erobert die Natur ihr Terrain zurück. Büsche und kleine Bäume, Gräser wachsen dort, wo sich einst Ticketschalter und Warteraum befanden, ragen aus den Fenstern auf den marode bröckelnden Bahnsteig hinaus.

Pinar Grande – ein Lost Place mit Strahlkraft. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Recht betriebsam war es hier wohl nie, denn Pinar Grande befindet sich im östlichen Kastillien in der nur dünn besiedelten, von einsamen wie weitläufigen Hochebenen und Wäldern geprägten Provinz Soria, in der am Picos de Urbión der drittlängste Fluss des Landes, der Duero, entspringt.

Waldreiches Soria

Jenseits der Bahntrasse bezeugen die imposant filigranen Ruinen einer Güterverladestation, dass zumindest die Forstwirtschaft einst eine große Bedeutung hatte, während sich hinter der Station eines der riesigen Waldgebiete erstreckt. „Pinus silvestris“ herrscht vor, die Waldkiefer, die hier auf über 1.000 Metern Höhe langsamer wächst als in Mitteleuropa und damit als qualitativ hochwertiger gilt. Ihr Holz ist nach wie vor populär und rund um die gleichnamige Provinzhauptstadt Soria wuchs eine recht beachtliche Möbelindustrie heran, die noch immer gewisses ökonomisches Potential besitzt.

Ein prachtvoller Kiefernwald in Pinar Grande. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Im Kontrast zu den bei uns eher düsteren und oft unwirtlichen Nadelwäldern, in denen das Sonnenlicht kaum den ebenfalls dunklen, daher meist bleiern wirkenden Waldboden zu erreichen vermag, wirkt dieser Forst frisch und überaus einladend. Auf dem Boden grünt und blüht es, Gras und Blumen bilden einen weichen samtenen Teppich. Bedingt durch das feuchtmilde Klima sprießen im Herbst die Pilze, dass es nur so eine Freude ist. Unmengen unterschiedlichster Schwammerlspezies begeistern auch das Auge eines unbedarften Waldspaziergängers, der aufpassen sollte, nicht ständig darauf zu treten.

Genussmomente auf Sterne-Niveau

Professionelle Sammler tragen derweil das Resultat ihrer erfolgreichen Suche im Weidenkörbchen heimwärts. Besonders begehrt und vergleichsweise häufig: der Steinpilz, der auf den Speisekarten der regionalen Gastronomie eine herausragende Stellung einnimmt. Im äußerlich eher unscheinbaren, gleichwohl mit einem Michelin-Stern dekorierten Restaurant La Lobita im Ort Navaleno drehen sich gleich ganze Menüs um ihn, den die kreative Sterneköchin Elena Lucas in verblüffender Vielfalt von Vorspeise bis Dessert zuzubereiten weiß.

Entspannt geht es mit dem E-Bike über die Via Verde. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Schienen liegen an der Station Pinar Grande nicht mehr. Das ambitionierte Zukunftsprojekt einer Bahnverbindung zwischen Biscaya und Mittelmeer, das 1879 als Ferrocarril Santander-Mediterráneo mit der Planung eines 732 km langen Schienenstrangs von Santander nach Valencia startete, wurde, von Fortschritt und Gegenwart eingeholt, nie fertiggestellt. Obwohl letztlich im Norden nur 63 km fehlten, für die noch 25 Tunnel hätten gebaut werden müssen, stellte man nach Baubeginn 1925 und Zwangspause während des Bürgerkrieges letztlich 1959 das Projekt ein, beließ es bei abschnittweise fertigen Trassen, die teilweise schon ab 1966 wieder zurückgebaut wurden.

Grüner Radweg

Doch die Strecke bekommt neues Leben eingehaucht als Via Verde, als grüner Weg für Radler. Er führt, sorgsam geschottert und mit manch einem Relikt aus aktiver Eisenbahnzeit versehen, weitestgehend durch nahezu unberührte Natur, verzichtet auf herausfordernde Steigungen und lädt geradezu zum entspannten Radwandern ein, gern im Schatten von Kiefern und bei moderaten Temperaturen.

Informationstafel über den an dieser Stelle San Leonardo de Yagüe 1965 gedrehten Film Dr. Schivago an der ehemaligen Bahntrasse Santander-Mediterraneo, dem heutigen Radwanderweg Via Verde. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Auf dem letzten Stück des Abschnitts zwischen Soria und San Leonardo de Yagüe sind sogar noch Gleise und Schwellen erhalten. Eine Hinweistafel erinnert kurz vor San Leonardo an ein besonderes Ereignis im Jahr 1965. Damals hatten Location Scouts die ursprüngliche Unberührtheit der Region aufgespürt und sie als Drehort für große Teile des Filmklassikers Dr. Schivago nach dem Roman von Boris Pasternak auserkoren. So verwandelten die kreativen Produzenten bei 30 Grad im Schatten die lokalen Pinienwälder in eine russische Winterlandschaft. Der opulente Streifen mit Julie Christie und Omar Sharif wurde zum Kassenschlager und mit fünf Oscars geadelt.

Die Seele Kastillien

Überhaupt schätzten und schätzen Literaten die mystische Melancholie des Städtchens Soria, das der Duero durchmisst, nachdem er bereits gut 1.000 Meter Höhenunterschied von seiner Quelle bei der Schwarzen Lagune überwunden hat und friedvoll am einstigen Templerkloster San Juan aus dem 13. Jahrhundert vorbeiplätschert, dessen Kreuzgang ignorierend, der ungewöhnlicherweise gleich mehrere Baustile vereint.

Der ungewöhnliche Kreuzgang des Klosters San Juan aus dem 12. Jahrhundert am Ufer des Duero in Soria. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Der berühmte spanische Schriftsteller Antonio Machado drückte mit seinem lyrischen Werk dem knapp 40.000 Einwohner zählenden Ort seinen Stempel auf als „Seele Kastillien“. Künstlerkollegen finden sich skulptural verewigt gleich mehrfach auf Plätzen und in den verwinkelten Gassen, aber auch seine Muse und junge Ehefrau Leonor. Und Peter Handke genoss die Ruhe Sorias, um gedankenverloren auf die essayistische, mithin erfolglose Suche nach der „Jukebox“ zu gehen.

Wissenswertes in Kurzform

Information: www.spain.info/de und www.turismocastillayleon.com

Die Laguna Negra im Nationalpark Tierra de Pinares. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Anreise: Iberia verbindet die spanische Hauptstadt Madrid mit den meisten deutschen Flughäfen. Die Weiterfahrt nach Soria erfolgt mit dem Mietwagen oder der Bahn und dauert in der Regel gut zwei Stunden.

Entdeckungen in und um Soria

Sehenswert: Zu den architektonischen Besonderheiten Sorias zählt neben dem Kreuzgang des Templerklosters San Juan de Duero aus dem 12. Jahrhundert und der angrenzenden Kapelle die frühromanische Kirche San Juan de Rabanera, die alte Klosterkirche Santo Domingo oder die Kapelle San Saturio. Darüber hinaus gibt es in den Gassen der Altstadt zahlreiche weitere, interessante Sakralbauten. Im von einer Stadtmauer umfriedeten Burgo de Osma ist die Kathedrale Unserer Lieben Frau unbedingt einen Besuch wert.

Die Altstadt von Burgo de Osma mit der Klosterkirche und dem Turm des Stadthauses vor abendlicher Kulisse. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Aktivitäten: Radtouren mit dem E-Bike auf der Via Verde sowie weitere zauberhafte Naturerlebnisse vom Escape Room bis zur trüffel-Safari verspricht der Veranstalter Descubre Pinares.

Einen Ausflug wert ist auch die Schwarze Lagune (Laguna Negra) im Nationalpark Tierra de Pinares auf gut 1.800 Meter Höhe nahe bei der Quelle des Duero.

Kulinarische Entdeckungen

Burgo de Osma mit der Stadtmauer und der markanten Klosterkirche. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Essen und Trinken: Eine echte kulinarische Erfahrung sind die Tasting-Menüs im Sterne-Restaurant La Lobita in Navaleno.

In der Altstadt von Soria gibt es eine Vielzahl empfehlenswerter gastronomischer Betriebe, wie die mediterrane Küche im La Cepa oder das lebhafte Restaurante La Mena. Einen Besuch für ein Kalt- oder Heißgetränk lohnt wegen seiner urigen Atmosphäre das Restaurante del Casino Amistad Numancia an der C. el Collado, 23.

Am Muse Leonor in Soria. – Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

In Burgo de Osma empfiehlt sich das Restaurante Virrey Palafox gleich neben dem Thermalhotel und im Burgstädtchen Peñaranda de Duero liegt mit der Posada Real Jaramillo

Sich gemütlich betten

Übernachten:  Mitten im Herzen der Altstadt Sorias liegt das modern ausgestattete Hotel Cortabitarte. Von hier aus sind alle Kirchen und Sehenswürdigkeiten der Stadt bequem zu Fuß zu erreichen. In der etwa 60 km südwestlich der Provinzhauptstadt gelegenen alten Bischofsstadt El Burgo de Osma bietet das im alten Bischofspalast eingerichtete Castilla Termal Hotel ausgezeichneten Wellness-Komfort und eine hervorragende Küche.

Der Duero fließt auf seinem Weg nach Westen unterhalb des Stadtzentrums von Soria.- Foto: Udo Haafke / Mortimer Reisemagazin

Die Recherche fand auf Einladung / mit Unterstützung des Spanischen Fremdenverkehrsamtes statt, ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung zu nehmen.

Udo Haafke

arbeitet als freier Fotograf und Bildjournalist mit eigenem Redaktionsbüro. Neben zahlreichen Fotoausstellungen im In- und Ausland hat er sich als Autor von Reiseführern und Bildbänden zu regionalen, nationalen und internationalen Themen einen Namen gemacht.