Lost Places
Lost Places aufzuspüren, ist nicht immer einfach. – Foto Susanne Timmann.

Ein Journalist, in einen unauffällig dezent braunen Mantel gehüllt, durchquert den leicht verregneten, grauen Wald zwischen Witten und Sprockhövel inmitten des Ruhrgebiets. Die Schritte werden vorsichtig gesetzt. Im schwarzen Rucksack, der nur leger über der rechten Schulter hängt, befindet sich nicht viel. Eine Drohe, ein kleines Notizbüchlein und ein Fotoappart mit einem beeindruckenden Objektiv. Er ist auf der Suche nach verlassenen, einsamen Orten, die oftmals auch dunkle Geheimnisse verbergen und Eingang in sein neues Buch Lost & Dark Places Ruhrgebiet finden sollen. Doch was hat Karsten-Thilo Raab, den erfahrenen Reisejournalisten und Redakteur des Mortimer Reisemagazins, dazu gebracht, bei diesem Wetter alleine durch den Wald zu stapfen, sich womöglich sogar in gefährliche Situationen zu begeben?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, vereinbare ich ein persönliches Treffen mit Raab. Seinem Vorschlag folgend, findet das Treffen in den faszinierenden Ruinen der Zeche Elisabethenglück statt. Raab sieht gar nicht aus wie einer, der sich mit solch unangenehmen Orten also „Lost Places“ beschäftigt. Groß gewachsen mit kurzem, bereits leicht grauen Vollbart schüttelt er mir freundlich die Hand. Er lächelt mich mit seiner ruhigen, entspannten Art an und reckt seinen Zeigefinger in Richtung der zerfallenen Treppen „Schauen Sie, hier befindet sich ein Stück vergessene Bergwerksgeschichte“, erklärt Raab.

Erster Dark Tourism Guide für das Ruhrgebiet

Raab berichtet weiter: „Diese und noch 32 weitere „Lost & Dark Places“ finden Sie in meinem gleichnamigen Buch. Auf meine Frage, wie er denn auf die Idee dieses Buches gekommen ist, erzählt Raab unaufgeregt weiter: „Ich habe in den zurückliegenden Jahren mehrere Reise- und Aktivführer zum Ruhrgebiet verfasst. Nach der Fertigstellung eines Fahrradführers für den Bruckmann Verlag hat der Verlag mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, auch einen Lost Places Band für das Ruhrgebiet zu verfassen. Ich muss gestehen, mich bis dahin nicht sonderlich für das Thema interessiert zu haben, fand dies aber nach kurzer Bedenkzeit äußerst spannend und reizvoll, wohl wissend, dass dies eine ganz andere Art der Recherche sein würde.“

Die versteckten und zerfallenen Orte bestechen durch einen ganz besonderern Charme. – Foto: Susanne Timmann

Diese Aussage macht mich neugierig, was Raab denn besonders beeindruckend gefunden hat? „Die aufgespürten Lost Places fand ich allesamt äußerst spannend. Überaus faszinierend waren die alte Munitionsfabrik zwischen Hagen und Lüdenscheid, das einst als Deutschlands miesestes Hotel geltende Haus in Oberhausen und die Reste des Almarings, der alten Rennstrecke in Gelsenkirchen. Aber auch die anderen Orte sind allesamt mit besonderen Geschichten verknüpft, teils mit Gräueltaten, teils mit Katastrophen und großem Leid.“ erzählt er weiter.

Die Stecknadel im Heuhaufen

Während ich mich weiter umschaue frage ich Raab, wie er eigentlich auf die Lost Places gestoßen ist? „Durch die Recherche für meine vorherigen Reiseführer kannte ich eine Vielzahl an Lost Places, auf die ich bei meinen Touren mehr oder weniger zufällig gestoßen bin. Ich habe mich aber auch mit einigen Urbanexern vernetzt, die mir wertvolle Tipps und Hinweise gegeben haben, ohne dabei den genauen Standort der Lost Places zu verraten. Mindestens ebenso schwierig wie das Aufstöbern von Lost Places war teilweise die Recherche zu deren Geschichte.“

Lost Places
Auch die SoDa-Berücke in Castrop-Rauxel gehört zu den vorgestellten Lost Places. – Foto: Susanne Timmann

Während wir am langgezogenen, mehr oder weniger verfallenen Verwaltungsgebäude der Zeche Elisabethenglück entlang gehen, frage ich weiter, worauf Raab bei der Recherche besonders achten musste? Immerhin ist ja nicht jeder Lost Place einfach zugänglich! „Einige Lost Places sind leicht zu finden und leicht zugänglich. Bei anderer hat die Suche doch einiges an Geduld erfordert. Bei einigen Anlagen war das Betreten nicht möglich, wegen Einsturzgefahr zu gefährlich oder nicht erlaubt. Dort konnte ich mir meist mit Hilfe einer Drohne einen Überblick verschaffen.

Sinnlose Schmierereien und Vandalismus

Einige Orte, zu denen ich gute Hinweise bekommen habe, waren, als ich deren Lage ausfindig gemacht habe, aber auch schon verschwunden oder haben Platz für Bauvorhaben gemacht. Erschreckend war an einigen Orten, wie respektlos die „Gäste“ teilweise mit dem fremden Eigentum umgegangen sind. Sinnlose Schmierereien und Vandalismus sind bei nicht wenigen Lost Places leider an der Tagesordnung.“

Auch das WDR-Fernsehen begleitet Karsten-Thilo Raab bei der Suche nach Lost Places. – Foto: Susanne Timmann

Bevor wir uns auf den Weg raus aus dem Wald machen, interessieren mich doch noch zwei Fragen: Was möchte Raab mit dem Buch bewirken? Und gibt es schon Pläne für einen zweiten Band?

Der etwas andere Blick aufs Ruhrgebiet

„Das Buch öffnet sicher einen ganz anderen Blick auf das Ruhrgebiet und zeigt ein Gesicht der Region, das bislang nur sehr wenigen bekannt ist. Zudem zeigt das Buch, dass sich hinter mancher Ruine, hinter mancher Schrottimmobilie überaus spannende Geschichten verbergen. Ob es einen Folgeband geben wird, vermag ich nicht abzuschätzen. Das hängt sicher von den Verkaufszahlen ab. Das Potential für ein zweites Buch ist fraglos vorhanden.

Einige Orte, die ich besucht habe, sind aus Platzgründen nicht ins Buch aufgenommen worden oder weil in diesem Teil des Ruhrgebiets schon zu viele andere Orte Erwähnung gefunden haben. Teil des Ansatzes war es, Lost Places in möglichst vielen Teilen des Ruhrgebietes mit aufzunehmen.“ erklärt Raab abschließend. Schade, dass sich unser kleiner Ausflug auf die dunklen Seiten des Ruhrgebiets dem Ende zuneigt.

Erhältlich ist Lost & Dark Places Ruhrgebiet (ISBN: 9783734320477) von Karsten-Thilo Raab für 22,99 Euro im Buchhandel oder direkt beim Bruckmann Verlag.