Nauplia – der Tummelplatz griechischer Geschichte

Die Palmidis Festung thront weithin sichtbar über Nauplia. (Foto Karsten-Thilo Rab)
Die Palmidis Festung thront weithin sichtbar über Nauplia. – Foto Karsten-Thilo Raab

Obwohl Nauplia die wohl deutscheste Stadt in Griechenland ist, obwohl Nauplia als erste Hauptstadt in die Geschichte des modernen Griechenlands einging, kennt kaum jemand das malerische 14.000-Seelen-Nest am Argolischen Golf. Nauplia, auch Náfplio genannt, gilt nicht von ungefähr als eine der schönsten Städte auf dem Peloponnes. Neoklassizistische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert dominieren neben den drei Festungsanlagen das Stadtbild.

„In Nauplia ist die Geschichte allgegenwärtig“, schwärmt Thanos Kaloussis in fast akzentfreiem Deutsch. Der 35-jährige ist ein Sohn der Stadt, wuchs aber im deutschen Wuppertal auf. Heute ist der Familienvater wieder in Nauplia zuhause, wo es für den Architekten, der sich auf den Denkmalschutz spezialisiert hat, genügend zu tun gibt. Und wenn die Aufträge einmal ausbleiben, betätigt er sich als Tour-Guide. Mal führt er in die Geschichte der Stadt ein, mal stellt er die Sehenswürdigkeiten vor, dann wieder zeigt er den Gästen auf einem von ihm konzipierten Rundgang die architektonischen Besonderheiten des charmanten Küstenstädtchens.

„Nach der Befreiung von den Ottomanen wurde Nauplia im Jahre 1827 die erste Hauptstadt des modernen Griechenlands, ehe 1834 der Regierungssitz nach Athen verlegt wurde“, schildert Thanos nicht ohne Stolz während des Gangs durch die engen, überwiegend autofreien Gassen der Altstadt. Vor einer kleinen Kirche, der Ágios Spiridonos, bleibt er stehen und zeigt auf ein kleines unscheinbares Loch rechts neben der Eingangstür.

Das ansonsten eher gewöhnliche Stück Wand des 1702 errichteten Gotteshauses markiert einen weiteren historisch bedeutsamen Moment in der jüngeren Geschichte der Hellenen. Denn vor dem Portal der Ágios Spiridonos wurde am 9. Oktober 19131 Griechenlands erster Ministerpräsident Ioánnis Kapodístrias vom Bruder eines verurteilten Steuersünders erschossen.

Blick auf das historische Zentrum Nauplia von der von der Akronáfplio-Festung. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Blick auf das historische Zentrum Nauplia von der von der Akronáfplio-Festung. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Irgendwie symptomatisch für unser Land. Denn wir haben bis heute Probleme mit der Steuermoral“, spart Thanos nicht mit der Kritik an den eigenen Landesleuten.

„Schon während der osmanischen Zeit war es eine Art Volkssport, sich um die Steuerschuld zu drücken“, glaubt der Architekt, dass diese Denke bis heute tief in der Mentalität der Griechen verwurzelt ist und ergänzt: „Viele glauben, unter der herrlichen Sonne Griechenlands von Geburt an das Recht zu besitzen, nicht arbeiten zu müssen und falls doch, dann zumindest keine Steuern zahlen zu müssen“, schimpft der 35-jährige, um dann wieder den Bogen auf das tödliche Attentat auf den ersten Mann im Staate zu schlagen.

Der CHarme längst vergangener Tage prägt viele klassizistische Gebäude im Herzen von Nauplia. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Der Charme längst vergangener Tage prägt viele klassizistische Gebäude im Herzen von Nauplia. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nach der Ermordung von Kapodístrias kam es, so Thanos Kaloussis weiter, in Griechenland zu einem Machtvakuum. Großbritannien, Frankreich und Russland, die Griechenland entscheidend im Kampf um die Unabhängigkeit unterstützt hatten, schlugen daraufhin der griechischen Nationalversammlung vor, einen europäischen Fürsten zum König zu ernennen. Und die Wahl fiel auf den damals 16-jährigen bayerischen Prinzen Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach (1815-1867).

Mit einem Gefolge von 3.500 Soldaten siedelte Otto I., der drei Jahrzehnte König von Griechenland bleiben sollte, nach Nauplia um. Weil er noch zu jung war, fungierte Joseph Graf von Armansperg als Vorsitzender des Präsidialrats. Während der eigens errichte Sitz des Königs heute nicht mehr existiert, erinnert in Nauplia das Haus Armansperg noch heute an den lange Zeit zweitwichtigsten Mann im Staate.

Blick auf Nauplia und die Palmidis Festung von der Hafenpromenade aus. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Blick auf Nauplia und die Palmidis Festung von der Hafenpromenade aus. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Ottos Regentschaft schuf die administrativen Grundlagen des modernen Griechenlands“, verweist Thanos auf die Tatsache, dass sich die griechische Gesetzgebung am deutschen Vorbild orientieren würde. Selbst das bayerische Reinheitsgebot für Bier trat mit der Inthronisierung von Otto I. zwischenzeitlich in Griechenland in Kraft.

Der Hauch der griechischen Geschichte lässt sich auch rund um den imposanten Verfassungsplatz, die Platía Sintágmatos, einatmen. Die Westseite des Hauptplatzes nimmt die mächtige, jedoch schlichte Fassade der einstigen Kaserne ein, in der heute das Archäologische Museum zu finden ist. Nur einen Steinwurf entfernt liegt am Südwestende der Platía Sintágmatos die im Jahre 1550 errichtete Vouléftiko Moschee. Diese war der erste Sitz des griechischen Parlaments. Heute dient der Komplex als Konferenzzentrum.

Nauplia
Üppig mit Drillingsblumen berankte Häuser und Gassen prägen die Altstadt von Nauplia. (Foto Karsten-Thilo Raab)

An der Konstantinos, der Haupteinkaufsgasse, erhebt sich auch die alt-ehrwürdige Alilodikatérion Moschee, in die nach der Befreiung Griechenlands die erste Schule des Landes einzog. Ungewöhnlich ist auch die Bischofskirche. Das Gotteshaus mit dem Sitz von König Otto I. ist nämlich als ehemalige Moschee Richtung Mekka ausgerichtet und wurde erst nach der Vertreibung der Osmanen umgebaut.

Ansonsten ducken sich in der üppig mit Drillingsblumen berankten Altstadt einladende Tavernen, Bars, kleinen Hotels, Souvenirgeschäfte und Boutiquen neben charmanten Häusern mit bröckelnder Fassade. Vor der Uferpromenade bildet die 1473 errichtete Festung Boúrtzi auf der kleinen Felseninsel Ágios Theodoros einen weiteren Blickfang.

Die höchst gelegene der drei Festungen von Nauplia: die Palmidis Burg. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Die höchst gelegene der drei Festungen von Nauplia: die Palmidis Burg. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Das Kerngebiet der heutigen Altstadt war noch im 14. Jahrhundert ein riesiger Sumpf, der von den Venezianer zwecks Landgewinnung trocken gelegt wurde“, berichtet Thanos, dass das restaurierte Landtor lange Zeit der einzige Zugang vom Festland in die Stadt war.

Überragt wird Nauplia von zwei weithin sichtbaren Burganlagen: Von der 900 Meter langen und 400 Meter breiten Festung Akronáfplio existieren lediglich noch eine Reihe noch Mauern und Bastionen aus hellenistischer, byzantinischer, fränkischer, venezianischer und türkischer Zeit. In das historische Ensemble, das bis in die 1950er Jahre auch ein politische Gefängnis beheimatete, wurde das Fünf-Sterne-Hotel Nafplia Palace integriert.

Zahlreiche umgebaute Moscheen in der Altstadt von Nauplia zeugen von der langen osmanischen Herrschaft. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Zahlreiche umgebaute Moscheen in der Altstadt von Nauplia zeugen von der langen osmanischen Herrschaft. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Weitaus beeindruckender ist die Palmidis Festung aus dem Jahre 1687. Die Burganlage mit ihren acht Türmen thront auf einem 216 Meter hohen, felsigen Hügel hoch über der Stadt und ist über die berühmten „850 Stufen“ zu erreichen – wobei es tatsächlich nur 780 Treppen sind. Doch der schweißtreibende Aufstieg lohnt sich. Bietet sich doch von der venezianischen Festung ein herrlicher Blick auf Nauplia, den Argolischen Golf und bei klarer Sicht bis zum 23 Kilometer entfernten Mykene – einer Ausgrabungsstätte in der noch weit mehr Geschichte geschrieben wurde, als in Nauplia.

Informationen: Touristeninformation Nauplia, Platia Iatroú 25, Telefon 0030-2752-024444, www.nafplio.gr.

Von den Pools des Nafplia Palace Hotel lässt sich ein herrlicher Blick auf Nauplia und den Argonischen Golg genießen. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Von den Pools des Nafplia Palace Hotel lässt sich ein herrlicher Blick auf Nauplia und den Argonischen Golg genießen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Lage: Nauplia liegt rund 140 Kilometer südwestlich von Athen auf dem Peloponnes.

Anreise: Aegean Airlines, seit 2009 jährlich als beste europäische Regionalfluglinie geadelt, bietet Hin- und Rückfluge nach Athen ab zusammen 220 Euro von acht deutschen Flughäfen, darunter Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart, sowie aus Wien, Zürich und Genf an. Informationen unter www.aegeanair.com.

Rundgänge durch Nauplia (deutschsprachig) mit Thanos Kaloussis: Telefon 0030-2752-401098, 0030-6977-222151, naupliarundgang@yahoo.gr

Kenntnisreich bietet der in Wuppertal aufgewachsene Architekt Thanos Kaloussis deutschsprachige Touren durch Nauplia an. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Kenntnisreich bietet der in Wuppertal aufgewachsene Architekt Thanos Kaloussis deutschsprachige Touren durch Nauplia an. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Reiseplanung: FTI hat in seinem Programmkatalog „Griechenland und Zypern“ einen besonderen Schwerpunkt auf den Peloponnes und das Umland von Athen gelegt. Informationen und Buchungen im Reisebüro oder telefonisch unter 089-710451498 beziehungsweise online unter www.fti.de.
Uhrzeit: Der Zeitunterschied zu Mitteleuropa beträgt ganzjährig eine Stunde. Bei der Ankunft muss die Uhr eine Stunde vorgestellt werden.

Klima: Das Klima ist geprägt durch warme trockene Sommer und milde feuchte Winter. Von Mai bis in den Herbst hinein ist das Wetter weitgehend konstant mit wenigen Niederschlägen.

Stromversorgung: 220 Volt Wechselstrom. Deutsche Flachstecker passen fast immer.

Das Nauplia Palace verspricht Luxus und Stil mit Blick auf den Argonischen Golf. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Das Nauplia Palace verspricht Luxus und Stil mit Blick auf den Argonischen Golf. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Essen & Trinken: Epi Skinis, Leoforos Amalias 19, Telefon 0030-2752-021331, www.episkinis.eu. Griechische Spezialitäten kommen in dem beliebten Prominenten-Treff auf den Tisch des Hauses.

Savoúras, Odós Bouboulinas 79, Telefon 0030-2752-027704. Gutes Fischlokal am Rande der Hafenpromenade.

Übernachten: Nafplia Palace Hotel – das luxuriöse Hotel befindet sich an historischer Stelle am Ort der einstigen Akropolis von Akronáfplio mit Blick auf das Küstenstädtchen und die Argolische Bucht und beherbergt insgesamt 84 Zimmer und Villen, drei Restaurants sowie zwei Bars. Buchbar ist das Hotel über www.fti.de.

Aris Hotel – das Drei-Sterne-Haus im benachbarten Tolon liegt direkt am Strand mit Blick auf die Bucht von Argos. Buchbar ist das Hotel ebenfalls über www.fti.de.

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.