Happy Birthday, Müngstener Brücke!

Müngstener Brücke
Die Müngstener Brücke, Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke, wird 125 Jahre alt. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Wenn etwas oder jemand sprichwörtlich „über die Wupper geht“, ist es – oder die Person – entweder tot, unbrauchbar oder kaputt. Attribute, die zumindest auf die Müngstener Brücke nicht zu treffen, obwohl diese seit mittlerweile 125 Jahren in luftiger Höhe über die Wupper „geht“ – oder besser gesagt, diese in luftiger Höhe überspannt. Ein gigantischer Brückenschlag, der bis heute als Meisterwerk der Ingenieurskunst und Industriekultur gilt. Gleichzeitig darf sich die markante, 500 Meter lange Müngstener Brücke rühmen, mit 107 Metern Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke zu sein.

Die Müngstener Brücke überspannt in 107 Metern Höhe die Wupper. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Als das beeindruckende Bauwerk nach knapp dreijähriger Bauzeit 1897 vollendet und die Flussquerung für den Verkehr freigegeben wurde, galt sie als technisches Wunder. Und dies nicht nur, weil die filigrane Stahlbogenkonstruktion eine für die damalige Zeit unvorstellbare Spannweite von 170 Metern aufwies. Für die Fertigstellung des Eisenbahngiganten wurden nicht weniger als 5.000 Tonnen Stahl und 934.456 Nieten benötigt. Wobei eine der Nieten gemäß einer populären Legende aus purem Gold sein soll. Allerdings ist es unzähligen „Schatzsuchern“ bis zum heutigen Tage nicht gelungen, das wertvolle Stück ausfindig zu machen.

Fahrstrecke um 80 Protent verkürzt

Angriffslustig wirk der stählerne Hai am Schaltkoten im Brückenpark. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Doch zurück zum eigentlichen Brückenbau, dessen Entwurf von Anton von Rieppel stammt. Der Ingenieur und langjährige Vorstandsvorsitzende der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (M. A. N.) hat das Konstrukt komplett am Reißbrett geplant. Besonders wagemutig galt dabei der Ansatz, mit den Bau der Brücke von zwei Seiten zu beginnen, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Brückenteile dann in der Mitte zusammenfügen. Dabei wurde der Hauptbogen der Brücke im Verfahren des freien Vorbaus errichtet. Dies bedeutet, dass beide Bogenhälften ohne weitere Gerüste bis zum Bogenschluss gefertigt wurden und dabei gleichzeitig quasi selbst die Funktion eines Krans für die weitere Montageschritte ausübten.

Das Haus Müngsten scheint sich in den Brückenbogen zu schmiegen. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Tatsächlich sollte Rieppels verwegener Plan aufgehen. Im Jahre 1897 konnte die Müngstener Brücke am 15. Juli offiziell ihrer Bestimmung übergeben werden. Eine Pionierleistung, mit deren Hilfe der Schienenweg zwischen Solingen und Remscheid von bis dahin 42 auf acht Kilometer verkürzt werden konnte. Der Brückenschlag dokumentierte eindrucksvoll wie den Erschwernissen der topographischen Lage mit technischen Lösungen erfolgreich getrotzt werden konnte. Gleichzeitig galt die neue Flussquerung als wichtiger Impulsgeber für die Werkzeug-, Klingen- und Textilindustrie, die im Bergischen Land, insbesondere in Solingen, Remscheid und Wuppertal angesiedelt war.

Verschnupfter Kaiser

Der Brückenpark eröffnet immer wieder neue Perspektiven auf den Stahlgiganten. – Foto Karsten-Thilo Raab

Bei ihrer Einweihung wurde das Stahlmonstrum von Prinz Leopold auf den Namen „Kaiser-Wilhelm Brücke“ getauft. Kaiser Wilhelm II. selber blieb der Zeremonie fern. Angeblich, weil er über die Tatsache verschnupft war, dass die Brücke ihren Namen nicht zu seinen Ehren, sondern im Gedenken an seinen Großvaters Wilhelm I. erhalten hatte. Nach dem Ende der Monarchie wurde das Bauwerk im Jahre 1918 schließlich nach der nahegelegenen Siedlung Müngsten umbenannt, obwohl Wilhelm II. knapp zwei Jahre nach der Inbetriebnahme die Brücke am 12. August 1899 doch noch persönlich in Augenschein nahm.

An verschiedenen Stellen im Bückenpark ist der Zugang zur Wupper möglich. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Auch ohne kaiserlichen Glanz hat die Ikone des Industriezeitalters bis heute nichts an Anziehungskraft verloren. Mehr als 200.000 Besucher zählt der im Jahre 2006 eingeweihte Brückenpark jährlich. Das weitläufige Areal unterhalb der stählernen Bogenbrücke wird von Wiesen, Wäldern, zahlreichen Sitz- und Liegemöglichkeiten sowie direkten Zugänge zur und Balkonen über der Wupper geprägt. Ein weiterer Blickfang ist hier die rostbraune Stahlfassade des Hauses Müngsten, einer gastronomischen Einrichtung mit Brückenblick, in der auch die obligatorische bergische Kaffeetafel genossen werden kann.

Mit Muskelkraft über die Wupper schweben

Mit Muskelkraft wird die Schwebefähre an der Müngstener Brücke angetrieben. – Foto Karsten-Thilo Raab

Nur einen Steinwurf entfernt verkehrt die ungewöhnliche Schwebefähre. An gespannten Drahtseilen „schwebt“ diese über die Wupper und wird dabei – ähnlich wie bei einer Draisine – allein von der Muskelkraft der Fahrgäste angetrieben. Wem dies nicht abenteuerlich genug ist, der kann seit dem Jahre 2001 auf dem sogenannten Brückensteig die Müngstener Brücke aus einer ganz besonderen Perspektive erkunden: Eng am Brückenbogen entlang erklimmen Wagemutige, mit speziellen Seilen gesichert, eine Plattform auf etwa 100 Metern Höhe, um atemberaubende Blicke auf den Stahlkoloss und das Tal der Wupper zu genießen.

Die Müngstener Brücke hat auch nach 125 Jahren nichts an Faszination eingebüßt. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gestellt. Und der fließt bei den schwindelfreien Klettermaxen, die mit Gurt, Helm und ein Walkie-Talkie ausgerüstet werden, nahezu unweigerlich. Schließlich müssen nicht weniger als 777 Stufen bei dem ungewöhnlichen Aufstieg gemeistert werden. Zum Vergleich: Beim Aufstieg auf den Kölner Dom sind es „nur“ 533 Stufen.

Hoffnung auf Welterbestatus

Wagemutige können auch Teile der Brücke bei geführten Touren erklettern – Foto: Karsten-Thilo Raab

Dafür ist das berühmte Gotteshaus am Rhein bereits da, wo die Müngstener Brücke noch hin möchte. Denn der Kirchenbau steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. Einen Status, um den für das Wahrzeichen über der Wupper seit 2012 gerungen wird. Aber wer weiß, vielleicht wird dies ja noch ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk im Jubiläumsjahr für die Müngstener Brücke…

Informationen: Müngstener Brücke, Müngstener Brückenweg 71, 42659 Solingen, www.die-muengstener-bruecke.de

Klettertour: www.brueckensteig.de. Die zweieinhalbstündige Klettertour auf dem Brückensteig kostet 79 Euro pro Person und startet am Haus Müngsten.

Von der Müngstener Brücke führt ein schöner Wanderweg zu Schloss Burg. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Tipp: Die Müngstener Brücke ist Startpunkt für zahlreiche Wanderungen – beispielsweise zur Schloss Burg. Wobei die Tour immer in Sichtweite der Wupper verläuft.

Veranstaltungen: Am 27./28. August 2022 steigt ein Partywochenende anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Müngstener Brücke mit einem bunten Programm. Dabei spannt sich der Bogen von Dampfzugfahrten über ein Jubiläumskonzert bis hin zur stimmungsvollen Illuminierung der Brücke nach Einbruch der Dunkelheit. Unabhängig davon wird jährlich am letzten Oktoberwochenende das Müngstener Brückenfest gefeiert.

Karsten-Thilo Raab

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.