Flugübungen mit Falken – königlicher Sport im schottischen Hochland

Im schottischen Gleneagles lässt sich in der Falkenschule der Umgang mit den Vögeln trainieren. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ganz ehrlich, ein bisschen schmeichelt es mir schon, wenn eine junge Dame im zarten Alter von gerade einmal 16 Jahren voll auf mich fliegt. Ihre Figur ist tadellos. Dazu diese tief braunen Augen. Dieser wache Blick, dem nichts zu entgehen scheint. Der bräunliche Teint – wenn man überhaupt davon sprechen kann. Ihre Brust ist überaus flauschig. Irgendwie war es schön und unerwartet weich, als ich diese zum ersten Mal streichelte. Etwas gewöhnungsbedürftig sind allerdings die Essgewohnheiten der jungen Dame. Mal nascht sie ein Entenbein, mal einen Hühnerkopf – und alles von meinem in Leder gehüllten Handrücken. Etwas bedrohlich wirken auch ihre spitzen Krallen. Mit diesen pflegt sie die „Auserkorenen“ festzuhalten, bevor sie ihnen den spitzen Schnabel in den Leib rammt. Das ist nicht gerade ladylike, aber so ist Spey nun mal. Andererseits ist ihr Verhalten für einen Falken völlig normal. Zusammen mit 25 Artgenossen verdient sie ihre Brötchen, oder besser gesagt, Kaninchen- oder Fasanstücke im schottischen Gleneagles.

Falkenschule blickt auf 25-jähriges Bestehen

Schon im Wappen wird der Bezug von Gleneagles zu Greifvögeln deutlich. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Seit 1992 ist die renommierte Falkenschule, deren Dienste auch gern von den Scheichs und Fürsten der arabischen Welt in Anspruch genommen werden, auf dem Areal des berühmten Luxushotels in Auchterarder in der schottischen Grafschaft Perthshire angesiedelt. Bekannt ist die feudale Herberge weltweit in erster Linie dank seiner traumhaften Golfplätze. Mit dem King’s Course, dem Queen’s Course und dem PGA Centenary Course verfügt Gleneagles gleich über drei erstklassige Plätze, auf denen regelmäßig die PGA-Tour der Golfprofis ihre Meisterschaften austrägt und 2014 der Ryders Cup ausgespielt wurde.

Aber der Luxustempel besticht noch durch weitere attraktive Angebote. Dazu gehört ein Reitzentrum, das nicht nur als Trainingsstätte für die britischen Nationenreiter dient, sondern jährlich rund 70 Turniere und Meisterschaften bis hin zur Olympiaqualifikation beheimatet. Daneben hält Gleneagles einen riesigen Spa-Bereich, Off-Road-Parcours für Jeeps, eine Fischerei-, Jagdhunde- und Schießschule vor – und nicht zu vergessen, die Falkenschule.

Energiebewusste Vögel fliegen nicht aus Spaß

Vorsichtig beeäugen sich der Hobby-Falkner und Spey. (Foto Ulrike Katrin Peters)

„Falken sind überaus energiebewusst und fliegen nicht aus Spaß. Für sie gibt es nur drei Gründe abzuheben: Balz, Migration und Hunger“, erläutert Steve Burdett. Der 55-jährige arbeitet seit mittlerweile dreizehn Jahren in Gleneagles als Falkner und führt interessierte Besucher in den Umgang mit den wendigen Greifvögeln ein. Nachdem er Spey aus ihrem Käfig geholt hat, wird die Falkendame zunächst verwogen. Der Vogel mit dem Namen der berühmten schottischen Whiskyregion bringt exakt 860 Gramm auf die Waage. Ideales Fluggewicht.

„Die Falken kommen nur zurück, weil sie von klein auf an uns Menschen gewöhnt sind und wir ihnen immer leicht zugängliches Futter servieren“, lässt uns Steve wissen, um so dann die Dame mit der 98 Zentimeter großen Spannweite von ihrer Kopfhaube zu befreien. „Falken sind sehr nervöse Tiere. Wenn sie die Mütze übergestülpt haben, denken sie es wäre Nacht und sie entspannen sich“, ergänzt Steve, während er Spey auf meinen Lederhandschuh setzt und mich bittet, die Beinriemen zwischen Daumen und Zeigefinger einzuklemmen.

Fleischstückchen auf dem Lederhandschuh

Spey – hell wach und zum Jagen bereit. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Geduldig wartet Spey auf meinem angewinkelten Arm, flattert hier und da ein bisschen mit den Flügeln. Zeitgleich mit einem Ausfallschritt nach vorn lasse ich die Beinriemen los und Spey gleitet mit eleganten Flügelschlägen durch die vom Duft des Heidekrauts erfüllten Lüfte. Auf einem rund 40 Meter entfernten Metallständer setzt sie zur Landung an und verharrt still. Doch sobald Steve ein Fleischstückchen auf meinem Lederhandschuh platziert, setzen sich der Raubvögel in Bewegung. Blitzschnell und punktgenau landet Spey wieder auf dem Handschuh, um die leichte „Beute“ mit einem Bissen zu verschlingen.

Jährlich lassen sich in Gleneagles mehr als 4.000 Besucher in die Geheimnisse der Falknerei einführen. Lange galt die Jagd mit den wendigen und ungemein schnellen Raubvögeln, den „Birds of Prey“, als Sport der Könige. Schon 400 Jahre vor Christus sollen die Herrscher im heutigen China und Japan diesem Hobby gefrönt haben. „Am englischen Hofe standen die Falkenmeister in der Hierarchie sogar an vierter Stelle und saßen bei Tisch in der Nähe des Monarchen“, weiß Steve zu berichten.

Falknerei als Sport für jedermann

Schritt für Schritt wird in Gleneagles der Umgang mit den Greifvögeln erläutert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Und obwohl zumindest auf der arabischen Halbinsel die Falknerei bis heute als königliches Vergnügen der Herscherfamilien gilt, ist dieses Hobby dank der Arbeit des Falkner-Teams um Steve in Schottland zu einem Sport für jedermann geworden. In Gleneagles können geneigte Besucher, ausgestattet mit Wachsjacke, Gummistiefeln und Lederhandschuh, den Umgang mit den gefiederten Jägern in all seinen Facetten studieren und unter Anleitung der professionellen Falkner ausprobieren.

„In freier Wildbahn erkennen die Jungvögel die Tiere, die sie jagen müssen, daran, welche Beute die Eltern zum Nest bringen“, so Steve  weiter. Anders stellt sich die Situation für die Falken in Gleneagles dar. Diese müssen Schritt für Schritt angelernt werden. Nur der Jagdinstinkt ist angeboren.

Sturzflug mit 300 Stundenkilometern

Spey bearbeitet die „Übungsbeute“ mit ihrem spitzen Schnabel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Nachdem die Vögel über einige Tage beispielsweise mit Kaninchenfleisch gefüttert wurden, werfen wir ihnen zusammen mit dem Fleisch das Fell eines toten Kaninchens vor. Und nach einer Weile erkennen die Falken die Kaninchen dann als Nahrungsquelle und jagen diese“, gewährt Steve einen Einblick in die Aufzucht der Greifvögel von Gleneagles, die jährlich allein mehr als 1.200 Kaninchen fangen.

In diesem Moment schlägt Spey, die eigentlich wieder auf meinem ausgestreckten Lederhandschuh landen sollte, einen Haken und stürzt sich mit enormer Geschwindigkeit – Falken lassen sich aus großer Höhe mit bis zu 300 Stundenkilometern fallen – auf einen Fasan, der zufällig über ein nahe gelegenes Feld spaziert. Ein folgenschwerer Fehler, den der Fasan teuer bezahlen muss. Denn so sehr sich Steve auch bemüht, den Falken zurückzurufen, der Instinkt des fliegenden Jägers ist stärker.

Flugstunde als unvergessliches Erlebnis

Elegant setzt die Falkendame zur Landung auf dem ausgestreckten Arm an. (Foto Ulrike Katrin Peters)

In Sekundenschnelle hat der Hühnervogel sein Leben ausgehaucht. Erst jetzt reagiert Spey, die durch die vielen Leckerchen während unseres Spazierganges rund um Gleneagles längst gesättigt ist, wieder auf die Befehle des Falkners. Mit ein, zwei Flügelschlägen nimmt die 16 Jahre alte Dame ihren Platz auf meinem Handschuh ein und wartet geduldig auf die nächste Flugübung, während für mich die Trainingsstunde schon jetzt zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden ist…

Informationen: Gleneagles Falconry School, Auchterarder, Perthshire PH3 1NF, Schottland, Telefon 0044-1764-662231, www.gleneagles.com. Die 45-minütige Einführungsstunde kostet 93 Britische Pfunde

Gleneagles – Treff der Reichen, Mächtigen und Gefönten

Gleneagles
Gleneagles ist eine der Topadressen auf den Britischen Inseln. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Gleneagles: Das Fünf-Sterne-Hotel wurde 1924 eröffnet. Der jordanische König Hussein und Königin Noor verbrachten hier am Rande der Grampian Highlands ihre Flitterwochen.  Die Europäische Union, das Commonwealth, die NATO sowie die G8 tagten hier. Und Leinwandheld Sean Connery wurde hier eigens für den James Bond Streifen „Goldfinger“ in die Geheimnisse des Golfspielens eingeführt.

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