Von 24. Januar 2020 Mehr →

Doha auf den Spuren der Perle

Doha

In Katars Hauptstadt Doha ist die Perlen-Tradition nicht nur an diesem Brunnen sichtbar. – Foto Karsten-Thilo Raab

Die goldgelbe Brille sitz weit vorne auf der Nase. Ein dünnes, graues Bärtchen ziert seine Oberlippe und das Kinn. Die dunkle Haut wirkt ein wenig wie gegerbtes Leder. Mit seinem weißen Kopftuch, dem Ghutra, mit schwarzem Band, dem Agal, und seinem langärmligen, weißen Gewand mit Hemdkragen, dem Dischdasha, verkörpert er die katarische Tradition. Und dies in mehrfacher Hinsicht. Denn Saad Ismail al-Jassim ist so etwas wie ein lebendiger, menschlicher Dinosaurier. Der muskelbepackte kleine Mann ist einer der Letzten seiner Zunft. Seit jungen Jahren arbeitete der mittlerweile 85-jährige als Perlentaucher. Heute steht er zumeist hinter der Theke seines kleinen Ladenlokals im Souq Waqif, dem ältesten und wohl schönsten Basar in Katars Hauptstadt Doha, um Perlen und Perlenschmuck an Kunden aus aller Herren Länder an den Mann zu bringen. Wenn immer es seine Zeit erlaubt, taucht er noch immer im Arabischen Golf nach den Muscheln mit dem kostbaren Inhalt.

„Heute nutze ich eine moderne Tauchausrüstung“, gesteht Saad Ismail al-Jassim. Das Leuchten in seinen Augen verrät, dass er nun bereits mitten in den Erzählungen zu seinem Lieblingsthema steckt. Der Hochbetagte mit der eisernen Lunge ist ausgesprochen höflich und spricht exzellentes Englisch. Nur den Augenkontakt mit seinem Gegenüber scheut er. Dafür gibt er umso bereitwilliger einen Einblick in seine jahrzehntelange, schwere Arbeit.

Reis mit Dattelsirup als Nahrung

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Saad Ismail al-Jassim mit einem am Seil befestigten Tauchgewicht. – Foto Karsten-Thilo Raab

„Lange bevor das Öl und Gas entdeckt wurden, war das Perlentauchen für viele Kataris oftmals die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“, taucht das kleine Kraftpaket weiter in die eigene Geschichte und die seines Landes ein. Die Perlentaucher fuhren in längst vergangenen Tagen mit den traditionellen Segelbooten, den Dhaus, hinaus aufs Meer und blieben in der Regel gleich zwischen drei und vier Monaten am Stück auf See. An Bord waren neben dem Kapitän rund 20 Taucher und ebenso viele Helfer. Als Nahrung dienten fangfrischer Fisch, Reis mit Dattel-Sirup und Austern.

„Als Perlentaucher braucht man vor allem Glück, Geduld und einen langen Atem“, erinnert sich Saad Ismail al-Jassim freudestrahlend an die entbehrungsreiche Zeit als junger Taucher zurück. Bis zu zweieinhalb Minuten habe er unter Wasser die Luft anhalten können, beteuert der charmante Katari. Zur Ausrüstung gehörten neben einem Messer und einer Nasenklammer lediglich ein geflochtener Korb, in den die Austern hineingelegt wurden, sowie ein Gewicht an einem Seil, das am Fuß festgemacht wurde.

100 Tauchgänge am Tag

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Perlensammlung im Nationalmuseum in Doha. – Foto Karsten-Thilo Raab

„In bis zu 15 Metern Tiefe haben wir damals täglich zwischen 80 und 100 Tauchgänge unternommen“, unterstreicht Saad Ismail al-Jassim, dass dieses Unterfangen nicht nur wegen des Wasserdrucks überaus gefährlich war. Einzige Absicherung für die Unterwasserarbeiter, die noch nicht einmal über einer Taucherbrille verfügten, war ein dünnes Seil, das sie mit dem Boot verband. Verbrennungen durch die Berührung mit Tentakeln von Feuerquallen zählten noch zu den kleineren Übeln. Denn die Perlentaucher waren völlig schutzlos etwa gegenüber Angriffen von Haien. Auch Stachelrochen und das Gift des Steinfisches wurden nicht wenigen zum tödlichen Verhängnis.

„Der ständige Kontakt mit dem Salzwasser hat dazu geführt, dass viele später erblindet sind“, flachst Saad Ismail al-Jassim, dass er so gesehen mit seiner Brille noch ganz gut bedient sei. Wie viele Austern er in seinem Leben als Perlentaucher schon hochgeholt hat, vermag der 85-jährige nicht zu sagen. Unzählige, von ihm geöffnete Austern, seien ohne die wertvolle Perle gewesen; einige enthielten nur Winzstücke, andere Perlen seien so groß wie fette Erbsen. Nicht von ungefähr vergleicht der gut gelaunte alte Mann das Perlentauchen daher mit einem Glücksspiel.

Zuchtperlen als Ende eier Profession

Saad Ismail al-Jassim mit einer Nasenklammer zum Tauchen. – Foto Karsten-Thilo Raab

„So unterschiedlich wie wir Menschen sind auch die Perlen“, fährt Saad Ismail al-Jassim fort. Die Form, Farbe und Größe der Perlen seien immer verschieden. Mal sind weißlich, mal fast rosa, mal perlmuttfarben. Einige sind eher oval, andere hübsch rund. Insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert ließ sich mit den Perlen ein Vermögen verdienen. Doch als in den 1930er Jahren in Japan die ersten Zuchtperlen auf den Markt kamen, läutete dies zugleich das Ende der Perlentaucher-Tradition in dem kleinen Emirat und am Arabischen Golf ein. Auf einmal waren überall perfekte gleichförmige und gleichfarbige Perlen deutlich billiger zu kriegen.

„Für unser kleines Land war dies eine riesige Katastrophe. Zig Tausenden wurde über Nacht die Lebensgrundlage entzogen“, ist der passionierte Bodybuilder glücklich darüber, dass Katar heute dank seiner Gas- und Ölverkommen zu den reichsten Ländern der Erde gehört. Geblieben ist seine Liebe zum Tauchen und seine Begeisterung für die Perlen, auch wenn die meisten, die er in seinem kleinen Laden feilbietet, heute aus Zuchtstationen in Asien stammen.

Noch immer Austern mit Perlen zu finden

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Perlenschmuck im Nationalmuseum in Doha. – Foto Karsten-Thilo Raab

Gleichwohl würden noch immer Austern mit wertvollem Inhalt auch heute noch im Meer vor der Küste Katars schlummern. Öl- und Gasbohrungen, aber auch die Aufschüttung von künstlichen Inseln hätte den Muschelbestand deutlich reduziert, übt Saad Ismail al-Jassim ein wenig unterschwellig Kritik. Er selber würde bei seinen Tauchgängen aber immer wieder Austern mit wertvollen Perlen finden – auch wenn dies deutlich schwieriger geworden sei.

„Heute wollen alle immer alles schnell machen – auch die Taucher, die nach Perlen suchen. Das ist ein Fehler“, weiß Saad Ismail al-Jassim aus Erfahrung.

Der kleine, drahtige Mann aus Doha hat nicht nur einen Faible für kleine Perlen, sondern auch für große Gewichte. Seit Kindestagen „biegt“ er als Bodybuilder fast täglich Eisen. Sein vielleicht 15 Quadratmeter große Laden ist vollgestopft mit Perlen und Perlenschmuck sowie Bildern eines jugendlichen Bodybuilders im Tiger-Outfit.

Bodybuilder mit Hang zum Tiefgang

Netz eines Perlentauchers. – Foto Karsten-Thilo Raab

„Das bin ich in jungen Jahren“, beteuert Saad Ismail al-Jassim noch heute nahezu täglich mit Gewichten zu trainieren. Als Beweis bittet er, eine Hand unter seine Achsel zu legen. Schon drückt er mit dem Oberarm zu, bis es ein wenig schmerzt.

„Und?“, fragt er triumphierend. Der 85-jährige Kataris ist in der Tat ein kleiner Bär. Fast ist man geneigt, zu glauben, er könne die Austern mit der Kraft seiner bloßen Hände öffnen. In diesem Moment klingelt sein Handy. Der Ton erinnert an den Ruf eines Muezzins. Saad Ismail al-Jassim lacht. Höflich gibt es zu verstehen, er müsse nun zum Training und wir könnten gerne später oder morgen Nachmittag wiederkommen. Dann hätte er vielleicht auch neue Perlen. Denn als einer der letzten seiner Zunft will Saad Ismail al-Jassim morgen früh wieder im Arabischen Golf nach Austern tauchen. Die notwenige Geduld, Ausdauer, Kraft und Erfahrung hat der 85-jährige ganz sicher.

Doha

Saad Ismail al-Jassim ist einer der letzten Perlentaucher in Katar. – Foto Karsten-Thilo Raab

Allgemeine Informationen: www.visitqatar.qa

Tipp: Überall in Doha finden sich Spuren der Perlentaucher-Tradition. An der Corniche, der fast neun Kilometer langen Uferpromenade, liegen Hunderte der traditionellen Holzboote, die Dhaus, vor Anker. Unweit des famosen Museums of Islamic Art findet sich ein Brunnen in Form einer riesige Austernmuschel mit Perle. Und mit „The Pearl“ findet sich auf einer künstlich angelegten Insel seit 2006 ein komplett neuer Stadtteil, der aus der Vogelperspektive betrachtet wie eine gigantische Austernperle anmutet.

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