Die schaurig-schöne Seite von York

Fast scheint es, als hätte sich Mark Graham etwas Mut antrinken müssen. Mit einem fast leer getrunkenen Pint of Bitter in der Hand verlässt er das King’s Arms Pub am Ufer der Ouse River im ostenglischen York. Draußen warten rund vier Dutzend Menschen gebannt auf den gräulich melierten Mann, der mit seinen stahlblauen Augen ein wenig an Anthony Hopkins in seiner Paraderolle als Hannibal Lecter erinnert. Ganz in Schwarz gekleidet, mit schwarzem, knielangen Mantel und Lederhandschuhen führt er die Menschenmenge direkt ans Ufer des Flusses. Mit sonorer Stimme stimmt er auf das bevorstehende Abenteuer in den Straßen und Gassen des abendlichen Yorks ein. Wie bestellt sorgen Nieselregen und aufheulende Winde für die passende Atmosphäre für die bevorstehende, gut 90-minütige Geistertour, während der Mond ab und an hinter den dunklen Wolken hervorblitzt.

„Alle Geschichten, die ich heute erzähle, sind absolut wahr. Einiger sogar noch wahrer“, flüstert der 56-jährige, als wolle er gleich zu Beginn dem einen oder anderen einen Schauer über den Rücken jagen. Im nächsten Moment deutet er auf die spärlich beleuchtet Brücke über den Ouse. Hier seien, so Mark Graham weiter, in längst vergangenen Jahrhunderten die Köpfe von Delinquenten zur Abschreckung auf Speeren aufgespeist und aufgestellt worden. Dort blieben sie solange, bis die Vögel die Schädel bis auf die Knochen abgepickt hätten. Und nicht selten seien Leute, die unter der Brücke hergingen, von herumfliegenden Augäpfeln getroffen worden. Daher müsse sich niemand wundern, wenn man noch heute beim Gang durch die Brücke ein gewisses Unbehagen verspüre.

„Apropos Unbehagen“, führt Mark fort, „bevor es richtig grausig wird, muss ich noch die traurigste Geschichte des Abends ansprechen: Ich muss von Euch allen ein wenig Geld einsammeln.“ Kaum haben die Geldscheine und Münzen den Besitzer gewechselt, ist der eher launige Auftakt schnell vergessen. Auf den Spuren blutrünstiger Verbrechen wandelt sich das gemütliche Gesicht der historischen Altstadt in eine bisweilen grausige Fratze. Der Besuch von Orten des Diebstahls, des Mordes, der Folter und der Hexenverbrennung lassen hier und da das Lächeln gefrieren. Gänsehaut und Schaudern begleiten die Zeitreise in die mysteriöse Vergangenheit Yorks. Von dem Charme und der Atmosphäre, die die von den Römern gegründete 180.000-Seelen-Gemeinde mit dem prächtigen Münster und der liebevoll restaurierten Stadtmauer tagsüber versprüht, ist in den schwach beleuchteten Straßen und engen, gepflasterten Gassen, in denen die Schritte laut widerhallen,  plötzlich nichts mehr zu spüren.

Wie weiland der Rattenfänger von Hameln schreitet Mark Graham mit einer Heerschar an Gruselwilligen durch York. Nur, dass er statt einer Flöte einen Stock mit der Hand fest umklammert. Dann hält der Geisterführer inne, deutet auf die andere Seite des Flussufers, wo das Pub Cork and Bottle liegt. Dort soll ein liebestoller Geist mit langem, wallendem Haar sein Unwesen treiben. Dieser habe, so versichert Mark, schon mehrfach Frauen, die sich nach dem Duschen abtrocknen wollten, mit eisiger Hand unsittlich berührt. Und auch im Black Swan, dem ältesten Pub der Stadt, soll ein merkwürdige Gestalt in Form eines Würgegeistes seit Jahrhunderten aktiv sein, beteuert Mark Graham, und ergänzt mit einem breitem Grinsen: „Nicht selten brechen hier Leute nach durchzechter Nacht einfach so wie von Geisterhand berührt am Tresen zusammen.“

Wahrer sollen, gemessen an Mark Grahams verschmitztem Lächeln, die Erlebnisse des Klempnerlehrlings Harry Martindale sein. Dieser will 1953 während Bauarbeiten im Keller des prächtigen Münsters den Klang eines Horns vernommen haben. Plötzlich sei er vor Schreck fast von der Leiter gefallen, als erst ein Pferd durch die Wand geritten kam und dann eine Reihe von römischen Legionären in voller Montur an ihm vorbeimarschierte. Allein glauben wollte dem bemitleidenswerten Harry Martindale keiner. Alle waren sich sicher, der junge Bauarbeiter habe ihn bester Maurerpoliermanier schon früh morgens einen im Tee gehabt. Doch als dann in den 1960er Jahren dringend notwendige Restaurierungsarbeiten am Fundament des Gotteshauses durchgeführt wurden, stießen die Arbeiter auf eine alte Römerstraße direkt unter dem Münster.

In den Shambles, die sowohl als Großbritanniens schönste, als auch als die am meisten bespukte Straße gilt, floss früher das Blut in Strömen. Da, wo sich heute Kopfsteinpflaster seinen Weg zwischen den windschiefen, eng zusammen stehenden Fachwerkhäusern bahnt, ließen früher die Metzger ihre geschlachteten Tiere ausbluten. „Hier hat auch so mancher Mensch sein Leben ausgehaucht“, gibt Mark Graham zu verstehen und fordert die Schar der Hobbygeisterjäger auf, sich sicherheitshalber an die Hände zu fassen: „Das bringt Glück. Und wenn es hier und da auch nur dazu reicht, unbeschadet das andere Ende der Straße zu erreichen“, haucht der 56-jährige halb ernst, halb belustigt, während er vor dem grausamen hundeähnlichen Wesen mit scharfen Zähnen und riesigen Klauen warnt, das hier seinen Hunger mit Menschenfleisch zu stillen gesucht.

Doch hinter den Fassaden der ehrenwerten Häuser von York verbirgt sich noch so manches andere dunkle Kapitel aus der langen Geschichte der wohl schönsten Stadt in Yorkshire. Hier erblickte Guy Fawkes in dem Haus hinter dem nach ihm benannten Pub in 25 High Petergate das Licht der Welt. Am 5. November 1605 hat eben dieser Guy Fawkes versucht, das englische Parlament in London in die Luft zu sprengen. Er wurde jedoch erwischt und hingerichtet. In Gedenken an dieses historische Ereignis wird jährlich im ganzen Land – so auch in seiner Heimatstadt York – der Guy Fawkes Day mit einem großen Feuerwerk begangen. Zudem wird ein aus Stroh und Kleidungsstücken gebauter Guy Fawkes symbolisch auf einem Scheiterhaufen verbrannt.

Derweil soll im Theatre Royal am St. Leonard’s Place der Geist einer Nonne zu finden sein, die sich verbotenerweise in einem reichen Mann aus York verliebte und schwanger wurde. Als Strafe soll sie im Keller des Theaters eingemauert worden sein und seither vorzugsweise in den Logen des 1744 eröffneten Schauspielhauses umherspuken.

„Ich selber glaube natürlich nicht an Geister, nur an die Zauberkraft meines Stockes“, verkündet Mark Graham, als sich die Tour am York Minster dem Ende zu neigt. Den Stab zu berühren bringe Glück, sagt Yorks prominentster Geisterführer. Er selbe habe einen Nachbarn gehabt, ein ganz traurige Gestalt. Dieser sei völlig verarmt gewesen. Aus Mitleid habe Mark immer mal wieder mit dem Stock dezent an der Tür des Nachbarn gerieben. Und als dann die National Lottery im Jahre 1994 erstmals ausgespielt wurde, sei eben dieser Nachbar bei der ersten Lottoziehung des Landes überhaupt, zum Multimillionär geworden. Mark lächelt und fragt, ob jemand den Stab mal berühren möchte. Und alle wollen. Warum auch nicht? Vielleicht hilft es ja auf dem Weg zur ersten eigenen Millionen, und wenn nicht, verhindert es zumindest, dass man selber heute Nacht von bösen Geistern und den  Geschichten des Mark Graham träumt.

Informationen: www.visitengland.de und www.yorkshire.com

Anreise: Mit der Nachtfähre ab 69 Euro pro Person von Rotterdam nach Hull. Die Fähre legt um 21 Uhr ab und erreicht morgens um 8 Uhr England. Weitere Informationen unter www.poferries.de. Alternativ besteht die Möglichkeit, ab 69 Euro Jet2.com von Düsseldorf nach Leeds-Bradford zu fliegen. Informationen unter www.jet2.com. Auch Manchester wird von Deutschland aus von einer Reihe von Flughäfen direkt angeflogen.

Geistertouren: Die Geistertouren kosten 4,50 Britische Pfund für Erwachsene beziehungsweise 3 Britische Pfund für Kinder, Studenten und Rentner. Treffpunkt ist um 20 Uhr an der Ouse Bridge vor dem King’s Arms Pub. Weitere Informationen unter Telefon 0043-(0)1759-373090 oder 0043-(0)1904-764222 sowie unter www.theoriginalghostwalkofyork.co.uk.

York

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