Belfast – ein Museum für einen Mythos

Belfast
Die SS Nomadic als letztes, verbliebenes Schiff der White Star Line liegt an der maritimen Meile in unmittelbarer Sichtweite zum ikonischen Titanic Museum im Hafen von Belfast. – Foto: Udo Haafke

Seit 2012 schwebt Titanica engelsgleich auf ihrem stählernen Sockel vor dem monumentalen Eiskristall, der ebenso lange das Titanic Museum Belfast beherbergt. Ihr wohlgeformter Körper hat mittlerweile Patina angesetzt, was ihrer eleganten Erscheinung jedoch kaum schadet. Das eindrucksvolle, architektonisch äußerst bemerkenswerte Museum indes, einst eröffnet von Queen Elizabeth II. und ihrem Gemahl Prince Philipp, erfuhr erst jüngst eine bedeutsame Erweiterung. Es beschäftigt sich nun noch intensiver mit den menschlichen Schicksalen, die mit der Jahrhundertkatastrophe vom April 1912 so eng verbunden sind.

Belfast
Mit einer gewissen Eleganz schwebt die Titaniva auf ihrem Sockel. – Foto Udo Haafke

Gemeinsam mit dem bereits ein Jahr zuvor in die Dienste der White Star Reederei getretenen, baugleichen Schwesterschiff RMS Olympic war die Titanic ein Meisterwerk damaligen Schiffbaus, gleichsam der Stolz nicht nur seiner Betreiber, sondern auch eindrucksvolles Beispiel für die phänomenale Leistungsfähigkeit der nordirischen Werftindustrie und Dokument des damals führenden Wirtschaftsstandortes Belfast. Die Werft Harland & Wolff produzierte im Laufe ihrer Schaffenszeit nicht weniger als rekordverdächtige 1.727 Schiffe, war zeitweise Arbeitgeber für gut 40.000 Beschäftigte. Das Geheimnis des Erfolgs lag insbesondere darin, dass so ziemlich alles, was für den Bau der Wasserfahrzeuge vonnöten war, vor Ort hergestellt wurde, vom Tau über jegliche Armaturen bis hin zum Schreibtisch für den Kapitän.

Stapellauf als Nummer 401

Das Titanic Quarter gehört heute zu den populärsten Anlaufstellen in der nordirischen Kapitale. – Foto: Udo Haafke

Vor der Übergabe an die Reederei hatten die Schiffe lediglich Nummern: die Titanic entstand als No 401 in einem eigens errichteten, gewaltigen Hellinggerüst, einer gut 70 Meter hohen Stahlkonstruktion. Dieser monumentale Anblick mit einem hochaufragenden, stählernen Bug war Ausgangspunkt bei der Gestaltung des Museums, dessen Planung erste Formen annahm, nachdem das Wrack des havarierten Schiffes in der Tiefe des Atlantiks entdeckt worden war. Hollywood schließlich brachte das Ganze erst richtig in Fahrt, auch wenn so manches Detail der mit Oscars überhäuften Verfilmung nicht den tatsächlichen Begebenheiten entsprach.

„The Ship of Dream“ beschließt mit einer eindrucksvollen akustischen und optischen Präsentation rund um das Modell der Titanic den Rundgang durch das Belfaster Titanic Museum. – Foto: Udo Haafke

Ein 1:35 Modell des zu seiner Zeit größten Passagierdampfers der Welt schwebt anmutig wie Titanica und sich sanft um seine eigene Achse drehend, im finalen kreisrunden Raum „The Ship of Dreams“ der facettenreichen Ausstellungen des Museums. In sich stetig verändernder Illumination bildet es das Zentrum einer fulminanten Video- und Lichtpräsentation, die seine gesamte Geschichte akustisch untermalt Revue passieren lässt, vom Bau über den Stapellauf bis zur schicksalhaften Jungfernfahrt. Fenster im Boden geben den Blick frei auf das Wrack an seiner letzten Ruhestätte auf dem Meeresgrund.

Kollision mit dem Eisberg

Im Titanic Museum werden auch Utensilien aus dem gesunkenen Superschiff präsentiert. – Foto: Udo Haafke

Über 1.500 Menschen verloren bei der Kollision mit dem Eisberg ihr Leben. Ihre Namen finden sich auf einer riesigen blauen Tafel im Museumsinneren, von vielen gibt es Details über ihr Leben und das Schicksal ihrer Familien. Dabei gilt ein besonderes Augenmerk den Mitgliedern der Crew, die bei Berichten über das Ereignis gerne vergessen werden, obwohl sie die größte Opferzahl ausmachten. Den Ausstellungsgestaltern gelang bei der Umsetzung ihres Konzeptes der diffizile Spagat zwischen Mahnmal und Spektakel, was die nur pointiert eingesetzte Präsentation von Originalobjekten aus dem Schiffswrack belegt. Vielmehr legt man Wert auf die technischen, die sozialen und menschlichen Aspekte, die auch die von den Unruhen der 1970er Jahre gebeutelte Hauptstadt Nordirlands miteinschließen.

Der Deckchair gehörte dereinst zur Ausstattung der Titanic. – Foto: Udo Haafke

Das in seiner Gesamtheit neu gestaltete Titanic Quarter des Belfaster Hafens umfasst neben dem weithin sichtbaren Museum und der in ihrem Originalzustand erhaltenen Slipanlage noch weitere mit der Historie eng verbundene Örtlichkeiten und Objekte. So liegt im Trockendock an der Harbour Marina die SS Nomadic. Das kleine, ähnlich luxuriös ausgestattete Tenderschiff und letzter verbliebener Dampfer der ruhmreichen White Star Line hatte die ehrenvolle Aufgabe die Kreuzfahrtpassagiere trockenen Fußes vom Hafen Cherbourg zur Titanic zu befördern. Wie auf der großen Schwester selbst, gab es eine Aufteilung der Klassen und die Ausstattung bis hin zu den Fußböden glich jener entsprechend bis ins Detail. Virtuell erfährt man beim Rundgang über die Decks kleine Anekdoten vom Leben an Bord, insbesondere der Barkeeper erweist sich hier als ausgesprochen redselig.

Maritime Meile mit besonderem Flair

Das „Ship of Dreams“ wird prachtvoll in Szene gesetzt. – Foto: Udo Haafke

Unmittelbar an das Museum grenzt das heutige Titanic Hotel, das neben modernen Erweiterungen größtenteils aus den ehemaligen Büros und Planungsstätten der Werft Harland & Wolff besteht. Viele Räume verströmen noch die Aura eines goldenen Zeitalters, zeigen edles Mobiliar und Kunstwerke rund um die maritime Vergangenheit. In den Schubfächern der Schränke aus schwerem, dunklem Holz schlummern geschützt unter Glas unzählige Original-Dokumente und können jedes für sich ausgiebig studiert werden. Beeindruckende großformatige Fotografien aus der Zeit dokumentieren in den Fluren die Arbeitsabläufe in Werft und Verwaltung. Im Treppenhaus hängen alte White Start Line Plakate, die noch für die Nordatlantik-Passage mit Olympic und Titanic werben, aber aus bekannten Gründen flugs wieder aus dem Verkehr gezogen wurden. Besonders berührt das frühere Booking-Office hinter der dunklen Drehtür. Hier ging der Anruf ein, der die fatale Kollision mit dem Eisberg meldete. Eine Fotowand zeigt hier eindrucksvolle Bilder aus der Zeit vor dem Umbau des Gebäudes zum Hotel, der in erstaunlich kurzer Zeit realisiert wurde.

Belfast
Anlaufstelle für Whiskey-Liebhaber: die Titanic Distillery im Thompson-Dock. – Foto: Udo Haafke

Die Maritime Meile, die vom Stadtzentrum entlang des Flusses Lagan in östlicher Richtung hinaus zum Hafen führt und dabei die historisch bedeutsamen Begebenheiten an Hand von illustrierten Informationstafeln darstellt, passiert auf dem Titanic Walkway hinter Museum und Slipanlage das ungewöhnliche Leuchtfeuer The Great Light. 1887 wurde die riesige Fresnel-Linse, eine der größten ihrer Art auf der Welt, in Frankreich hergestellt. Ihre Installation erfolgte zunächst im Tory Island Lighthouse von Donegal, später im Leuchtturm auf Mew Island an der Küste des County Down. Die ausgeklügelte optische Konstruktion bedingte eine immense Lichtausbeute und ermöglichte den Seefahrern ausgezeichnete Navigationsmöglichkeiten bis ins Jahr 2014. Anschließend verbrachte man sie an ihren heutigen Standort, als ein weiteres Wahrzeichen im Hafen.

Monströse Wasserpumpen

Geheimnisvoll spiegelt sich der Bug der HMS Caroline im Wasser. – Foto: Udo Haafke

Von hier sieht man schon den grauen Rumpf des historischen Marinekreuzers HMS Caroline vor der markanten viktorianischen Fassade des Pumpenhauses am Thompson-Dock. Es ist das letzte noch existierende Kriegsschiff aus der Schlacht am Skagerrak des Jahres 1916. Der ungewöhnlich schmale, hochaufragende Bug des Schiffes lässt bereits erahnen, dass es im Einsatz ausgesprochen schnell und wendig war. Gebaut 1914 in Rekordzeit von nur knapp neun Monaten im englischen Birkenhead, diente die Caroline ab 1924 als Marine-Trainingsschiff und ging erst 2011 in den Ruhestand, um ab 2016 als Museumsschiff zu fungieren. An Bord tritt man eine Zeitreise in eine illustre Vergangenheit an. Höchst ergreifend und durchaus beängstigend dabei gleich zu Anfang des Rundgangs die monumentale Videopräsentation des heftigen Schlachtgeschehens vor der Nordwest-Küste Dänemarks. Die Atmosphäre der engen Räume im Innern der Caroline wirkt eher kühl, nüchtern und zweckmäßig, beinahe so, als ob sich Kapitän und Mannschaft nur kurz auf einem Landausflug befinden würden.

So schmeckt Belfast: ein Whiskey in der Titanic Distillery. – Foto: Udo Haafke

Nach ihrem Stapellauf am 31. Mai 1911 in das Belfaster Hafenbecken wurde der schwimmende Schiffsrumpf ins nahe Thompson-Dock verbracht, wo man den opulenten Innenausbau der Titanic durchführte. Es ist noch im Ursprungszustand erhalten und begehbar. Dabei wird dem Besucher auf dem Grund des Docks nochmals mehr als deutlich, welch beeindruckendes Werk hier entstanden sein muss. Die monströsen Wasserpumpen des Trockendocks befinden sich gleich nebenan gut sichtbar im Keller des sorgsam restaurierten Pumpenhauses, das seit dem Frühjahr 2023 die Titanic Whiskey-Destillerie beheimatet, die erste Brennerei in Belfast seit mehr als 90 Jahren. Auch in Irland braucht der Whiskey mindestens drei Jahre zur Reifung. Diesen Prozess durchläuft er bei der Titanic-Distillery in alten amerikanischen Bourbon-Fässern. Ein möglicherweise etwas zu ausgiebiges Tasting, das zunächst noch etwas improvisiert ausgerichtet wird, mag manch Whiskey-Freund in einen Titanica gleichen Schwebezustand für den Rückweg zu Museum und Hotel versetzen.

Wissenswertes in Kurzform

Kunstzentrum
Die Belfast Barge wurde in ein neues Kunstzentrum direkt am River Lagan umgewandelt. – Foto: Tourism Irerland

Allgemeine Informationen: www.discovernorthernireland.com und www.visitbelfast.com

Anreise: Mit der Aer Lingus oder Eurowings bestehen tägliche Flugverbindungen von vielen deutschen Städten nach Dublin. Bequemer und preisgünstiger Transfer mit den Translink Bussen der Linie Goldliner X vom dortigen Terminal 1 bis in die Innenstadt von Belfast. Lufthansa bedient während des Sommers Direktfüge von Frankfurt zum Belfast George Best Airport, unweit des Hafens und des Stadtzentrums.

Erlebnissreich

City of Music
Grandiose Konzerte – wie hier von Snow Patrol vor der City Hall – trugen dazu bei, dass belfast jetzt zu City of Music erhoben wurde. – Foto: Tourism Ireland

Sehenswertes: Die unterhaltsamste Art Belfast und seine Geschichte zu erkunden ist eine geführte, gut einstündige Taxirundfahrt, die die Zeit der Unruhen ebenso einschließt wie berühmte Persönlichkeiten der Stadt und Nordirlands,

150 Jahre nordirische, teils sehr ergreifende Geschichte präsentiert das letzte viktorianische Gefängnis des Landes, Crumlin Road Gaol, das 1996 geschlossen wurde und selbständig erkundet werden kann.

Die Historie Nordirlands greifen sehr anschaulich auch die Ausstellungen in der architektonisch beeindruckenden City Hall auf.

Der Belfast Traditional Music Trail führt während 2,5 Stunden durch das lebhafte Cathedral Quarter im Herzen der Stadt, wo überall Live-Musik aus den Pubs schallt, und macht an verschiedenen Standorten Station. Zwei renommierter Musiker erklären dabei die Grundlagen traditioneller irischer Folkmusik und animieren zur aktiven Teilnahme, dies gilt auch für Tanzeinlagen im irischen Stepdance.

Ess- und Schlafgenuss

Belfast
Das Titanic Hotel ist eine perfekte Adresse für alle, die sich auf die Spuren der Schiffslegende begeben wollen. -Foto: Udo Haafke

Essen und Trinken: Empfehlungen aus dem facettenreichen Repertoire der Belfaster Pub- und Restaurantszene: The Merchant Hotel, The Waterman Restaurant,McHughs Bar im ältesten Gebäude der Stadt,

Die neue Whiskey-Destillerie im früheren Pumpenhaus des Thompson-Docks veranstaltet Tastings sowie Führungen durch die Produktionsanlagen der Brennerei sowie in das geschichtsträchtige Trockendock.

Unterkunft: Das im Herbst 2017 eröffnete Titanic Hotel Belfast im Stil einer glorreichen Kreuzfahrtepoche liegt ideal neben dem Titanic Museum und beherbergt im früheren Verwaltungsgebäude der Harland & Wolff Werft zahlreiche historische Artefakte, die auf unterhaltsamen Führungen erkundet werden können. Das Haus verfügt über eine hervorragende Küche.

Udo Haafke