Wir schreiben das Jahr 2002. Zwei Informatikstudenten. Ein Auslandssemester in Irland. Null Smartphones, null Google Maps und vor allem: null Ahnung. Was könnte da schiefgehen? Nun ja, so ziemlich alles. Statt keltischer Weisheit gibt’s Pressspanbetten, statt mystischer Erleuchtung skurrile Mitbewohner und statt eines ausgeklügelten Reiseplans jede Menge Situationen, in denen selbst ein Informatiker kapitulieren muss. Willkommen bei Kein Plan, aber Irland! von Magnus Hoffmann – einer Geschichte, die beweist, dass man für ein Abenteuer keinen Plan braucht. Nur einen Freund, eine gewisse Leidensfähigkeit und gelegentlich einen ziemlich großen Durst.
Die Vorstellung klang sicher romantisch: Irland, die grüne Insel, geheimnisvolle Ruinen, uralte Legenden und ein Hauch keltischer Zauberei. Die Wirklichkeit begrüßt die beiden in Cork mit Schlafstätten der einfachsten Kategorie, eigenwilligen Mitbewohnern und der Erkenntnis, dass ein Auslandssemester offenbar nicht automatisch mit einer märchenhaften Unterkunft einhergeht. Doch wer braucht schon Komfort, wenn es Abenteuer gibt? Und wer braucht einen vernünftigen Plan, wenn man stattdessen spontan in Situationen geraten kann, die man später jahrzehntelang erzählen wird?
Magnus Hoffmann blickt mit reichlich Selbstironie auf jene Tage zurück, in denen aus einem vermeintlich überschaubaren Studienaufenthalt eine ziemlich wilde Mischung aus Studentenleben, Reisen, Pub-Kultur und kreativer Fehlplanung wird. Die simplen Zutaten: zwei neugierige junge Männer, ein begrenzter Erfahrungsschatz und ein unerschütterlicher Glaube daran, dass sich das schon irgendwie regeln wird.
Pubs statt Stundenplan
In Cork lernen die beiden schnell, dass die irische Kultur weit mehr zu bieten hat als Druiden und mystische Steinkreise. Die Pubs werden zum zweiten Wohnzimmer, die RAG Week zur Champions League des Feierns und Begegnungen mit den Einheimischen zu einer Art sozialem Überraschungsei: Man weiß nie genau, was drinsteckt. Und bei einem Trinkwettbewerb mit einem Iren dürfen die deutschen Gäste feststellen, dass Selbstvertrauen und tatsächliche Belastbarkeit zwei durchaus unterschiedliche Disziplinen sind. Kurz gesagt: Die beiden sammeln Erfahrungen. Manche davon vermutlich sogar freiwillig.
Der Humor der Reiseerzählung entsteht dabei nicht aus bemühten Gags, sondern aus dem ganz normalen Wahnsinn einer Zeit, in der junge Menschen unterwegs waren, ohne jede Unsicherheit sofort mit einer Suchmaschine wegzuwischen. Ein Missverständnis musste erst einmal durchgestanden werden. Eine spontane Idee konnte sich verselbstständigen. Und wenn etwas schiefging, gab es immerhin eine gute Geschichte für den nächsten Pub-Abend.
Tage in der Wildnis
Irgendwann reicht es offenbar nicht mehr, in Pubs herumzusitzen und die irische Lebensart aus nächster Nähe zu studieren. Es muss die große Expedition her. Ring of Kerry, Cliffs of Moher, Doolin und Galway stehen auf dem Programm. Die beiden wollen Mythen jagen, verborgene Ruinen entdecken und sich durch die Wildnis kämpfen. Das klingt nach einem ambitionierten Dokumentarfilm. Oder nach zwei Studenten, die sich beim Packen kurz gefragt haben, ob sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben.
Für die Wanderung werden die Bergsteiger-Rucksäcke geschultert. Mit dabei: eine Wasserpfeife, die offenbar ebenfalls Anspruch auf einen Platz im Abenteuerteam erhebt. Die irische Atlantikküste liefert die Kulisse, das Wetter die dramaturgischen Wendungen und die beiden Protagonisten den Beweis, dass man sich auch ohne durchdachte Vorbereitung erstaunlich weit bewegen kann. Nicht unbedingt effizient, aber immerhin unterhaltsam.
Natürlich läuft nicht alles nach Plan. Das wäre bei diesem Buchtitel schließlich auch eine ziemlich unverschämte Erwartung. Wetterkapriolen und unerwartete Begegnungen sorgen dafür, dass die Reise immer wieder eine andere Richtung nimmt. Und ehe sich die beiden versehen, stecken sie mitten in einem Abenteuer, für das sie vermutlich nicht einmal die passende Fehlermeldung parat hätten.
Willkommen in der digitalen Bronzezeit
Wer heute verreist, kann sich von seinem Smartphone navigieren lassen, Unterkünfte vergleichen, Restaurantbewertungen lesen und jede noch so spontane Frage in Sekunden beantworten lassen. 2002 war das Leben in dieser Hinsicht deutlich abenteuerlicher. Wer falsch abbog, war eben falsch abgebogen. Wer sich verabreden wollte, musste sich auf Absprachen verlassen. Und wer keine Ahnung hatte, musste entweder jemanden fragen oder so tun, als wäre alles genau so beabsichtigt gewesen.
Kein Plan, aber Irland! erinnert an diese herrlich unoptimierte Welt. Eine Zeit, in der man sich verlaufen konnte, ohne dass eine freundliche Computerstimme alle 30 Sekunden eine neue Route berechnete. Eine Zeit, in der spontane Erlebnisse nicht erst für Instagram inszeniert werden mussten. Und eine Zeit, in der Freundschaften besonders gut funktionierten, wenn zwei Menschen gemeinsam feststellten, dass keiner von beiden wusste, wo es langgeht.
Das ist nicht nur nostalgisch, sondern auch erstaunlich befreiend. Denn zwischen all den skurrilen Begegnungen und chaotischen Unternehmungen steckt eine einfache Erkenntnis: Nicht jede gute Erfahrung lässt sich planen. Manche entstehen gerade dann, wenn der ursprüngliche Plan längst in irgendeiner Jackentasche verschwunden ist.
Liebeserklärung ans Ungeplante
Wer in diesem Buch Hotelbewertungen, perfekte Reiserouten oder eine Liste der zehn schönsten Sehenswürdigkeiten Irlands erwartet, hat sich möglicherweise im Genre verirrt. Kein Plan, aber Irland! ist kein Reiseführer, sondern eine humorvolle Geschichte über Freundschaft, Studentenleben und eine Zeit, die heute beinahe aus einer anderen Epoche zu stammen scheint.
Magnus Hoffmann hat die Erinnerungen an sein Erasmussemester wieder hervorgeholt und daraus ein Buch gemacht. Das Ergebnis ist eine Reise zurück in die frühen 2000er-Jahre. Gerade die zeitliche Distanz macht den Reiz aus. Was damals vielleicht einfach nur chaotisch, peinlich oder unnötig kompliziert war, wird im Rückblick zur besten Anekdote des Abends. Und wer selbst einmal jung, neugierig und mit überschaubarem Realitätssinn unterwegs war, dürfte beim Lesen den einen oder anderen inneren Seufzer der Wiedererkennung ausstoßen.
Erhältlich ist Kein Plan, aber Irland (ISBN 979-8199556712) von Magnus Hoffmann für 15,99 Euro im Buchhandel.
G. Schröder
ist seit Kindestagen mit dem Reisevirus infiziert und bringt sich seit Jahr und Tag mit großem Engagement als gute Seele hinter den Kulissen in das Mortimer Reisemagazin ein.