
Auf der kleinen Kanalinsel Sark bestimmen nicht Motorenlärm und Beton den Rhythmus, sondern Hufgeklapper, brechende Wellen und ein funkelndes Sternenmeer.

Zwischen den Kanalinseln Jersey und Guernsey liegt Sark, ein winziger Flecken im Ärmelkanal. Nur rund 5,5 Quadratkilometer groß und von kaum mehr als 500 Menschen bewohnt. Autos sind hier tabu, asphaltierte Straßen gibt es nicht. Die Landschaft auf Sark lebt von Kontrasten: zerklüftete Klippen, smaragdgrüne Wiesen, enge Pfade, die sich an Felswänden entlangschlängeln, und Buchten, die nur bei Ebbe zugänglich sind. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zwischen Great Sark und Little Sark über die schmale, windgepeitschte Landbrücke La Coupée, der den Blick weit über das Meer öffnet und nicht von ungefähr zu den spektakulärsten Naturpassagen Europas zählt. Links und rechts fällt der Fels fast 100 Meter steil in die schäumende See ab.

Wer auf der Kanalinsel Sark an Land geht, lässt das 21. Jahrhundert ein Stückweit im Kielwasser zurück. Auf den ungeteerten Wegen und Pfaden dominieren Fahrräder und nostalgische Pferdekutschen. Selbst die Traktoren, die als einzige motorisierte Ausnahme für den Transport von Waren und müden Reisenden erlaubt sind, fügen sich mit einem gemütlichen Tuckern in die beinahe meditative Geräuschkulisse ein.
Feudales Erbe mit langer Wirkung

Die Insel stand jahrhundertelang unter einem Herrschaftssystem, das in Europa längst Vergangenheit war: Im Jahr 1565 erhielt Hélier de Carteret von Elisabeth I. die Insel als Lehen, verbunden mit der Aufgabe, sie zu besiedeln und zu sichern. Daraus entwickelte sich eine Ordnung, in der ein Seigneur als Grundherr eine außergewöhnlich starke Stellung einnahm und die Inselgemeinde über Generationen prägte.

Noch bis ins 21. Jahrhundert wirkten diese Strukturen nach, bevor Sark im Jahr 2008 seine politischen Institutionen modernisierte und das alte feudale System endgültig zurückdrängte. Und auch wenn heute demokratische Strukturen eingezogen sind, weht der Geist der Vergangenheit noch immer durch die malerischen Gärten des Herrenhauses La Seigneurie.

„Wir sind ein Dorf mit Staatsstatus“, so Paul Armorgie, der selber über viele Jahre dem Inselparlament angehörte. Stolz fügt der Inhaber das familiengeführten Stocks Hotels hinzu: „Sark gehört weder zu Großbritannien, noch zur Europäischen Union und genießt als Kronbesitz einen Sonderstatus.“
Mehr Gebäude als Einwohner

Neben gerade einmal 720 Gebäude ist auch eine eigene Schule auf der Kanalinsel zu finden. Und ein Doktor schiebt hier ebenso Dienst wie zwei Polizisten. Diese vertreten allerdings nur als Teilzeitkräfte die Staatsmacht. Zu gering ist auf einer Insel, auf der jeder jeden kennt, die Kriminalitätsrate. Allenfalls müssen die Gesetzeshüter mal einschreiten, wenn einer der bis zu 50.000 (Tages-) Gäste pro Jahr ein Pint zu viel genossen hat. Viel mehr dürfen allerdings gleichzeitig ohnehin nicht straffällig werden. Denn das kleine Inselgefängnis bietet gerade einmal Platz für zwei Personen.

Strom wird größtenteils über kleine Generatoren und zunehmend auch über erneuerbare Energien erzeugt, während Wasser oft aus eigenen Brunnen stammt. Es gibt keine großen Hotelkomplexe. Stattdessen prägen kleine Pensionen, familiengeführte Gästehäuser und wenige charmante Hotels das Angebot. Entlang der Avenue, der kleinen und einzigen Einkaufsstraße auf Sark, finden sich neben Pubs, Cafés und Restaurants zwei kleine Supermärkte.
Geringe kulinarische Bandbreite

Auch gastronomisch spiegelt sich diese Ursprünglichkeit wider. Die Küche der Insel ist geprägt von regionalen Produkten und kurzen Wegen. Frischer Fisch und Meeresfrüchte spielen eine zentrale Rolle. Dazu kommen Erzeugnisse kleiner landwirtschaftlicher Betriebe: Fleisch von freilaufenden Kühen, hausgemachte Milchprodukte und saisonales Gemüse. Typisch sind kleine Tearooms, in denen frisch gebackene Scones mit Clotted Cream und Marmelade gereicht werden, ebenso wie Pubs, die lokale Biere und herzhafte Speisen anbieten.

Wenn der Abend kommt, zeigt Sark seine vielleicht schönste Seite: Weil es keine nächtliche Straßenbeleuchtung gibt, verwandelt sich die Insel nach Sonnenuntergang in ein kosmisches Schauspiel. Die Milchstraße zieht sich dann wie ein hell leuchtendes Band über das Firmament, so klar und greifbar, dass Astronomen und Romantiker gleichermaßen in ehrfürchtiges Schweigen verfallen. Nicht von ungefähr wurde Sark dann auch im Jahr 2011 von der International Dark-Sky Association zur weltweit ersten Dark Sky Island erklärt.

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Buchtipp für Freunde britischer Lebensart
Obwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.
Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.
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Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
