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Von 27. Februar 2015 Mehr →

Sehr irisch: Küssend zur Muse der Beredsamkeit

Um den Blarney Stone zu küssen, bedarf es einer kleiner artistischen Einlage. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Um den Blarney Stone zu küssen, bedarf es einer kleiner artistischen Einlage. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wenn die Muse immer nur andere küsst, göttliche Eingebungen fernbleiben, dann sollte man dem Schicksal etwas nachhelfen und besagte Muse selber küssen. So in Westirland, rund acht Kilometer vor den Toren von Cork, der zweitgrößten Stadt der Republik. Hier im malerischen Lee-Valley befindet sich in mitten einer liebevoll angelegten Parkanlage das alt- ehrwürdige Blarney Castle. Doch weniger das 1446 erbaute Gemäuer, als der im dreistöckigen Towerhaus der Burg befindliche Blarney Stone lassen den ehemaligen Sitz der Mac Carthys, der sagenumwobenen Könige von Südmunster, zu einer wahren Pilgerstätte werden. Denn gemäß Überlieferung soll derjenige von der Muse der Beredsamkeit befallen werden, dessen Lippen den heiligen Stein berühren.

Ein Schild hoch über dem Abgrund verrät, was zu tun ist. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Ein Schild hoch über dem Abgrund verrät, was zu tun ist. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Doch vor den Erfolg stellten die Götter bekanntlich den Schweiß. Rund 800 Meter erstreckt sich der Fußweg vom Eingang durch die architektonisch angelegte Gartenlandschaft am River Martin. Nach knapp fünf Minuten erscheint der Bergfried mit den Resten der alten Burg im Gesichtsfeld. Ein auf den ersten Blick eher enttäuschender Anblick, blieb von dem einst prunkvollen Gemäuer doch kaum mehr als die Außenmauer stehen. Vorbei am überwölbten Erdgeschoss mit seinem gut erhaltenen Kaminzimmer gilt es nun die 120 Stufen des L-förmigen Turms über ein verzwicktes Gang- und Treppensystem zu erklimmen.

Die begehbaren, nicht gerade üppig gesicherten Außenwände des Towerhauses rufen beim Blick in die Tiefe nicht selten Schwindelanfälle hervor. Doch die eigentliche Nervenprobe soll erst noch folgen. In genau 29 Meter Höhe über dem Erdreich befindet sich der Grund der Tortur: der Blarney Stone. Um diesen zu küssen, bedarf es schon einer kleinen artistischen Einlage. Auf einem Gitter rücklings über dem Abgrund liegend, gilt es nun sich vorsichtig vorzurobben und die Lippen von unten auf den heiligen Stein zu stülpen. Bei Bedarf bietet ein geschäftstüchtiger Wächter für einen kleinen Obolus in Höhe von einem irischen Pfund seine Hilfsdienste an, derweil eine clevere Fotografin den mit Spannung erwarteten Augenblick auf Zelluloid bannt.

Malerisch gelegen: die Reste des sagenumwobenen Blarney Castles.

Malerisch gelegen: die Reste des sagenumwobenen Blarney Castles.

Und während man auf dem Rückweg durch den nahe gelegenen Rock Close, einer Gartenanlage mit eigenwilligen Steinformationen, wandelt oder sich im benachbarten Herrensitz Blarney House einen Eindruck vom schottischen Baronialstil verschafft, glaubt man tatsächlich, von der Muse der Muse der Beredsamkeit ergriffen zu sein.

Aber unabhängig davon, wie lange dieser Zustand anhalten mag, fest steht, die Wurzeln dieses ungewöhnlichen Rituals liegen weitgehend im Dunkeln. Der Name des heiligen Steins beruht allerdings auf einer historischen Begebenheit: Der für seine lockere Zunge bekannte Lord of Blarney, Dermont Mac Carthy, soll bei Queen Elisabeth I. wiederholt versucht haben, mit faulen Ausreden die Aussetzung der fälligen Steuern und Lehnabgaben zu erzwingen. Die verärgerte Monarchin soll darauf verkündet haben, genug von dessen „blarney“ – im heutigen Sprachgebrauch „Gefasel“ – zu haben. Derbe Worte, die auch demjenigen drohen, der die Sache mit der vermeidlich erlangten Muse allzu ernst nimmt.

Um die Lippen auf den Stein zu stülpen, stehen die künftig Eloquenten gerne mal etwas länger an. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Um die Lippen auf den Stein zu stülpen, stehen die künftig Eloquenten gerne mal etwas länger an. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Daneben könnte – so warnen Gesundheitsexperten – ein vermeintlich harmloser Kuss böse Folgen haben. Zum einen befürchten die Weißkittelträger, die Prozedur könne dem Rücken schaden, zum anderen halten sie den Stein für eine üble Bazillenfalle. Schließlich weiß man nie, wer hier vor einem die Lippen auf das Gemäuer gestülpt hat. Der Stein nämlich wird nach dem mehr oder weniger zärtlichen Kuss zum Verdruss der Gesundheitsapostel nie abgewischt. Daher haben die Gesundheitsexperten den Blarney Stone auf Platz drei der unhygienischsten Orte der Welt erhoben. Nur öffentliche Toiletten und Schlachthöfe seien nach ihrer Einschätzung noch unhygienischer.

„Ich habe noch nie gehört, dass sich hier jemand Maul- und Klauenseuche geholt hat. Noch nicht einmal einen Herpes“, flachst dann auch Doug Watkins, der seit vielen Jahre Touristengruppen zum Blarney Stone führt. Er selbe habe den Stein schon unzählige Male geküsst und sei noch nie krank gewesen, beteuert der aus England stammende Tour-Guide.

Die Verrenkungen am Blarney Stone sind keine Frage des Alters. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Verrenkungen am Blarney Stone sind keine Frage des Alters. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Wer so einen Quatsch in die Welt setzt, will vermutlich nur ein bisschen Aufmerksamkeit erhaschen“, geht Doug Watkins mit den Gesundheitsexperten hart ins Gericht. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass sich auch nur ein Tourist durch derartige Aussagen abschrecken ließe. Denn toll reden können, möchte doch so ziemlich jeder. Gleichwohl gibt es jährlich Tausende von Touristen, die sich rücklings zum Stein vorgerobbt haben, ihre Lippen darauf gestülpt haben und weiterhin alles andere als eloquent sind.

Blarney Castle aus der Vogelperspektive. (Foto Tourism Ireland)

Blarney Castle aus der Vogelperspektive. (Foto Tourism Ireland)

Der Archäologe Mark Samuel und Historikerin Kate Hamlyn geben vor, den Grund für das Versagen der magischen Wirkung zu kennen. Sie behaupten nämlich, der Blarney Stone sei gar nicht der Blarney Stone, sondern ein Stein, der erst im Jahre 1888 im Turmhaus von Blarney Castle installiert wurde. Dabei soll es sich laut den Wissenschaftlern um ein Stück des „Stone of Scone“ handeln, auf dem einst die schottischen Könige gekrönt wurden. Wie dem auch sei. Die Touristen strömen weiter hierher und probieren ihr Glück, wohl wissend, dass man viele Frösche küssen muss, ehe man imponierte Wortgewalt erfährt. Und falls es doch der Krönungsstein ist, werden sie vielleicht eines Tages König von Schottland.

Allgemeine Informationenwww.ireland.com

Informationen: Blarney Castle, Blarney, Co. Cork, Irland, Telefon, 00353-(0)21 4385252, www.blarneycastle.ie

Lage: Blarney Castle liegt etwa acht Kilometer nördlich von Cork in Blarney Village im Süden Irlands. Vom Shannon Airport ist Blarney mit dem Auto in Richtung Limerick, dann weiter Richtung Mallow und Cork zu erreichen.

Öffnungszeiten: Mai und September montags bis samstags von 9 bis 18.30 Uhr, von Juni bis August montags bis samstags von bis 19 Uhr, von Oktober bis April von 9 bis circa 18 Uhr (Sonnenuntergang)

Oh, diese Iren CoverEintritt: Der Eintritt für Erwachsene beträgt 13 Euro beziehungsweise ermäßigt 11 Euro, für Kinder 5 Euro.

Essen & Trinken: Das zum Blarney Castle Hotel gehörende Lemon Tree Restaurant bietet typisch irische Gerichte mit einer modernen Note.

Übernachten: Blarney Castle Hotel, Blarney, County Cork, Irland, Telefon 00353-(0)21-438 5116, www.blarney-castle-hotel.com.

Buchtipp: Ulrike Katrin Peters, Karsten-Thilo Raab: Oh, diese Iren, Conrad Stein Verlag, ISBN 978-3-86686-804-5. Das Buch ist im Buchhandel oder direkt beim Conrad Stein Verlag erhältlich.

Karsten-Thilo Raab: Irland und Nordirland, Morstadt Verlag, ISBN 978-3-88571-325-8. Erhältlich ist der Titel unter www.morstadt-verlag.de oder im Buchhandel.

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