Von 10. April 2014 Mehr →

Unbekanntes Usbekistan – Ein Traum aus 1001 Nacht an der legendären Seidenstraße

Die prächtige Kuppel des Amir Temur Mausoleums in Samarkand. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die prächtige Kuppel des Amir Temur Mausoleums in Samarkand. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die Wahrheit vorweg: Die Seidenstraße gibt es nicht. Vielmehr ist dieser uralte Handelsweg ein Geflecht aus Straßen und Wegen, das dereinst China mit dem Abendland verband. Allein die Erwähnung des Namens weckt noch heute Träume von Karawanen, kostbaren Stoffen und orientalischen Gewürzen, von langen, entbehrungsreichen Reisen, aber auch von der Pracht des Orients. Einer der wohl spektakulärsten Abschnitte der Seidenstraße verläuft durch das heutige Usbekistan: Die Oasenstädte Chiwa, Buchara und Samarkand waren fast 2.000 Jahre lang wichtige Anlaufpunkte, Handels- und Rastplätze für Karawanen auf ihrem beschwerlichen Weg durch die Kysylkum-Wüste. Viel vom jahrhundertealten Glanz konnte im einstigen Reich des Dschingis Khan bis heute bewahrt werden. Mit ihren Palästen, Moscheen, Minaretten, Medressen (Koranschulen), Kuppelbauten, Basaren, alten Stadtmauern und Prachtbauten könnten die Oasenstädte noch immer als perfekte Kulisse für ein „Märchen aus 1001 Nacht“ herhalten. 

Fliegende Teppiche scheint dieser Händler in Bukhara im Angebot zu haben. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Fliegende Teppiche scheint dieser Händler in Bukhara im Angebot zu haben. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Staubige, löcherige Straßen, mit Lehm und Stroh verputzte Häuser aus luftgetrockneten Ziegeln, beladene Eselskarren, Frauen in bunten Kleidern und Männern mit zu kleinen Hüten prägen das Straßenbild in Chiwa. Gerade einmal 26 Hektar groß und von einer 2.500 Jahre alten Stadtmauer umgeben, ist die historische Altstadt, die Itschan-Kala, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO steht. Kunstvolle Holzschnitzereien zieren die Eingangsportale vieler Häuser. Hinter den Türen öffnen sich großzügigen Innenhöfe und auch Werkstätten von einheimischen Holzschnitzern. Deren Können ist unverkennbar groß, die Auftragslage jedoch offenbar klein. Und so hocken sie – wie viele andere der knapp 300 Familien, die im historischen Teil von Chiwa Zuhause sind, entspannt auf den Teppichen vor ihren Werkbänken an kleinen Teetischen und genießen bei einem netten Plausch das eine oder andere Glas des heißen Aufgussgetränks.

„Wir Usbeken lieben schwarzen und grünen Tee. Und vor und nach dem Essen gibt es gerne weißen Tee – wie wir hier den Wodka nennen“, lacht Muzafar Khodjayev. Der 34-jährige kennt in seiner Heimatstadt jeden Stein, arbeitet im Sommer als Touristenführer und im Winter gibt er Studenten Nachhilfe in Deutsch.

„Weißer Tee hilft auch, die Hitze, die hier vor allem im Sommer herrscht, besser zu ertragen“, ergänzt Muzafar. Die bisweilen heißen Winde scheinen jede Menge trockene Luft, Sand und Staub aus den umliegenden beiden Wüsten, der usbekischen Kysylkum und der turkmenischen Kara-Kum, über die Stadtmauern zu wehen. Und so schwingen hier Frauen in farbenprächtigen Kleidern die Reisigbesen, um zumindest die Hauptachsen der Itschan-Kala picobello sauber zu halten.

Stolz tragen die Usbekinnen ihre zumeist farbenfrohen Kleider und Trachten. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Stolz tragen die Usbekinnen ihre zumeist farbenfrohen Kleider und Trachten. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

In dem Meer aus mehr als 50 kulturhistorischen Bauwerken bildet das Minarett Kalta Minor einen ungewöhnlichen Blickfang. Der mächtige Turm mit einem Durchmesser von 15 Metern sollte dereinst der mit 70 Metern höchste Moscheeturm der islamischen Welt werden und sogar den Blick bis in das 480 Kilometer entfernte Buchara freigeben. „Weil der Khan befürchtete, man könne von oben in den Harem blicken, ließ er 1852 den Bau stoppen“, schmunzelnd Muzafar mit Blick auf den „abgebrochenen Riesen“, der es dennoch auf ein Gardemaß von 26 Metern bringt.

Nur einen Steinwurf entfernt liegt die Kunya Ark Zitadelle. Vom Wachturm der ehemaligen Residenz eröffnet sich eine prächtigen Rundblick über die Altstadt. Nur der Blick in den Harem bleibt auch von hier verwehrt. Dabei ist der reich verzierte Innenhof durchaus sehenswert, ebenso das einstige Schlafgemach des Khans, der sich zusätzlich zu seinen vier Hauptfrauen bis zu 40 Konkubinen gönnte. Eigentlich fehlt nur eine vorbeiziehende Karawane, um die Bilderbuchkulisse perfekt zu machen.

Die Region zwischen den Oasenstädten Chiwa und Bukhara wird komplett von der Kyzyl Kum Wüste geprägt. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die Region zwischen den Oasenstädten Chiwa und Bukhara wird komplett von der Kyzyl Kum Wüste geprägt. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Gleichwohl lässt sich bei der Fahrt von Chiwa nach Buchara erahnen, wie beschwerlich der Weg durch die Wüste gewesen sein muss. Zehn bis zwölf Stunden müssen für die 480 Kilometer lange Strecke kalkuliert werden. Der Straßenbelag wechselt zwischen exzellent und katastrophal. Etwas abseits der Straße sind scheinbar schrottreife Raupen abgestellt. Doch diese sind fahrtüchtig und dienen dazu, nach Sandstürmen die wichtigste, weil einzige Verbindungsstraße von Verwehungen zu befreien.

Doch dies ist Teil der Faszination entlang der Seidenstraße. Usbekistan ist ein modernes Land, geprägt vom Spagat zwischen dem Gestern und Morgen. Zwar ist der überwiegend Teil der Bevölkerung muslimisch, doch so streng wird die Ausübung der Religion nicht ausgelegt. Da wird gerne mal eines der obligatorischen fünf Gebete im Tagesverlauf ausgelassen. Die Frauen haben sich bereits 1917 vom Schleier befreit und die Männer trinken neben Tee auch öfter mal ein. Und nicht selten kreist bei Tisch auch die Wodkaflasche.

Das Samandiden Mausoleum in Bukhara gilt als ältester Kuppelbau der islamischen Welt. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Das Samandiden Mausoleum in Bukhara gilt als ältester Kuppelbau der islamischen Welt. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Ein Relikt des alten Seidenstraßenlebens sind die Basare, auf denen noch heute gefeilscht und gehandelt wird. So in den vier historischen Handelskuppeln von Buchara, wo neben Seide und Teppichen auch Gewürze, Tee, Schmuck, Juwelen, handgeschmiedete Messer und Scheren, Musikinstrumente, Marionetten und Stoffe feilgeboten werden. Die Basare sind Treffpunkt und eine Art zweites Wohnzimmer zugleich. Die Männer schlappen mit großen Säcken voller Geld neben den Frauen beim Einkauf her. Grund ist die galoppierende Inflation. So ist ein 1.000-Sum-Schein, die größte erhältliche Geldnote, gerade einmal umgerechnet 30 Cent wert; Scheck- und Kreditkarten sind ungebräuchlich. Sum-Millionäre sind daher keine Seltenheit und im Normalfall nicht reich.

Reich ist Buchara aber an historischen Baumonumenten. Die prächtige Zitadelle war dereinst Wohnsitz der Herrscherfamilie. Wer nicht gebückt vor der Burg herging, wurde ausgepeitscht. Auch sonst war man in der Oasenstadt nicht gerade zimperlich. An der Kaljan-Moschee ragt das gleichnamige Minarett als Wahrzeichen der Stadt 46 Meter in die Höhe. In den Turmfenstern wurde nachts Feuer gemacht, was erklärt, warum die Minarette als „Leuchttürme in der Wüste“ galten. Die Türme dienten aber auch dazu, Übeltäter von dort zur Strafe herunter zu werfen.

Prachtkulisse am Registan-Platz von Samarkand mit der Tilja-Kari-Medresse. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Prachtkulisse am Registan-Platz von Samarkand mit der Tilja-Kari-Medresse. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Eine Besonderheit ist das Ismail Samani Mausoleum aus dem 9. Jahrhundert, das als ältestes Bauwerk der islamischen Welt gilt. Der Kuppelbau wurde komplett aus gebrannten Ziegeln gemauert. Der Sage nach hat jeder, der aus dem Mausoleum herauskommt und dieses dreimal gegen den Uhrzeigersinn umrundet, einen Wunsch frei.

Genügend Wasser für die Weiterreise nach Samarkand musste sich zumindest niemand wünschen. Denn das nahe gelegene Chasma-Ayub-Mausoleum beheimatet die Hiobs Quelle, aus der heiliges Wasser sprudelt. Die 270 Kilometer lange Tour führt durch die Einöde der Serafschankette. Überall schmiegen sich hier Gehöfte aus Lehm an die kahlen Hänge. Hier scheinen sich Kühe und Schafe von Steinen und Staub zu ernähren.

Die Sommerresidenz des Emirs Sitoraimochi Chosa. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die Sommerresidenz des Emirs Sitoraimochi Chosa. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Einen jähen Kontrast bildet das moderne und üppig begrünte Samarkand mit seinen breiten Straßen und großzügigen Boulevards. Am Registan-Platz, dem schönsten aller orientalischen Plätze, verdichten sich Prunk und Protz in unvergleichlicher Weise. Dominiert wird das Areal von den drei großen Medressen Ulugbek, Ti-lya Kuri und Sher Dur. Um dem Vorzeigeplatz Usbekistans sein ursprüngliches Aussehen zu verleihen, mussten alle Bewohner Samarkands zwischen 1994 und 1996 pauschal 20 Prozent ihres Einkommens an die Stadt abführen.

Die mondäne Taschkent Straße zweigt direkt vom Registan-Platz ab und führt zur Bibi-Khanym-Moschee, der einzigen Moschee der Welt, die nach einer Frau benannt ist und die 1404 als damals größtes Gebetshaus der muslimischen Welt errichtet wurde. Angrenzend befindet sich der Siyob Basar, die Haupteinkaufsmeile Samarkands. Auf dem gegenüber liegenden Hügel thront die Totenstadt Shaki-Zinda. In der Nekropole ziehen sich Dutzende heilige Grabmale den Hügel hinauf. Die 40 Stufen der Totenstraße hoch und runter zu zählen, soll Glück verheißen. Vielleicht ist das Glück gemeint, diesen prachtvollen Teil der Seidenstraße gesehen zu haben.

Allgemeine Informationen: www.uzbektourism.uz

Lage: Usbekistan ist seit 1991 eine unabhängige Republik in Mittelasien, Hauptstadt ist Taschkent. Umgeben ist das Land im Westen und Norden von Kasachstan und Kirgisien; im Osten grenzt es an Tadschikistan, im Südosten an Afghanistan und im Süden an Turkmenistan.

Anreise: Die Flugzeit von Deutschland aus beträgt rund fünfeinhalb Stunden. Uzbekistan Airlines bietet Direktflüge ab Frankfurt ab 399 Euro an. Daneben werden Urgench und Taschkent im Charterverkehr von Germania angeflogen.

Einreise: Für die Einreise ist neben einem gültigen Reisepass ein kostenpflichtiges Visum notwendig. Die Kosten hierfür liegen für sieben Tage bei umgerechnet 60 Euro, für 15 Tage bei 70 Euro und für bis zu 30 Tage bei 80 Euro pro Person.

Offen und freundlich geben sich die Usbeken gegenüber Besucher aus aller Welt. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Offen und freundlich geben sich die Usbeken gegenüber Besucher aus aller Welt. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Reiseform: Aufgrund der schwachen Infrastruktur empfiehlt sich die Reise mit einem Anbieter. Globalis Erlebnisreisen beispielsweise hat eine achttägige Rundreise ab 1.295 Euro inklusive Flug, Halbpension und deutschsprachiger Reiseführung im Programm.  Auf der Tour „Seidenstraße – Eine zauberhafte Reise entlang historischer Route“ besuchen Reisende die Städte Taschkent, Samarkand, Buchara und Chiwa. Informationen und Buchung unter Globalis Erlebnisreisen, Uferstraße 24, 61137 Schöneck, Telefon 06187-4804840, info@globalis.de, www.globalis24.de.

Zeitunterschied: Im Winter ist Usbekistan der Mitteleuropäischen Zeit vier Stunden voraus, im Sommer drei Stunden.

Sprache: Usbekisch. Für Reisende aus Europa sind russische Sprachkenntnisse oft nützlicher als Englisch. Obschon die lateinische Schrift inzwischen eingeführt ist, bleibt die kyrillische Schrift stark verbreitet.

Fein verziert: das Mitzo Ulubegk Museum in Samarkand. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Fein verziert: das Mitzo Ulubegk Museum in Samarkand. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Religion: Usbekistan ist ein vorwiegend muslimisch geprägtes Land, wenn auch in sehr gemäßigter Form. Die Frauen tragen keine Schleier, der Ruf des Muezzins ist untersagt und Männer trinken häufig auch Alkohol.

Essen & Trinken: Farukh, Pakhlavan Makhmud Straße, Chiwa, Telefon 00998-62-375-3512. Im Garten des Restaurants steht eine gemütliche Jurte. Serviert werden choresmische Spezialitäten.

Bir Gumbaz, Pakhlavan Makhmud Straße, Chiwa, Telefon 00998-62-375-3026. Choresmisches Restaurant in einer alten Moschee.

Café Wishbone, Ulitsa Khakikat 1a, Buchara, Telefon 00998-93-6230618, www.cafe-wishbone-bukhara.uz

In traditionellen Kostümen führen Tänzerinnen an vielen Orten entlang der Seidenstraße eine Kostprobe ihres Könnens. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

In traditionellen Kostümen führen Tänzerinnen an vielen Orten entlang der Seidenstraße eine Kostprobe ihres Könnens. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Übernachten: Hotel Isaak Hoja, A. Rachmanov Straße 70, Chiwa, Telefon 00998-62-375-9283. Nettes Hotel mit Blick auf das Haupttor und die Stadtmauer.

Hotel Malika Kheiwak, Islam Hoja Straße 11, Chiwa, Telefon 00998-62-375-7787. Zentral gelegenes Hotel mit großzügigen Zimmern.

B&B Meros, A. Boltaeva Straße 57, Chiwa, Telefon 00998-62-375-7642. Kleine Privatpension mit Familienanschluss in der Altstadt.

City Hotel, 19a University Boulevard, Samarkand, Telefon 00998-66-2398282

Hotel Registon, 16 Mirzo Ulugbek Street, Samarkand, Telefon 00998-66-2335590, www.hotel-registon.uz

Komil Hotel, 40 Barakiyon Street, Buchara, Telefon 00998-652-238780

Tipp: Die schönsten Impressionen aus Usbekistan hat Karsten-Thilo Raab unter dem Titel „Faszination Seidenstraße“ in einem Wandkalender zusammengestellt. Erhältlich ist dieser in den Formaten A2 bis A5 unter anderem im Kalendershop des Mortimer Reisemagazins und bei Amazon sowie im Buchhandel.


Archiviert unter Topthema, Asien, Usbekistan