Peggy und die Wunderwelt des George Quayle

Berühmteste Landmarke von Castletown: das alt-ehrwürdige Castle Rushen. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Berühmteste Landmarke von Castletown: das alt-ehrwürdige Castle Rushen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Überall auf der Isle of Man scheint es nur ein Thema zu geben: Peggy hier, Peggy da! Überall, wo man geht und steht, die gleichen Ratschläge: „Verpassen Sie bloß nicht Peggy!“ – „Wenn Sie in Castletown sind, müssen sie unbedingt Peggy besuchen.“ Wer diese Peggy ist, will aber irgendwie niemand verraten. Nur dass sie im Nautical Museum zu finden ist. Damit scheidet wohl aus, dass es sich bei Peggy um ein Restaurant oder eine In-Kneipe in der einstigen Hauptstadt handelt.

Vielleicht ist Peggy auch ein Seehund, der sich im Freiluftbecken des Museums tummelt? Die Peggy-Hysterie zeigt auf jeden Fall Wirkung. Kaum ist die 3.000-Seelen-Gemeinde an der Mündung des Silverburn Rivers erreicht, führt der Weg schnurstracks in die Bridge Street unweit des Hafens. Leicht quietschend öffnet sich die Holztür zu dem kleinen Museum, dem Gralshüter der langen Seefahrergeschichte auf Man. Doch von Peggy fehlt jede Spur.

Hysterie am Silverburn River

Blick von Castle Rushen auf die Stadt. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Blick von Castle Rushen auf die Stadt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Billy, ein rüstiger Rentner, der an vier Tagen pro Woche ehrenamtlich als Museumsführer arbeitet, wittert sofort die Chance, das Füllhorn des Wissens über die maritime Vergangenheit von Castletown über ahnungslose Besucher auszuschütten. Humorvoll und kurzweilig führt das ehemalige Ausbilder der Handelsmarine durch die Geschichte der Seefahrt, führt bedächtigen Schrittes von einem Ausstellungsstück zum nächsten. Und in dem bis unters Dach voll gestopften Nautical Museum gibt es viele Ausstellungsstücke.

In die maritime Geschichte der Isle of Man lässt sich im Nautical Museum eintauchen. (Foto Karsten-Thilo Raab)
In die maritime Geschichte der Isle of Man lässt sich im Nautical Museum eintauchen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Und alle erzählen eine spannende Geschichte. Nur von Peggy fehlt jede Spur. Kein Wort von Peggy. Auch ein zaghaftes Nachfragen bleibt erfolglos. Billy lässt sich nicht aus dem Konzept bringen und lehrt die Peggy-Jünger in Demut zu warten.

Inselberühmtheit

Vom Erdgeschoss führt der Rundgang ins Dachgeschoss des Museums mit seinem komplett eingerichteten Arbeitsraum eines Segeltuchmachers, dann über eine hölzerne Treppe hinunter in den Keller. Billy nestelt in seiner Tasche nach dem Schlüssel, grinst und gibt mit einem „Now“ endlich den lang ersehnten Blick auf die Inselberühmtheit frei. Die Überraschung ist gelungen. Peggy ist tatsächlich weder eine Kneipe, noch ein Seehund, sondern ein handgefertigtes Segelschiff, eingepfercht in das Kellergewölbe des Museums.

„Ich weiß, was sie denken. Doch Peggy ist wirklich etwas Besonderes“, beteuert Billy. Der Zweimaster hat, so der hagere alte Mann weiter, für 150 Jahre völlig unentdeckt im Museumskeller vor sich hingeschlummert, nachdem der Zugang zum Hafen zugemauert wurde. 1935 wurde das Schmugglerboot, das 1789 gebaut wurde, eher zufällig wieder entdeckt – und mit ihm eine faszinierende Geschichte.

Langezeit das best gehütete Geheimnis von Castletown: die Peggy. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Langezeit das best gehütete Geheimnis von Castletown: die Peggy. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Schiff gehörte einem gewissen George Quayle (1751-1835). Dieser diente den Insulanern 51 Jahre lang Parlamentsmitglied und machte sich einen Namen als Mitbegründer der ersten Bank auf der Isle of Man. Ungeachtet dessen war Quayle so etwas wie das Pendant der Insel zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Tagsüber war er ein ehrbarer Bürger und nachts betrieb er einen regen und florierenden Schwarzhandel.

Eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Quayle machte sich die Tatsache zu nutze, dass die Isle of Man geringere Steuern erhob als das benachbarte Großbritannien. Er erwarb Waren aus aller Herren Länder, verlud diese in Peggy und setzte nachts zum britischen Festland über, wo er die Waren gewinnbringend verkaufte, ohne dass je jemand etwas davon mitbekam.

Trutzig und geschichtsträchtig: Castle Rushen. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Trutzig und geschichtsträchtig: Castle Rushen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Um seinen Reichtum zu horten, hatte der erfindungsreiche Quayle im benachbarten Bridge House, seinem Wohnhaus, einen spektakulären, über eine Waage gesteuerten Safe errichtet. Um den Safe zu öffnen, musste aus einem Stapel von unterschiedlich großen Kanonenkugeln die Richtige ausgewählt werden. Im Zickzackkurs rollte die Kugel über eine zwölf Meter hohe Holzkonstruktion von oben nach unten. War die Kugel zu schwer, rutschte sie schlichtweg durch, war die Kugel zu leicht, passierte gar nichts. Sechs Minuten benötigte die richtige Kugel, um unter riesigem Gepolter den Öffnungsmechanismus auszulösen.

Um selber auf der sicheren Seite zu sein, stattete Quayle übrigens sein Büro, den so genannten Cabin Room, mit einer Vielzahl an geheimen Türen, Verstecken und Fluchtwegen aus. Und auch Peggy wurde versteckt – sogar so gut, dass sie 150 Jahre im Kellergewölbe schlummerte.

Heißer Empfang für potentielle Eindringlinge

Die Geschichte von Castletown wird in Castle Rushen anschaulich aufgearbeitet. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Die Geschichte von Castletown wird in Castle Rushen anschaulich aufgearbeitet. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Heute ist Peggy der unumstrittene Star in Castletown und dass, obwohl das schmucke Städtchen jede Menge weiterer Pfunde hat, mit denen es wuchern kann. Im Herzen der historischen Altstadt erhebt sich majestätisch das beeindruckende Castle Rushen, eine Festung, die zum Großteil zwischen 1340 und 1350 erstellt wurde. Die weithin sichtbare Burg bestach schon in frühen Jahren durch eine effektive Bauweise. Umgeben ist das Castle von einem Wall aus Erde und Steinen, der Schutz vor Kanonenfeuer bieten sollte.

Hinter der Zugbrücke hatten die Burgherren spezielle Löcher in die Decke eingelassen. Von dort aus wurden etwaige Eindringlinge mit kochend heißem Wasser oder heißem Sand übergossen. Wer dennoch durchkam, sah sich den Pfeilen der Bogenschützen gegenüber, die seitlich hinter Schießscharten postiert waren. Rechtsherum laufende Wendeltreppen zwangen eventuell einfallende Feinde dazu, ihr Schwert in die linke Hand zu nehmen, was zur Folge hatte, dass dies leichter bekämpft werden konnten.

Gut 800 Jahre alt: die Old Grammar School. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Gut 800 Jahre alt: die Old Grammar School. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Beim Rundgang durch die Burg erhalten Besucher einen Eindruck vom höfischen Leben im 17. Jahrhundert. Neben dem komplett eingerichteten Speisessaal sind die Küche sowie die Staatsräume aus jener Zeit zu sehen. Noch heute ist Castle Rushen Sitz des Law Courts. Zudem leisten alle neuen Gouverneure der Insel hier traditionell ihren Amtseid ab.

Ein Hauch von Inselpolitik

Nur wenige Meter vom Eingang der Burg ist das Old House of Keys eine weitere interessante Anlaufstation. Hier tagte von 1709 bis zum Jahre 1869 das Parlament der Insel. Besucher können hier nach vorheriger Anmeldung an simulierten Sitzungen teilnehmen und einen Hauch der Inselpolitik live miterleben. Augenfällig ist auch die nur einen Steinwurf entfernt liegende Polizeistation an der Ecke Castle Street und The Quay. Die kleine Wache besticht durch ein kegelförmiges Dach, dessen Entwurf von Architekt M. H. Baillie Scott stammt.

Säule ohne Statue: das Smelt's Memorial. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Säule ohne Statue: das Smelt’s Memorial. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nur wenige Meter vom Ufer der Irischen See fällt die Old Grammar School ins Auge. Das original eingerichtete Schulhaus stammt aus dem Jahre 1200. Ursprünglich beheimatete es die älteste Kirche der einstigen Hauptstadt. Von 1698 bis 1930 diente das altehrwürdige Haus als Schule. Bankreihen und Tische mit Tintenfässer gemahnen noch heute an die Schultage im Viktorianischen Zeitalter.

Kollektive Spenden-Verweigerung

Auch der kleine, charmante Marktplatz von Castletown hat sich seit dem Jahre 1800 kaum gewandelt. In der Mitte des Platzes streckt sich das Smelt’s Memorial gen Himmel. Das Denkmal wurde in Gedenken an den ehemaligen Gouverneur Cornelius Smelt, der von 1805 bis 1832 in Amt und Würden war, errichtet. Da sich die Bewohner von Castletown weigerten, für das Denkmal zu spenden, ziert die Säule keine Statue. Eine Tatsache, die ihr den Beinamen „Candlestick“, Kerze, und einen Bekanntheitsgrad weit über die Stadtgrenzen hinaus einbrachte. Aber dies ist natürlich nichts, verglichen mit Peggy…

Hafenidylle in Castletwon: die Marigold III. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Hafenidylle in Castletwon: die Marigold III. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Allgemeine Informationen: www.visitisleofman.com und www.castletown.org.im

Literaturtipp: Ulrike Katrin Peters, Karsten-Thilo Raab: Isle of Man Reisehandbuch (ISBN ISBN 978-3-939408-25-3). Erhältlich ist das Buch für 13,99 Euro im Buchhandel oder versandkostenfrei direkt beim Westflügel Verlag.