Gibraltar – wo die wilden Affen leben

Die Affen gehören ebenso wie der berühmte Felsen, The Rock, zu Gibraltar. (Foto Bildpixel/Pixelio)
Die Affen gehören ebenso wie der berühmte Felsen, The Rock, zu Gibraltar. (Foto Bildpixel/Pixelio)

Schlaftrunken drehe ich mich in meinem mächtig bequemen Bett um – da blicke ich in ein neugieriges Augenpaar. Keine zwei Armlängen entfernt. Nun ist es nicht so, dass ich das Bett mit jemand Vertrautem teile – und bin deshalb sofort putzmunter. Mein Panoramablick aufs Meer, der jeden Morgen von einem prächtigen Sonnenaufgang gekrönt wird, ist versperrt: von einem flauschigen Pelzknäuel.

Ich werde freundlich beobachtet – zum Glück von außen durch die Fenster­scheibe. Ein Berberaffe macht einen Morgenspaziergang auf meinem Balkon. Das wundert mich gar nicht: Mein Balkon ist allemal einen Ausflug wert! Hoch über dem Mittelmeer schmiegt er sich an den berühmten Felsen von Gibraltar, bietet einen Blick bis hinüber nach Afrika. Der Balkon gehört zum traditionsreichen Vier-Sterne-Hotel Caleta, das mit seiner Lage an der Ostseite des „Rock“, wie die Gibraltarer ihren markanten Felsen nennen, einzigartig ist.

Überaus pittoresk: der Leuchtturm von Gibraltar. (Foto Andreas Seehase/Pixelio)
Überaus pittoresk: der Leuchtturm von Gibraltar. (Foto Andreas Seehase/Pixelio)

Wir, eine kleine Gruppe Journalisten, erkunden Gibraltar in zwei Tagen: Am südlichen Zipfel der iberischen Halbinsel gelegen, gehört das Gebiet seit 1704 zum Vereinigten Königreich Großbritannien. 1713 wurde dies von den Spaniern mit dem „Frieden von Utrecht“ offiziell bestätigt. 28.000 Einwohner der verschiedensten Religionen wohnen auf einer Gesamtfläche von gerade mal 6,5 Quadratkilometern. Orthodoxe Juden leben neben Marokkanern mit islamischem Glauben, Spaniern und Briten mit christlicher Gesinnung.

Die ­kulturelle Melange auf engstem Raum ist es, die Gibraltar einen magischen Reiz verleiht. Dazu kommt natürlich die Geschichte; die lässt jeden Abenteuerfilm aussehen wie eine Folge Teletubbies. Davon können wir uns selbst überzeugen – im Inneren des Felsens. Dort heißt es: Gänsehaut-Alarm! Doch Details später…

Über das Mittelmeer hinüber lässt sich das afrikanische Festland mühelos erkennen. (Foto Raphaela C. Näger/Pixelio)
Über das Mittelmeer hinüber lässt sich das afrikanische Festland mühelos erkennen. (Foto Raphaela C. Näger/Pixelio)

„Es ist mehr als nur Toleranz zwischen den Menschen“, erzählt Franco Ostuni, Direktor des Caleta-Hotels, bestens gelaunt. Der gebürtige Italiener leitete bereits Hotels weltweit und ist dankbar, hier zu leben, denn: „Die Einwohner Gibraltars sind wirklich zusammengewachsen und Freunde geworden.“ Kriminalität gibt es fast gar nicht – klar, jeder kennt jeden.
Der Mix der Kulturen schlägt sich auch im Essen nieder.

Auf einem Streifzug durch die knallbunte Altstadt, die vor Leben nur so brodelt, finden sich Lokale verschiedenster Couleur: Zum Beispiel „The Star Bar“ in der Parliament Line. Der urige Pub behauptet von sich, der älteste im Ort zu sein – und serviert seit 1889 englisches Bier.

Die 1966 eröffnete Seilbahn führt von der Bodenstation beim Botanischen Garten zu einer Aussichtsterrasse beim 367 Meter hohen Signal Hill des 426 m hohen Gibraltarfelsens. Mit der Seilbahn gelangt man auch zum St. Michael's Cave, einer Tropfsteinhöhle, die als Konzerthalle benutzt wird. (Foto Bildpixel/Pixelio)
Die 1966 eröffnete Seilbahn führt von der Bodenstation beim Botanischen Garten zu einer Aussichtsterrasse beim 367 Meter hohen Signal Hill des 426 m hohen Gibraltarfelsens. Mit der Seilbahn gelangt man auch zum St. Michael’s Cave, einer Tropfsteinhöhle, die als Konzerthalle benutzt wird. (Foto Bildpixel/Pixelio)

Auf dem Hauptplatz, dem ­Casemates Square, finden sich neben Shops mit billigen Luxusartikeln Imbisse und Restaurants, die original britisches Essen anbieten: zum Beispiel Fish and Chips mit Erbsenpüree. Und im Café Modelo gibt es von allem etwas: Ginseng Kaffee, englisches Frühstück oder spanisches Omelette. Mein Herz berührt jedoch ein winziges marokkanisches Lokal: Es liegt in der Oxford Street – einer Mini-Gasse – nahe des großen Hauptplatzes.

Ein zarter Gesang, unterbrochen von eigenartigem Trommeln, weht aus einem der Hauseingänge herüber. Eine Weile lausche ich gebannt – dann spähe ich um die Hausecke, über der ein altes Schild „Maroccan Restaurant“ hängt: Der Inhaber, ein betagter, über das ganze Gesicht schmunzelnder Herr, macht fröhlich seine Wirts­stube sauber – und singt sich selbst ein Liedchen, trommelt dabei mit den Händen den Takt …

Selbst vom kleinen Flughafen ist der markante Affenfelsen bestens zu sehen. (Foto 24U Media & Marketing Network)
Selbst vom kleinen Flughafen ist der markante Affenfelsen bestens zu sehen. (Foto 24U Media & Marketing Network)

Zu essen gibt es bei ihm Couscous mit Hähnchen, dazu Pfefferminztee. Die Kulinarik Gibraltars können Besucher auch jedes Jahr im Juni beim Calentita, dem quirligen Gastro-Festival auf dem Casemates Square, erleben: Seinen Namen verdankt es Gibraltars inoffiziellem Nationalgericht Calentita, einem gebackenen Fladen aus Kichererbsenmehl. Daneben finden sich beim Festival Gerichte aus aller Welt, beispielsweise aus Sizilien, Hong Kong oder von den Philippinen.

Neugierig, aber durchaus auch bissig sind die berühmten Berberaffen. (Foto Tokamuwi/Pixelio)
Neugierig, aber durchaus auch bissig sind die berühmten Berberaffen. (Foto Tokamuwi/Pixelio)

Gibraltars Wahrzeichen sind die ­Berberaffen. Sie leben frei auf dem Felsen.Wie die Tiere dorthin kamen, weiß heute keiner mehr. Die Legende erzählt: Wenn der letzte Affe den ­Felsen verlassen hat, wird der Stadtstaat nicht mehr unter der Hoheit des Vereinigten Königreiches stehen.

Sechs Affen­familien wohnen hier, erzählt Bart, unser Guide, mit dem wir den Aufstieg auf den 426 Meter hohen Affen­felsen, wie der Rock auch genannt wird, wagen. Bart, ein Flame, spricht mittlerweile die Sprache der Affen: Mit den Zähnen klappern bedeutet beispielsweise „Ich bin dein Freund“. Allerdings sollten Besucher das nicht allzu wörtlich nehmen – die Tiere leben immer noch wild und möchten nicht gestreichelt werden.

Eine seltene Fauna und Flora gedeiht auf dem Upper Rock, dem oberen Teil des Berges, der unter Naturschutz steht. Und das sind immerhin 40 Prozent von ganz Gibraltar. Wir nehmen die mediterranen Stufen bis ganz ­hinauf. Sie wurden im Mittelalter angelegt, sind zum Teil sehr steil. Dafür werden wir mit einem phänomenalen Ausblick entschädigt. ­Containerschiffe dösen in der Straße von Gibraltar wie schlafende Riesen, am Horizont liegt die marokkanische Küste. Das Meer flüstert vor sich hin und schimmert in Seidengrün und Elfenbeinweiß. Wilde Oliven und blühende Kakteen mit ­vielen Fingern wachsen zwischen Pflanzen, die nur an diesem Ort der Welt gedeihen.

Auf der östlichen, kargen Seite ist die Flora eine andere. Bart erzählt: „Die ersten Funde der Neandertaler ­wurden in einigen der 317 Höhlen im Felsen entdeckt.“ Die berühmteste Höhle überhaupt ist St. Michael´s Cave – ein beeindruckendes Tropfsteingewölbe, in dem heute Konzerte gegeben ­werden und das jährlich über eine Million Besucher anzieht. Dank Bart wissen wir auch: Die inoffizielle Amtssprache heißt Johnito, was übersetzt „kleiner John“ bedeutet. Es ist eine ­Mischung aus Englisch und Spanisch.

Im Schatten des berühmten Affenfelsens findet sich auch eine Moschee. (Foto Waldili/Pixelio)
Im Schatten des berühmten Affenfelsens findet sich auch eine Moschee. (Foto Waldili/Pixelio)

O´Hara´s Battery, eine Kanonenan­lage aus dem Zweiten Weltkrieg, taucht unerwartet aus einer Wolke auf, in die der Gipfel sich hüllt. Während des Zweiten Weltkrieges waren Soldaten in Gibraltar stationiert, um das Land vor Nazideutschland zu schützen. Eine merkwürdige Stimmung herrscht auf dem höchsten Punkt. Zwischen verrottendem Kriegsgerät flattern Schmetterlinge, die Affen schlafen zuweilen in den Geräten.

Hinunter nehmen wir die Seilbahn, wo uns der Seilbahnführer mit typisch britischem Humor begrüßt: „Es ist mein erster Tag hier – hinunter kommen wir aber auf jeden Fall!“

Im Inneren des Felsens gibt es etwa 52 Kilometer Tunnel. Der erste wurde 1782 zu militärischen Zwecken hinein geschlagen. Bei einer Tour durch die Tunnel aus dem Zweiten Weltkrieg werden wir plötzlich zu Zeitzeugen der Geschichte: Mehrere Tausend Soldaten sollten unter der Erde Platz finden. Es ist stockfinster. Langsam zerfallende, riesige Generatoren verbreiten eine morbide Stimmung; im Schein unserer Stirnlampen muten die alten Geräte an wie aus einem surrealen Film. Nach einiger Zeit in dem Gängesystem will man nur eines: Schnellstmöglich ans Tageslicht.

Blick auf den Hafen und den Affenfelsen. (Foto Caleta Hotel)
Blick auf den Hafen und den Affenfelsen. (Foto Caleta Hotel)

Die strat­egische Lage brachte es mit sich, dass das Gebiet um Gibraltar insgesamt 15 Mal belagert wurde. ­Einer der spektakulärsten Fälle ist wohl der, als Admiral Lord Nelson 1805 mit ­seiner britischen Flotte in der Schlacht von Trafalgar den Einzug Napoleons und der Spanier ­vereitelte. Allerdings wurde er dabei tödlich verwundet. Der Legende nach wurde Lord Nelsons Leiche von Gibraltar aus in einem Faß Gin konserviert und in seine Heimat überführt. Es heißt, ­Nelson hatte deshalb vermutlich auf seinem Transport zurück mehr Spaß, als je zuvor.

Blick vom Affenfelsen auf die Sandstrände von Gibraltar. (Foto Waldili/Pixelio)
Blick vom Affenfelsen auf die Sandstrände von Gibraltar. (Foto Waldili/Pixelio)

Abends auf der Terrasse von „Nuno´s Restaurant“ im Caleta sind diese Schauergeschichten schnell vergessen: Bei hausgemachter Pasta – Ravioli mit Blutwurstfüllung – und dem Catch of the Day, fangfrischem Fisch, sieht die Welt sehr rosig aus.

Die familiäre Atmosphäre des Caleta-Hotels nimmt den Besucher nicht nur im hervor­ragenden italienischen Restaurant in die Arme – sondern auch in den vielen Pudelwohlfühl-Oasen im Haus, die man erst nach und nach entdeckt. Eine davon ist der großzügige Spa-Bereich mit modernsten Fitness­geräten und – mein persönlicher Favorit – dem Friseur mit Meerblick.

Ein heißer Tipp ist auch eine Hochzeits­feier im Caleta-Hotel: Wer möchte, kann sich auf einem kleinen Balkon hoch über dem Meer bei strahlendem Sonnenschein das Ja-Wort geben. Wegen dieses Ambientes – und nicht zuletzt den ausgefeilten Hochzeitsmenüs – feiern an die 60 Paare pro Jahr ihre Hochzeit im Hotel.  Auch Yoko Ono und John Lennon ­ließen sich übrigens 1969 vor der Kulisse des Rock in Gibraltar trauen. Und diese Liebe war bekanntermaßen ­etwas ganz Besonderes.

Informationenwww.gibraltar.gi, www.visitgibraltar.gi

Beste Reisezeit: Ganzjährig. Im Frühling erwartet Besucher ein Blumenmeer, im Sommer locken Open-Air-Veranstaltungen und Festivals. Das Klima ist Mediterran mit warmen Sommern (bis zu 30 Grad Celsius) und milden, feuchten Wintern.

Sprache: Englisch und „Johnito“, ein Mix aus Englisch und Spanisch.

Geld: Gibraltar Pfund (GIP). 1 EUR = 0,85 GIP. Zahlung in Euro ist fast überall möglich.

Blick auf den Hafen vom Affenfelsen aus. (Foto Bildpixel/Pixelio)
Blick auf den Hafen vom Affenfelsen aus. (Foto Bildpixel/Pixelio)

Essen & Trinken: Britische, spanische und marokkanische Einflüsse prägen die Küche. Am Abend empfiehlt sich der „Catch of the day“ aus dem Meer mit einfachen Beilagen oder eine spanische Paella. Lokale Spezialitäten sind Calentita (ein Gericht aus Kichererbsenmehl mit Olivenöl), Pinchitos (gegrillte Fleischspieße). Und natürlich gibt es auch ein englisches Frühstück, Fish & Chips und Five O‘Clock Tea.

Restaurants: Internationale Küche direkt an der Marina: „The Landings Restaurant“, Queensway Quay. Lecker Fish & Chips, indische und chinesische Küche: „The Waterfront Restaurant“, ebenfalls Queensway Quay. Italienische Küche: „Nuno´s Restaurant“ im Caleta, Sir Herbert Miles Road.

Sehenswert: Upper Rock – das Naturschutzgebiet ist Heimat der Barbary Mamcaques (Berberaffen); Great Siege Tunnels (Tunnelsystem aus der Zeit der Belagerung von 1779 bis 1783); St. Michael´s Cave; Moorish Castle; One Hundred Ton Gun (riesige Kanone von 1883); Europa Point (Südspitze in der Meeresstraße von Gibraltar).


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Annette Anson