Elba auf den Spuren von Napoleon

Elba
Der Demidoff-Palast und die Villa San Martino bildeten lange den Regierungssitz von Exilkaiser Napoleon auf Elba.

Zehn Monate verbrachte Napoleon im Exil auf der Mittelmeerinsel Elba. Zehn Monate, die genügten, um der drittgrößten italienischen Insel für immer einen Platz in den Geschichtsbüchern der Welt zu sichern. Der kleine Korse brachte das Archipel groß raus. Unter dem Exilkaiser erwachte Elba aus dem Dornröschenschlaf. Bonaparte sorgte dafür, dass die Insel ein gut funktionierendes Straßennetz erhielt, sorgte für den Bau von Brücken und Kanälen und ließe Sümpfe trockenlegen, um so eine breitgefächerte Landwirtschaft sowie den Weinbau zu ermöglichen. Napoleon ließ Eichen- und Esskastaniensetzlinge aus Korsika importieren und forstete Teile der Insel auf. Und auch sonst hat der wohl berühmteste Gast der Insel bis heute zahlreiche Spuren auf Elba hinterlassen.

Elba besticht durch traumhafte Strände und ein dichtes Netz an Wanderwegen.

Heutige Besucher tun es dem berühmten Staatsmann gleich und machen sich zumeist auf dem Wasserweg auf nach Elba. Ganze zehn Kilometer Luftlinie trennen die Insel vom Festland in der Toskana. Je nach Route benötigt die Fähre zur Insel Elba gerade einmal zwischen 30 und 60 Minuten. Von Piombino aus gibt es Verbindungen nach Portoferraio, Rio Marina und Cavo.

Stumme Zeugen der langen bewegten Geschichte von Elba dürfen nicht fehlen.

Elba ist mit seinen 224 Quadratkilometern und eine Küstenlänge von 147 Kilometer zwar eher klein, aber groß genug, um unvergessliche Tage im Schatten des Monte Capanne, des mit 1.019 Metern höchsten Gipfels der Insel, zu erleben. Besonders spektakuläre Kontraste bietet dabei das Capo Sant‘Andrea an der Nordwestspitze. Felsen und Berge, Dünen, die seit Millionen von Jahren im Granitmagma gefangen sind, Kastanienwälder, Sandstrand und glasklares Meer laden zum Träumen ein.

Je nach Tageszeit sorgt die Sonne für famose Effekte am Capo Sant‘Andrea. – Foto R. Ridi

Menschen hat das größte Kap im Nordwesten von Elba schon immer angezogen. Bereits in der Altsteinzeit streiften Jäger durch seine Wälder und machten reiche Beute, was 10.000 Jahre alte Werkzeuge zur Fleischzerkleinerung anschaulich beweisen. Viel später entdeckten die Etrusker die geografischen Vorzüge der Inselspitze. Für sie, die Vertreter einer Hochkultur, die lange vor dem Aufstieg Roms regen Fernhandel betrieb, war das heutige Capo Sant‘ Andrea strategischer Vorposten im Tyrrhenischen Meer und zugleich ein perfektes Refugium. Von hohen Felsen gesäumt bot die Bucht Schutz vor Angreifern und bremste stürmische Westwinde aus. Die Etrusker waren Meister der Eisenverarbeitung. Die sandigen Böden des Kaps sind noch immer übersät von sogenannten schiumoli, Überresten eines Fusionsprozesses zur Reinigung des Eisens.

Elba
Glasklares Wasser lädt am Capo Sant‘Andrea zum Schnorcheln und Tauchen ein. – Foto R. Ridi

Aus römischer Epoche stammen zwei Wracks, die vor einigen Jahrzehnten zufällig vor Capo Sant‘ Andrea gefunden wurden. Das erste ruht nahe der Küste in gerade einmal zehn Metern Tiefe auf dem Grund. Das zweite wurde knapp 200 Meter weiter draußen entdeckt, wo es seit dem Unglück vor rund 2.000 Jahren in 45 Metern Tiefe liegt. Ein Teil der Fracht wurde gehoben, darunter Mahlsteine für Weizen und Amphoren mit Wein. Sie sind in den beiden Archäologiemuseen der Insel zu sehen. Letztlich aber ist der Meeresboden am Kap das „natürliche Museum“ für die antiken Schiffe und den Rest der nie in einem Hafen angelangten Fracht geblieben.

Inselhauptstadt und bequem mit der Fähre zu erreichen, ist Portoferraio.

Von der Furcht vor den Osmanen, die im 16. Jahrhundert auch in diesem Teil des Mittelmeers auf Expansionskurs gingen, zeugt ein Wachhaus hoch über dem Meer. Bedeutender für die Insel aber ist das bereits erwähnte Geschichtskapitel, das in den ersten Mai-Tagen des Jahres 1814 begann. Napoleon ging mit der Fregatte „Undaunted“ vor Elba vor Anker. Nach seinen verheerenden Niederlagen hatten ihn Österreich, Russland und Preußen im Vertag von Fontainebleau gezwungen, als Kaiser von Frankreich abzudanken. Der Entmachtete wurde nach Elba in die Verbannung geschickt, die Insel hatte man ihm als Fürstentum zugestanden.

In den Abendstunden gibt sich das Capo Sant‘Andrea äußerst stimmungsvoll. – Foto R. Ridi

Zehn Monate blieb Napoleon. Sein Lager schlug er nahe einer Wallfahrtstätte am Capo Sant’Andrea auf. Vom höchsten Punkt der Insel beobachtete er die Schiffsbewegungen im Tyrrhenischen Meer. Sein Zelt im Kastanienwäldchen teilte er indes mit Maria Walewska, einer polnischen Gräfin, seiner Geliebten und Mutter eines gemeinsamen Sohns. Eine gemeinsame Zukunft mit der Mätresse war aus staatspolitischen Gründen keine Option für den machtversessenen Mann, der sich den Thron zurückerobern wollte. Am Capo Sant‘Andrea hat das Paar letzte gemeinsame Tage und Nächte verbracht, bevor sich die Wege für immer trennten.

Durch die kleinen engen Gassen weht der Hauch der Geschichte.

Die grandiose Mittelmeerlandschaft mit den darin verborgenen Spuren von Menschheitsgeschichte und Menschengeschichten machen das Kap zu einem emotional berührenden Reiseziel. Die Badesaison am Kap reicht für gewöhnlich bis in den Oktober hinein. Dabei steht die Region nicht nur für Schwimmspaß und Sonnengenuss. Im Hinterland spannt sich ein Wanderwegenetz kreuz und quer über das Massiv des Monte Capanne. Der Berg aus magmatischem Gestein ist die höchste Erhebung des Toskanischen Archipels. Auf seinem Gipfel reicht der Blick an klaren Tagen bis nach Korsika und zur italienischen Festlandküste. Wer beim Abstieg über den Nordhang Kurs auf das winzige Dorf Poggio nimmt, hat bald auch die Quelle erreicht, aus der sich Napoleon täglich Trinkwasser bringen ließ. Elbas Bewohner haben sie nach ihm, dem berühmtesten Mann der Inselgeschichte, benannt – Fonte Napoleone. Eine erfrischende Wohltat auf der Wanderung ist ihr Wasser noch heute. Weitere Informationen unter www.caposantandrea.it.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.