Abenteuer rund um die Schynige Platte

Schynige Platte
Eiger, Mönch und Jungfrau auf der Fahrt zur „Schynige Platte“. – Foto Schweiz Tourismus

Die Schynige Platte und Grindelwald-First in der Schweizer Jungfrauregion sind Traumziele für Wanderer und Abenteuerlustige. Großartige Bergpanoramen und seltene Alpenflora, „Sturzflüge“ in luftiger Höhe und rasante Down-Hill-Fahrten versprechen aufregende Erlebnisse.

„Schynige Platte“ – Wundervolles Wandern im Naturkino

Idyllisch unterwegs mit der historischen Zahnradbahn. – Foto Schweiz Tourismus

Entschleunigung – eine oft strapazierte Vokabel. Aber auf unserer Fahrt mit der Nostalgiebahn von Wilderswil hinauf auf 1.967 Meter zur Bergstation der „Schynigen Platte“ ist es genau das, was wir empfinden. Gemächlich bewegt sich die Bahn auf der 7,3 Kilometer langen Strecke durch eine malerische Schweizer Bilderbuchlandschaft und lässt sich Zeit. Zeit für immer neue, wunderschöne Ausblicke: auf das berühmte Bergpanorama von Jungfrau, Mönch und Eiger, auf Thuner und Brienzer See, auf blumige Almen mit friedlich grasenden Kühen. Eine Idylle – kein Kitsch.

Schynige
Der Alpengarten beheimatet über 600 verschiedene Pflanzenarten. – Foto Jungfraubahnen

Während der knapp einstündigen Fahrt auf den Holzbänken der historischen Zahnradbahn aus dem 19. Jahrhundert fühlen wir uns in eine andere Zeit versetzt, nach und nach weit weg von Alltagsproblemen, Internet und Handystress. Oben angekommen, führt uns unser erster Weg zum farbenprächtigen Alpengarten unmittelbar neben der Bergstation. Gärtnerin Jasmin Senn empfängt uns. Über 600 Schweizer Pflanzenarten, die oberhalb der Waldgrenze vorkommen, wachsen und blühen hier. Paradieslilie, Feuerlilie, die Enziane und das Edelweiß sind Highlights.

Schynige Platte
Selten in der Natur und Highlights im Alpengarten: Alpen-Steinkraut und Edelweiß. – Foto Peer Völz

„Die Pflanzengruppen im Alpengarten werden aus Nachbarpflanzen gebildet, die auch in der Natur so zusammen vorhanden sind. Pflanzengesellschaften nennt man das“, erklärt uns Jasmin Senn. Gibt es was ganz Seltenes, fragen wir die Gärtnerin? „Ja, da gibt s einige Pflanzen, die wir hier zeigen können, zum Beispiel das Alpen-Steinkraut oder die Pfingstrose aus dem Tessin, das sind schon Besonderheiten, die sind in der freien Natur stark gefährdet.“ Bequeme Wege führen die Besucher auf einem ein Kilometer langen Parcours mit ca. 40 Metern Höhendifferenz durch die bunte Blumenpracht. Alle Pflanzen sind etikettiert.

Schynige Platte
Die „Schynige Platte“ mit den typischen Schieferplatten und Berghotel – Foto Schweiz Tourismus

Was mag Gärtnerin Jasmin Senn persönlich am Alpengarten? „Der Alpengarten ist ein ewiger Experimentiergarten. Über Nacht kann er schon wieder anders aussehen als am Tag zuvor. Wöchentlich, monatlich blühen immer wieder andere Pflanzen. Es wird nie langweilig, sondern ist eine Aufgabe, die immer wieder neu herausfordert und Freude macht.“ Zum Schluss hat sie noch eine Bitte an alle Wanderer, der wir unbedingt zustimmen: „Das Ausrupfen von Pflanzen ist allgemein ein No-Go im Alpenraum, das wird nicht mehr gemacht, das sollte keiner mehr tun, egal welche Pflanze.“

Eingerahmt: Eiger, Mönch und Jungfrau. – Foto Jungfraubahnen

Die „Schynige Platte“ ist Ausgangspunkt für viele fantastische Höhenwanderungen. Eine der bekanntesten ist die sechsstündige Wanderung nach First. „Sechs Perlen in sechs Stunden“, so der Werbeslogan. Was es damit auf sich hat, wollen wir ein andres Mal herausfinden. Heute genießen wir einen großartigen Tag auf der „scheinenden Platte“, wie die hochdeutsche Übersetzung lautet. Der Name hat seinen Ursprung von einer Felswand aus Schiefer, in deren Umkreis sich die „Schynige Platte“ befindet. In feuchtem Zustand reflektiert der Schiefer intensiv das Licht, er „scheint“.

Das Alphornduo Vreni und Walter hat auch schon international gastiert. – Foto Peer Völz

Wir nehmen direkt bei der Bergstation den gemütlichen, einfachen Rundweg mit dem vielversprechenden Namen „Naturkino“. Der Weg hat seinen Namen nicht von ungefähr. Unterwegs rahmen Holzstelen mit weiträumigem Guckloch aus immer neuen, eindrucksvollen Perspektiven die umwerfende Bergkulisse ein. Wie auf einer großen Kinoleinwand oder auf einem überdimensionalen Gemälde posieren die weißen Riesen Eiger, Mönch und Jungfrau und die umliegenden Berggipfel.

Nostalgisch eingerichtet sind die Zimmer im Berghotel. – Foto Jungfraubahnen

Täglich zwischen 11 Uhr und 14 Uhr von Mai bis Ende Oktober spielen Alphornbläser kleine Konzerte auf der „Schynige Platte“. Das wollen wir auf keinen Fall versäumen und finden uns zu einer Vorführung ein. Die unter die Haut gehenden Naturlaute dieser typisch alpenländischen Instrumente in dieser einzigartigen Berglandschaft sind Balsam für die Seele.

„Grosi’s Älplermagronen“ ist ein typisches Schweizer Sennengericht. – Foto Peer Völz

Das historische Berghotel und -restaurant auf der „Schynige Platte“ öffnete seine Pforten vor über hundert Jahren. Tradition und Nostalgie bestimmen die Einrichtung der siebzehn Zimmern des Berghotels. „Übernachten wie zu Großmutters Zeiten“ ist das Motto des Betreiberehepaares Jasmin und Thomas Willem. Auch in den beiden Restaurants mit Selfservice oder Bedienung liegt der Fokus auf Tradition und klassischen, herzhaften Alpengerichten wie Rösti, Suppen, Schnitzel oder Magronen. Wir probieren „Grosi’s Älplermagronen“ mit Speck, Kartoffeln, Röstzwiebeln und Apfelmus. Zünftiger geht’s kaum!

Grindelwald-First – Abenteuerparadies für Wagemutige

Die Bergstation auf First mit dem Finsteraahorn zur Linken. – Foto Peer Völz

Grindelwald-First“ – „Grindelwald zuerst“, mag manch‘ einer denken. Mit dem englischen „first“ hat dieser First allerdings nichts zu tun. Gemeint ist damit vielmehr die obere Kante eines Bergrückens. Der ist in Grindelwald-First 2168 m hoch und reich an aufregenden Attraktionen!

Während der Gondelfahrt nach First hat man den gewaltigen Eiger immer im Blick. – Foto Peer Völz

„First Flieger“, „First Glider“, „Mountain Cart“ und „Trottibike“ warten dort auf uns. Bevor wir uns aber auf diese Attraktionen stürzen, stellt uns der „First-Cliff-Walk“ direkt neben der Bergstation auf eine erste Bewährungsprobe. Der Walk besteht aus einem stählernen Felssteg mit einer Hängebrücke und bietet spektakuläre Ausblicken auf Eiger, das Finsteraahorn, mit 4274 m höchster Berg der Berner Alpen und weitere über 4000 m hohe Gipfel. Gesichert wird das Geländer des Stegs zusätzlich mit Edelstahlnetzen.

„First-Cliff-Walk“ – Hängebrücke über dem Abgrund. – Foto Peer Völz

An senkrechten, steilen Felswänden entlang bewegen wir uns langsam voran, über die Hängebrücke, dann weiter Richtung Aussichtspunkt, unter uns tiefer Abgrund, vor uns unglaubliche Ausblicke auf die großartige Bergwelt der Schweizer Jungfrauregion. Das ist nichts für schwache Nerven oder für Menschen mit Höhenangst! Am Ende des „Cliff-Walks“ erreichen wir den 45 m langen Aussichtssteg, der vor den Berggipfeln ins Nichts hinausragt, das Tal und Grindelwald tief unter uns.

Der 45 m lange Aussichtssteg thront hoch über dem Tal. – Foto Peer Völz

Unmittelbar an den Aussichtssteg grenzt das Bergrestaurant First mit seiner weitläufigen Aussichtsterrasse, die ebenfalls einmalige Ausblicke auf die legendären 4000er des Berner Oberlandes bietet und das ganz ohne Nervenkitzel und auf festem Boden. Die Speisekarte hat zünftige regionale Kost wie „Bündner Gerstensuppe“ und auch elegantere Varianten wie das „Poulet suprême“ mit Risotto und Grindelwalder Hobelkäse im Angebot.

Geniale Aussicht auf festem Grund. – Foto Jungfraubahnen

Von First aus führen viele beliebte Wanderwege durch die Alpenlandschaft. Einer der schönsten und leichtesten ist der Weg von der Bergstation zum wunderschönen Bachalpsee und zurück. Die Wanderung in eine Richtung dauert weniger als einer Stunde und führt vorbei an gezackten Felsformationen und Hochmooren zu dem tiefblauen See mit seinem wilden Bergpanorama. Ein tolles Ziel für ein traumhaftes Picknick!

Der Bachalpsee gilt als das „blaue Juwel“ der Berner Alpen. – Foto Jungfraubahnen

Uns zieht es nach unserem ersten schwindelerregenden „First“-Erlebnis zum „First Flieger“. Unweit der Bergstation startet diese Ultra-Flying-Fox-Variante von einem Stahlgerüst aus. Dort werden wir von Fachpersonal in einem stabilen Gurtzeug gesichert und dann kann’s losgehen. Noch sitzen wir vor einer Absperrung, sehen nur diese vor uns. Plötzlich öffnet sie sich – und hinab rast der „First Flieger“ mit einem Spitzentempo von bis zu 84 km/h an einem 800 Meter langen Stahlseil von First zur Station Schreckfeld.

Mit dem „First Flieger“ mit über 80 Stundenkilometern unterwegs.– Foto Jungfraubahnen

Das ist Adrenalin pur! Bis zu 50 m über den Alpenwiesen sind wir auf dieser irren Fahrt mit 216 m Höhenunterschied. Besonders positiv: Wir können die Fahrt sorglos genießen, da wir während des „Fluges“ keine weiteren Sicherheitsinstruktionen befolgen müssen, wie bei manch‘ anderen „Flying-Fox“-Attraktionen. In Schreckfeld wird die rasante Fahrt durch eine ausgeklügelte Federkonstruktion sicher gestoppt.

Foto 17 Der abgefahrene „First Glider“ lädt vier Personen zum Fliegen ein. – Foto Peer Völz

Auf dem „First Glider“ kann man einen ähnlichen Kick erleben, aber noch verwegener, nämlich aus der Vogelperspektive! Dabei geht es von Schreckfeld bäuchlings in stabilen Gurten gesichert mit einem einem Adler nachempfundenen Stahlgefährt mit 72 km/h zuerst rückwärts hoch nach First. Nach einem kurzen Stopp in der Luft fliegt der „First Glider“ mit 82 Sachen wieder hinunter nach Schreckfeld, gleich einem Vogel mit ausgebreiteten Schwingen. Aus diesem Blickwinkel wie ein Steinadler durch die Bergwelt zu schweben, ist der Wahnsinn! Echt ausgeflippt! Ein Tipp für Brillenträger: Kontaktlinsen mitnehmen!

Foto 18 Bei der Fahrt mit dem „Mountain Cart“ trifft man schon mal auf die einheimische Tierwelt. – Foto Jungfraubahnen

Auf Schreckfeld nehmen wir die dritte Etappe unseres „First“-Abenteuers in Angriff: eine Fahrt mit dem „Mountain Cart“ hinunter nach Bort. Diese Kombination aus Gokart und Schlitten ist mit hydraulischen Bremsen ausgestattet und die werden auch gebraucht. Denn die schweren Carts können auf der drei Kilometer langen Naturstraße bergab nach Bort richtig Speed aufnehmen. Auf der kurvenreichen und manchmal recht holperigen Strecke ist besonnenes Fahren gefragt. Auch, weil manchmal unvermittelt Kühe am Straßenrand grasen oder sich auf den Heimweg zu ihrem Stall machen. Ein Abenteuer ist diese ca. halbstündige Fahrt allemal!

Entspannte Fahrt mit dem Trottibike . – Foto Jungfraubahnen

Zum Abschluss unserer Tour nehmen wir von Bort das Trottibike hinab nach Grindelwald. Trottibike – wieder so ein Hybrid, diesmal aus Trottinette (sprich: Roller) und Bike. Vorbei an Wiesen und Bauernhäusern rollen wir gemütlich abwärts bis zur Talstation der First-Bahn nach Grindelwald.

Einkehrtipp: Gasthaus „Pinte“

„Gebackene Weiße Spinne“ – Spezialität in der „Pinte“ – Foto Peer Völz

Urig, gemütlich und auf traditionelle Art speisen kann man in der „Pinte“ im Ortszentrum von Grindelwald. Das Restaurant gibt es schon seit 1843 und ist auch bei Stammgästen sehr beliebt. Bei gutem Wetter wird auch auf der Außenterrasse serviert und man kann dem Grindelwalder Treiben zuschauen. Frisch zubereitete Schweizer Küche, eine dazu passende Wein- und Getränkeauswahl, serviert in rustikalem schweizerischem Ambiente – da kann man nichts falsch machen!

Übernachtungstipp: Bergwelt Grindelwald

Das „Bergwelt Grindelwald“ zählt zu den besten 50 Schweizer Vier-Sterne-Hotels.. – Foto Bergwelt Grindelwald

Nur ein paar Minuten zu Fuß von der Talstation der First-Bahn entfernt liegt dieses neue und hochwertige Vier-Sterne-Hotel Bergwelt im Zentrum von Grindelwald. Die 90 Zimmer und Suiten des Alpine Design Resorts, alle mit Balkon oder Terrasse, sind mit komfortablen Designmöbeln und schönen Holzelementen ausgestattet. Viele Zimmer bieten einen grandiosen Blick auf den gewaltigen Eiger. Besonders hervorzuheben und zu loben: viele der zur Einrichtung verwendeten Naturbausteine wie Holz, Leder oder Steinplatten stammen direkt aus der Region.

Foto 22 Ein beliebtes Gericht im „BG’s Grill“: das Thunfisch-Lachstatar – Foto Peer Völz

Das Fire & Ice SPA mit vier Saunas, Textildampfbad, Pools, Eisbrunnen und Ruhebereich mit Kamin ist nach einem langen Tag in den Bergen genau das Richtige, um zu relaxen. Im Hotelrestaurant „BG’s Grill“ steht der international renommierte Küchenchef Marcus G. Lindner für Qualität und kreative Küche. Bodenständige Alpenküche, modern interpretiert – und auf keinen Fall langweilig!

Naturelement und Designmöbel prägen die die Zimmer im „Bergwelt Grindelwald“. – Foto Bergwelt Grindelwald

Transportinfo: Die schnellste und bequemste Reisemöglichkeit nach Grindelwald von Deutschland aus ist eine Flug/Bahnkombination. Swiss International Airlines fliegt von vielen deutschen Flughäfen nach Zürich. Von dort geht es mit dem Zug weiter nach Grindelwald.

Tipp: Mit dem Kauf des Swiss Travel Passes hat man freie Fahrt an acht Tagen mit Bahn, Bus und Schiff sowie freie Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in 90 Städten und freien Eintritt in über 500 Schweizer Museen.

Peer Völz

lebt in Hannover und findet, dass nicht nur Niedersachsens Landeshauptstadt eine Reise wert ist. Der freie Reisejournalist und Autor schreibt seit 2019 regelmäßig für das Mortimer-Reisemagazin.