Ardennen – durch Belgiens grünes Herz

Ardennen
Waldbaden erfährt in den Ardennen mit dem Rundweg „A pas de loup“ eine neue, überaus empfehlenswerte Dimension. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Vom Bücherdorf bis zu unterirdischen Welten – die belgischen Ardennen faszinieren mit versteckten Schätze, wilde Tieren und Jahrhunderte alte Traditionen.

Unter freiem Himmel werden in Redu Bücher auf Vertrauensbasis verkauft. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der morgendliche Nebel hängt tief über den sanften Hügeln der Ardennen, während die Straße sich durch scheinbar endlose Buchenwälder schlängelt und plötzlich ein Dorf wie aus dem Nichts freigibt: Redu, seit 1984 das erste „Bücherdorf“ in Belgien, empfängt mit blaugrauen Schieferdächern und einer Vielzahl an Buchhandlungen, die in alten Scheunen, Ställen und Werkstätten untergebracht sind.

Der schiefe Kirchturm überragt Redu sichtlich. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Tausende Besucher pilgern jährlich in das nur 500 Einwohner zählende Dorf, um zwischen Kilometer langen Bücherregalen nach Raritäten zu stöbern – von Comic-Alben über Reiseberichte bis hin zu historischen Werken.

Buchliebhaber können in dem Ardennen-Dorf so manche Rarität entdecken. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Unweit von Redu befindet sich in Transinne das Euro Space Center, ein Erlebnis- und Wissenschaftszentrum rund um Raumfahrt und Astronautentraining. Inmitten des Ardennenwaldes treffen damit zwei denkbar unterschiedliche Sehnsuchtsorte aufeinander: das alte Buch und die große Reise ins All.

Hirsch mit leuchtendem Kreuz

Die Basilika in Saint-Hubert ist als Walfahrtsort bekannt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige Kilometer entfernt erhebt sich Saint-Hubert, eine Stadt, deren Name untrennbar mit der Legende des Heiligen Hubertus verbunden ist. Dieser soll als leidenschaftlicher Jäger eines Tages im Wald einem Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen seinem Geweih begegnet sein. Dieses besondere Erlebnis bewegte Hubertus dazu, sein Leben zu ändern und sich dem Glauben zu widmen. Später wurde er Bischof und gilt heute als Schutzpatron der Jäger.

Wegen des undichten Dachs ist das Kirchenschiff mit Netzen bespannt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die ihm gewidmete Wallfahrtsbasilika Saint-Hubert zieht seit Jahrhunderten Pilger an, die um Heilung von Tollwut bitten – eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Die Geschichte ihrer Vorgängerbauten reicht bis ins 7. Jahrhundert zurück; der heutige Bau entstand im Wesentlichen im 16. Jahrhundert. Romanik, Gotik und Renaissance haben hier ihre Spuren hinterlassen, während die barocke Fassade aus dem frühen 18. Jahrhundert dem Ensemble seinen besonders eindrucksvollen Auftritt verleiht.

Besonderer Lichteinfall

Genau zur Sommersonnenwende am 21. Juni fällt um 6 Uhr morgens, sofern die Witterung entsprechend ist, ein Sonnenstrahl auf eine Holzschnitzerei, die den Heiligen Hubertus vor der Begegnung mit dem weißen Hirsch zeigt. Dies wurde beim Bau genauso berechnet.

Eine Holzskulptur des Heiligen Hubertus mit dem Hirsch. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Gestört wird der Blick durch das imposante Gotteshaus durch riesige, quer durch das Kirchenschiff gespannte Netze. Wegen undichten Stellen im Dach sollen diese verhindern, dass es reinregnet und wertvolle Kunstwerke beschädigt werden. Auch Tauben haben sich mittlerweile dank der undichten Stellen im Dach hier eingenistet und sorgen für ungewöhnliche Töne im Innern der Basilika.

Auf leisen Sohlen durch den Wald

Rund um Tenneville wartet eine besondere Form des Waldbadens. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In Tenneville wird derweil Waldbaden zum bewussten Erlebnis. Seit 2019 lädt dort die Initiative „Tenneville – les-Bains… de forêt!“ dazu ein, den Wald nicht nur zu durchqueren, sondern ihn mit allen Sinnen zu erfahren. Das jüngste Angebot ist „A pas de loup“ – „Auf leisen Sohlen“:

Der knapp sechs Kilometer langer Parcours führt durch die Wälder rund um Champlon. Entlang des markierten Weges sorgen ungewöhnliche Stationen dafür, dass Wanderer innehalten, nach oben in die Baumkronen schauen, die Schuhe ausziehen oder einfach der Stille lauschen.

Von den speziellen Liegesesseln eröffnen sich famose Blicke in die Baumwipfel. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Gestaltet wurde der Parcours mit viel Gespür für die Landschaft. Gleich zum Auftakt geht es durch ein ungewöhnliches Tor aus Holzstäben, dann lädt der Pfad zum Barfußerlebnis ein. Höhepunkt ist fraglos eine ungewöhnliche Konstruktion, die den Blick in die Baumwipfel freigibt und für Entspannung sorgt. Zwölf Liegeplätze bilden die „Rosette der Baumkronen“ und machen aus einer kurzen Pause ein intensives Naturerlebnis.

Ein Schloss über der Lomme

Prachtvoll renoviert ist das Schloss von Mirwart. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Danach wird es stiller. Mirwart, eines der schönsten Dörfer der Wallonie, duckt sich zwischen prächtigen Häusern und Waldhängen. Über dem Lommétal thront zudem das Schloss von Mirwart. Seine Ursprünge reichen ins 11. Jahrhundert zurück, bevor es im Lauf der Jahrhunderte mehrfach zerstört und wieder aufgebaut wurde. Heute beherbergt es ein Hotel und ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnetes Restaurant.

Die Domaine provincial de Mirwart ist von einem Netz an Wanderwegen durchzogen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das eigentliche Schwergewicht ist jedoch die Domaine provincial de Mirwart. Rund 1.350 Hektar umfasst das weitläufige Gebiet mit Wäldern, Fischteichen, den Flüssen Lomme und Marsault, einem Bienenstand und historischen Relikten wie einer alten Eisenhütte und einer Eiskelleranlage. Wasser glitzert zwischen Bäumen, Wege verlieren sich im Grün, und die Geräuschkulisse besteht eher aus Vogelrufen und Bachrauschen als aus touristischem Trubel. Die Intention war hier nie, hier große Masse anzuziehen, sondern ein Areal zu schaffen, in dem die Natur sich mit allen Sinnen erleben lässt.

Unterirdische Wunder und wilde Tiere

Die Grotten von Han sind ein imposantes Naturschauspiel. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Zum Finale wechselt die Perspektive ein letztes Mal radikal: In Han-sur-Lesse verschwindet die Landschaft buchstäblich unter der Erde. Die Grotten von Han gehören zu den beeindruckendsten Karstformationen Europas, führen tief ins Erdreich, wo der unterirdische Fluss Lesse durch gewaltige Höhlen fließt. Der 45 Meter tiefe Belvaux-Schlund markiert dabei den tiefsten Punkt der begehbaren Route.

Das Röhren der Hirsche gehört zu den eindrucksvollen Erlebnissen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Oberhalb der Höhle wartet gleich das nächste Großformat. Der 1970 gegründete Wildtierpark erstreckt sich über 250 Hektar im UNESCO Global Geopark Famenne-Ardenne. Mehr als 650 Tiere aus Europa leben dort; mit Wisent, Wolf, Braunbär, Luchs und Vielfraß sind sogar die sogenannten europäischen Big Five vertreten. Ein besonderes Spektakel bieten vor allem in den frühen Morgenstunden die Hirsche mit ihrem imposanten Brunftrufen. Mit dem beeindruckenden Röhren wollen die Geweihträger rivalisierende Männchen einschüchtern und ihre Stärke demonstrieren sowie weiblichen Tiere anlocken.

Auch Braunbären sind in Han-sur-Lesse anzutreffen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Weitere Informationen unter www.visitwallonia.de.

Tolle Übernachtungsmöglichkeit: Baumzelt im Parc Animalier von Han-sur-Lesse. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von VISITWallonia statt.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.